Frankfurt, Konzert: „London Symphony Orchestra“

Sibelius trifft auf Rachmaninow. Eine reizvolle Begegnung, insbesondere wenn es Gelegenheit gibt, diese anspruchsvolle Musik von einem herausragenden Orchester zu hören. Das traditionsreiche London Symphony Orchestra war nun in dieser Konstellation mit seinem scheidenden Chefdirigenten Sir Simon Rattle zu erleben. Mit Sibelius hat sich Rattle intensiv beschäftigt und seine Werke oft zyklisch aufgeführt. Rachmaninow hat erst spät das Interesse Rattles gefunden. Russische Komponisten und englische Dirigenten sind ein Kapitel für sich. Staunenswert selten ist hier ein musikalischer Schwerpunkt zu finden. Nicht so bei Rattle und Rachmaninow. Rattle widmete sich verstärkt in den letzten Jahren dem symphonischen Werk des russischen Komponisten.

© Alte Oper Frankfurt, Tibor Florestan Pluto

Jean Sibelius lebte lange in seinem Waldhaus, das nach dem Vornamen seiner Ehefrau Aino den Namen „Ainola“ trug. Sibelius fühlte sich mit der Natur eng verbunden, was sich in vielen seiner Kompositionen niederschlug. 1914 komponierte er im Auftrag des Norfolk Festivals in den USA ein Orchesterwerk, dem er den Titel „Okeaniden“ gab. Es ist die vorletzte Tondichtung von Sibelius. Im Gegensatz zu vielen seiner von der nordischen Mythologie inspirierten Werke wurden «Die Okeaniden» von der antiken griechischen Mythologie angeregt. In finnischer Sprache wählte der Komponist den Titel „Aallottaret“, dies bedeutet „Töchter der Wellen“.  Sibelius schrieb hier seine eigene „Wassermusik“. Langsames Wellenspiel in den Streichern und sich windende Flötenfiguren erzeugen eine maritime Grundstimmung. Die Unendlichkeit des Wassers wird spürbar, ebenso die Einsamkeit und Verlorenheit von lebenden Wesen in dieser Unendlichkeit und gegenüber den Naturelementen. Nach einem orchestralen Sturm mit einer riesigen Welle auf dem Höhepunkt, liegt der Ozean wieder majestätisch ruhig da. Musikalisch fasziniert Sibelius mit überraschenden Akkord- und Melodieverläufen, die oftmals an seine fünfte Sinfonie erinnern.

Es war schon imponierend zu sehen und zu erleben, wie nah Sir Simon Rattle mit der Musik des großen Finnen verbunden ist. Auswendig dirigierend öffnete er das große Sagenbuch und begann mit seinem wunderbaren Orchester feinste Farbnuancen zu malen, auf deren Grundlage, Sir Simon zu erzählen begann. Wie sanft ließ er die fein webenden Streicher in feinsten Pianissimo-Gewebe Wellenbahnen des Meeres beschwören. Umso mächtiger aufrauschend ertönte der noble Orchesterklang im vollen Tutti. Und tatsächlich war sie zu sehen und zu fühlen, diese riesige Welle, die alles verschlingt. Sir Simon verwandelte innerhalb von zehn Minuten die Alte Oper in einen überwältigenden Klangozean, der tatsächlich in den ruhigen Finaltakten der Komposition eine faszinierende Ruhe und endlose Weite ausstrahlte.

Unmittelbar im Anschluss begab sich Sir Simon mit «Tapiola» in den Wald. Tapio ist der Gott des Waldes. Nicht gerade einer, den man einen freundlichen, den Menschen zugewandten Zeitgenossen nennen konnte. Jedenfalls heißt es, dass ihm Opfer darbringen musste, wer im Wald Tiere erlegen und damit für sich und seine Familie sorgen wollte. Das erste Beutestück gehörte allein Tapiola. Sibelius ging der möglichen Idylle aus dem Weg. Ihm ging es um die Mystik des Waldes, die Waldgeister, die dort hausen und sich bei Nacht zeigen. Ein intensives, finales Stimmungsbild des finnischen Meisterkomponisten. Und auch hier zeigte Sir Simon seine erzählerische Größe im emotionalen Musizieren. Der Wald zeigte sich finster und bedrohlich, schattenhafte Wesen und allerlei Geäst wirkten wenig freundlich im Lichte der Nacht. Sir Simon kostete jede Nuance hingebungsvoll aus und wurde von dem superben Orchesterspiel des Londoner Elite Orchesters reich beschenkt. Das war atmosphärische Musik auf höchstem Niveau. Beeindruckend auch hier die fabelhaften Soli-Einwürfe des Orchesters.

Sergej Rachmaninow beschloss sein kompositorisches Schaffen mit zwei reinen Orchesterwerken: der „Sinfonie Nr. 3 a-moll op. 44″ und den „Symphonischen Tänzen op. 45“. 1935 entschloss sich Rachmaninow dazu, fast drei Jahrzehnte nach seiner meisterlichen zweiten Sinfonie. Die Arbeit gedieh rasch und bereits in zwei Monaten entwarf er den ersten und den zweiten Satz. Im darauffolgenden Sommer vollendete er den dritten Satz. Im Herbst desselben Jahres wurde sie dann vom Philadelphia Orchestra unter der Leitung von Leopold Stokowski uraufgeführt.

Rachmaninows dritte Sinfonie ist anders geartet als die beiden vorausgegangenen Sinfonien. Erstmals begnügte sich der Komponist mit einer Form in drei Sätzen. Gewagte Harmonien, zuweilen an der Grenze der Tonalität, exotisch anmutende Schlagzeugeffekte und groteske Effekte geben dieser Sinfonie einen ganz eigenen Charakter. Natürlich gibt es sie auch hier, die großen Streicherkantilenen, die an Hollywood Filmmusiken erinnern. Und doch ist diese Sinfonie so anders. Rachmaninow erfreut sich an den unterschiedlichsten Einfällen, die oftmals nur angespielt, jedoch nicht zu Ende entwickelt werden. Betörende neue Klangfarben verwendet er im Adagio des zweiten Satzes. Hier klopfen Schreker und Zemlinsky an die Türe. Feinste Klangornamentik, die im rauschhaften dritten Satz in einem fulminanten Finale enden.

Eine Paradeaufgabe für das fabelhafte London Symphony Orchestra, welches hier alle seine überragenden Vorzüge auf dem Silbertablett präsentierte. Perfektes Zusammenspiel in der großen Streichergruppe, majestätische Tongrundierungen bei den Blechbläsern. Seelenvoll und innig die Holzbläser, die im Mittelsatz mit ihren Solobeiträgen zu brillieren wussten. Das stark geforderte Schlagzeug sorgte für Glanz und offensiv, zündende Effekte. Auch hier war Sir Simon ganz in seinem Element, strahlte seine Musiker an und motivierte sie fortwährend zu Bestleistungen. Ein Dirigat und ein Orchesterspiel im vorbildlichen Einklang.

Das Publikum zeigte sich hingerissen. Sir Simon meinte dann: “Wenn Sie noch vier Minuten Zeit haben…, Dvorák geht immer!“ Und wie! Der dritte slawische Tanz op. 46 war ein umwerfendes Präsent für die Zuhörer. Agogisch ausdifferenziert, perfektes Timing und eine Rubatoseligkeit, womit Böhmen sogleich nach Frankfurt in die Alte Oper transferiert wurde.

Ovationen für einen wunderbaren Konzertabend.

Dirk Schauß, 06.12.2022


Alte Oper Frankfurt

Konzert am 05.12.2022

Jean Sibelius

Okeaniden. Tondichtung op. 73
Tapiola. Sinfonische Dichtung op. 112

Sergej Rachmaninow

Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 44

London Symphony Orchestra

Sir Simon Rattle