Bayreuth: „Orgelkonzert“ zum Max-Reger-Jubiläum

Das erste Mal habe ich ihn vor 20 Jahren gehört: in einem Konzert in St. Hedwig, auf deren Turm ich fast jeden Morgen schaue. Abschlusskonzert zweier Orgelklassen der Hochschule für evangelische Kirchenmusik. Der damalige Lehrer, Hartmut Leuschner-Rostoski, ist auch heute, in der Stadtkirche dabei, wenn Jens Korndörfer ein Solo-Programm spielt. Inzwischen ist der einstige Absolvent der Bayreuther Schule Professor an der Baylor University in Texas, davor war er „Director of Worship and the Arts and Organist“ an der First Presbyterian Church in Atlanta, auch Lehrer an der Georgia State University. Er kennt sich also, künstlerisch und technisch-handwerklich, mit Orgeln exzellent aus; schon 2003 konnte man bemerken, dass er hochtalentiert war, bevor er richtig gut wurde.

(c) Hochschule für ev. Kirchenmusik

Der Beginn des Konzerts „zum Max-Reger-Jubiläumsjahr“ markiert schon die Königsklasse der Interpretation. Mit dem op. 27 des Meisters, einer monumentalen Choralfantasie über den protestantischen Choral aller protestantischen Choräle, also über „Ein feste Burg ist unser Gott“ op. 27 – ein Opus, für dessen Erläuterung der Bayreuther Viktor Lukas in seinem kardinalen Orgelführer nicht weniger als 1,5 Erläuterungsseiten benötigt –, beweist der Interpret schon seinen Rang: indem er interpretiert. Korndörfer kommt nicht allein bei der Vertonung „Und wenn die Welt voll Teufel wär“ mit der Neunstimmigkeit des 3. Verses (einem „wahren Hexenkessel an Stimmen“, wie Reger schreibt), sondern nuanciert dort im pianissimo, wo es im Kontrast zum dreifachen Forte aus der Fantasie ein Ganzes macht; nicht jeder Organist spielt das sooo leise und anheimelnd: wie aus weiter Ferne. Korndörfer kann, man hört’s, instrumentieren, d.h. registrieren; die beiden Orgeln der Stadtkirche, die Magdalenen Orgel und das große Instrument, klingen auch wunderbar zusammen. Dass die Akustik der Stadtkirche mit ihren über drei Sekunden Nachhall nicht alles mitmacht, was in den schnellen Passagen und im harmonisch grundierten Linienspiel, zumal von Reger, angelegt wurde, steht auf einem anderen Blatt. Der Organist tut, was er kann – es ist gewaltig viel, oder anders: Mehr geht nicht.

Ein ganzes Konzert hat ja aus (sinnvollen) Kontrasten zu bestehen. Also folgt auf den initialen Reger ein Buxtehude – aber ein Buxtehude aus den Händen Karl Straubes, des großen Förderers und Freundes Max Regers. Was einst „Frühbarock“ hieß, erklang bei Straube (und Korndörfer) als neuromantische Raummusik ganz eigener Prägung, die das Original vergessen lässt: vom gewaltigen Crescendo des Beginns zum im Dämmerlicht verklingenden Finale. „Schee“, sagt der Professor hinter mir; man kann’s nicht besser sagen. „Hoffentlich finden“, schrieb der Jüngere am 12. Januar 1900 aus Weiden an Joseph Rheinberger, „die von Herrn Forberg Ihnen gesandten Orgelwerke op. 27 und 29 Ihren Beifall“. Reger hat Rheinberger sein op. 46 gewidmet, Korndörfer spielt Rheinbergers Introduktion und Passacaglia – eine gewaltige, quasi regereske Passacaglia aus der 1882 entstandenen 8. Sonate. Was fehlt, sind noch Wagner und Bach; beide erklingen, natürlich, in Bearbeitungen Franz Liszts: der Pilgerchor aus dem „Tannhäuser“ S. 676 und Einleitung und Fuge aus der Motette „Ich hatte viel Bekümmernis“ S. 660: zwei Werke aus demselben Jahr, die gleichermaßen persönliche Züge Liszts, also kompositorische Eingriffe aufweisen. Gut so! Denn das Empfinden der Liszt- und Reger-Zeit war, soweit es die Interpretation historischer und selbst zeitgenössischer Werke betraf, weit vom Buchstabenglauben entfernt, den heutige Interpreten für sich in Anspruch nehmen dürfen: so wie Korndörfer, der sein Konzert mit dem zweiten und dritten Satz aus Regers 2. Sonate op. 60 krönt. Noch einmal erklingen die typisch regerschen chromatischen Schärfen, noch einmal werden die Orgeln glänzend disponiert, werden im „egalen“ Spiel die Konvulsionen der „Invokation“ gegenüber dem vierfachen (!) piano „sehr bewegt“ und schließlich „quasi vivacissimo“, und wieder auch neunstimmig, zum Ausbruch gebracht. Die Hand- und Fußarbeit ist perfekt. Wäre Orgelspielen eine olympische Disziplin, müsste der Organist auf dem Siegerpodest stehen.

Langer, starker Beifall für einen hervorragenden, in der Tat: „hochtalentierten“ Organisten und ein spannungsvolles und reiches Programm, das zuallerletzt mit einem ganz anderen Stück beendet wird: dem Finale aus Alexandre Guilmants 1. Orgelsonate von 1874, eine Toccata von reinstem französischem Geist, voller motorisch beseelter clarté. Noch einmal: Starker Beifall für einen kurzweiligen, schon dramaturgisch überlegten Abend.

Frank Piontek, 24. November 2023


Orgelkonzert
zum Max-Reger-Jubiläumsjahr
Stadtkirche, 21. November 2023
Bayreuth

Jens Korndörfer, Orgel
Hochschule für evangelische Kirchenmusik