Zürich, Konzert: „Erkki-Sven Tüür, Mendelsohn“

Um es gleich vorwegzunehmen: Falls in den Weiten des Universums tatsächlich solche Töne vorherrschen, wie sie Erkki-Sven Tüür in seinem Flötenkonzert Lux Eternam komponiert hat, möchte ich auf eine Reise dorthin noch so gerne verzichten. Auf dem Podium sitzt das Tonhalle-Orchester Zürich in einer Riesenbesetzung, wie zu einer Mahler- oder Bruckner-Sinfonie oder einer Tondichtung von Richard Strauss. Das für den Ausnahme-Flötisten Emmanuel Pahud (diesjähriger Artist in Residence der Tonhalle) geschaffene und 2022 mit den Berliner Philharmonikern uraufgeführte Werk beginnt sogleich mit schmerzenden, brutal aufs Ohr treffenden Tönen der Soloflöte. Man ist bass erstaunt, welche Art von Blastechniken Pahud zur Verfügung stehen, um der Flöte eine solch unermessliche Bandbreite von zumeist „hässlichen“, hohlen, gehauchten und durchdringenden, oftmals stakkati-artigen Klängen zu entlocken. Für den Hörer gibt es kein Entkommen, kein Zurücklehnen. Die einigermaßen erträglichen, sanfteren Passagen kann man während der gut 30 Minuten Spieldauer, in welchem die vier Teile nahtlos ineinander übergehen, an einer Hand abzählen.

Echoartig werden manchmal Passagen der Soloflöte in den Instrumentenfamilien des Orchesters aufgenommen, variiert. Doch das Ohr kann sich nie an etwas festklammern, Wiederholungen von Melodien nicht erkennen. Es wird laut, sehr laut, die Schmerzgrenze oftmals überschreitend. Trotz viel variantenreicher Rhythmik, einer atemberaubenden Solokadenz von Pahud, irren Crescendi, klingt vieles wie hingespuckt, ausgereizt bis zur Unerträglichkeit.

(c) Tonhalle-Orchester

Paavo Järvi am Pult leitet das Ganze mit Herzblut, sein Engagement für das Werk seines Landsmanns ist gewaltig. Selbst beim überaus freundlichen Applaus, zu dem der anwesende Komponist aufs Podium gebeten wird, hält Järvi immer wieder die Partitur in die Höhe. Gilt der Applaus dem Komponisten oder doch eher den Ausführenden? Oder zeugt er von Erleichterung, dass die Ohren nun entlastet sind? Wie dem auch sei, Emmanuel Pahud leistet in den 30 Minuten Unfassbares, das verdient allerhöchste Anerkennung und Bewunderung. Wer mich und meine Rezensionen kennt, weiß, dass ich neuen Klängen gegenüber durchaus aufgeschlossen bin, oftmals schreibe, dass ich eines dieser neuen Werke gerne nochmals hören würde, um es richtig zu würdigen. Das war gestern Abend nicht der Fall. Noch selten war ich so froh, als ein Werk verklang – dies allerdings waren dann die erbaulichsten Töne.

Auch bei Felix Mendelssohn-Bartholdys „Lobgesang“ gab es Unentrinnbares, das sich im Ohr festsetzte, nämlich das Motiv auf die Worte Alles was Odem hat, lobe den Herrn, zuerst vorgestellt von der Posaune, im Laufe des Werks immer wiederkehrend, einen Bogen über die gesamte Sinfonie-Kantate spannend. Herz und Ohr jubeln nun vor so viel Schönheit und Erhabenheit. Paavo Järvi geht die Sinfonia (die ersten drei rein orchestralen Sätze) sehr vorwärtsdrängend und zügig an, das Tonhalle-Orchester Zürich zeigt sich einmal mehr in blendender Verfassung und zieht kraftvoll mit. Da wird nichts zelebriert, dafür werden herrliche Bögen gespannt, traumhaft schöne Kantilenen herausgearbeitet, man lauscht mit Freude den herausragend spielenden, sanft wiegenden Holzbläsern, den jubelnden Violinen, die in Weberscher Manier jauchzende Freudenstimmung verbreiten. Kunstvoll werden die Motive miteinander verwoben, von Järvi und dem Orchester mit Leichtfüßigkeit offengelegt. Wunderbar tragende, mit viel Wärme intonierte Piani der Streicher lassen aufhorchen!

(c) Paul Marc Mitchell

Effektvoll gelingt der Übergang zum Kantatenteil, wuchtig setzt die Zürcher Sing-Akademie (einstudiert von Florian Helgath) ein. Chen Reiss begeistert mit ihrer wunderschön lichten Stimme in den Soli des ersten und in ihrem Duett mit dem zweiten, ebenso schönen und passend etwas dunkler timbrierten Sopran von Marie Henriette Reinhold. Mit einer klaren und wo geboten auch markanten Diktion (Stricke des Todes, klingt deutlich von Webers Freischütz inspiriert) und einer Klangfarbe der Extraklasse wartet der Tenor Patrick Grahl auf.

Die Zürcher Sing-Akademie leistet Beachtliches: Klangstark, gewaltig, doch stets kontrolliert und in den einzelnen Stimmen durchhörbar. Der a- cappella Teil des an Bach angelehnten Chorals Nun danket alle Gott gelingt mit blitzsauberer Intonation. Hochdramatisch gestalten Chen Reiss und Patrick Grahl die Nummer IX, den Zwiegesang Drum sing ich mit meinem Liede, bevor das Werk ins alles umfassende Chorfinale mündet, eine alles und jeden erfassende Wirkung entfaltet, die eben nur bei einem Live-Konzert möglich ist, ein triumphaler Jubel-Gesang, der schon beinahe gefährliche, christlich propagandistische Tendenzen aufweist. Doch das im ersten Teil des Konzerts so leidgeprüfte Ohr nimmt den tonalen Balsam noch so gerne auf.

Persönliche Anmerkung: Schön, dass es bei diesem Werk keinem Chorsänger, keiner Chorsängerin der Zürcher Sing-Akademie „unwohl“ war und sie nicht wie bei Prokofjews Alexander Newski eine Programmänderung durchsetzen. Hier sangen sie während vierzig Minuten voller Inbrunst ein „Lob des Herrn“, in dessen Namen doch über Jahrtausende hinweg Tausende, wenn nicht Millionen Menschen den Tod fanden…

Kaspar Sannemann 19. Januar 2023


Zürich, Tonhalle

18. Januar 2023

Erkki-Sven Tüür: „Lux Stellarum“

Konzert für Flöte und Orchester

Felix Mendelssohn Bartholdy: 2. Sinfonie

Dirigat: Paavo Järvi

Tonhalle-Orchester Zürich

Zürcher Sing-Akademie