Paris: „Salome“ Richard Strauss

Erste Neu-Inszenierung der Spielzeit 2022/23 programmatisch mit einer Dirigentin und einer Regisseurin – die nächsten folgen bald.

Salome (Elza van den Heever) nach dem „Schleiertanz“ mit John Daszak (Herodes) und Karita Mattila (Herodias)  © Agathe Poupeney / Opéra national de Paris  

Was macht man, wenn man kein Geld hat? – Man hat auffällige Ideen! So war es immer schon und in diese Trickkiste greift nun auch Alexander Neef, der die schwierige Aufgabe hat, die Pariser Oper aus den roten Zahlen und den Negativ-Schlagzeilen zu holen. Für große Projekte, so wie die Fortsetzung des „Bieto-Ringes“, an dem geprobt wurde als im März 2020 die Pandemie ausbrach, fehlen schlicht und ergreifend die Geldmittel. So besteht die jetzige Spielzeit hauptsächlich aus Wiederaufnahmen, immerhin mit beachtlichen 366 Vorstellungen (182 x Oper und 184 x Ballett). Statt früher 10 gibt es nur noch 6 Neu-Inszenierungen, doch davon wurden „die Hälfte an Regisseurinnen gegeben, wovon sogar zwei mit Dirigentinnen antreten werden“, so wie der Intendant es stolz bei der Präsentation der neuen Spielzeit 2022/23 im März verkündet hat (wir haben berichtet). Das sorgte für den Ausruf in den Medien: „Das gab es noch nie an der Pariser Oper!“ und wohlmeinendes Kopfnicken von den mächtigen MeToo-Damen, die nun das halbe Programmheft vollschreiben durften. Dabei entstanden neue Begriffe, die noch etwas gewöhnungsbedürftig für unsere Ohren klingen. Denn neben der „metteuse en scène“ Lydia Steier tritt nun die „cheffe d’orchestre“ Simone Young für „Salome“ an, bevor Deborah Warner und Joana Mallwitz im Januar folgen für „Peter Grimes“ und Valentina Carrasco im März „Nixon in China“ inszenieren wird, mit Gustavo Dudamel am Pult. Vielleicht wird auch so viel Wind um diese Damen gemacht, um davon abzulenken, dass „Nixon“ im März die einzige Opernpremiere sein wird, die der wenig präsente „Musikdirektor“ an „seinem Haus“ dirigieren wird und dass in der Direktionsetage auffällig viele Stühle zur Zeit nicht besetzt sind. So schmiss diesen Sommer u. a. die Ballettdirektorin Aurélie Dupont das Handtuch.

Elza van den Heever (Salome), John Daszak (Herodes) und Karita Mattila (Herodias) © Agathe Poupeney / Opéra national de Paris

Salome“ wurde an der Pariser Oper recht wenig gespielt. Denn die Pariser Erstaufführung fand 1907 am Châtelet statt, durch Richard Strauss persönlich dirigiert, der schon während der Komposition in seinem Briefwechsel mit Romain Rolland betonte, dass es für ihn eine „französische Oper“ sei. Und das Sujet ist absolut „Pariserisch“, wie Oscar Wilde meinte, als er das ursprüngliche Theaterstück für Sarah Bernhardt auf Französisch schrieb. Doch die Pariser wollen sich wahrscheinlich nicht allzu direkt auf der Bühne wiedererkennen und so blieben die wenigen Inszenierungen an der Pariser Oper auffällig abstrahierend und neutral (Wieland Wagner 1962, Jorge Lavelli 1985, André Engel 1993 und Lev Dodin 2003). Jetzt bietet die in Berlin lebende Lydia Steier mit ihrem Team genau das Gegenteil: krasse Aktualisierung im Stil des „deutschen Regietheaters“. Sex und Gewalt in einer „Orgie“, die anscheinend bei der Premiere noch viel krasser war als in der von mir besuchten vierten Vorstellung – wo alle Videoprojektionen nicht mehr funktionierten und einige Regieanweisungen, die negativ in den Premierenberichten kommentiert wurden (wie das Erschießen des Herodias) offensichtlich gestrichen waren. So geht es auch an anderen Häusern: der Vertrag eines Regisseurs endet am Abend der Premiere und ab dann übernimmt der „Abendspielleiter“ – soweit es dem Hauspublikum noch zumutbar ist. Zur Inszenierung lässt sich in diesen Bedingungen natürlich wenig sagen. Vielleicht gab es in den Videos interessante Momente? Kam vielleicht dort der im Libretto so wichtige Mond vor? Ich habe sie nicht vermisst, denn was ich auf der Bühne gesehen habe, war schon mehr als genug und wirkte recht banal. Wenigstens war in dieser großen „Orgie“ handwerklich noch Einiges in Ordnung: man verstand die Geschichte (die Intentionen des Regieteams) und das Bühnenbild war akustisch tauglich.

Eine weibliche Sicht auf Salome? – Das wäre eigentlich eine interessante Frage gewesen, denn man könnte vieles hinterfragen – sicher heute und als Frau. Kam wirklich „durch das Weib das Übel in die Welt“ und ist diese „Tochter Babylons, Tochter Sodoms“ wirklich das gewissenlose „Ungeheuer“ wie Herodes sagt? Oder ist sie nicht zugleich auch sein Opfer?
Lydia Steier und ihr Team haben sich sicher diese Frage gestellt (siehe Programmheft), sind aber bei der Beantwortung szenisch gescheitert, was vor allem an dem furchtbaren Kostüm der Salome liegt. Während alle erkennbar opulent gekleidet sind, erscheint Salome erstaunlich „männlich“ und „machtbewusst“ mit großen Stiefeln und Regenmantel – womit man dem Publikum alle Möglichkeiten nimmt, Sympathie für sie zu entwickeln. Ein großes Buh für den Kostümbildner: ich habe noch nie eine so hässliche Salome gesehen! An Buhs hat es bei der Premiere natürlich nicht gefehlt, auch ausnahmsweise für die Dirigentin – denn in Paris werden Regisseure, die Hässliches auf die Bühne bringen, prinzipiell ausgebuht – während man bei Dirigenten meist positiv bleibt.

Salome (Elza van den Heever) und Herodes (John Daszak) vor den 13 Sängern (unten) und 32 Statisten (oben) © Agathe Poupeney / Opéra national de Paris

Aus dem Dirigat von Simone Young bin auch ich nicht schlau geworden. Wenn man sie beobachtet, ist handwerklich alles in Ordnung. Doch wenn man die Augen schließt, hört man nicht, was sie dem Orchester vermitteln will. Woran es auch lag – anscheinend gab es letztes Jahr bei „Parsifal“ Spannungen zwischen Dirigentin und Orchester – die Noten wurden gespielt und der Rest fehlte völlig, vor allem bei den Bläsern. Dort entstand ein grauer „Einheitsbrei“, der alles übertönte – da habe ich das Orchestre de l’Opéra de Paris schon besser gehört, auch in „Salome“! Bei der Sängerbesetzung erst einmal ein Lob an die neue Casting-Direktorin: meine Kritik der letzten Spielzeit scheint umgesetzt worden zu sein und alle Sänger wurden dem großen Saal der Bastille gerecht. Es gab interessante Rollendebuts und besonders freuten mich die vielen jungen Sänger, auch von dem Atelier Lyrique der Pariser Oper.

[In der Reihenfolge von Richard Strauss:] John Daszak war ein toller Herodes – eine Rolle, die er schon seit vielen Jahren an vielen Häusern singt. Man hörte ihm dies in jeder Note an und er war stilistisch für mich der beste Sänger des Abends. Karita Mattila zeigte sich souverän: vor 20 Jahren war sie noch eine sinnlich-tanzende Salome auf dieser gleichen Bühne und nun musste sie als die meist vulgäre Herodias antreten, die ich je gesehen habe. Sie kokste und vögelte als abgeknutschte Puffmutter höchst professionell, aber stimmlich fielen ihr dabei die Register auseinander. Elza van den Heever gab ein überzeugendes Rollendebut als Salome und wurde zu Recht als Star des Abends gefeiert (sie lebt in Frankreich und ist hier schon recht bekannt). Iain Paterson blieb als Jochanaan etwas in ihrem Schatten, was aber auch an dem Bühnenbild und dem wenig differenzierten Orchester lag (warum hat man ihn in seinen Kellerszenen nicht verstärkt?). Bei den 13 Comprimari stachen vier hervor: Katharina Magiera als herausragender Page der Herodias (sie beherrschte stimmlich die ganze erste Szene), dazu Luke Stoker als Erster Nazarener, Yiorgos Ioannou als Zweiter Nazarener und Alejandro Balinas Vieites als Cappadocier. Die beiden Letzteren sind Mitglieder des wieder aktiven Atelier Lyrique und sie werden eines Tages erzählen können, dass bei ihren allerersten Schritten auf der Bühne der Pariser Oper ein Hype entstand, weil eine Frau inszenierte und eine andere gleichzeitig dirigierte. Und dann werden sie darüber lachen können, denn aufregend war dies nun absolut nicht. Wir haben uns selten bei einer „Salome“ so gelangweilt und sind gespannt auf die Reaktionen in Baden-Baden, wo das gleiche Team an Ostern 2023 „Die Frau ohne Schatten“ inszenieren wird.

Waldemar Kamer, 25.10.2022


Richard Strauss – Salome / Premiere am 12.10.2022 Opéra Bastille, Paris

Inszenierung: Lydia Steier

Musikalische Leitung: Simone Young

Orchestre de l’Opéra de Paris

Interview Simone Young and Lydia Steier about Salome