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TEATRO LIRICO DI CAGLIARI

teatroliricodicagliari.it/it/

 

 

LA CIOCIARA

Aufführung am 1.12.17 (Premiere am 24.11.)

Eine richtige Oper!

Zu berichten ist von einem recht seltsamen Ereignis, nämlich dass eine zeitgenössische Oper vom Publikum vorbehaltslos stürmisch gefeiert wurde. Bezeichnenderweise wurde das Werk dem 1954 geborenen Marco Tutino von der Oper San Francisco in Auftrag gegeben, haben in den USA viele Opernkomponisten doch nicht den Drang, sich in Elfenbeintürmen zu verschanzen und vor dem ach so ungebildeten Publikum die Nase zu rümpfen. Dieser Auftrag war übrigens der erste aus den Staaten an einen italienischen Künstler nach Puccinis „Fanciulla del West“.

2015 in San Francisco uraufgeführt, erfolgte nun die europäische Erstaufführung in derselben Produktion in der Hauptstadt Sardiniens. Es handelt sich um den Auftakt einer in sperriger Bürokratensprache „Progetto di internazionalizzazione del Teatro Lirico di Cagliari tra Italia e Stati Uniti“ bezeichneten Kooperation, die hoffentlich weiterhin so erfolgreiche Ergebnisse generiert.

Das von Turin gemeinsam mit Fabio Ceresa geschriebene Textbuch basiert auf dem 1957 erschienenen gleichnamigen Roman von Alberto Moravia, der 1960 von Vittoria De Sica verfilmt wurde und Sophia Loren in der Titelrolle einen Oscar einbrachte. Eine „ciociara“ ist eine Frau, die aus der Ciocaria stammt, einer im Latium südwestlich von Rom gelegenen Landschaft mit dem Hauptort Frosinone (und da schon vom Film die Rede ist: Gina Lollobrigida ist aus Subiaco und damit eine echte „ciociara“, auch wenn ihr Geburtsort administrativ nun zum Großraum Rom gehört). Der Roman erzählt von der in Rom lebenden, verwitweten Cesira, die 1943 mit ihrer 16-jährigen Tochter Rosetta vor den Bombenangriffen der Alliierten in ihr Heimatdorf Sant'Eufemia in der Ciocaria flüchtet. Dort werden die beiden Frauen von marodierenden marokkanischen Soldaten, den sogenannten goumiers, die zu den französischen Streitkräften gehörten, vergewaltigt. (Es handelt sich um historische Tatsachen, denn der General Alphonse Juin gab diesen Spezialeinheiten nach der Rückeroberung der von deutschen Truppen besetzten Gebiete ausdrücklich die Erlaubnis für Plünderungen und Schandtaten aller Art).

Das Textbuch entnimmt den Hauptstrang der Erzählung dem Buch, inspiriert sich zum Teil auch am Film, entwickelt aber die ursprüngliche Nebenfigur Giovanni weiter, der ein in Cesira verliebter Wendehals ist, der den pazifistischen Lehrer Michele aus Eifersucht erschießt, weil zwischen diesem und Cesira eine Liebesbeziehung begonnen hat. Giovanni wird schließlich den amerikanischen Truppen für eine gerechte Bestrafung ausgeliefert. Dass die Handlung dramaturgisch so gut funktioniert, ist auch Luca Rossi zu verdanken, der seine Mitarbeit als die Erstellung einer „sceneggiatura“ bezeichnet, also etwas Ähnliches wie ein Drehbuch.

Wir haben es nicht nur hinsichtlich der Textqualität mit einer ausgezeichnet gebauten Oper zu tun, sondern auch vor allem was die Musik anbelangt. Großes Orchester, Arien, imposante Chöre, alles auf einem Niveau, das den Opernfreund glücklich macht. Ich hatte von Tutino bereits „Vita“, „Senso“ und „Le braci“ gehört und auch darüber berichtet, aber keines dieser Werke kommt an den großartigen Eindruck heran, der an diesem Abend entstand. Die Bewunderer der Darmstädter Schule und ihrer Folgen rümpfen sicherlich die Nase, aber was zählt, ist immer noch das Publikum, und das war begeistert (persönlich wäre ich am liebsten sitzen geblieben und hätte mir die Oper gleich nochmals angehört). Über Puccini und Mascagni hinaus darf man beim Hören auch an Mahler denken (prachtvoll das Intermezzo vor der letzten Szene) oder an Schostakowitsch in der skurrilen Szene eines Anwalts, der ein Kollaborateur ist, mit seiner Mutter, die von der Situation keine Ahnung hat. Es fehlt aber auch nicht das Zitat des 1943 entstandenen Liedes „Una strada nel bosco“, das durch den damals populären Bariton Gino Bechi bekannt wurde.

Die Regie von Francesca Zambello sah schon vor Beginn und während der Überleitung von der ersten zur zweiten Szene die Projektion von Originalaufnahmen mit kurzen Texten vor, um dem Publikum die geschichtlichen Grundlagen bewusst zu machen, etwa die Zerstörung der aus dem 6. Jahrhundert stammenden Benediktinerabtei Montecassino durch alliierte Bomben. Das naturalistische Bühnenbild von Peter C. Davidson zeigte den Dorfplatz und die Kirche; es wurde durch Videoeinspielungen von S. Katy Tucker ergänzt, die den Wechsel der Jahreszeiten zeigten.Wichtig auch die Beleuchtung von Mark McCullough, besonders bei sich gleichzeitig abspielenden Szenen, wenn die gerade agierenden Personen herausgeleuchtet wurden. Passend zu den jeweiligen Personen die Kostüme von Jess Goldstein.

Dass die Musik hohe Ansprüche an das Orchester stellt, war schon daran zu merken, dass sich ein Hornist mit dem Motiv des „hehrsten Helden der Welt“ einspielte! Giuseppe Finzi am Pult verlor aber nie die Übersicht und führte das Orchester des Hauses zu einer absoluten Höchstleistung. Eine solche erbrachte auch der Chor des Hauses in der Einstudierung von Donato Sivo, ob er nun auf der Bühne stand oder aus dem Off Canzonen im römischen Dialekt zu singen hatte. Der Chor war in seinen Reaktionen von der Regisseurin auch sehr gut geführt und brillierte in der Choreographie von Luigia Frattaroli mit durch die Befreiung bewirkten Freudentänzen.

Cesira wurde, wie in San Francisco, von Anna Caterina Antonacci gesungen, der geborenen Singschauspielerin, die mit ihrer hybriden, zwischen Mezzo und Sopran changierenden Stimme phantasievoll phrasierte und textdeutlich sang. Eine große Leistung in einem Genre, das ihr besonders liegt. Rosetta wurde von Lavinia Bini mit zartem Sopran, der bestens zu dem schüchternen Mädchen passte, und überzeugendem Spiel interpretiert. Giovanni fand in Sebastian Catana mit passend schmierigem Auftreten und seinem starken, etwas rauhem Bariton die ideale Verkörperung. Als Idealist Michele hatte Aquiles Machado kleine Probleme mit den Höhen der Rolle, überzeugte aber mit dem schönen Timbre seines Tenors. Scharfe Charakterzeichnung und starke Persönlichkeit brachte Roberto Scandiuzzi in seiner Szene als erbarmungsloser deutscher Major von Bock ein. Als verräterischer Anwalt überzeugte Gregory Bonfatti, als seine Mutter brachte Laura Rotili den humoristischen Touch ein. Stellvertretend für alle weiteren ausgezeichneten Solisten seien Nicola Ebau als verwundeter Amerikaner John Buckley und vor allem Martina Serra genannt, die in einer erschütternden Szene die Bäuerin Lena gab, deren Baby umgebracht worden war.

Ein Abend, den man trotz der dramatischen, auch grausamen Handlung in vollen Zügen genießen konnte – Oper eben!                                                                        

Eva Pleus 13.12.17

Bilder: Priamo Tolu / Teatro Lirico di Cagliari

 

 

LA BELLA DORMENTE NEL BOSCO

Aufführung am 5.2.17

(Premiere am 3.2.)

Ottorino Respighi (1879-1936) ist als Symphoniker berühmt, als Opernkomponist fast unbekannt. Der Autor von Erfolgskompositionen wie „Pini di Roma“ und „Fontane di Roma“ hegte allerdings großes Interesse für die Oper, an der er sich mehrmals versuchte (u.a. „Re Enzo“, „Semirâma“, „La campana sommersa“ nach Gerhart Hauptmanns „Die versunkene Glocke“).

Dieser „Dornröschen“-Stoff nach Charles Perrault (daher der Titel nach dem Französischen und nicht das sonst übliche „La bella addormentata“) war ursprünglich als Marionettenspiel konzipiert und wurde 1922 im römischen Teatro Odescalchi von dem damals sehr berühmten Puppenspieler Vittorio Podrecca uraufgeführt, wobei die Sänger im Orchestergraben saßen. 1934 wurde das überarbeitete Werk in Turin normal auf die Bühne gebracht.

Respighi und sein Librettist Gian Bistolfi hielten sich recht genau an Perraults Märchenerzählung, bereicherten die Handlung aber um in der Tierwelt spielende Szenen, die dem großen Orchestrierungskünstler und vom Impressionismus beeinflussten Komponisten die Möglichkeit gaben, ganz in antiveristischer Form vorzugehen, wie es der sogenannten „Generazione dell'Ottanta“ am Herzen lag. Obwohl Komponisten wie Alfano, Casella, Zandonai oder Pizzetti durch nicht viel mehr als ihr Geburtsdatum in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts verbunden waren, so war ihnen doch die Suche nach der Überwindung des Verismus und ein geradezu pathologischer Hass auf Puccini gemeinsam. (Nun, Geschichte und Publikum haben ihr Verdikt schon längst gefällt, und das fiel nicht zugunsten der genannten „Gruppe“ aus...).

Dennoch ist das kleine, kaum 100 Minuten lange Werk (das sich auch vieler Zitate bedient) angenehm zu hören und bringt im letzten Bild auch einen Schuss willkommener Ironie. Dieses spielt nämlich in moderner Zeit, und das Menuett der aus ihrem 300-jährigen Schlaf erwachten Hofgesellschaft verwandelt sich nach und nach in einen flotten Foxtrott.

Die Erzählung gibt den Ausstattern natürlich reichliche Möglichkeiten, die von Giada Abiendi (Bühnenbild) und Vera Pierantoni Giua auch entsprechend genutzt wurden. Es gab zauberhafte Landschaften zu sehen, und die Kostümbildnerin konnte sich mit originellen farbigen Kostümen austoben. Mehr als Ergänzung waren die Videos von Fabio Massimo Iaquone und Luca Attilii (eindrucksvoll die das Schloss allmählich bedeckenden Spinnweben), was auch für die Beleuchtung von Alessandro Verazzi gilt. In diesem zauberhaften Ambiente führte Leo Muscato eine liebevoll-ironische Regie, die das rechte Gleichgewicht zwischen der Distanz zur märchenhaften Erzählung und gefühlsmäßigem Mitgehen hielt. Erwähnt seien eine Art sehr köstlicher „Klageweiber“ männlichen Geschlechts oder die ratlosen Ärzte. Seltsam war nur, dass Spinnrocken und Spindel durch Strickwerkzeug ersetzt wurden, ist doch die Spindel eine auftretende „Figur“. Sehr hübsch war die Choreographie von Luigia Frattaroli, bei der sich der jüngste Ballettnachwuchs erfreulich in Szene setzen konnte.

Die drei relativ umfangreichsten Rollen haben die Prinzessin (Sopran), der Prinz (Tenor) und die Blaue Fee (Sopran) inne. Vom (erst im 3. Akt auftretenden) Prinzen verlangt Respighi ziemlich viel an stimmlicher Kondition, und die wies der Spanier Antonio Gandía auch nach. Da sah man ihm eine gewisse szenische Unbeholfenheit auch gerne nach. Die Armeno-Amerikanerin Shoushik Barsoumian sang mit kleiner, aber gut geführter Stimme eine sehr sympathische Fee. Angela Nisi gab mit etwas neutral klingender Stimme eine nett spielende Prinzessin. Alle anderen Mitwirkenden hatten mehrere Rollen zu verkörpern: So fiel der Mezzosopran von Lara Rotili als Grüne Fee/Katze/Herzogin/Kuckuck sehr positiv auf, sang der Bariton Vincenzo Taormina einen imposanten König/Botschafter, gab die Sopranistin Claudia Urru glockenhell Nachtigall/Spindel, der russische Mezzo Veta Pilipenko Königin/Alte Frau/Frosch. Als Hofnarr/Mister Dollar gefiel der Tenor Enrico Zara weniger als der kraftvolle Bariton Nicola Ebau als Förster/Arzt.

Der Chor des Hauses zeigte sich bestens vorbereitet (Einstudierung: Gaetano Mastroiaco). Donato Renzetti leitete das Orchester des Teatro Lirico mit merklicher Liebe für die Musik Respighis.

Herzliche Zustimmung für diese zweite, an einem Sonntagnachmittag stattfindende Vorstellung.

Eva Pleus 20.2.17

Bilder: Priamo Tolu / Teatro Lirico

 

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