Lüttich: „Alzira“, Giuseppe Verdi (1. Besprechung)

Lieber Opernfreund-Freund,

zu Verdis unbekanntesten und am seltensten aufgeführten Opern gehört die 1845 uraufgeführte Alzira. Sie erzählt vordergründig die Geschichte der peruanischen Prinzessin Alzira, die den Gouverneurssohn Gusmano heiraten soll. Sie verspricht sich ihm, wenn er ihren eingekerkerten Geliebten, den Inkahäuptling Zamoro, begnadigt. Der aber kann fliehen und sticht seinen Rivalen während der Hochzeitszeremonie nieder. Der Sterbende verzeiht seinem Mörder und vereint die beiden Liebenden.

(c) J. Berger – ORW Liège

Dass Alzira während Verdis so genannter Galeerenjahre entstanden ist, in der der Meister aus Busseto alle paar Monate eine Oper herausbrachte, hört man dem Werk an. Die musikalische Raffinesse der nur gut eineinhalb Stunden dauernden Oper bleibt weiter hinter den ideenreichen Melodien späterer Werke zurück. Schon die Ouvertüre hört sich wie ein paar zusammen geklebte Versatzstücke an und auch der Rest von Alzira komt musikalisch nicht wirklich in Fluss. Allenfalls der Titelfigur schreibt Verdi ein paar originelle Melodien, die restlichen Partien bleiben auch musikalisch sehr holzschnittartig skizziert. Das mag auch dem eher schwachen Libretto geschuldet sein, das Salvatore Cammarano nach einer Vorlage von Voltaire verfasst hat und auch die Story lässt sich am ehesten mit „Sopran liebt Tenor, aber Bariton hat was dagegen“ zusammenfassen.

(c) J. Berger – ORW Liège

Dennoch kommt es nicht von ungefähr, dass die in Lüttich gezeigte Produktion zusammen mit dem Opernhaus in Bilbao und dem peruanischen Kulturministerium entstanden ist (in Lima wurde die Inszenierung bereits vor ein paar Jahren gezeigt). Alzira ist nämlich nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern erzählt auch von der Europäisierung Amerikas, vom Kampf der Kulturen und von der Anerkennung, um die die peruanischen Ureinwohner bis heute kämpfen. Deshalb belässt es Regisseur Jean Pierre Gamarra bei einem traditionellen Erzählstil, spielt aber nach dem Prolog eine Interviewpassage vom Beginn der 2000er Jahre ein, die zeigt, dass dieser Prozess noch immer andauert. Als Reminiszenz an die peruanischen Ureinwohner ist sicher auch der Bühnenaufbau von Lorenzo Albani zu verstehen. An die schilfbewachsenen schwimmenden Inseln der Urus, einer indigenen Gruppe der peruanischen Ureinwohner, erinnert die Szenerie während der ersten Hälfte des Abends, Kettenvorhänge, die das Bühnenbild begrenzen, symbolisieren die Unterdrückung. Und doch belässt es Gamarra bei dieser vordergründigen Symbolik. Die Inszenierung verkommt ansonsten zum Herum-Stehtheater auf sandigem Untergrund. Auf der kleinen Fläche kann sich aber auch einfach keine Aktion entwickeln – und auch nach der Pause ist kaum Bewegung zu erkennen; Chor und Solisten bleiben statisch und müssen sich mit allzu opernhaften Gesten begnügen.

(c) J. Berger – ORW Liège

Musikalisch holt Giampaolo Bisanti im Graben alles aus Verdis Partitur heraus, was in ihr steckt, überrascht mit zahlreichen Dynamik- und Tempiwechseln und verströmt immer wieder verdi‘schen Glanz, der in der Alzira immer auch ein wenig nach Belcanto klingt. Luciani Ganci ist ein Verdi-Tenor, wie er im Buche steht, schleudert dem Publikum die zahlreichen Spitzentöne im Dauerforte effektvoll entgegen. Eine dynamische Differenzerung sieht Verdi für den Zamoro auch gar nicht erst vor. Die bleibt der Alzira vorbehalten, die die Italienerin Francesca Dotto leidenschaftlich und facettenreich mit kräftigem Sopran verkörpert. Gegen so viel vokale Power hat der Bariton von Giovanni Meoni keine Chance. Blass tönt sein Gusmano ins Opernrund, selbst die zu Herzen gehende Schlussarie bleibt emotionslos und spröde. Da gefällt mir der Otumbo von Zeno Popescu viel besser, dessen Tenor vor Farben nur so sprüht. Ataliba und Alvaro, die widerstreitenden Väter von Alzira und Gusmano werden von Roger Joakim und Luca Dall’Amico mit eindrucksvollen Basstimmen über den Graben geschickt und auch der von Denis Segond betreute Chor lässt keine Wünsche offen, auch wenn sein Part im Vergleich zu anderen Verdiopern vergleichsweise klein ist.

Ihr Jochen Rüth, 30. November 2022


„Alzira“ Giuseppe Verdi

Premiere: 25. November 2022, besuchte Vorstellung: 29. November 2022

Opèra Royale de Walonie

Inszenierung: Jean Pierre Gamarra

Musikalische Leitung: Giampaolo Bisanti

Orchestre ORWL

Produktionsvideo