
Mendelssohn und Wagner – auch diese Paarbeziehung scheint vermint zu sein, denn die Widersprüche sind offensichtlich. Wagner hat den Kollegen in seinem Judenthum in der Musik mit Samthandschuhen attackiert und später, privat, gesagt, dass die Hebriden-Ouvertüre das schönste Orchesterwerk sei, das er kenne. Mendelssohn blieb, man weiß es, für Wagner lebenslang eine Wunde. Hat sich in den letzten Jahren auch die musikwissenschaftliche Forschung um die Beziehung der beiden Meister geweitet, so zeigt der anzuzeigende Tagungsband – das publizistische Ergebnis einer Leipziger Tagung des Wagner-Verbandes und der Universität Leipzig -, dass immer noch viele Funde zu machen sind. Manchmal geht es um Mendelssohn allein, manchmal um Wagner, manchmal um Beide. In den Blick geraten Mendelssohns Musik zur sophokleischen Antigone (Arne Stollberg), die Huldigungsmusiken beider Komponisten (Thomas Schmidt), die Sonatenform (Stefan Keym) und die Beziehungen der Komponisten zum Leipziger Instrumentenbau (Birgit Heise). Personen (Roger Allen kümmerte sich um C.G. Müller und Thomaskantor Weinlig) werden ebenso diskutiert wie musikhistorische Begriffe (Christiane Wiesenfeldt schrieb über die „Romantik“ beim Jüngeren, dem die Oper irgendwann Alles war, und dem Älteren, der „nur“ Singspiele, doch keine Oper vollendete). Natürlich muss auch vom Judentum die Rede sein: Ulrich Konrad und Claudius Böhm haben sich mit dem nicht beendbaren Thema auseinandergesetzt.
Um nur einige Funde mitzuteilen, die die Forschung bereichern: Frieder von Ammon vergleicht Mendelssohns und Wagners Beziehungen zu Goethe und dessen Werken, entdeckt im Götz von Berlichingen das erste Vorbild für Wagners Leubald-Tragödie, geht auf Mendelssohns Kantate Die erste Walpurgisnacht ein und stellt, wenig originell, aber neu am Material bewiesen, fest, dass die Ausgangslage der beiden Künstler und die Intention der verschiedenen Goethe-Vertonungen beider Komponisten völlig unterschiedlich waren. Arne Stollberg erörtert die politischen Hinter- und Vordergründe der Aufführung der Sophokleischen Antigone im Potsdam des Jahres 1843, die Wagner wenig später dazu brachte, eine Chorszene im Lohengrin (Elsas Auftritt im ersten Aufzug) als Gegenmodell zu entwickeln und eine (gegen die Wiederaufführung gerichtete) politische Antigone-Interpretation vorzulegen. Helmut Loos, der auch einen Quellenfund, Theodor Apels Tagebucheintrag über die Erstbegegnung Mendelssohns mit Wagner, beisteuert, würdigt Mendelssohn mild moralisierend als „sozial kompetenten“, Wagner als gleichsam asozialen Komponisten, weil Mendelssohn sich, anders als Wagner, nicht zu schade war, einen Großteil seines Schaffens im Auftrag zu schreiben; ob in jedem Fall idealistische und nicht gelegentlich auch materielle Gründe für die Annahme eines (im religiösen Bereich auch mal anderskonfessionellen) Werkauftrags sprachen, sei dahingestellt. Um Massenchor- und Gebrauchskunst geht es auch in Thomas Schmidts Beitrag, wenn er die Aufführungsgeschichte zweier Dresdner Monarchenfestgesänge der beiden Meister, die zum selben Anlass entstanden, vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Massenkunst interpretiert. Steffen Keym machte sich Gedanken über die verschiedensten Variationen der Sonatenform und kümmerte sich um Wagners relativ unbekannte Klavierfantasie wie um die Faust-Ouvertüre und jene charakteristischen zum Fliegenden Holländer und zu den Meistersingern, um zum Schluss zu kommen, dass Mendelssohn niemals eine Ouvertüre komponiert hätte, in der eine einzige Tonart hartnäckig durchgehalten wird – dass es Wagner in letzterem Fall gelang, fast ausschließlich in C-Dur zu schreiben und doch ein unverwechselbar geniales Werk zu schreiben, musste den zeitgenössischen Theoretikern hahnebüchen vorkommen.
Glücklicherweise wird die Musik immer noch von Musikern und nicht von reinen Denkern gemacht. Birgit Heise gibt einen spannenden Einblick in die Szene der erfindungsfreudigen und weit über die Stadt wirksamen Leipziger Instrumentenmacher (nur ein Stichwort: Ventilhörner), um im Fall Mendelssohns festzuhalten, dass er vor Allem auf Perfektion des Klangs, Wagner auf eine Erweiterung des Klangspektrums setzte. Ulrich Konrad schrieb einen eher allgemeinen, dafür umso tiefschürfenderen Beitrag zum Verhältnis des Einen (vor Allem des Jüngeren) zum Anderen: eine lebenslange und lebenslang ungelöste, weil mehrdeutig-widersprüchliche Beziehung, an deren einem Ende die Kritik am jüdischen Komponisten und jüdischen Dirigenten, am anderen die geheime Bewunderung für den Musiker und Komponisten stand. Zum Zitat des Dresdner Amen als Gralsmotiv des Parsifal findet Konrad zuletzt die treffende Bemerkung: „So gelangte denn katholischer Geist aus den Händen eines reformiert getauften Juden in das synkretistische Bühnenweihfestspiel eines lutherischen Musikers. Was könnte die Widersprüchlichkeit von Wagners Verhältnis zu Mendelssohn treffender kennzeichnen als dieses unauflösbare Zusammentönen?“
Geht es nicht um Musik, so um den Text. Barbara Eichner hat die populären Leipziger Zeitschriften der Mendelssohn und Wagner-Zeit ausgewertet; nebenbei erfährt man, dass man misstrauisch sein sollte, wenn Aufführungsillustrationen zum Druck kamen, denn oft genug zeigten sie nicht die angezeigte Leipziger oder Dresdner, sondern eine Pariser oder Londoner Produktion – weil die Graphiken schlicht und einfach übernommen wurden. Die Wirkung der Gartenlaube und anderer Organe kann gar nicht überschätzt werden, hatten diese Blätter doch einen wesentlich größeren, durchaus gebildeten Leser- (und Leserinnen-)Kreis als die musikalischen Fachzeitschriften. Hier ging es nicht um den Parteienstreit zwischen den Neudeutschen und den „Alten“ im als konservativ verschrienen Leipzig und anderswo, auch nicht um eine Positionierung für oder gegen Bayreuth, sondern eher um leichthändig formulierte wie meinungsbildende Feuilletons über aktuelle Kulturereignisse. Paul Lindaus Bemerkungen zu den ersten Festspielen sind aus guten Gründen heute noch lesbar. Unter den insgesamt 19 Beiträgen des Bandes muss auch auf Peter Schmitz’ Beitrag über die von Störungen und persönlichen Interessen belasteten Beziehungen zwischen Breitkopf & Härtel und dem unmittelbaren Umkreis Cosima Wagners hingewiesen werden, als es darum ging, die Werke, Schriften und Briefe Richard Wagners zum Druck zu befördern: ein Stück durchaus politischer Wirkungs- und Druckgeschichte. Politisch bleibt es schließlich, wenn Kerstin Sieblist die natürlich völlig unterschiedliche Rezeption oder eben: Nicht-Rezeption der beiden Musiker im Leipziger Nationalsozialismus beleuchtet, wobei Einseitigkeiten nicht ausbleiben: Weder war Wagner ein „musikalischer Wegbereiter des nationalsozialistischen Deutschland;“ dazu hat Ernst Bloch schon das Nötige gesagt, als er schrieb, dass die Musik der Nazis nicht das Meistersinger-Vorspiel, sondern das Horst-Wessel-Lied sei. Und zweitens verkennt die Bezeichnung Wagners als „Ikone des nationalsozialistischen Deutschland“, dass Hitlers und einiger anderer Propagandisten Theorie von der überragenden Rolle Wagners als Vordenker der Nazis zur allgemeinen Akzeptanz der Werke Richard Wagners im NS durchaus quer stand, wenn nicht gar von einem Missbrauch die Rede sein kann, wie Anno Mungen den Fall erst kürzlich (in Von Bayreuth nach Auschwitz) herausgearbeitet hat. Doch ist auch dieser Beitrag authentisch leipzigerisch und wagnergemäß, weil er die Fakten nicht zuschüttet, sondern relativ nüchtern interpretiert.
So mischen sich Werk,- Lebens- und Wirkungsaspekte, Musiktheoretisches und -Publizistisches, Zeitbedingtes und Unvergessliches: im Guten wie im Schlechten. Den Freunden des Einen wie des anderen Komponisten kann der dickleibige Band also nur wärmstens empfohlen werden.
Frank Piontek 16. Oktober 2026
Mendelssohn und Wagner. Zwei Symbolfiguren der Leipziger Musikgeschichte.
Sonderband der Leipziger Beiträge zur Wagnerforschung.
Hrg. vom Richard-Wagner-Verband Leipzig.
Gudrun Schüler Verlag, Leipzig 2026.
398 Seiten, 25 Abbildungen.