Lüttich: „La Sonnambula“, Vincenzo Bellini

Lieber Opernfreund-Freund,

im belgischen Lüttich ist derzeit eine ganz besondere Inszenierung von Vincenzo Bellinis Belcanto-Perle La Sonnambula zu erleben. Dabei ergänzt die Choreographin Michèle Anna De Mey die Erzählung mit Hilfe von neun Tänzern um eine zusätzliche Dimension.

(c) J. Berger – ORW Liège

Ein Bühnenbild im klassischen Sinne gibt es nicht am gestrigen Abend. Stattdessen wird die Lütticher Bühne beherrscht von einem großen bespielbaren Quadrat, das Tanz- und Projektionsfläche zugleich ist und zudem als Trampolin fungieren kann. Dort erschaffen Jaco Van Dormael und Michèle Anne De Mey mit Hilfe von neun hervorragenden Tänzern und den exzellenten Videos von Giacinto Caponio die Kulisse zur Inszenierung; dabei ist jedem Protagonisten mindestens ein Tänzer zugeordnet, der auf dem beschriebenen Quadrat die Figur spiegelt, die Handlung darstellt, aber auch deren Fantasien, Ängste und Träume in teils akrobatischer Choreografie visualisiert. Diese zweite und durch einen überdimensionalen Spiegel teilweise auch dritte Dimension tun dem Stück über weite Strecken gut, ergänzen den durchaus von Längen durchzogenen Plot und entwickeln ihren eigenen Reiz. Der Aufbau hat aber auch zwei Nachteile: zum einen beschränkt sich dadurch der Aktionsradius der Sänger auf einen gut zwei Meter breiten Streifen am vorderen Bühnenrand. Da ist nur für wenig mehr Platz als für opernhafte Gesten und Rampengesang. Außerdem läuft sich die Faszination dieses neuen Erlebnisses im Laufe des Abends tot, wirkt das Trampolingehüpfe bisweilen beliebig, ja störend und konkurriert mit dem Gesang. Wer sich aber auf das Setting einlässt, wer nicht die Sänger im eigenen Focus haben muss, der erlebt eine Symbiose der verschiedenen Künste – Tanz, Musik und Gesang – als Gesamtkunstwerk.

(c) J. Berger – ORW Liège

Dass dieses sich ganz entfaltet, ist vor allem den himmlischen Höhenpiani von Jessica Pratt in der Titelpartie zu verdanken. Die Australierin zelebriert dazu halsbrecherische Koloraturen, die scheinbar so mühelos aus ihr herausströmen. Was für ein Belcanto-Erlebnis! Ihr geliebter Elvino wird von René Barbera mit feinem, lyrischem Tenor voller Schmelz und eindrucksvollen Spitzentönen präsentiert. Marina Monzó überzeugt mich als Aminas Gegenspielerin Lisa mit anbetungswürdiger Geläufigkeit bis in die glänzendsten Höhen hinauf. Im tiefen Register dagegen läuft der großartige Marko Mimica als Rodolfo mit kraftstrotzendem Bariton voller Wärme zu Höchstform auf, erklärt dem verdutzen Elvino, dass Amina ihn gar nicht betrogen hat, sondern als Schlafwandlerin so unvermittelt wie unfreiwillig in seinem Bett gelandet ist.

(c) J. Berger – ORW Liège

Der von Denis Segond gewohnt präzise vorbereitete Chor wird, wenn auch von der Regie an den Seiten postiert, gestern Abend vom Kulissengeber zum Hauptakteur und überzeugt auf ganzer Linie. Gleiches gilt für Giampaolo Brisanti, der Bellinis melodienreiche Partitur im Graben temporeich und farbig präsentiert. Das Publikum im ausverkauften Haus ist am Ende zu Recht aus dem Häuschen, ist fasziniert vom Regieansatz und beeindruckt von der sängerischen Weltklasse. Kein Wunder, dass da für die beiden verbliebenen Aufführungen längst kein Ticket mehr zu bekommen ist. Aber am kommenden Samstag haben Sie, lieber Opernfreund-Freund, die Gelegenheit, die letztes Aufführung der Serie als livestream auf medici.tv zu verfolgen. Ich wünsche Ihnen dabei viel Vergnügen!

Ihr Jochen Rüth, 26. Januar 2023


„La Sonnambula“

Vincenzo Bellini

Opéra Royal de Wallonie-Liège

Premiere: 20. Januar 2023

besuchte Vorstellung: 24. Januar 2023

Inszenierung: Jaco Van Dormael & Michèle Anna de Mey

Choreografie: Michèle Anna De Mey

Bühne: Vincent Lemaire

Kostüme: Fernand Ruiz

Video: Giacinto Caponio

Choreinstudierung: Denis Segond

Musikalische Leitung: Giampaolo Bisanti

Orchestre Opéra Royal de Wallonie-Liège

Weitere Vorstellungen: 26. und 28. Januar 2023



Copyright auf alle Bilder: J. Berger – ORW Liège