Hagen: „Die schöne Helena“, Jacques Offenbach

Leider steht „Die schöne Helena“ im Schatten von „Orpheus in der Unterwelt“. Dabei enthält dieses Stück eine Menge pfiffiger bis aberwitziger musikalischer Einfälle von Jacques Offenbach. Am Theater Hagen hat Johannes Pölzgutter die Operette inszeniert.

Regisseur Johannes Pölzgutter versucht keine Umdeutung des Stückes, das die Vorgeschichte des Trojanischen Krieges behandelt, sondern bringt es verständlich und unterhaltsam auf die Bühne. So braucht man sich nicht den Kopf zerbrechen, was die Aussage und Botschaft dieser Produktion sein soll, sondern kann den Abend einfach nur genießen. Auch gibt es keine Aktualisierungen und Anspielungen auf das politische Tagesgeschehen, die in Offenbach-Stücken meist sowieso zum Scheitern verurteilt sind.

(c) Theater Hagen

Virtuos ist die Produktion nicht inszeniert, jedoch zuverlässig und dem Stück dienend. Bühnenbildnerin Theresa Steiner hat sich von Botticellis „Geburt der Venus“ inspirieren lassen, und so schaut man als Zuschauer auf eine große Meeresfläche in einem Bilderrahmen, in dem auch manchmal die geöffnete Muschel und die antike Liebesgöttin als weitere variable Versatzstücke zu sehen sind. Problematisch ist, dass dieser Bilderrahmen die Spielfläche sehr stark auf die Vorderbühne begrenzt. Erst im 3. Akt, der am Strand von Nauplia spielt, öffnet sich das Bild und die gestaffelte Wellenlandschaft im Bild wird bespielbar.

Der Zuschauer kann selbst interpretieren, ob er sich in einem Museum befindet, oder in einem Küstenort mit Meeresblick, vielleicht an der Cote d´Azur in Nizza. Kostümbildnerin Susanna Mendoza  lässt die Akteure im bunten Schick der 50er Jahre auftreten. Als zusätzliche Figur hat der Regisseur Eris, die Göttin der Zwietracht, hinzuerfunden, schließlich soll ja hier der Trojanische Krieg ausgelöst werden. Schauspielerin Sandra Maria Germann schlüpft in verschiedene Nebenrollen und gibt den Figuren Witz und Ironie

Das Philharmonische Orchester Hagen spielt in kleiner Besetzung auf und klingt fast wie ein Salonorchester, was es für die Sänger leichter macht, ohne zu forcieren gut verständlich im Saal anzukommen. Dirigent Taepyeong Kwak sorgt für ein federleichtes und beschwingtes Offenbach-Vergnügen. Auch aberwitzige Nummern wie das Geräusch-Ensemble und die Jodelarie des Prinzen Paris werden in ihrem absurden Humor gut getroffen.

(c) Theater Hagen

In ihrer stimmlichen Vielseitigkeit begeistert wieder einmal Angela Davis. Egal ob als Prinzessin Laya in „Die Blume von Hawai“, Gouvernante in Brittens „Turn of the Screw“ oder Kundry in Wagners „Parsifal“, diese Sängerin findet für jede Partie den richtigen Ton: Den Koloraturen ihrer Rolle verleiht sie diesmal einen frivolen Klang und singt dabei sehr textverständlich. Die Partie des Paris gestaltet Anton Kuzenok mit schön klingendem und federleichtem Tenor. Mühelos schwingt sich seine Stimme in die Höhe empor. Im Dialog zwischen ihm und Helena fliegen die Funken.

Einen kauzigen König Menelaos gibt Richard van Gemert, und Clara Fréjasques trällert den Orest mit beschwingter Stimme. Die Riege der griechischen Könige mit Agamemnon, Achill und den beiden Ajaxen ist recht schwach besetzt. Lediglich Insu Hwang ragt mit knorrigem Bariton aus dieser Gruppe heraus.

Insgesamt bietet das Theater einen unbeschwertes Offenbach-Vergnügen, das in den Hauptrollen gut besetzt.

Rudolf Hermes 13. Dezember 2022


Jacques Offenbach

„Die schöne Helena“

Theater Hagen

Premiere: 29. November 2022

Besuchte Vorstellung: 7. Dezember 2022

Inszenierung: Johannes Pölzgutter

Bühne: Theresa Steiner

Kostüme: Susanna Mendoza 

Dirigat: Taepyeong Kwak

Philharmonisches Orchester Hagen

Die nächsten Aufführungen: 23. und 31. Dezember 2022, 7., 18. und 15. Januar 2023.