Meiningen: „Die Fledermaus“, Johann Strauss

Mit über 60 Freunden bin ich nach Meiningen gefahren, um dort im Jubiläumsjahr Die Fledermaus von Johann Strauss zu genießen. Die Uraufführung am Theater an der Wien war am 5. April 1874, also vor fast genau 150 Jahren. Dass Staatstheater Meiningen ist immer eine Reise wert und ich bin – vor allen Dingen gesanglich – noch nie enttäuscht worden. Und so war es auch dieses Mal. Wir erleben eine farbenprächtige, manchmal etwas an der Grenze liegende Aufführung der Königin der Operette. Die 6Regie hat der in Linz geborene Georg Schmiedleitner. Es ist schon bewundernswert, wie er den Spagat zwischen sektbeseligter Inszenierung und der manchmal etwas überbordenden, bis an die Grenze gehender Bühnenpräsenz schafft. Eine Inszenierung, bei der man den Eindruck hat, dass man immer noch eine Schippe drauflegen möchte und dies gelingt auch eindrucksvoll. Man bietet einen Rausch der Farben, einen Rausch der Kostüme und einen Rausch der Betriebsamkeit, ohne jedoch zu sehr zu übertreiben. Es gibt immer etwas zu erleben, etwas zu sehen, etwas zu erahnen und etwas zu hinterfragen. Ein bisschen muss man aufpassen, damit man den Faden nicht verliert und sich zu sehr dem vielfältigen Rausch hingibt. Man spürt den Champagner richtig auf der Zunge und ist bereit sich auf das Ganze einzulassen. Humor, Albernheiten, Schadenfreude und mitfühlendes Dabeisein wechseln sich ab. Es ist ein Überschwang an Musik, Farben, Gestaltung und Gesang. Es ist auf der Bühne immer etwas los und manchmal gerät man in Gefahr, den roten Faden etwas aus den Augen zu verlieren.

Die Kostüme stammen von der in Cottbus geborenen Kostümbildnerin und Modedesignerin Cornelia Kraske und für das Bühnenbild zeichnet der aus Wels in Oberösterreich stammende Designer und Bühnenbildner Stefan Brandtmayr verantwortlich und man wird von den Beiden, die sehr gut aufeinander eingespielt sind, auf das Trefflichste bedient. Es steckt eine ganze Menge an Arbeit darin, diese sich ständig ändernde Farbenpracht auf die Bretter, die die Welt bedeuten, zu bringen, das Auge der Zuschauer zu umschmeicheln und sowohl bei den eindrucksvollen Kostümen, als auch beim stimmigen und dazu passenden Bühnenbild mehr als zu punkten.

© Christina Iberl

Die Meininger Hofkapelle wird an diesem heutigen Nachmittag von dem in Mühldorf am Inn aufgewachsenen Roman David Rothenaicher geleitet. Er ist seit dieser Spielzeit der Meininger Chordirektor und deshalb auch für die Choreinstudierung verantwortlich. Er hat das – wie fast immer – glänzend aufgelegt und beschwingt aufspielende Orchester fest im Griff, lässt es bereits in der Ouvertüre kraftvoll und mitreißend musizieren um es dann, wenn es erforderlich ist, auch sängerdienlich etwas zurückzunehmen. Champagnerseligkeit, Melodienreichtum und Walzerseligkeit schwappen einfach nur so auf die Sänger und das Publikum nieder. Dieses Publikum kann im Walzerrhythmus nur begeistert applaudieren und dies tut es ausgiebig und häufig. Es ist insgesamt eine schwungvolle, rasante und schmissige Aufführung, an der es, bis auf ein paar Kleinigkeiten, nicht das Geringste auszusetzen gibt. Diese Fledermaus macht einfach nur Spaß und man geht am Ende beschwingt, ein paar der Arien pfeifend, aus dem Theater nach Hause. Was will man eigentlich noch mehr? Doch jetzt kommen wir – aus meiner Sicht – zu dem Allerwichtigsten an einer guten Operette, den Sängern und auch hier passt einfach alles. Zum Inhalt der wohl bekanntesten Operette brauche ich wohl nichts zu sagen, dies hieße Eulen nach Athen zu tragen, denn jeder Operettenliebhaber kennt die Geschichte aus dem Effeff.

Als Gabriel von Eisenstein erleben wir den in Altdorf bei Marktoberndorf geborenen Bariton Johannes Mooser. Er ist allein von Gestalt eine imposante Erscheinung und die Rolle liegt ihm auch vorzüglich. Er füllt fast alleine die Bühne aus und punktet mit seinem hellen, kraftvollen, stimmschönen und warmen Bariton, der einen gewaltigen Resonanzkasten besitzt. Nicht nur stimmlich, sondern auch durch seine Bühnenpräsenz ist er ein idealer Eisenstein, dessen Stimmvolumen das Theater an jedem Platz erreicht und ausfüllt.

Als Rosalinde, seine Frau, erleben wir am heutigen Nachmittag die geborene Rostockerin Gesche Geier als Gast. Sie kann in dieser Rolle voll überzeugen und auch bezaubern. Ihr weicher, zarter, aber durchschlagskräftiger Sopran erfreut die Ohren der Zuschauer, aber auch optisch hat sie einiges zu bieten. Ihr Csárdás Klänge der Heimat auf dem Fest des Prinzen Orlofsky ist einer der Höhepunkte. Eine rundum gelungene Leistung.  

Für mich hat die heutige Krone der Vorstellung jedoch die in Oberhausen geborene Koloratursopranistin Monika Reinhard als Stubenmädchen Adele. Sie, die seit 11 Jahren zum Ensemble in Meiningen gehört, bezaubert in jeder Beziehung. Neben einem mehr als lebendigen frischen Spiel steht ihr ein leuchtender, klarer, ausdrucksstarker, weicher und höhensicherer Sopran zur Verfügung. Sie zeigt eine mehr als nur beeindruckende Leistung. Da möchte man fast selber als Mäzen für die Ausbildung zur Künstlerin bereitstehen.

© Christina Iberl

Der aus Japan stammende Bariton Shin Taniguchi zeigt eine eindrucksvolle Leistung als Notar Dr. Falke. Er hat das gesamte Geschehen in seiner Hand und lässt praktisch die Puppen tanzen. Er, der sich als Dr. Fledermaus an Eisenstein rächt, beeindruckt durch sein gesamtes Outfit, den langen schwarzen Haaren, einem schwarzen glitzernder Smoking und einem wahrlich dämonischem Auftreten. Dass er dazu mit einem prachtvollen vollmundigen, kräftigen und samtenen Bariton aufwartet, rundet den mehr als positiven Eindruck ab.

Als verliebter Alfred kann der Südkoreaner Alex Kim mit seinem strahlenden, höhensicheren und vollmundigen Tenor, mit schmelzendem Timbre und leidenschaftlicher Gestaltung, nicht nur das Herz von Rosalinde erwärmen, sondern auch die Herzen des Publikums.

Als Gefängnisdirektor Frank können wir den in Polen geborenen Bassbariton Tomasz Wija erleben. Sein nobler, weicher und gepflegter Bariton setzt entsprechende Marken und führt insgesamt zu einer ausgezeichneten Leistung. Da kann man auch einmal über das etwas unvorteilhafte Kostüm für ihn auf dem Ball des Prinzen Orlofsky hinwegsehen.

Diesen Prinzen Orlofsky gibt die in Lübeck aufgewachsene Mezzosopranistin Marianne Schechtel. Sie füllt diese Hosenrolle in einer etwas gewöhnungsbedürftigen Bekleidung mehr als beeindruckend aus. Stimmlich aus dem Vollen schöpfend, kann sie auch darstellerisch punkten und ein weiteres Highlight der Aufführung hinzufügen. Als Ida, Adeles Schwester kann die Sopranistin Dorothea Böhm alles aus der relativ kleinen Rolle herausholen und vor allem im Zusammenwirken mit Adele für Pluspunkte in der Aufführung sorgen.

© Christina Iberl

Der aus dem Ruhrgebiet stammende Tenor Tobias Glagau, der die kleine Rolle des Advokaten Dr. Blind und des Iwan gestaltet, fügt sich nahtlos in das Ensemble ein und stottert, was das Zeug hält, manchmal ein kleines bisschen zu viel, aber das stört in keinster Weise

Die Paraderolle des Gerichtsdieners Frosch wird von dem in Karl-Marx-Stadt geborenen Schauspieler Lukas Umlauft verkörpert. Er gibt sein Bestes, bemüht sich sichtlich, aber er hat die teilweise doch recht dümmlichen Texte sicher nicht selbst geschrieben. Die Auslieferung einer Wärmepumpe durch die Firma Amazon wird recht umfassend dargeboten, fern jeder Unterhaltung und mir fehlt einfach der Witz des Frosches, wie ihn viele bekannte Größen der Bühne verkörpert haben. Dieser Frosch ist einfach nur langweilig, aber einem großen Teil des Publikums hat der Klamauk gefallen – nun denn.

Der Applaus am Ende eines humorvollen, beschwingten, unterhaltsamen, aufregenden und erfrischenden nachmittags ist stürmisch und fast nicht endend wollend. Auf der Heimfahrt haben wir die Melodien immer noch vor uns her gesummt und waren mehr als zufrieden.

Manfred Drescher, 20. Mai 2024


Die Fledermaus
Operette von Johann Strauss

Staatstheater Meiningen

Premiere: 8. Dezember 2023
Besuchte Vorstellung: 9. Mai 2024

Regie: Georg Schmiedleitner
Musikalische Leitung: Roman David Rothenaicher
Meininger Hofkapelle und Chor des Staatstheaters Meingen