Meiningen: „Messias“, Georg Friedrich Händel

Schon die Fahrt nach Meiningen öffnet Herz und Sinne. Goldene Abendsonne setzt die erwachende Natur in Szene: Teppiche weißer Anemonen und blauer Leberblümchen unter Bäumen mit zartgrünen Blattspitzen sind Verheißung des langersehnten Frühlings und die Hoffnung auf Licht und Wärme. Verheißung und Hoffnung sind auch in diesem Werk die zentrale Botschaft. Als Charles Jennens 1741 Georg Friedrich Händel Bibeltexte aus dem Alten und Neuen Testament zur Vertonung überließ, komponierte dieser in wenigen Wochen ein Oratorium, das klangmalerisch in Arien, Rezitativen und Chornummern die Prophezeiung eines Erlösers, dessen Geburt, Passion und Auferstehung in musikalische Bilder umsetzte. Wird dies auch szenisch dargestellt, gewinnen Musik und Texte an eindringlicher Prägnanz.

(c) Theater Meiningen

Es gibt keine durchgängige Erzählung oder Handlung, allein die Chronologie der Ereignisse schafft einen Zusammenhang. Das düstere Orchestervorspiel in e-Moll, Bilder verdorrter Landschaft, ein abgestorbener Baum und das Zusammentreffen von zwei Frauen und zwei Männern, krank, hungrig und schutzsuchend, symbolisieren Menschheit im Dunkel. Die vier Solisten verkörpern keine Rollen, sondern eher menschliche Eigenschaften und Zustände: Der Tenor, Rafael Helbig-Kostka, einfach, hilfsbereit, wachsam und agil, der Bass, Johannes Mooser, der schmerzgeplagt an Krücken geht und sich erst misstrauisch zurückhält, die Altpartie, Marianne Schechtel, pragmatisch, fürsorglich und die Sopranistin, Sara-Maria Saalmann, die, schwer krank, der Inbegriff der Nächstenliebe und des unerschütterlichen Glaubens ist und alle eint.

Die Szenerie erinnert an Flüchtlinge im Nirgendwo. Die vier Menschen sind alle gläubig, teilen Wasser und Brot miteinander, legen jedoch die Bibel sehr konträr aus und geraten darüber in Streit. Das lichte Accompagnato in E-Dur kündet von Freude, und die Verheißung eines Erlösers schafft Hoffnung. In einem schlichten kirchlichen Raum finden die Frauen Jesusbilder, eine Fahne, einen prunkvollen Sarg, in dem ein Papst liegt und sehen dies als Zeichen der Ankunft des Messias. Doch auch Angst und Bangen verunsichern die Menschen, ob sie vor dem Retter bestehen werden.

(c) Theater Meiningen / Christina Iberl

Der ständige Wechsel von Chor, Rezitativ und Arie verbindet die Bibelverse, und mittels Drehbühne gleiten die Szenenbilder mit der Musik. „For unto us a child is born“ und die „Pifa“, die Hirtenmusik, künden von der Geburt Jesu. Der glanzvolle Auftritt der Engel in weißen Gewändern mit „Glory to God in the highest“ und der Blick ins Universum im Hintergrund sind schon weit eindrucksvoller als ein rein konzertanter „Messias“. Dabei ist die Szenerie nie überladen. So deutet jetzt nur ein grüner Reis an dem verdorrten Baum auf neues Leben und das Wirken Jesu hin. Wird ein Bibelzitat eingeblendet, ist es programmweisend: „Kommt her zu ihm, alle, die ihr leidet und schwer beladen seid und ihr werdet Ruhe finden.“ So legt z.B. Johannes Mooser voller Mitgefühl der Sopranistin sein Hemd um die Schultern. Der erste Teil endet mit einer Chorszene, die an das letzte Abendmahl erinnert. Ein Lichtplafond senkt sich von oben.

Der zweite Teil beginnt mit einem Triptychon, mit Blick in einen kirchlichen Raum. Rechts und links erscheint das Bild eines gefesselten Lamms, das die Leidensgeschichte symbolisiert. Der Chorpart „Behold the lamb of God“ und die Arie „He was despised“, künden vom Beginn der Passion. Statt des Lamms erscheinen nun das Bild der Sopranistin in Leidenspose und im Hintergrund Bilder von Flüchtlingsströmen. Fassungslos singt der Chor „And with His stripes we are healed“, schier ungläubig, dass einer für ihre Missetaten stirbt um sie alle zu heilen und zu erlösen. Maria Saalmann erlebt ab jetzt alles in einer Halluzinationswelt. Sie steht für den Leidenden, empfängt die Dornenkrone und einen Königsmantel. Unter der Last der Christusrolle bricht sie fast zusammen. Die nächste Szene zeigt einen großen sakralen Raum. Bischöfe und Volk versammeln sich. Ihr wird ein pompöses Priestergewand aufgezwungen. Verloren steht sie da, eine Figur des Gekreuzigten im Arm, während Kirchenobere und Volk in Streit geraten. Da erschallt das österliche „Hallelujah!“ mit den Worten aus der Offenbarung. Ein goldener Strahlenkranz, Fahnen und Bilder signalisieren die Auferstehung.

(c) Theater Meiningen / Christina Iberl

Im dritten Teil geht es um die Erlösung der Welt und die Überwindung des Todes. Ein karger Raum in Marmoroptik mutet wie eine Gruft an. Eine rechteckige Grabstelle und die Sopranistin im weißen Hemd weisen auf den Tod hin. Doch mit der Arie „I know that my Redeemer liveth“ hat er keinen Schrecken mehr. Die Szene wechselt ins Anfangsbild mit dem verdorrten Baum. Johannes Mooser singt vom „Jüngsten Tag“, der Hoffnung, dass alle unverwest auferstehen und verwandelt werden: „The trumpet shall sound“. Die drei Schutzsuchenden der Anfangsszene teilen Wasser und Brot miteinander und im festen Glauben, dass Gott über allem ist, fürchten sie nichts. Das Bild wechselt. Die Sopranistin pflanzt den grünen Reis ins Grab. „If God be for us“, was kann da noch passieren? Groß eingeblendet: „Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.“ Dann legt sie sich auf das Grab und stirbt. Sachte senkt sich ein Lichtplafond von oben, der Chor verherrlicht mit „Worthy ist the lamb“ das Opferlamm unter Einsatz von Pauken und Trompeten und der gewaltigen Schlussfuge, die nur aus einem einzigen Wort besteht: „Amen“.

Die Sopranistin Sara-Maria Saalmann durchlebt in ihrer Vorstellungswelt die Prophezeiung der Ankunft, die Geburt des Erlösers, sein Leiden und Sterben, seine Auferstehung und Himmelfahrt. Sie verkörpert keineswegs Christus, sondern transportiert die Botschaft der Bibeltexte in absoluter Humanität und selbstverständlicher Nächstenliebe in unerschütterlichem, fast kindlichem Glauben. Sie tut das in einer solchen Intensität und fesselnden Ausstrahlung, weil sie mit jeder Faser ihres Körpers die Stationen und Situationen durchlebt. Nichts wirkt künstlich oder theatralisch. Hingegen legt sie in Stimme und Spiel so viel natürliche Dramatik, dass die Musik in ihrem Facettenreichtum ganz anders wahrgenommen wird. Johannes Mooser, Bass, verkörpert nach den Ideen der Regie einen Typus, der durch seine Behinderung stark eingeschränkt ist. Er steht für die vielen Menschen, die körperlich und seelisch beeinträchtigt und auch verbittert sind. Aber er trägt einen Anzug, der vermuten lässt, dass er schon bessere Tage gesehen hat. Und trotzdem ist er gläubig und entwickelt Zutrauen und Mitgefühl. Marianne Schechtel, Alt, ist eine Konstante, die bewusst mit weniger Profil als die Sopranistin ausgestattet wird, aber als pragmatische und hilfsbereite Frau auftritt. Auch wenn sie nur wenige Arien und Rezitative singt, tut sie dies eindrucksvoll. Rafael Helbig-Kostka, Tenor, wirkt als Figur unaufdringlich selbstverständlich. Jeansjacke und unscheinbares Äußeres lenken weniger Aufmerksamkeit auf ihn, aber im zweiten Teil ist er omnipräsent mit neun Soloparts. Die szenische Darstellung will nicht Selbstzweck sein oder gar ablenken, sondern in Harmonie mit Händels Werk ein weit berührenderes Gesamterlebnis schaffen.

(c) Theater Meiningen / Christina Iberl

Regisseur Johannes Pölzgutter hat erkannt, dass die durchgehende Dramatik und die grandiose Komposition des Messias viel eindrucksvoller wirken kann, wenn sie auf die Bühne kommt, nicht als Spektakel, sondern behutsam und situationsgerecht. Zeitumstände, Natur und Gesellschaft sind schlicht präsent. Nichts Grelles stört, Sakrales und Weltliches bleiben in Balance. So lässt er auch den Chor teils auf der Bühne als Volk, Engel, Hirten oder Geistliche singen, teils von den Seitenlogen, wie in einer Kirche. Das Bühnenbild von Michael Lindner schafft einen klaren Rahmen mit Symbolcharakter. Nichts wirkt eng oder überladen. Die Räume sind sparsamst ausgestattet, erscheinen edel durch Marmoroptik und weit durch dezente Hintergründe. Seine Videoeinspielungen treffen ins Mark. Katharina Heistinger entwarf für den ersten Teil eher moderne Kostüme, Alltagskleidung, während sie sich im zweiten Teil von historischen liturgischen Gewändern inspirieren ließ. Dirigent Andrea Marchiol, händelerfahren, gestaltete mit der Meininger Hofkapelle ein großartiges Musikerlebnis.

Die Musikzeitung „Concerti“ hat die Meininger Theaterbesucher zum Publikum des Jahres 2022“ gekürt. Am Schluss dieser Premiere musste der Vorhang herabgelassen werden, um den frenetischen Applaus zu beenden. Was bleibt, ist Hochachtung vor Händels Werk, den Künstlern und einer sehr gelungenen Inszenierung.

Inge Kutsche, 23. April 2023


Messias
Oratorium in der Teilen
von Georg Friedrich Händel

Bibeltexte zusammengestellt von Charles Jennens
in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Besuchte Premiere: 23. April 2023

Regie: Johannes Pölzgutter

Musikalische Leitung: Andrea Marchiol
Meininger Hofkapelle
Chor: Manuel Bethe

Bühne, Video: Michael Lindner
Kostüme: Katharina Heistinger
Dramaturgie: Julia Terwald

Weitere Vorstellungen: 29.04. | 13.05. | 26.05. | 11.06. | 06.07.2023