DVD: „Die Walküre“, Richard Wagner, Berlin, Dmitri Tcherniakov

Mit einer in jeder Beziehung voll gelungenen Walküre geht die Veröffentlichung von Dmitri Tcherniakovs für die Staatsoper Berlin Unter den Linden entwickelte Inszenierung von Wagners Ring-Zyklus in die zweite Runde. Tcherniakov zeichnet sowohl für die Regie als auch für das Bühnenbild verantwortlich. Die Kostüme stammen von Elena Zaytseva. Diese Produktion ist äußerst gelungen.

Wie bereits in Tcherniakovs Rheingold-Deutung spielt sich das Ganze in einem Forschungslabor ab, in dem Menschenexperimente stattfinden – ein neuer, guter Einfall! Siegmund ist ein Häftling, dem nach einem Unfall des Gefangenentransportes die Flucht gelingt. Zum Bestandteil des eben bereits erwähnten Menschenexperiments wird er eher zufällig. Während des Vorspiels beobachtet Wotan von seinem Büro aus durch einen Einwegspiegel, was in der Einliegerwohnung Hundings vor sich geht. Letzterer ist ein Polizist in Uniform, der mit Handschellen und einer Pistole ausgestattet ist. Von Sieglinde, die zu Beginn wie manisch ihre Haare kämmt, fühlt er sich sexuell stark angezogen. Er streift ihr die Jacke ab und knöpft ihr die Bluse auf, wodurch ihr BH sichtbar wird.

Im linken Bereich der Einliegerwohnung befindet sich das Ehebett von Hunding und Sieglinde, in dem der Hausherr, von dem Schlaftrunk seiner Frau betäubt, fest einschläft. Im Folgenden bleibt er stets präsent. Jeden Moment könnte er wieder erwachen – ein Fakt, der die Spannung ungemein steigert. Auf Tschechow‘ sche Elemente versteht sich Tcherniakov hervorragend! Das Schwert Notung steckt in dieser Inszenierung nicht in einer Esche – eine solche gibt es hier nicht -, sondern oben in der Decke. Um es herauszuziehen, muss Siegmund erst auf ein Sofa steigen. Dass die Wälsungen-Geschwister zu Beginn des zweiten Aufzuges zu sehen sind, ist nichts Neues mehr. Auch hier lässt Tschechow schön grüßen. Hastig rafft Siglinde einige Kleidungsstücke zusammen, während Siegmund den Kühlschrank plündert.

Nachdem die Zwillinge verschwunden sind, entern Wotan und Brünnhilde die Szene und begießen den scheinbaren Erfolg des Experiments mit Sekt. Die große Auseinandersetzung zwischen dem Göttervater und Fricka findet dann im Büro des Forschungsstationschefs Wotan statt. Später betritt das göttliche Ehepaar die Einliegerwohnung Hundings, in der der Hausherr noch immer fest schlafend im Bett liegt. Auf dem Höhepunkt von Frickas gegen ihren Gemahl gerichteten Vorwürfen erwacht er, erhebt sich und kleidet sich an. Wieder einmal haben wir es mit einem ausgezeichneten Tschechow‘ schen Element zu tun. Trefflich gelungen ist der Regieeinfall, dass Fricka Wotan eine Unterschrift abverlangt, die den Tod Siegmunds besiegeln soll. Den Kugelschreiber, mit dem er seinen Namen unter das Todesurteil seines Sohnes gesetzt hat, überlässt sie ihm gnädigerweise.

Siegmund und Sieglinde fliehen durch die verschiedenen Labore, unter anderem durch das für Tierversuche vorgesehene im ersten Untergeschoss, das man bereits aus Tcherniakovs Rheingold-Produktion kennt. Einige Zeit später steigt das Wälsungenpaar in die ehemalige Arbeitsstätte der Nibelungen – ebenfalls schon aus der Rheingold-Inszenierung Tcherniakovs bekannt – hinab. Hier findet die Todesverkündigung statt. Im Verlauf dieser Szene erwacht Sieglinde und beginnt umherzugehen, bis sie schließlich wieder erschöpft zusammenbricht. Auch das ist nicht mehr neu, indes sehr effektiv. Anschließend nimmt der Regisseur gekonnt eine Umdeutung von Siegmunds Tod vor. Bei ihm stirbt der Held nicht von Hundings Hand. Der Kampf zwischen den beiden Kontrahenten findet unsichtbar im Off statt, während die auch hier wieder auftretenden drei jungen Nornen die Tierversuchsstation unter die Lupe nehmen. Dann erscheinen Wotan, Hunding und Siegmund auf der Bühne – letzter noch quicklebendig und gänzlich unversehrt. Hunding überlebt. Wotan schickt ihn einfach von der Bühne. Sodann stürmt er wild unter den Blicken seines Sohnes davon. Erst nachdem der Gott verschwunden ist, nahen sich Hundings Schergen und töten Siegmund. Das ist ein sehr überzeugend gestalteter Schluss des zweiten Aufzuges.

Der dritte Aufzug steht unter dem Motto Von der Auswertung der Feldforschung zur Gegenwart. Der Walkürenritt findet im Hörsaal des Forschungslaboratoriums statt. Steckbriefe und Lichtbilder der gefallenen Helden werden auf eine Leinwand projiziert,  so beispielsweise die psychologischen Portraits eines Mörders und eines Soziopathen. Das Ganze steht unter dem dem Forschungszentrum allgemein eigenen Motto Forschungsobjekt Versuchsperson. Ausgesprochen spannend geht es dann weiter: Nachdem Sieglinde ihre Flucht angetreten hat, begegnet sie Wotan und wird von ihm in den Hörsaal zurückgebracht. Ruhig beobachtet sie von der Seite aus, wie der Obergott seine zeitgenössisch gekleideten Töchter heftig zurechtweist und Brünnhilde aus der Schar der Walküren ausstößt. Zu guter Letzt darf Sieglinde, von Wotan ungehindert, mit den übrigen Walküren, ihren Halbschwestern, die Bühne verlassen und ihre Flucht von neuem antreten.

In Sachen Personenregie ebenfalls trefflich gelungen ist Tcherniakov die Schlussszene. Das Zwiegespräch zwischen Wotan und Brünnhilde atmet enorme Intensität und wird von ausgeprägter Spannung beherrscht. Auch bei dem Ende des dritten Aufzuges wartet der Regisseur mit einer imposanten Änderung auf, die in hohem Maße ansprechend ist: Ein neues Experiment nimmt seinen Anfang. Brünnhilde wird von Wotan nicht in den Schlaf versenkt, sondern bleibt wach. Ein Feuerzauber findet bei Tcherniakov nicht statt. Brünnhilde darf lediglich mit einem Edding-Stift eine Anzahl roter Flammen auf einige aneinandergereihte Stuhlreihen aufmalen. Sehr beeindruckend ist dann das Schlussbild: Während Wotan, sehnsuchtsvoll die Hand nach seiner ehemaligen Wunschmaid ausstreckend, mit dem Bühnensegment in den Hintergrund gezogen wird, blickt Brünnhilde, vorne an der Rampe stehend, fragend ins Publikum. Wie wird dieses neue Experiment enden? Der Siegfried wird des Rätsels Lösung bringen. Insgesamt haben wir es hier mit einer ausgezeichneten, sehr gut durchdachten und mit Hilfe einer stringenten Personenregie äußerst kurzweilig auf die Bühne gebrachten modernen Produktion zu tun, die zum Besten gehört, was die Rezeptionsgeschichte dieser Oper zu bieten hat.

Musikalisch hinterlässt das Ganze ebenfalls einen fantastischen Eindruck. Christian Thielemann am Pult hat man noch nie so grandios gehört wie hier, nicht einmal in Bayreuth. Genüsslich schwelgt er in Wagners gewaltigen Klangfluten und spornt die bestens disponierte Staatskapelle Berlin zu Höchstleistungen an. In gemäßigten Tempi, die einer vorzüglichen Transparenz Vorschub leisten, zaubert er vehemente Spannungsbögen, die immer wieder in gewaltige Höhepunkte münden. Dabei erzeugt er eine Klangpracht, die ihresgleichen sucht. Dieses ungemein prachtvolle Dirigat geht schön unter die Haut.

Auf fulminantem Niveau bewegen sich auch die sich durchweg in Top-Form befindlichen Sänger. Mit dem Walküren-Wotan hat der mit guter Körperstütze, geradlinig und sehr ausdrucksstark singende Michael Volle der Reihe seiner Glanzrollen eine weitere hinzugefügt. Wunderbar emotional gelingt ihm Wotans Abschied. Aber auch die gewaltigen Ausbrüche bewältigt er mühelos. Er dürfte der derzeit beste Vertreter dieser schwierigen Partie sein. In Nichts nach steht im Vida Mikneviciute, die mit bestens italienisch fokussiertem, sonorem und nuancenreich eingesetztem jugendlich-dramatischem Sopran eine phänomenale Sieglinde singt. Mit großem vokalem Elan und tadellosen Spitzentönen stürzt sich Anja Kampe in die Rolle der Brünnhilde, für die ihr profund klingender und differenziert eingesetzter hochdramatischer Sopran bestens passt. Solides baritonal gefärbtes und kraftvolles Tenor-Material bringt Robert Watson für den Siegmund mit. Enormer stimmlicher Glanz und hohe darstellerische Intensität zeichnen die Fricka von Claudia Mahnke aus. Ein sehr voluminös singender Hunding ist Mika Kares. Vokal hochkarätig präsentiert sich das aus Clara Nadeshdin (Gerhilde), Christiane Kohl (Helmwige), Michal Doron (Waltraute), Alexandra Ionis (Schwertleite), Anett Fritsch (Ortlinde), Natalia Skrycka (Siegrune), Anna Lapkovskaja (Grimgerde) und Kristina Stanek (Roßweise) bestehende Ensemble der kleinen Walküren.

Fazit: Eine szenisch brillante, musikalisch und gesanglich hervorragende DVD, die preisverdächtig ist und deren Anschaffung dringendst zu empfehlen ist!

Ludwig Steinbach, 17. Mai 2024


Die Walküre
Richard Wagner

Staatsoper Berlin Unter den Linden
Inszenierung: Dmitry Tcherniakov
Musikalische Leitung: Christian Thielemann

Unitel
Best.Nr.: 810008
2 DVDs