Berlin: „Oyayaye / Fortunios Lied“, Jacques Offenbach

Die schöne Tradition, kurz vor und kurz nach Weihnachten das Publikum an zwei Abenden mit einer halbszenisch aufgeführten Operette zu amüsieren, hat nach Barrie Kosky auch das neue Intendantenteam beibehalten, nur wird anstelle  einer Jazz-Operette nun Jacques Offenbach aufgeführt, und man munkelt, dass daraus in den nächsten Jahren ein ganzer Zyklus werden soll. Begonnen hat man am 18.12. mit dem allerfrühesten und einem weit späteren Werk des Deutschfranzosen, mit dem Einakter „Oyayaye“ und der ebenfalls sehr kurzen, aber weit jüngeren Operette „Fortunios Lied.“

(c) Barbara Braun

In „Oyayaye geht“ es um einen Bassgeiger, der wegen seiner musikalischen Patzer fliehen muss, auf einer Insel von Menschenfressern landet und nur durch ständige Unterhaltung der Eingeborenen sich davor bewahren kann, in ihrem Kessel zu landen.

„Fortunios Lied“ soll die Eigenschaften eines Aphrodisiakums haben, das aber, wie die Handlung zeigt, nicht immer funktioniert, so dass ein alternder Ehemann davor bewahrt wird, zum Hahnrei zu werden.

Es wurde ohne Pause ca. achtzig Minuten lang durchgespielt, man verknüpfte die beiden kurzen Werke durch einen Erzähler miteinander, der den Fortunio darstellt und der im ersten Stück eben dieses träumt, während er im zweiten zum Teil der Handlung wird. Dazu sitzt Schauspieler Burghart Klaußner seitlich an einem antiken Tischchen auf ebensolchem Opasessel und gibt dem Ganzen einen eher betulichen, anheimelnden Anstrich statt satirisch kalt Funkelndes zu vermitteln (Szenische Einrichtung Max Hopp). Hocherfreut nimmt man dabei zur Kenntnis, dass es durchaus noch Schauspieler mit einer beeindruckenden Sprechkultur gibt, die man in den letzten nun schon Jahrzehnten oft schmerzlich vermisste. Außer diesem sparsamen Mobiliar gibt es auf der vor dem Orchester aufgebauten Szene nur noch ein karges Bäumchen, auf dass sich Bassgeiger Schrubb-dich-wund immer wieder retten kann, wenn die Menschenfresserdamen, die man nicht etwa in Baströckchen, sondern aus Sorge um Cancel-Culture-Beschuldigungen in solche aus Papierfetzen (Kostüme  Kathrin Kath Bösel) gekleidet hat, ihm nach dem Leben trachten.  Requisiten finden vielfache phantasievolle Verwendung, so die Bassgeige, die auch als lebensrettender Kahn Einsatz findet.

(c) Barbara Braun

Ferdinand Keller singt und spielt den Kontrabassvirtuosen hoch sympathisch und singt ihn mit frischem, jungem, tragfähigem Tenor. Oyayaye, die Menschenfresserkönigin (Ist die Bezeichnung Königin der Menschenfressenden auf dem Besetzungszettel etwa auch eine Verbeugung vor der allgegenwärtigen Zensur?), wird von dem Altus Ferdinand Keller umwerfend komisch gespielt und atemberaubend virtuos durch die Oktaven eilend, ja preschend, gesungen. Das war wirklich ein Heidenspaß (Darf man das so nennen?), und man freute sich, dass der Sänger auch im zweiten Stück noch mit der Köchin eine wenn auch kleine Partie hatte. Martina Borroni war dafür verantwortlich, dass die Gefährtinnen der Königin sich anmutig bewegten.

Waren die Hauptrollen des ersten Stücks den Herren vorbehalten gewesen, so dominierten im Fortunios Lied die Damen in den Rollen der jungen Gattin Marie des Titelhelden, der Alma Sadé optische Anmut und vokal Kapriziöses verlieh, und als verliebter Sekretär Valentin gefiel Susan Zarrabi mit einem aparten Timbre, erotisch flirrender Mittellage und nur in der Höhe noch ausbaufähig. Auch die restliche, eigentlich durchweg männliche Belegschaft wurde von den Damen verkörpert, die bereits im ersten Teil Angenehmes geboten hatten.

Aber muss man sich an Miniports für ausgewachsene Opernsänger  in der Komischen Oper gewöhnen?

(c) Barbara Braun

Adrien Perruchon am Dirigentenpult konnte besonders in den Vorspielen Charme, Deftigkeit und Esprit der Musik Offenbachs gut zur Geltung bringen und verdient ein Extralob.  

Kann man Oper- und Fußballfreund zugleich sein? Es scheint so, denn wohl wegen des Endspiels um die Weltmeisterschaft war die Vorstellung schlecht besucht, kann das Stück hoffentlich nach Weihnachten mehr Besucher anziehen. Vorstellung und alle Mitwirkenden haben es verdient. Und vielleicht zeigt sich dann auch Regisseur Max Hopp nach der Vorstellung, weil er nicht am Tag danach eine anspruchsvolle Aufgabe als Darsteller hat.

Ingrid Wanja, 19. Dezember 2022 


„Oyayaye / Fortunios Lied“ Jacques Offenbach

Komische Oper Berlin

Besuchte Premiere: 18. Dezember 2022

Inszenierung: Max Hopp

Musikalische Leitung: Adrien Perruchon

Orchester der KO Berlin