Zürich: „Tonhallenkonzert“, Prokofjew, Milch-Sheriff, Beethoven

Trotz der filigranen, von den Klarinettisten des Tonhalle-Orchesters so einfühlsam intonierten Andante-Einleitung ist Prokofjews drittes Klavierkonzert ein virtuoses, überwältigendes Bravourstück. Denn gleich nach dieser kurzen Kantilene steigt der Solist ins Geschehen ein und von diesem Moment an ist man gebannt, gefesselt, sitzt praktisch auf der Stuhlkante. Denn was der junge rumänische Pianist Daniel Ciobanu hier zeigt, ist schlicht stupend. Trotz der rasanten, wuchtigen Griffe bleibt sein Spiel spritzig, selbstredend rhythmisch präzise und die Figurationen zwischen den Kaskaden fein ziseliert aushorchend und umsetzend. Der Dirigent Omer Meir Wellber ist ihm ein aufmerksamer, präsenter Begleiter und Kompagnon, lässt das Orchester zum gleichberechtigten Partner werden, es an gewissen Stellen regelrecht explodieren, um es gleich darauf wieder zurückzunehmen, so dass die klangliche Balance stets gewahrt bleibt und das Ohr nicht erschlagen wird. Die Große spätromantische Emphase kommt genauso zum Zug wie die verspielt-ironische Variation derselben. Perfekt gespielte Läufe des Solisten treffen auf austarierte Dynamik des Orchesters, hingetupfte Töne kontrastieren mit atemberaubenden Gilssandi. Das Finale des ersten Satzes fährt ein wie ein Hammerschlag. Im zweiten Satz dominiert zuerst ein tänzerisch-schräger Duktus. Der wohldosierte (sprich sparsame) Pedaleinsatz von Daniel Ciobanu bewirkt eine kristalline Präzision, der synkopische Dialog mit dem Orchester wird zu einem intensiven Hörerlebnis. Nur vorübergehend gerät die Musik in etwas ruhigeres Fahrwasser, Ciobanu lässt mit langgezogenen, feinen, verträumten Trillern aufhorchen, untermalt von wunderschön ausgedehnten Streicherkantilenen. Im dritten Satz kann Omer Meir Wellber sich kaum mehr ruhig auf dem Podium halten, die Rhythmen fluten seinen gesamten Körper, er beginnt zu tänzeln – und es stört nicht im Geringsten, denn was davon im Orchester ankommt und so außerordentlich genau umgesetzt wird, haut einen um. Ciobanu glänzt nun erneut mit wahnwitzigen Läufen, Trillern, Kaskaden. Pizzicati der Streicher kämpfen gegen wuchtige Intervallsprünge des Klaviers, die Streicher versuchen sich nochmals am spätromantischen Aufschwung, das Klavier konterkariert mit verspielter Rhythmik, diese nimmt die herausragende Holzbläsergruppe des Tonhalle-Orchesters noch so gerne auf. Doch nun verbündet sich das Klavier mit dem wunderbar warmen Klang der Celli und der Bratschen, untermalt diesen mit herrlichen Arpeggien, glitzernd wie Wassertropen in der Morgensonne. Das sehrende Thema kehrt kurz wieder, bevor in das allerhöchste technische Ansprüche an den Klaviervirtuosen stellende Finale eingebogen wird. Der Höllenritt ist zu Ende und der verdiente Jubel des Publikums brandet sofort auf, die Spannung entlädt sich in verdientem Applaus. Doch das war’s noch nicht an Rasanz und Brillanz, denn der Boogie-Woogie, den Daniel Ciabanu als Zugabe spielt ist dermaßen irre in Tempo und Struktur, dass einem fast schwindelig wird. Hoffentlich darf man diesen Ausnahmepianisten bald wieder in Zürich erleben – vielleicht mal gar als Artist in residence?

Der Dirigent des Abends Omer Meir Wellber, wendet sich kurz ans Publikum und erzählt, wie es zur Komposition „Der ewige Fremde“ von Ella Milch-Sheriff gekommen ist und was dahinter steckt. Die Komponistin ist im Saal anwesend, hat bereits an der Konzerteinführung durch die Musikdramaturgin im Foyer teilgenommen.

Sphärische Streicherklänge evozieren den Traum Beethovens, absteigende Passagen der Celli führen zu einer klanglichen Erdung, die Oboe verortet mit den folkloristisch im Nahen Osten beheimateten Passagen den Flüchtling, der plötzlich mitten im Orchester auftaucht. Der grandiose Schauspieler Eli Danker (man kennt ihn aus Charakterrollen in diverse US-Serien und Filmen, u.a. an der Seite von Dépardieu, Banderas, Meg Ryan) ist dieser Mann, heimatlos, fremd und doch so begierig nach Liebe und Akzeptanz. Die Worte erinnern an Shylocks Monolog in Shakespears Kaufmann von Venedig. Auch dieser Mann im Monodram von Joshua Sobol spricht davon, dass er dieselben Dinge liebt, wie alle anderen Menschen: An erster Stelle die Menschen selbst, die Tiere, die Pflanzen, die Natur. Eli Danker spielt diesen vereinsamten Mann, der nirgends ankommt, dessen ausgestreckte Hand keiner ergreift, mit zutiefst bewegender Intensität. Es lohnt sich, obwohl Danker den Text in ausgezeichnetem Deutsch rezitiert, das Gedicht im Programmheft vorher zu lesen, so dass man sich während der Aufführung ganz auf den Schauspieler und die wunderbare Musik von Ella Milch-Sheriff konzentrieren kann, eine Musik, die erstens ungemein einfühlsam und wunderschön ist und zweitens neugierig macht auf andere Werke dieser Komponistin.

Sie schreibt zurzeit an einer Oper, die in ungefähr zwei Jahren an der Volksoper in Wien unter Omer Meir Wellber (deren Musikdirektor er seit September 22 ist) zur Uraufführung gelangen wird. Ella Milch-Sheriff hat es mit großer kompositorischer Kunstfertigkeit geschafft, den Text so in die Musik einzubetten, dass weder die musikalischen Gedanken noch die verbalen zu kurz kommen, man immer wieder bewundernd der intensiven Ausdrucksstärke der kostbaren Partitur lauscht. Die Musik intensiviert sich mit der zunehmenden Emotionalität des Textes.

(c) Sannemann

Für diesen Abend hat sich Omer Meir Welber als ad attacca gespielte Werke Beethovens Marcia funebre aus der Eroica und dessen Leonoren-Ouvertüre III ausgesucht. Eine kluge Wahl, denn die ergreifende Trauermusik, die Meir Wellber mit packenden dramatischen Akzenten interpretieren lässt, deren hell-dunkel Stimmung theatralisch herausgeschält werden, passt sowohl zur Stimmung des Werks von Milch-Sheriff als auch zur nachfolgenden Ouvertüre. Diese beginnt mit der Reminiszenz Florestans an glückliche Tage (Arie: In des Lebens Frühlingstagen), mit unterdrückter, depressiver Stimmung und steigert sich dann durch die wunderbar helle und sauber gespielte Passage der Flöte und den Fanfarenklängen der auf der Galerie platzierten Trompete zum alles und alle umschlingenden, hoffnungsvollen und befreienden Jubelfinale. Auch hier fließt die Musik direkt durch den gesamten Körper des Dirigenten hindurch und explodiert im Orchester. Das Resultat ist bis in die letzte musikalische Verästelung perfekt ausgearbeitet und schlicht überwältigend! Die Komponistin und alle Ausführenden wurden langanhaltend mit verdientem Applaus belohnt.

Kaspar Sannemann, 13. Januar 2023


Tonhalle Zürich

12.01.2022

Sergej Prokofiew: „Klavierkonzert Nr. 3“

Ella Milch-Sheriff: „Der ewige Fremde“

Monodram für einen Sprecher und Orchester

Ludwig van Beethoven: „2. Satz (Marcia funebre) aus der 3. Sinfonie“

Ludwig van Beethoven: „Leonore-Ouvertüre Nr. 3“

Sprecher: Eli Danker

Pianist: Daniel Ciobanu

Dirigent: Omer Meir Wellber