DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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44. Hamburger Ballett-Tage

Uraufführung und Gala-Glanz

Traditionell werden die Ballett-Tage mit einer Neuproduktion eröffnet – zumeist vom Intendanten des Ensembles John Neumeier selbst. So auch in diesem Jahr, als sich der Choreograf mit einem Beethoven-Projekt betitelten Ballett dem großen deutschen Komponisten widmete. Das Stück ist dreiteilig und verwendet zu Beginn Fragmente des Komponisten, u. a. die „Eroica-Variationen“ – eine schlüssige Wahl, da am Ende des Abends die populäre Sinfonie selbst folgt. Aleix Martinez stellt Beethoven als jungen Mann mit beinahe infantilen Zügen dar, der in Konfrontation mit personifizierten Fantasien und Ängsten seiner Welt gezeigt wird. Anfangs scheint er mit dem Flügel, an dem Michail Bialk brillant spielt, geradezu verwachsen zu sein und immer wieder kehrt er zu dem Instrument zurück. Die Bewegungen des Tänzers sind oft marionettenhaft und von skurriler Wirkung, was die Figur auch als Zweifelnden, Suchenden, Verunsicherten zeichnet, dann wieder Atem beraubend artistisch. Der Katalane – zwischen Automat und Sprungteufel – hat hier seine bisher größte Rolle zu absolvieren und bewältigt sie grandios. Im „Geistertrio“ zeigt er mit Patricia Friza einen innigen Tanz voller Glücksgefühle, im Intermezzo, dem zweiten Teil des Balletts auf „Die Geschöpfe des Prometheus“, ist er auf der in magisches Blau getauchten Szene mit einer Gebirgslandschaft im Hintergrund (Ausstattung und Licht ebenfalls von Neumeier) ein Wirbelwind mit Pirouetten und grand jétés. Edvin Revazov und Anna Laudere als Apollo und Terpsichore sorgen für mythische Stimmung, während die Gruppe als Gesellschaft heiter-vitale Tänze zeigt. Höhepunkt der Neuschöpfung ist der letzte Teil mit der „Eroica“ auf einer nun expressionistischen anmutenden Bühne. Nach den kammerspielartigen Bildern des Beginns sieht man hier ein großes sinfonisches Ballett voller Tempo, Schwung und Vitalität. Es ist dies eine Stärke des Choreografen, die er in seinen Kreationen auf die Musik Mahlers mehrfach bewiesen hat. Die Marcia funebre des 2. Satzes fällt aus der lebensbejahenden Grundstimmung heraus mit viel Bodenarbeit, strenger Statuarik und Pietà-Assoziationen. Das Scherzo ist dann wieder von lebhaft-heiterer Stimmung, wozu die duftigen Kostüme in Frühlingsfarben korrespondieren. Punktgenau auf die Musik ist das Finale choreografiert und steigert sich zu einem Hymnus der Lebensfreude. Martinez hat einen letzten Auftritt, bewegt sich zunächst wie eine Marionette und fällt dann in den ausgelassenen Tanz der anderen ein. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg musiziert unter Simon Hewett mit geschärften Kontrasten und wird am Ende in den euphorischen Jubel des Publikums einbezogen (6. 7. 2018).

Marius Petipa und Leonard Bernstein war die diesjährige Nijinsky-Gala am 8. 7. 2018 gewidmet, die traditionell die Ballett-Tage abschließt und auch diesmal deren Höhepunkt markierte. Mit einem Ausschnitt aus Bernsteins On the Town in John Neumeiers tänzerischer Umsetzung sorgte Alexander Trusch für einen schwungvollen Auftritt voller Rhythmus und Verve, schmissig geleitet von Simon Hewett am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Dirigent und Orchester zeigten sich gewohnt souverän in der Bewältigung der unterschiedlichen Stile der Musikstücke. Wie stets oblag die Konzeption und Moderation dem Ballettintendanten, der die beiden Jubilare anlässlich ihrer Geburtstage eingehend würdigte. 200 Jahre wäre der bedeutende Choreograf Petipa in diesem Jahr alt geworden, dessen Ballette als das Fundament des klassischen Tanzes gelten. Die Ausschnitte mit seinen Schöpfungen stellten dann auch die gefeierten Höhepunkte des fast sechsstündigen Abends dar. Illustre internationale Gäste waren dafür eingeladen worden. Zunächst aber machten Mariia Khoreva, Daria Ionova, Anastasia Nuikina und Maria Bulanova mit einer veritablen Rarität aus seinem Oeuvre, dem Spätwerk Le Reveil de Flore, bekannt. In einem bezaubernden Pas de quatre entzückten die vier Absolventinnen der Waganowa Ballettakademie mit aristokratisch zelebrierten Ornamenten. Einen hochinteressanten Vergleich ermöglichte eine zweifache Interpretation des Grand Pas de deux aus Dornröschen, zunächst in einer Rekonstruktion von Alexei Ratmansky für das American Ballet Theatre 2015. Tiler Peck vom New York City Ballet und Herman Cornejo vom ABT demonstrierten mit hoheitsvoller Attitüde und charismatischer Aura einen Blick zurück in die Tanzgeschichte. Sogar das Tutu der Ballerina mutete altmodisch an, wie überhaupt der ganze Vortrag einen historischen Zauber atmete. Aber die brillanten Variationen der beiden Stars besaßen auch echten Gala-Glanz. In der bekannteren Version Nurejews brillierten Jillian Vanstone und Francesco Gabriele Frola vom National Ballet of Canada mit technischer Perfektion und stupenden Effekten. Das Paar aus New York war im letzten Teil des Abends mit Balanchines Tschaikowsky Pas de deux noch einmal zu erleben – ein Feuerwerk von Bravour, eine Demonstration von Eleganz und aristokratischer Noblesse. Für das Bolshoi Ballett hatte Pierre Lacotte 2000 Petipas La Fille de Pharao rekonstruiert. Im Grand Pas de deux zeigten Olga Smirnova und Artem Ovcharenko vom Bolshoi Ballett ihre tänzerische Klasse. Gemeinsam mit Semyon Chudin wusste die Starballerina in den exquisit und hoheitsvoll gebotenen „Diamonds“ aus Jewels auch den bestechenden solistischen Schlusspunkt zu setzen.

Eine ständige Gastsolistin beim Hamburg Ballett ist Alina Cojocaru vom English National Ballet. Im Rosen-Adagio aus Dornröschen bewies die seit Jahrzehnten in der ersten Reihe tanzende Ballerina ihre ungebrochene jugendliche Anmut und mirakulöse technische Beherrschung dieser gefürchteten Nummer. In Neumeiers Deutung dieses Balletts gab sie im Pas de deux „Auroras Erwachen“ gar ein Rollendebüt. Sie und ihr Partner Alexander Trusch, der als Prinz Desiré gleichfalls debütierte, bezauberten hier mit einem Tanzduo von reinster Poesie.

Genannt werden sollen auch zwei beliebte Paare der Compagnie. Im Pas de deux aus Schwanensee verströmten Anna Laudere und Edvin Revazov im Weißen Pas de deux inniges Gefühl und romantischen Zauber und in Neumeiers (Nurejew gewidmeten) Don Juan zeigten Silvia Azzoni und Alexandre Riabko in zwei Pas de deux und einer Variation Kunstvoll-Mythisches.

Die Musikwelt feiert in diesem Jahr Bernsteins 100. Geburtstag. Ihm galten große, vielleicht zu ausgedehnte Teile des Programms. Die Ausschnitte aus Songfest in Neumeiers Umsetzung (von Fredrika Brillembourg mit warmem Mezzo und Daniel Ochoa mit resonantem Bariton live gesungen) gefielen mit ihrem jazzigen Feeling und dem sportiven Männerduett mit Carsten Jung und Ivan Urban, aber es folgten noch mehrere Szenen aus Bernstein Dances und seine Serenade. Letztere nahm den gesamten zweiten Programmteil ein und ist in ihrer ernsten, nachdenklichen Stimmung vielleicht nicht unbedingt eine Gala-Nummer. Ganz anders der Auftritt des Bundesjugendballetts mit Johns Dream – And What We Call Growing Up in seiner spektakulären Artistik und einem Solisten von geradezu animalischer Sinnlichkeit: Ricardo Urbina Reyes. Nach dem fetzigen Finale aus Candide Jubel, Blumen, Konfettiregen und das Publikum im Rausch.

Bernd Hoppe 21.7.2018

Bilder folgen !

 

 

 

 

OPERA STABILE

DAS FLOSS

4. Mail 2018

Auf schwankenden Planken im Meer des Neuen treiben…

Gestern hatte „Das Floß“, die Abschlussproduktion der „Akademie Musiktheater heute“, seine faszinierend verwirrende u nd mitreißende Uraufführung in der opera stabile. Das Publikum ging, nach dieser absolut empfehlenswerten Aufführung, extrem gut unterhalten und auch nachdenklich, – wenn nicht sogar ein wenig zur Selbstreflexion aufgefordert -, nachhaus. Großen Dank und noch mehr Applaus an alle an dieser Produktion Beteiligten.

Die opera stabile, kleine Schwester der Staatsoper Hamburg, ist von jeher Garant für ungewöhnliches, nah erlebtes Theater. Das liegt zu einem daran, dass es so gut wie nie eine Frontalbühne gibt. Sie befindet sich zumeist in der Mitte des bis zu 120 Zuschauer beherbergenden Raums. Bei „Das Floß“ fehlt sie sogar ganz. Es gibt zwar zwei erhöhte Zuschauerreihen, mit insgesamt um die 30 Stühle. Ansonsten jedoch befinden sich die Sitzmöglichkeiten direkt in der Szene, bzw., auf dem Bühnenbild: Es wird auf Kisten, Stufen oder sogar einer Badewannen/Sarg- Kombi Platz genommen, aus der zu Beginn Dirigent Mark Johnston klettert und auch ansonsten werden Zuschauer hier aufgefordert, den Platz zu wechseln oder sich zu erheben, damit die Künstler an Requisiten kommen.

Auch dies erhöht das Gefühl von Intensität, Nähe und sich einlassen müssen. Nein, dürfen! Durch das Thema dieses Stückes wird „Das Floß“ zu mehr als einer fragmentarisch erzählten Geschichte. Es ist auch mehr als eine musikalisch vielsprachige Revue, für deren hohe Qualität und Vielfältigkeit, die Komponisten Anastasija Kadiša, Alexander Chernyshkov und Andreas Eduardo Frank verantwortlich zeichnen.

Es behandelt Existenzängste, beschäftigt sich mit Gesellschaftsstrukturen. Da sind auf der einen Seite die sich allein überlassenen Schiffbrüchigen auf dem Floß der Medusa. (Gemäde von Théodore Géricault, um 1819). Hier spielt der Selbsterhaltungstrieb, der auch Kannibalismus nicht scheut, die Hauptrolle. Die Regisseure Aleksi Barrière und Franziska Kronfoth zeigen teilweise in Videonahaufnahmen, wie die Überlebenden sich voneinander bedienen. Und dann gibt es noch die utopische Piraten-Republik Libertalia des Schriftstellers Daniel Defoe. Hier soll absolute Demokratie geschaffen werden. Deren Regeln für die Herrschenden allerdings nicht gelten.

Kurz: „Das Floß“ konfrontiert das Publikum auf intensive, aber nie aufdringliche Weise, mit Konflikten die entstehen, wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur zusammenleben müssen. Ergo: mit dem Hier und Jetzt. Musikalisch bedienen sich Kadiša, Chernyshkov und Frank mystisch-ungewöhnlichen Klängen aus Orchesterüblichen Instrumenten wie Violine, Posaune, Flöte, Klarinette und Schlagwerk. Auch Akkordeon und einfache Plastikschläuche kommen zum Einsatz. Doch es gibt daneben auch Lieder, mit Volksliedcharakter zu Gitarrenbegleitung und ein Chanson, vorgetragen von der charismatischen Gina-Lisa Maiwald, die genau wie ihr isländischer Schauspielkollege Thorbjörn Björnsson, auf beruhigende Art beweist, das Schauspiel auch heute noch so viel mehr ist als das, was uns oft im TV präsentiert wird. Beide wechseln mühelos von einer Rolle in die andere. Björnsson liefert ein Mal kopfüber an einem Seil hängend, einmal mit einem Strick um den Hals, kurze Monologe ab, die unter die Haut gehen. Doch auch ihre jungen Sängerkollegen Soomin Lee, Karina Repova, Jóhann Kristinsson, sowie Julian Rohde aus dem Ensemble der Staatsoper Hamburg, stellen ihr gesangliches Können und ihre Spielfreude unter Beweis.

Allen voran Sopranistin Soomin Lee, die mit einem wunderschön melodischen Vocalizing mit beinahe hypnotischer Wirkung berührt. Dieses textlose Gesangsstück mutet an wie ein Duett zwischen Lee und dem „Tubawesen.“ Akustisch ist dieses Tubawesen, gespielt von Frank, eine Kombination aus Tuba und Gummischläuchen, was für wehklagend anrührende Klänge sorgt. Optisch ist es eine riesige Krake, die vom Schnürboden aus, manuell bewegt wird.

Aber auch Karina Repova überzeugt mit warmen Mezzo, der neugierig macht, ihn auch auf der großen Bühne zu hören, wie auch durch ihre energische bis herzliche Ausstrahlung. Bariton Jóhann Kristinsson und Tenor Julian Rohde zeigen Stimm- und Zungenfertigkeit, wenn sie sich gegenseitig, oder mit den Kollegen, Dialoge in verschiedenen Sprachen liefern. Die wirklich herausragenden Leistungen aller an diesem Abend, werden abgerundet durch die ausnahmslos jungen Musiker des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg unter der Leitung von Mark Johnston.

Alles in allem ist „Das Floß“ Theater, bei dem die Kunstfertigkeit der einzelnen künstlerischen Berufe aufs Intensivste gefordert ist. Es wird gerade den Darstellern auf der Spielfläche, egal ob Schauspieler, Sänger oder Musiker, dass Äußerste abverlangt. Dies gilt jedoch ebenso für Bühnenbildnerin Eunsung Yang, und vor allem Kostümbildnerin Lea Søvsø, die aus vermutlich sparsamen Budget viel Fantasie, ja sogar Glanzvolles, schafft. Unsere Gesellschaft ist genauso vielseitig, wie es die sprachlich-kulturelle Herkunft der Beteiligten ist. Bleibt zu wünschen, dass wir es schaffen, das Positive welches uns dieser Abend vermitteln möchte, mit ins wahre Leben hinübernehmen und das Negative und Beängstigende nicht zu verdrängen, aber doch zu bearbeiten.

Denn die bedeutendsten Botschaften an diesem Abend sind was Frau Repova auf ihre Kapitänsuniform geschrieben war: „Keine Angst ohne Hoffnung“. Und das, was am Ende dann, wenn alle sich nach eigenen Worten tief unter dem Meeresspiegel befinden, und von dort aus „das Meer brennen sehen“, entgegen leuchtet: „Keine Hoffnung ohne Angst“. Oder war es umgekehrt? Es gab so viel zu entdecken, zu hören, zu fühlen, zu sehen, dass ich in diesem Augenblick, die Richtigkeit der Reihenfolge nicht garantieren kann.

Doch wie dem auch sei, ist es stets das Beste, sich selbst ein Bild zu machen. Oder in diesem Fall, die Chance zu nutzen einmal anderes Theater zu erleben. Überwinden Sie die Angst vor Ungewöhnlichem, in der berechtigten Hoffnung überrascht und auf jeden Fall, auf die eine oder andere Weise, bereichert zu werden.

 

Birgit Kleinfeld 6.5.2018

Foto @ Jörn Kipping

 

 

 

Die inserierte Braut

„La Gazzetta“ an der Hamburger Kammeroper

Premiere: 06.10.2017

besuchte Vorstellung: 22.10.2017

Rossini-Rarität mit Smartphone

Lieber Opernfreund-Freund,

das Alleetheater in Hamburg macht es sich seit Jahren zum Verdienst, ihrem Publikum echte Opernraritäten in oft eigenen Kammermusikversionen zu präsentieren. In dieser Spielzeit haben die Trüffelsucher von der Max-Breuer-Allee Rossinis Opera buffa „La Gazzetta“ ausgegraben und zeigen sie vier Mal pro Woche mit sieben Sängern und nur fünf Musikern.

Seit dieser Saison unter neuer Leitung, greift man bei der Bearbeitung auf eine bewährte Kraft zurück. Barbara Hass hat als Ehefrau des langährigen Betreibers Uwe Deeken schon viele, viele Opernlibretti behutsam für das kleine Haus angepasst und zieht die Story, die auf einer Vorlage von Carlo Gordoni beruht und eigentlich im Paris des 18. Jahrhunderts spielt, gekonnt ins Hier und Jetzt. Don Pompione möchte seine Tochter Lisetta verheiraten und gleichzeitig seine eigene Prominenz steigern. Deshalb sucht er per Zeitungsannonce einen Schwiegersohn, doch das Töchterchen hat sich längst in den Hotelier Philipe verliebt. Zur selben Zeit sucht Alberto in der Stadt der Liebe nach der passenden Frau, wird auf das Inserat aufmerksam und lernt im Hotel Doralice kennen, die er für die „inserierte Braut“ hält. Nach zahlreichen Verwechslungen geben sich die Väter der Umworbenen der Liebe geschlagen, willigen in die Hochzeiten ein und das Happy End ist perfekt.

An der Hamburger Kammeroper nun wird im 21. Jahrhundert inseriert, Smartphone, Tablet und Datingportale sind so allgegenwärtig wie Facebook und Twitter. Das Produktionsteam um Alfonso Romero Mora hat ganze Abreit geleistet und präsentiert mit dieser flotten musikalischen Komödie einen gelungen Mix zwischen seriöser Oper und unterhaltsamem Boulevardtheater. Da wird es mitunter schon recht klamaukig, was dem Werk aber nicht schadet. Lediglich der Maskenball ist von der Regie ein wenig arg konfus umgesetzt und nimmt der Szene so ihre Wirkung. Die Bühne wurde von Lisa Überbacher äußerst wandelbar und mit einem Augenzwinkern gestaltet, im Nu werden da aus der Hotelhalle zwei Zimmer und Rodins Denker thront als überlebensgroße Statue am Bühnenrand - und liest in seinem Smartphone. Dazu hat Rossini, wie gewohnt, leicht klingende (aber verteufelt schwere) Musik erschaffen. Das Werk, zwischen „Barbier“ und „Cenerentola“ entstanden, ist durchzogen von eingängigen Melodien mit ohrwurmcharakter, die einem, wie so oft beim Meister aus Pesaro, zum Teil aus anderen Werken bekannt vorkommen.

Und anständig musiziert wird das obendrein: Marius Adam legt mit honorigem Bariton den Don Pompino als selbstverliebten Gockel an, Cecilia Rodriguez-Morán gibt das verzogene Töchterchen launisch und überdeht und zeigt dabei die unglaubliche Geläufigkeit ihrer Nachtigallenstimme. Der junge Ljuban Živanović verfügt über eine feine Höhe und eine facettenreiche Stimme und ist so ein ausdrucksstarker und präsenter Alberto voller komödiantischem Talent. Robert Elibay-Hartog ist ein gefühlsgeladener Philipe, erreicht aber vor allem in den Parlando-Passagen nicht das Niveau seiner Kollegen. Natascha Dwulecki als bezaubernde Doralice, Titus Witt als geldgeiler Anselmo und die hinreißende Feline Knabe als Madame La Rose komplettieren das spielfreudige Ensemble. Die Handvoll Musiker unter der Leitung von Ettore Prandi, der auch für die gelungene musikalische Bearbeitung verantwortlich zeichnet, schlagen sich wacker, hier große Oper ganz klein zu realisieren. Über weite Teile legen sie den verspielten Charakter von Rossinis Werk gekonnt frei; dass man - wenn jedes Instrument nur einfach besetzt ist - jeden Wackler hört, macht auch den besonderen Reiz der Kammermusikversion aus.

Alles in allem zeigt die Kammeroper mit dem für sie typischen, besonderen Charme eine originelle Version dieser Rossini-Rarität. Zudem bietet das Alleetheater einen Ausweg aus dem Dilemma, wann man an einem Opernabend am besten isst: Wer es nicht beim Musikgenuss bewenden lassen will, hat die Möglichkeit, vor, zwischen und nach der Vorstellung ein auf das Werk abgestimmtes Opernmenue in vier Gängen zu sich zu nehmen.

Jochen Rüth 23.10.2017

Die Fotos stammen von Dr. Joachim Flügel.

 

 

Staatballett Hamburg

MATTHÄUS-PASSION

Choreografie John Neumeier

Aufführung am 15.04.2017

TRAILER

 

Vor beinahe 17 Jahren brachte das Hamburg Ballett John Neumeiers Choreografie "Skizzen zur Matthäus-Passion" in der St.Michaelis-Kirche Hamburg zur Uraufführung, Ein halbes Jahr später folgte dann die Uraufführung des gesamten Werks an der Staatsoper - und seither blieb diese enorme Schöpfung im Repertoire der Compagnie, wurde immer wieder (logischerweise) mit neuen Tänzerinnen und Tänzern neu einstudiert. Man merkt weder der Choreografie von John Neumeier noch der Musik Bachs (die ja nochmals 300 Jahre älter ist) ihr Alter an, beide sind von einer tief berührenden Zeitlosigkeit. Neumeier hat nämlich zur Umsetzung der Leidensgeschichte Christi nicht einfach zu einer 1:1 Bebilderung der vom Evangelisten erzählten Vorgänge gegriffen, sondern die Wirkung der Worte auf junge Menschen untersucht und analysiert.

Und gerade eben damit die erwähnte Zeitlosigkeit hergestellt. Dabei hat er nach eigene Aussagen den Tänzerinnen und Tänzern auch immer wieder Freiräume geschaffen, um ihre eigenen Reaktionen und Empfindungen auf das Gehörte auszudrücken - und ist damit ganz nahe beim sakralen Tanz angelangt, der im christlichen Glauben nicht mehr so präsent, bei vielen nicht monotheistischen oder Naturreligionen jedoch immer noch sehr präsent ist. In diese MATTHÄUS-PASSION fliessen solche Elemente der Wut und der Versöhnung, der spastischen Verzückung, des religiösen Rausches, der Verklärung und Verblendung, der Ekstase und der tief empfundenen Trauer immer wieder ein.

Neumeier ist wie stets auch sein eigener Bühnenbildner und Ausstatter. Der Bühnenraum ist schwarz, im Hintergrund führen drei Stufen zu einer Plattform, auf der sich die grosse Compagnie (42 Tänzer*innen) auf schwarzen Hockern und Bänken gruppiert, von dort aus das Geschehen auf der Vorderbühne mit einer unglaublichen, individuell ausgestalteten Präsenz beobachtet, eingreift, und gleich eines antiken Chores kommentiert. Dabei schlüpfen sie in verschiedene Rollen, einzig Jesus wird von Anfang bis zum Ende von einem einzigen Tänzer dargestellt: Marc Jubete tanzt und interpretiert ihn mit einer unaufdringlichen, aber tief bewegenden Schlichtheit, evoziert dabei ein gewaltiges Mitleiden, vermag aber immer auch die tröstliche Botschaft des festen Glaubens zu transportieren. Und genau dies schafft Neumeier mit seiner wunderbaren Compagnie eben auch: Es geht um die christlichen Werte, die auch ein Nichtgläubiger akzeptieren und leben kann und soll: Nächstenliebe, Toleranz, Akzeptanz, Vergeben und Verzeihen, Aussöhnung unter Feinden. Dies alles findet Niederschlag in einer faszinierenden Choreografie, umgesetzt mit nie nachlassender tänzerischer Präzision, mit bewundernswerter Ausdauer, Kraft und manchmal fast kindlicher Freude.

Das alles ist wunderbar stimmig und kommentierend zur Musik Bachs und den Texten der Passion umgesetzt, in keinem Moment bekommt man den Eindruck von Passionsspielen à la Oberammergau oder von Hollywood-Kitschverfilmungen, denn Neumeier belässt die Menschen in den weissen, schlichten Kleidern, verzichtet auf jegliche Requisiten, wenn einmal eine Szene oder ein Gegenstand verortet werden soll, behelfen sich die Tänzer mit ihren Körpern oder den paar Bänken. Also keine Dornenkrone, keine Peitschen, kein Blut. Und trotzdem fährt die Szene der Demütigung Christi (zum Choral "O Haupt voll Blut und Wunden") dermassen ein, dass es kaum mehr auszuhalten ist. Es gäbe von vielen berührenden und packenden Momenten zu berichten, Höhepunkte des eindringlichen Abends waren für mich die Analyse der Beziehungen zwischen Judas und Jesus, zwischen Jesus und Petrus, der Pas de trois zur Bassarie "Komm süsses Kreuz", das Alt Solo "Ach Golgatha, unsel'ges Golgatha", das Sterben Jesu am Kreuz (welch unglaubliche Leistung des Tänzers Marc Jubete!) Immer wieder ging auch das Licht im Zuschauerraum an, die Tänzerinnen und Tänzer traten durch die Gänge und Seitentüren ab, trugen so auch dazu bei, uns ins Bewusstsein zu rufen, dass uns das alles etwas angeht (angehen sollte). Diese Lichtwechsel sorgten auch für eine willkommene Strukturierung des langen Abends, denn den Blick während Dreieinhalb Stunden auf eine schwarze Bühne mit weiss gekleideten Menschen zu fokussieren, ist doch recht anstrengend. Doch die Besucher*innen harrten gebannt und sehr aufmerksam mitgehend und -fühlend aus und belohnten die Ausführenden nach vier Stunden (das dürfte eines der längsten Ballette im Repertoire sein) mit einer verdienten Standing Ovation.

John Neumeier hatte 1980 bei der Erarbeitung seiner Choreografie eng mit dem Dirigenten Günter Jena zusammengearbeitet. Und so erklang in der Staatsoper Hamburg die Musik in einer Live-Aufnahme aus der St.Michaelis-Kirche vom 29. März 1980, mit Peter Schreier, Bernd Weikl, Mitsuko Shirai, Marga Schiml und Franz Grundheber, sowie den Knabenchören Hannover und St.Michaelis, dem St.Michaelis-Chor und -Orchester.

Bilder (c) Kiran West / Hamburgische Staatsoper

Kaspar Sannemann 16.4.2017

 

 

 

DRITTE SINFONIE VON GUSTAV MAHLER

Ballett von John Neumeier

Wiederaufnahme des Kultballets am 26.01.2017

Wenn man in seinem Leben nur ein einziges Ballett sehen dürfte, dann müsst es wohl DRITTE SINFONIE VON GUSTAV MAHLER durch das Hamburg Ballett in der Choreografie von John Neumeier sein. Vor etwas über 40 Jahren, am 14. Juni 1975 in Hamburg als sein erstes abendfüllendes sinfonisches Ballett uraufgeführt und der Hamburger Compagnie gewidmet, auf deren Tourneen weltweit gefeiert von Buenos Aires bis Tokyo, nimmt Neumeier es bis heute immer wieder an seinem Haus auf. Gestern war die 181. Vorstellung dieses Meisterwerks zu erleben und sie riss das Publikum am Ende zu nicht enden wollenden Begeisterungsstürmen hin.

Gustav Mahler, ein Skeptiker, was Programmmusik anbelangt, hatte für seine dritte Sinfonie ja bekanntlich eine Art programmatischer Überschriften in die Partitur aufgenommen, sie wieder wegradiert und erneut überschrieben. Diese Hinweise des Komponisten, welche nicht eine eigentliche Handlung suggerieren, sondern eher gefühlsmäßige Visionen und Bilder sind, nimmt nun Neumeier auf. Doch auch bei ihm entsteht nun nicht etwa ein stringent durchgearbeitetes „Handlungsballett“ sondern eine bildliche, körperliche Umsetzung musikalischer Impressionen. Neumeier zeichnete auch verantwortlich für die Kostüme und das unglaublich eindrucksvolle Lichtdesign – und deshalb kann man guten Gewissens von einem Gesamtkunstwerk sprechen.

Man könnte das Ballett als die Suche eines Mannes (mit fantastischer Bühnenpräsenz und herausragendem Tanz Alexandre Riabko) nach sich selbst, nach seiner inneren Mitte interpretieren. Im ausladenden ersten Satz (beinahe 40 Minuten) wird er quasi aus der Ursuppe einer Männergesellschaft herausgespült. Neumeier hat hier gekonnt die marschartigen, militärischen Themen der Musik aufgenommen, lässt in diesem ersten Teil nur Männer tanzen. Komplex und kraftvoll, aggressiv und dann wieder zärtlich sind die gestischen und tänzerischen Verschlingungen, vom Corps mit grandioser Präzision und Eleganz ausgeführt. Es wird eine Sehnen nach Befreiung spürbar, aber auch ein Sehnen nach Zugehörigkeit und Nähe. Kunstvolle Männertürme der Tänzer mit nacktem Oberkörper werden wie zu einer Apotheose aufgebaut und zerfallen wieder. Das hat durchaus auch etwas Homoerotisches an sich. Neumeier übertitelte den Satz etwas rätselhaft mit einem Shakespeare Zitat: „Und alle unsre Gestern führten Narrn den Pfad des staub’gen Tods.“ (Macbeth)

Ganz anders dann der zweite Satz, bei Mahler „Was mir die Blumen erzählen“, bei Neumeier „Sommer“ – ein Traum in lichten Pastellfarben. Der Mann liegt auf dem Rücken am linken Bühnenrand, sieht eine Frau, mehrere Frauen, zwei Männer. Sanfte Hebefiguren und weich fließende Armbewegungen prägen die Choreografie dieses Satzes. Wunderschön. Die Trikots wandeln sich für den dritten Satz („Herbst“ bei Neumeier) in warme Braun- und Rottöne, der Mann starrt gebannt und beinahe ungläubig auf die leichtfüßig ausgeführten Tänze, einen herrlichen Pas de trois, wunderschöne Pas de deux. Von der Musik her wehen Posthorn und Fetzen von Kinderliedern herein, unbeschwert, ja beinahe etwas ordinär. Ein Paar jedoch tanzt in zartblauen Trikots, wie Geister nehmen sie sich aus zwischen den anderen in Rottönen. Der Mann nimmt diese „Geisterfrau“ nun in den Arm – sie ist tot. Danach bleibt es lange Zeit still: Neumeier hat den vierten Satz („Nacht“) nämlich seinem viel zu jung und überraschend auf einem Flug gestorbenen Kollegen John Cranko gewidmet und ließ diesen Satz auch ein Jahr vor Uraufführung der gesamten Sinfonie mit Marcia Haydée, Egon Madsen und Richard Cragun in Stuttgart aufführen. Eine trauernde Frau steht auf der Bühne. Zwei Männer kommen dazu, einer scheint eine Konfrontation zu suchen, der andere geht ihr aus dem Weg. Stumme Schreie, in ihrer Intensität fast nicht auszuhalten. Es kommt dann doch noch zu einer ersten zarten Berührung der beiden Männer. Dann setzt die Altistin mit Mahlers Musik und Nietzsches Text ein: „O Mensch! Gib acht!“, singt von Lust, die tiefer ist als Herzeleid, von Ewigkeit. Man kann nur erahnen und subjektiv spekulieren, was der Grund dieser immensen Trauer und dieses Unvermögens zur Kommunikation zwischen den drei Menschen sein könnte.

Doch dann singen im fünften Satz die Kinderstimmen von Engeln, Vergebung und himmlischen Freuden und dem Mann erscheint tatsächlich ein solcher Engel in Gestalt einer jungen Frau (Silvia Azzoni) im engen roten Trikot und unbeschwertem Tanz. Die schwarzen Bahnen der Gänge heben sich, die Bühne wird hell und licht.

Das könnte ein Happyend sein, aber noch folgt das ungemein gefühlvolle Adagio, der sechste Satz, der bei Mahler und Neumeier „Was mir die Liebe erzählt“ heisst. Der Mann ist nun umgeben von ätherisch wirkenden Wesen in zartem Blau, welche sich mit einmalig schöner Anmut bewegen. Er ist übrigens immer mit nacktem Oberkörper und hautfarbenen Leggins zu sehen. Der „rote Engel“ ist wieder da, weckt den nachdenklichen Mann quasi auf, inspiriert ihn zu einem ergreifenden Pas de deux, der Tanz wird immer befreiter, ausgreifender. Viele Paare (sind es 25 oder mehr?) bevölkern nach und nach die Bühne, alle nun in warmem Rot, auch das ehemalige Geisterpaar. Ein beeindruckendes Bild und so ungemein passend auf die traurige und doch tröstliche Musik abgestimmt, ihre Wallungen und Aufschwünge perfekt in Bewegung umsetzend. Die Musik kehrt dann zur Ruhe zurück, fällt quasi in sich zusammen – und so verlassen die Paare die Bühne schnell. Alles ist vergänglich. Die Musik scheint zu verklingen, der Mann schreitet langsam nach hinten. Doch zum letzten Aufbäumen von Mahlers Musik in strahlendem D-Dur erscheint vorne am rechten Bühnenrand noch einmal sein Engel, geht langsam entlang der Rampe. Der Mann ganz hinten reckt seine Arme nach ihr, kann seine Beine jedoch nicht bewegen, bleibt immobil. Die Liebe ist eben immer nur ein göttliches Geschenk auf Zeit, ist in ihrer Komplexität nicht fassbar – und schon gar nicht garantiert. Man verlässt das Theater nach dieser pausenlos gespielten, gut zwei Stunden dauernden Aufführung tief bewegt.

Fotos (c) Kiran West

Kaspar Sannemann 3.2.2017

 

P.S. Die Musik kam übrigens ab Band, es wurde die Aufnahme unter Leonard Bernstein mit den New Yorker Philharmonikern gespielt. Mit Martha Lipton (Mezzosopran), dem Boy's Choir of the Little Church Around the Corner und dem Schola Cantorum Women's Chorus.

 

 

KATZE IVANKA

von Massimiliano Matesic
eine Kinder- und Familienoper

Vorstellung: 9. 11. 2016

In der Opera stabile, einer Nebenbühne der Staatsoper Hamburg, kam eine sehenswerte Produktion einer Kinder- und Familienoper zur Uraufführung: „Katze Ivanka“ von Massimiliano Matesic. Das Libretto stammt von Vera Nemirova, die auch Regie führte.

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Die junge Sopranistin Narea Son brillierte als Katze Ivanka

Die Handlung der knapp zweistündigen Oper in Kurzfassung: Die Katze Ivanka ist der heimliche Star des Opernhauses, ist sie doch musikalisch begabt und ziemlich frech. Während gewöhnliche Katzen Mäuse jagen, durch die Gassen streunen oder sich in der Sonne räkeln, ist Ivankas Revier die Bühne. Dirigenten und Regisseure liegen ihr zu Füßen, die Primadonna jedoch platzt vor Eifersucht. Wenn in der Nacht alles ruht, lockt Ivanka mit der Ballettratte kleine Mäuse aus ihren Löchern und erobern gemeinsam das Opernhaus. Als die Primadonna vom Operndirektor fordert, die Katze fortzuschaffen, übergibt ihr Herrchen Falana Ivanka einem Eisenbahner, der Ivanka auf einen Bauernhof bringen soll. Doch am Zielbahnhof ist die Katze verschwunden. Sie geht auf den Gleisen den langen Weg zurück und kommt völlig erschöpft und abgemagert in die Oper, wo sie mit einem kaum hörbaren „Miau“ zusammenbricht. Alle Künstler – auch die Primadonna – stimmen ein Loblied auf Ivanka an. Wie gut, dass eine Katze sieben Leben hat…

Ein Zitat der Librettistin und Regisseurin Vera Nemirova aus einem im Programmheft veröffentlichten Interview: „Wie die verschiedenen Figuren mit Ivanka umgehen, erzählt viel mehr über die Menschen und ihre Umgebung als über die Katze selbst. Die Katze wird zur Allegorie.“

 Massimiliano Matesic, geboren 1969 in Florenz, nahm mit 14 Jahren am Konservatorium seiner Geburtsstadt sein Kompositionsstudium bei Gaetano Luporini auf und setzte es bei Salvatore Sciarrino fort. Einige Jahre konzentrierte er sich aufs Dirigieren. Seine Tonsprache in der Kammermusik und in seinen symphonischen Werken ist eng mit der europäischen Tradition des frühen 20. Jahrhunderts verbunden. In seine dreiaktige Oper „Katze Ivanka“, die in einem spätromantischen Stil komponiert ist, baute er Zitate aus La Bohème, Lakmé und Eugen Onegin ein.

In der Titelrolle brillierte die junge südkoreanische Sopranistin Narea Son sowohl stimmlich wie schauspielerisch. Sie bewältigte nicht nur ihre anspruchsvolle Partie als Sängerin hervorragend, sondern man bekam auch das Gefühl, als wäre sie ins das Fell eines Kätzchens geschlüpft, so wunderbar spielte sie ihre Rolle. Sie kroch schnurrend auf allen vieren, hüpfte hurtig in den Kulissen umher und schmuste süß mit ihrem Lieblingskater. Eine Meisterleistung!

Nicht minder köstlich die deutsche Sopranistin Gabriele Rossmanith in der Rolle der Primadonna, die – von der Katze genervt – den Operndirektor so lange traktiert, bis er aus Verzweiflung nachgibt und Ivanka aus dem Haus entfernen lässt. Den Operndirektor spielte der rumänische Bass Marcel Rosca sehr komödiantisch, wie überhaupt der Humor die tragende Säule der Inszenierung war.

Falana, der Besitzer der Katze, wurde vom amerikanischen Bariton Julian Arsenault dargestellt, der auch einen Hund zu spielen hatte. Die drei Kater, die alle in Katze Ivanka verliebt waren und ihr sogar Mäuse brachten, wurden vom kanadischen Countertenor Michael Taylor, vom russischen Tenor Sergei Ababkin und vom Schweizer Tenor Sascha Emanuel Kramer – er hatte auch den Regisseur und den Eisenbahner zu spielen – auf recht humorvolle Art und Weise dargestellt. Dazu tummelten sich noch einige kleine Darsteller als Mäuse und Kinder auf der Bühne der Opera stabile.

Das Orchester – elf Musiker aus dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg – wurde von Johannes Harneit geleitet, der die Kinder im Publikum zu Beginn auf nette Art auf die Vorstellung einstimmte, indem er sie zu „Miau“- Rufen in verschiedenen Tonstufen und Lautstärken aufforderte.

In dieser Vorstellung waren einige von Lehrerinnen begleitete Schulklassen, die anfangs begeisterte Zuschauer waren, aber nach der Pause großteils unruhig wurden und müde und überfordert wirkten. Für Kinder unter zehn Jahren scheint eine zweistündige Dauer trotz 15 Minuten Pause doch zu lang.

Am Schluss lang anhaltender Applaus des vor allem von der jungen Katzen-Darstellerin Narea Sonbegeisterten Publikums mit Jubelgeschrei der Kinder.

Udo Pacolt 15.11.16

Besonderer Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-Online (Wien)

Fotos (c) StOp Hamburg, Opera Stabile / Jörn Kipping

 

 

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