Baden Baden, Konzert: „Wiener Philharmoniker“ Thielemann / Brahms

© Manolo Press / Michael Bode

„Lieben Sie Brahms?“ Die Antwort gibt der gleichnamige Kult-Film mit Ingrid Bergmann aus dem Jahr 1961. Wie heute Abend nach dem Konzert? Ja, von Herzen! Wer is der Komponist? Wer ist Johannes Brahms? Für die Baden-Badener eine überflüssige Frage. Häufig weilte er hier am sommerlichen Ort, umgeben von vielen anderen Künstlern, vor allem mit der angebeteten Pianistin Clara Schumann. Wie weit diese Liebe gehen durfte war Träumerei und Wunsch, hatte aber sicher großen Einfluss auf seine Kunst, blieb aber letztlich im Verborgenen.

Brahms wurde im entlegenen kühlen Norden 1833 in Hamburg geboren. Der Lebensweg führte ihn 1869 nach Wien und war der Beginn seiner großen Schaffenszeit als Komponist. Alfred Einstein sieht Brahms als den großen Repräsentanten der musikalischen Romantik, der sich nicht über Beethoven hinwegsetzen möchte, also ein nachgeborener Meister zu sein. Er hat es niemals vergeben, dass seine Vaterstadt Hamburg ihm die bürgerliche Stellung nicht geboten hatte. Als Romantiker fühlte er sich als posthumer Musiker, der die Melodie ängstlich beibehält, aber behandelt sie nicht frei, schafft eigentlich nichts Neues daraus, sondern befrachtet sie nur. Die Romantik in Brahms Werk beruht auf der Relation zum verlorenen Paradies der Klassik.

Beginn des Abends war das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 83; komponiert im Sommer 1881 in Preßbaum bei Wien. Uraufführung am 9. November 1881 in Budapest durch Brahms unter Leitung von Alexander Erkel. Das Eduard Marx gewidmete Werk ist ein Klotz und umfasst vier Sätze, sprengt die Normalität von drei Sätzen und dauert ca. 50 Minuten. Ein Kraftakt für die Musiker und Zuhörer. Das B-Dur Konzert beginnt Allegro non troppo mit einem Hornmotiv, das für Ohren so etwas wie ein Aufreißer geworden ist. Drei Viertelnoten, Achteltriole, danach eine Terz. Das Eröffnungsthema nicht zu schnell. Dazu gehört auch kein übermäßiges Fortissimo des Orchesters. Es gibt da fast unspielbare, im Pianissimo vorgeschriebene Oktaven und anderes mehr, die einen Meister der Technik erfordern. Igor Levit ist ein solcher. Die Töne klingen oft hart akzentuiert, mit wenig Pedal, aber lassen das Legato vermissen. Die Interpretation ist klar und kühl, eben wenig romantisch. Vielleicht sollte man dazu den Menschen Igor Levit bedenken. Er ist Deutscher, lebt in Hannover und engagiert sich politisch gegen den wieder aufkommenden Antisemitismus.

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Der 2. Satz ein Allegro appassionato d-Moll in Sonatenform mit der Dreigliedrigkeit eines Tanzsatzes, die als Trio bezeichnet werden kann. Der3. Und 4. Satz – Andante und Allegretto grazioso – kehren zu der normalen Reihung der Sätze in einem Konzert zurück.

Im 3. Satz erklingt das Violoncello-Solo, das bei den Wiener Philharmonikern bestens aufgehoben ist. Das begeisterte Publikum erklatscht eine Zugabe, die es auch bekam: das Intermezzo op. 118 Nr. 2 von Johannes Brahms. Es ist ein Andante temperamente in A-Dur im ¾ Takt. Ein lyrisches Klavierstück, ordnend und vollendet zum Abschluss gebracht; eben romantisch.

Nach der Pause ein mitreißender Beginn, der manchen Zuhörer zum Mitsummen verleiten könnte. Es ist die 3. Sinfonie F-Dur op. 90, von Brahms im Sommer 1883 in Wiesbaden komponiert. Uraufführung am 2. Dezember 1883 in Wien unter der Leitung von Hans Richter. Es ist der Juchzer-Einstieg (oder „Jodel“, wie Brahms ihn nannte), der einfach Frohsinn und Freude vermittelt. Das nicht nur durch die Noten, sondern ebenso durch den Dirigenten Christian Thielemann. Er dirigiert auswendig, vermittelt Souveränität. Der ganze Körper geht mit und tanzt auf gewisse Weise. Er liebt Brahms und seine Wiener Philharmoniker. Es ist wechselseitige sicht- und hörbare Sympathie. Früher wurde er identifiziert mit Richard Wagner und Richard Strauss, also quasi schubladisiert. Hier ein neuer Christian Thielemann, der mit seiner Intensität Brahms in seiner Fortentwicklung lebendig machte.

Johannes Brahms war selbstkritisch und wollte das klassische Erbe Beethovens erhalten. Als er 1876 diese Sinfonie beendete, war die Bremse überwunden. Der große Kritiker Eduard Hanslick lobte ihn in seiner Besprechung der 3. Sinfonie: „Sie ist gedrungener in der Form, durchsichtiger im Detail, plastischer in den Hauptmotiven. Die Instrumentierung ist reicher an neuen reizenden Farbenmischungen als die früheren.“ Die Dritte ist die kürzeste aller Brahms-Sinfonien, nur 32 Minuten. Der erwähnte Anfang ist Brahms Motto aus seiner Jugend: „Frei aber froh“. Das Lebensmotto „F – A – F“, im Alter dann „F – As – F“ zieht sich durch die ganze Sinfonie, Die Klarinette nimmt es immer wieder auf. Der erste Satz endet in Melancholie. Der zweite Satz ein schwerelos strömendes Andante, getragen von den Holzbläsern. Der dritte Satz wieder ein melancholisches Intermezzo, nicht die sonst geläufigen Scherzi. Der Finalsatz ist reine Dramatik und Spannung: Fagott und Streicher eröffnen ein leidenschaftliches Tutti. Doch zum Schluss kommt es anders: ein ganz leiser Ausgang. Der Freund Antonín Dvořák dazu: „Es ist lauter Liebe und das Herz geht einem auf.“ Und es sind eben die Wiener Philharmoniker, die so spielen und den sog. Warmen Wiener Klang haben, mit Instrumenten ungewöhnlicher Bauart, wie speziell bei den Hörnern.

© Manolo Press / Michael Bode

Die Philharmoniker verstehen sich als Kulturbotschafter Österreichs und das gelingt ihnen bestens, wie beim Furioso Galopp von Johann Strauß nach Motiven von Franz Liszt. Großer Beifall! So wurde man beglückt nach Hause geschickt mit der Überzeugung, Brahms zu lieben.

18, Dezember 2023 Inga Dönges


Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 83,
3. Sinfonie F-Dur op. 90
Johannes Brahms
Festspielhaus Baden-Baden

15. Dezember 2023
Christian Thielemann
Wiener Philharmoniker
Igor Levit, Klavier