Baden-Baden: Herbstfestspiele „Unter Geiern“

Festspielhaus Baden-Baden, 30. Oktober 2021

„DER TOD IST EIN MEISTER AUS“ … GRIECHENLAND!

Angekündigt im Programm war Gabriel Fauré, Requiem. Das spielte aber erstmal keine Rolle. Die Ausführenden waren: Teodor Currentzis (Dirigent), Mat Collishaw (Visuelle Gestaltung), Fanie Antonelou (Sopran), Mikhail Timoshenko (Bassbariton), musicAeterna (Chor und Orchester), Cantus Juvenum Karlsruhe (Jugendchor). Dieses Team wollte die Zuhörer, die dann mehr Zuschauer wurden, in die transzendierte Welt zum Requiem einführen.

Der Dirigent sieht sich dabei als „Führer“, der selbst eine „Mission“ erfüllt. Das ist für Deutsche ziemlich heikel, da die Erfahrungen mit „Führern“ und ihrem Werk in schlechter Erinnerung sind. Dieses dem Tod zugewandte Programm wurde am 30. Oktober gegeben, dem Vorabend des Reformationsfestes. Falls es nicht bekannt ist: am 31. Oktober 1517 nagelte Martin Luther (1483 – 1546) seine 95 Thesen an die Kirchentür in Wittenberg – für die Freiheit eines Christenmenschen. Als ein solcher fühlt man sich hässlich provoziert und nahezu blasphemisch behandelt. Die Leitung des Festspielhauses sollte wissen, wie man solch einem bedeutenden Feiertag Rechnung trägt.

Apropos Rechnung: Die Karte der 1. Kategorie, die einen großen Teil des Platzangebotes ausmacht, kostete 130,00 €, also für einen Abend zu zweit 260,00 €. Gekauft wurden sie für das „Requiem“, das ca. 35 Minuten dauert. Soll man sich den Jux machen, den Minutenpreis auszurechnen? Das Problem wurde wohl von den Veranstaltern erkannt und ein Vor- und Beiprogramm erstellt. Also: ein Vogel, vielleicht ein Geier, stand als Installation im Foyer und war auch außen über dem Eingang ersichtlich.

Das sollte die „Festspielgäste“ in das Transzendente à la Currentzis einführen. Eigentlich sollten diese im Foyer stehen und wandeln und mit Filmen und Musik berieselt werden. Angeblich sei Fauré sonst nicht zu verstehen. Nun ja – wo liegt denn hier das Unverständnis? Aus Corona-Gründen wurde das Happening in den Konzertsaal verlegt, und man konnte wenigstens sitzen.

Es gab „Music for here“ von Andreas Moustoukis und auf der Leinwand „tanzten“ gelbgoldene Plastikstücke hin und her. Bühne und Zuschauerraum waren derweil stockdunkel. Selbst der Dirigent blieb im Dunkel. Ungewöhnlich für ihn: der Stroboskop-Blitzer machte ihn in Salzburg zur einzigartigen Lichtgestalt. Die Musik von Moustoukis (* 1971) war einschläfernd, nur aus wenigen Tönen bestehend, aber: eine WELT-Uraufführung. Das ganze Spektakel dauerte ca. 20 Minuten und das Publikum sollte nun eingestimmt sein auf Gabriel Fauré und die Transzendenz des Dirigenten auf es übergesprungen sein.

Das Requiem ist ein Oratorium gemischt aus Orchester, Chor und Soli. „Eine der wundervollsten Kunstgattungen, die es gibt.“ … „Das Werk ertönt ohne Kulisse, ohne Szene, ohne Regie, ohne Bewegung, ohne Kostüm, in der Unendlichkeit, in der Absolutheit.“ (Oscar Bie) Hier wird es ganz deutlich: Currentzis glaubt nicht an die Musik, die er aufführt. Er braucht dazu wieder einen Film. Nun wurde es schamlos. Hauptdarsteller des Films sind sterbende alte Menschen, begleitet am Bett von Angehörigen, dazu kurze Naturbilder. Das ist schlicht unziemlicher Voyeurismus! Als Krönung Bilder wie aus einem Italo-Western: Blutige Skelette und Leichen, auf die sich die Geier stürzten. Jugendfrei? Es saßen auch Kinder im Saal! Hier endlich das große Unverständnis der ausführenden Künstler: Ein Requiem ist nicht die musikalische Begleitung des Sterbens, sondern die geistliche Musik nach (!) dem Tode zur Beisetzung. Mit diesem logischen Fehler ist das ganze Drumherum unnötig und verfälscht so die Musik.

Gabriel Fauré (1845 – 1924) schrieb diese Messe als Trauerkantate. Er weicht vom liturgischen Text ab, das „Dies irae“ fehlt. Andererseits zugefügt sind aus dem Beerdigungsritual „Pie Jesus“ und „Libera“. Es ist ein leises Oratorium, die beiden Solisten stehen im dunklen Hintergrund wie auch alle anderen Mitwirkenden Sie werden von der Filmleinwand förmlich erdrückt. Einzelne Instrumentengruppen hört man nicht heraus, nur ab und zu den donnernden Orgelklang.

Fauré ist hier nur die Begleitmusik zum Film und wird so offensichtlich verfälscht und verunglimpft. Fauré wollte die Menschen trösten und änderte deshalb den liturgischen Text. Currentzis aber sieht eine „metaphysische Dimension“ und führt das Requiem szenisch auf. Das ist nicht nur völlig misslungen, sondern ein Affront gegen die Zuhörer. Derartiges sollte das Festspielhaus nicht mehr in sein Programm aufnehmen, denn es ist seiner Grundidee nicht würdig. Selbst dann nicht, wenn Teodor Currentzis und der Intendant so gut miteinander können.

Inga Dönges 1.11.2021anton Zavjyalov

Orchesteraufnahme © Andrea Kremper

Installation mit dem Geier © Michael Bode

Großaufnahme Currentzis ©