Dresden: „Die Zauberflöte“ mit Zusatzangeboten für Sehbehinderte

(c) Ludwig Olah

Noch ermöglichen mir eine ordentlich zugemessene Brille und gute aufwendige Hörgeräte genussvolle Opernbesuche. Aber das fortgeschrittene Lebensalter bringt bereits deutliche Verluste der kognitiven Fähigkeiten und lässt zunehmend weitere Einschränkungen erwarten.

Mithin war ich angetan, dass die Semperoper für ausgewählte Vorstellungen künftig audiodiskreptielle Unterstützungen mit einer haptischen Vorbereitung für Erblindete und von Seheinschränkungen Betroffene als „Barriere armen Opernbesuch“ anbietet. Deshalb habe ich die Gelegenheit der ersten diesbezüglichen Veranstaltung, einer Aufführung der erfolgreichen KöpplingerInszenierung von Mozarts „ Die Zauberflöte“ am 11. November 2023 genutzt, um mir einen Eindruck von den angebotenen Zusatzleistungen zu verschaffen.

Bekanntlich bedeutet für Menschen eine Erblindung oder eine nichtkorrigierbare Sehverschlechterung eine massive Beeinträchtigung ihrer Lebensumstände, denn für das fehlende Sehvermögen gibt es keinen vollwertigen Ersatz. Die eingeschränkte Wahrnehmungsvirtualität lässt sich jedoch durch unterschiedliche Möglichkeiten bis zu einem gewissen Grade kompensieren, um die Raumwahrnehmungen zu realisieren und Orientierungs- sowie Handlungsfähigkeiten zu erreichen. Insbesondere akustische und haptische Wahrnehmungen können eine außerordentliche Bedeutung für die Ausweitung der Möglichkeiten Betroffener erhalten. Das von der Semperoper angebotene System nutzte in zwei Abschnitten den Tastsinn mit zusätzlichen Informationen und eine das Bühnengeschehen erläuternde Textzuspielung während der Vorstellung, um Sehbehinderten ein möglichst umfassendes Opernerlebnis zu verschaffen. Zwei Stunden vor Beginn der Opernaufführung trafen sich die Teilnehmer der „audiodeskriptionellen Veranstaltung“ auf der grössten Probebühne des Hauses zu einer Einführung in das System, sowie zu Erläuterungen zum Haus, zum Werk Mozarts und zur Zauberflöten-Inszenierung von Josef E. Köpplingers durch den Chefdramaturgen Johann Casimir Eule.

(c) Ludwig Olah

Dort standen auch Requisiten der kommenden Vorstellung sowie Kostüme und, Perücken bereit, so dass durch Berührungen erste Aspekte des Bühnengeschehens erkundet werden konnten. Weitere Mitarbeiterinnen des Hauses halfen, Barrieren rasch zu überwinden, so dass der Technische Direktor der Semperoper Jan Seeger eine aufgeschlossene Gruppe auf die für die von der Nachmittagsvorstellung auf unsere Aufführung vorbereitete Hauptbühne führen konnte.

Dort konnte Seeger die bereitgestellten Fahrzeuge der drei Knaben, die Tierfiguren, die Steinhäger-Flaschen sowie die beiden gewaltigen Gestalten bezüglich ihrer Funktion als auch ihres Aufbaus vorstellen und zum Betasten anbieten. Aufschlussreich waren auch seine Erklärungen, wie die Mannschaft des „Lichtchefs“ Fabio Antoci die Flimmer- und Leuchteffekte am Bühnenaufbau sowie den Kostümen der Agierenden erzeugt, wie zum Beispiel auf der Bühne eine Blumenwiese entstehen konnte. Eigentlich zufällig konnte die Gruppe noch die Sicherheitsabnahme der Dresdner Feuerwehr mit der Funktionsprüfung des „Eisernen Vorhangs“ miterleben, bevor sie die Zuspielgeräte in Empfang nehmen und im Publikum zur Aufführung untertauchen konnte.

Wolfgang Amadeus Mozarts bekannteste Oper „Die Zauberflöte“ wird oft als eine Mischung von Opera Seria, Opera Buffa und Singspiel abqualifiziert. Tatsächlich hatte der Librettist und Theaterpraktiker Emanuel Schikaneder (1751-1812) dem Komponisten mehr als eine grobe Mischung aus Zaubermärchen, Maschinentheater sowie volkstümlicher Komödie, die er mit den Mysterien der Freimaurer anreicherte, vorgegeben. Der Theaterdirektor Schikaneder bat das befreundete Musikgenie Mozart vor allem um die Komposition eines erfolgversprechenden Beitrags für die finanzielle Sanierung seines „Vorstadttheater auf der Wieden“. Schikaneder schlug dem Freund vor, den Märchen der Sammlung des Christoph Martin Wieland (1733-1813) „Dschinnistan“ zu folgen. Ausgewählt wurde das Werk „Lulu oder Die Zauberflöte“ des Wieland-Schwiegersohns August Jacob Liebeskind (1758-1793). Verwoben wurde diese Vorlage mit Motiven der gleichfalls in der Sammlung enthaltenen Märchen von Friedrich Hildebrand von Einsiedel (1750-1828) „Das Labyrinth“ und „Die klugen Knaben“ sowie mit weiteren zeitgenössischen Werken unter anderem von Matthias Claudius (1740-1815). Mit den literarischen Vorlagen waren der „Zauberflöte“ bereits sozialethische Grundsätze von Schönheit, Weisheit und Stärke vorgegeben. Als „Freimaurer“ kombinierten die Schöpfer des Werkes deren Gedanken der Einheit von Humanität, Liebe, Bildung und Pathos. Des Weiteren sind Anklänge der Bewegung des fiktiven Christian Rosencreutzer, der mit einer kontinuierlichen Reformierung von Wissenschaft, Ethik und Glaube der Entfremdung zwischen Wissenschaft und christlicher Kultur vorbeugen wollte, in das Libretto eingeflossen. In den Text sind leider auch Aspekte von Frauenfeindlichkeit und Rassismus eingegangen.

(c) Ludwig Olah

In seiner Inszenierung übertrug Josef E. Köpplinger der jungen Generation, diese massiven Vorgaben mit ihrer Sicht auf die Entwicklung der Hauptfiguren zu reflektieren. Der jugendliche Tamino gerät in die „Wildnis des Lebens“, verstrickt sich, gerät in die Gefahren einer Schlange, der drei Damen der Königin der Nacht und wehrt sich.

Das Folgende geschieht in seiner Fantasie: auf der Bühne ist immer etwas los. Köpplinger gelingt dank seine Einfälle und der glänzenden Personenführung ein abwechslungsreiches Spektakel. Es wechseln Anleihen bei den Symbolisten mit mystischen Aspekten. Nicht alles ist neu, wäre auch bei der Fülle von Inszenierungen der Oper verwunderlich, ist aber immer gekonnt, unterhaltsam und logisch in das Bühnengeschehen eingebaut. Die schlüssige Entwicklung der Tamina vom aufmüpfigen Teenager zur Tamino-Gefährtin und des Tamino vom naiven, von der Königin manipulierten Knaben zum Kandidaten der Sarastro-Nachfolge war schlüssig eingebunden. Logisch, dass sich am Schluss das Paar nicht in die frauenfeindliche starre Männergesellschaft einbinden lässt und fröhlich in eine selbstgestaltete Zukunft abgeht. Ohne erhobenen Zeigefinger postulierte Köpplinger unsere modernen Auffassungen zum Verhältnis der menschlichen Gesellschaft zur Natur, schon weil diese Gedanken im Libretto Schikaneders angelegt sind. Das alles passiert auf einer recht kargen Bühne von Walter Vogelweider, die durch dessen Videos, den packenden Lichtinstallationen Fabio Antocis und den bereits erläuterten Assessors ordentlich Leben erhielt.

Musiziert und gesungen wurde auf hohem und höchstem Niveau. Mit seiner musikalischen Leitung gelang es Johannes Fritzsch der Mozart-Komposition eine besondere Intensität abzugewinnen. Sein faszinierender Ansatz war kraftvoll und dynamisch, die Tempi ausgewogen, ohne in sterilen Perfektionismus zu verfallen. Sein hervorragend gutes Verhältnis zu der hervorragenden Musiker-Besetzung der Staatskapelle blieb deutlich spürbar. Auch standen Fritzsch überwiegend großartige Sängerinnen und Sänger zur Verfügung, die er auf das Vollkommenste einzubinden verstand. Dem Sarastro gab Dimitry Ivashchenko Kraft seiner wundervollen Bassstimme Prägnanz und milde Autorität, aber auch Statik. Dem stand Kathryn Lewek in der dem Sarastro ambivalenten Rolle der Königin der Nacht gegenüber. Sie brillierte mit einem hell strahlenden Sopran und sicherer differenzierter Gestaltung der Partie, während das Paar Pamina und Tamino mit jugendlicher Frische aufwartete. Die seit 2020 im Hausensemble engagierte Nikola Hillebrand kam mit der Pamina sowohl im Gesang, als auch der Darstellung mit ihrer Natürlichkeit als rebellierender Teenager und andererseits mit ergreifender menschlicher Tiefe hervorragend zurecht.

(c) Ludwig Olah

Dem Tamino hatte die Regie den größten Spannungsbogen der Entwicklung vom Knaben zum würdigen Beinah-Nachfolger des Sarasto zugeordnet. Der amerikanische Tenor Joseph Dennis aus dem Hausensemble überzeugte mit positiver rustikaler Ausstrahlung.

Das Buffo-Paar Papagena und Papageno war den Ensemblemitgliedern Katerina von Bennigsen und Ilya Silchuk anvertraut worden. Dem komödiantischen Talent der Sopranistin blieben vor allem die Szenen mit dem „alten Weib“ und das Pa-Pa-pa-Duett, während Ilya Silchuk seinem „Affen ordentlich Zucker“ geben konnte. Auch mit seinem Gesang wusste er zu begeistern.

Ein besonders widerwärtiges Trio, aber mit hervorragender Gesangskultur, boten die Sopranistinnen Camila Ribero-Souza und Dominika Skrabalova sowie die Mezzosopranistin Michal Doron als die Damen der Königin. Archaisch hingegen die Beiträge der Geharnischten von Jürgen Müller und Matthias Henneberg. Statisch wie von der Regie angelegt, kamen die Priester Gerrit Illenberger und Aaron Pegram mit beeindruckenden Stimmen über die Bühne. Timothy Olivers Monostatus und Lawson Andersons Texte ergänzten ebenso gekonnt, wie die drei routinierten Knabensoprane Valentin Seifert, Kai Hoffmann und Benno Steigmann vom heimischen Kreuzchor in die Handlung eingreifen konnten. Dazu ergänzte der von Jonathan Becker vorbereitete Chor.

Mit der begeistert aufgenommenen 53. Aufführung seit der Premiere vom1. November 2020 der Inszenierung von Josef E Köpplinger sicherte das an den Erfordernissen der Besucher der Stadt orientierte Repertoire der Semperoper ihr prachtvolles Standbein.

Bleibt noch der Eindruck der eingesprochenen Texte auf die eigentlichen Zielpersonen: das Zuspielen der Erläuterungen zum Bühnenbild und dem Agieren der Protagonisten erfolgte über funkgesteuerte Sennheiser Taschenempfänger mit leichten Ein-Ohr-Cliphörern mit Ohrpolstern. Die über die Geräte eingespielten Texte sind von einer erblindeten sowie zweier sehenden Person verfasst worden und waren von ausgezeichneter Verständlichkeit. Ihre Schwierigkeit bestand vor allem, dass die Zusatzinformationen das Gehörte unterstützen sollten, aber die Musik nicht zerreden dürften. Mein Problem bestand in den Protesten meiner Sitznachbarn, weil das offene Clip-System die Sprache der gewählten Lautstärke in die empörte Nachbarschaft ausstrahlte. Mithin musste ich mein Vierkanal-Hörgeräte-System im rechten Ohr hochpowern und das linke Gerät entfernen. Aber als begeisterter Anhänger von konzertanten und halbszenischen Opernaufführungen würde ich ohnehin eine reine musikalische Darbietung vorziehen. Deshalb habe ich mich der anschließenden „Manöverkritik“ entzogen. Da ich vom Erlebten total erschöpft war und mich meine liebe Frau per PKW aus dem Semperopern-Umfeld abholte, hätte das auch wenig Sinn gemacht.

Fazit: Der Semperoper sei für ihre Initiative unbedingt zu danken, zumal auch mit der Vermischung von Musik mit Zusatzinformationen durchaus der vorherrschende Publikumsgeschmack getroffen ist. Die weitere Arbeit am technischen System könnte in Richtung geschlossener Kopfhörer und ggf. einer Zumischung der Live-Musik erfolgen.

Thomas Thielemann, 13. November 2023


Die Zauberflöte
Wolfgang Amadeus Mozart

Semperoper Dresden

11. November 2023
53. Vorstellung (Premiere 1. November 2020)
mit Zusatzangeboten für Seh-Behinderte,

Musikalische Leitung: Johannes Frizsch
Sächsische Staatskapelle Dresden