Berlin: „Samson et Dalila“, Camille Saint-Saëns (2. Besprechung)

Stimmungsvoll beginnt die Aufführung von Saint-Saëns’ Samson et Dalila in der Inszenierung des argentinischen Filmregisseurs Damián Szifron. Nach der Premiere 2019 hinterlässt die aktuelle Wiederaufnahme-Serie sogar noch einen stärkeren Eindruck, denn einige seltsame Einfälle des Regisseurs waren eliminiert worden. Ètienne Pluss hatte für den 1. Akt in der Stadt Gaza vor dem Tempel des Dagon eine atmosphärische Kulisse mit felsiger Höhlenlandschaft in diffusem Licht (Olaf Freese) erdacht. Die grauen Gewänder der Hebräer (Gesine Völlm) inmitten dieser Szenerie ergaben eine monochrome Optik von hoher Ästhetik, einem Gemälde vergleichbar. Erfreut registriert man nach den vielen vermüllten Bühnen und dem ewigen Up-dating im aktuellen Regietheater eine historisch orientierte Ausstattung. Manches gerät freilich dennoch in die Nähe des Kitsches oder lässt an Hollywoods Schwerter- und Sandalenfilme denken, wenn sich im Hintergrund der Himmel rot färbt, Blitze zucken, Nebel wallt, Sternenhimmel und Vollmond sichtbar werden.

(c) Matthias Baus

Anerkennenswert ist, dass die in einer Grand opéra obligatorischen Ballettszenen in dieser Produktion nicht gestrichen sind, aber zur Danse des prêtresses de Dagon im 1. Akt ein Tanzpaar als Doubles von Samson und Dalila agieren zu lassen, während die Sänger der Titelpartien regungslos an der Rampe verharren, zeugt von wenig Geschmack (Choreografie: Tomasz Kajdanski). Die beiden Tänzer (Nikos Fragkou/Janna Schlender) zeigen in Kurzfassung das illusionäre Glück des Paares mit Liebe, Schwangerschaft und Geburt. Beim Bacchanale im 3. Akt wiegen sich barbusige Tänzerinnen in Trance, auch die Menge gerät zunehmend in wilde Ekstase. In einer Halle wird auf hohem Gerüst ein Mordopfer vollzogen, halbnackte Jünglinge führen ähnliche Gräueltaten aus. Überraschend erscheint Dalila prachtvoll gewandet wie Turandot, noch seltsamer ist der Einfall des Regisseurs, sie den Oberpriester ermorden zu lassen, was das Libretto nicht vorsieht. Am Ende steigt Samson auf das Gerüst und zerbricht die Säulen, wofür keine spektakuläre szenische Lösung gefunden wurde, während an der Rampe wieder die Doubles des Titelpaares auftauchen.

Sensationell war die musikalische Seite der Aufführung, denn für das Titelpaar waren zwei international renommierte Sängerpersönlichkeiten aufgeboten. Brian Jagde als Samson imponierte mit baritonal grundiertem, heldischem Tenor, der die strapaziöse Partie mit imponierender Souveränität bewältigte. Sogleich sein wuchtiger Auftritt mit„Arretez, o mes frères!“ war gezeichnet von absoluter Autorität. Die Spitzentöne am Ende von Dalilas „Mon coeur“  dürften in der heutigen Tenorszene singulär sein. Zu Beginn des letzten Aktes war er – geblendet, geschoren, gefesselt – auch zu schmerzlichen Leidenstönen fähig, was sein lyrisches Potential bewies.

(c) Matthias Baus

Anita Rachvelishvili sang Dalilas Arien  mit überwältigender Tongebung und faszinierendem erotischem Raffinement. Die Stimme in ihrer verschwenderischen Fülle strömte  voluminös und ohne Grenzen. Ihre große Szene zu Beginn des 2. Aktes beeindruckte mit dem Ausdruck von flammendem Hass und  rasendem Zorn, was sich im nachfolgenden Duett mit dem Grand Pretre de Dagon in geradezu wilde Eruptionen steigerte. Egils Silins war mit markig-viriler Stimme eine adäquate Besetzung, während  Grigory Shkarupa in seinem kurzen Auftritt als Abimélech allzu dröhnend klang.

Der Staatsopernchor (Martin Wright) tönte im 1. Akt machtvoll, wirkte allerdings technisch über Gebühr verstärkt. Stimmig war der Auftritt der Philisterinnen („Voici le printemps“) mit einem Gesang von betörendem Liebreiz. Thomas Guggeis am Pult der Staatskapelle Berlin setzte auf eine dramatisch orientierte Deutung, die sich in der Ballettmusik des 3. Aktes orgiastisch steigerte. Aber es gab auch flirrende und schwelgerische Klanginseln sowie orientalisches Kolorit von sinnlichem Flair.

Bernd Hoppe 23. Januar 2023


Samson et Dalila

Camille Saint-Saëns

Staatsoper Berlin

Aufführung am 22. Januar 2023

Premiere am 24. November 2019

Inszenierung Damián Szifron

Dirigent Thomas Guggeis

Staatskapelle Berlin

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