Köln: „La Cenerentola“, Gioachino Rossini

Das junge Regieteam bringt frischen Wind in die Kölner Oper. „La Cenerentola“ in der Inszenierung der italienischen Regisseurin Cecilia Ligorio mit der Choreographie von Daisy Ransom Phillips ist ein wahres Fest des Belcanto, des Tanzes und des Glamours à la Hollywood. Der junge italienische Dirigent Matteo Beltrami kreiert mit dem Gürzenich-Orchester perfekte Italianità, und mit dem Bühnenbild im Stil einer Hollywood-Revue von Gregorio Zurla, dass alle Chancen des riesigen Staatenhauses nutzt, erlebt man Opernglück pur.

© Matthias Jung

Die 39 Opern, die Gioachino Rossini in der Zeit von 1810 und 1829 schrieb, führten zu seiner Zeit in Europa zu einem wahren Rossini-Fieber. Der Komponist widmete sich danach nur noch der Kochkunst, was sich in einer beachtlichen Leibesfülle niederschlug. Der bereits ertaubte Ludwig van Beethoven soll 1822, nachdem er die Partituren des Barbiere und dreier ernster Opern Rossinis gelesen hatte, gesagt haben, dass dessen Komödien erheblich besser seien als seine tragischen Opern. Beethovens Urteil hat sich bewahrheitet: Neben dem „Barbiere di Siviglia“ hat sich das Dramma giocoso „La Cenerentola ossia La bontá in trionfo“ im Repertoire gehalten, und das hat seinen Grund.

Es gibt kaum eine Oper Rossinis, die reicher ist an üppig blühenden Melodien, an überbordendem italienischem Sprachwitz, an spritzigen Ensembles, an witzigen Einfällen und an einer erhebenden Handlung. Es geht um nicht weniger als um den Triumph des Guten durch die Macht der Vernunft.

Das Märchen vom Aschenputtel in der Version von Charles Perrault wurde vom Librettisten Jacopo Ferretti nach dem Vorbild von Pavesis Vertonung um die Figuren Alidoro, Lehrer des Prinzen Don Ramiro, und Dandini, Diener Don Ramiros, ergänzt und aller magischen Attribute entledigt. Der Prinz und sein Diener tauschen die Rollen, was zur Klärung der wahren Liebe Angelinas zum verkleideten Don Ramiro führt. Die Handlung wird gesteuert durch den Philosophen Alidoro, der in Cecilia Legorios Inszenierung sogar zum Autor der Geschichte avanciert. Zur Ouvertüre tippt er „Int. Home- Night.“ als Setting, und dann geht es los mit Aschenputtels Geschichte über die wahre Güte und Schönheit.

© Matthias Jung

Rechts auf der Bühne ist als eine Art Puppenhaus das Zimmer aufgebaut, in dem Alidoro zur Ouvertüre auf seiner Schreibmaschine tippt und in dem Clorinda und Tisbe ihre Stiefschwester Angelina schikanieren. Als Bettler tritt Alidoro in die Handlung ein. Während Clorinda und Tisbe ihn verjagen, gibt Angelina ihm etwas zu essen und klagt ihm ihr Leid. Ihre Canzone: „Una volta  c´era un re,“ wird Realität, denn da kommt die Nachricht von der Brautsuche des Prinzen und die Aufforderung an alle ledigen Frauen, den Ball des Prinzen zu besuchen. Bereits im Vorfeld treten die Tänzer mit Kameras als Journalistenmeute auf, um die Brautschau des Prinzen mit Clorinda und Tisbe zu fotografieren. Angelina möchte auch zum Ball, wird aber vom Vater brutal zurückgewiesen. Nicht eine Fee wirft das Ballkleid vom Baum, sondern Alidoro schafft es herbei und führt Angelina zum Fest. „You dance love, you dance joy, and you dance your dreams,“ (Gene Kelly), der große Ball, Sehnsuchtsort Angelinas, steht nicht umsonst im Mittelpunkt des Geschehens.

Bühnenbildner Gregorio Zurla nutzt die ganze Breite des Staatenhauses, um in einer Hollywood-Ästhetik der 40-er Jahre den Ballsaal darzustellen. Clorinda und Tisbe in ihren goldenen Roben (Kostüme:  Vera Pieratoni Giua) erinnern an Ginger Rodgers und Rita Hayworth, Dandini an Fred Astaire. Angelina wird von den sechs Tänzern durch ihr Glück getragen. Jeder Takt ist choreografiert. Die sechs Tänzer und der Herrenchor der Kölner Oper unter der Leitung von Rustam Samedov als Kellner Ballett mit rollbaren Banketttischen verdeutlichen die riesige Dimension des Ballereignisses. Der Tanz hat hier die dramatische Funktion, Angelinas Befreiung darzustellen. Musikalisch lässt das Dirigat des italienischen Gastdirigenten Matteo Beltrami keine Wünsche offen, das Gürzenichorchester ist agil, spritzig und rhythmisch präzise. „Nicht Magie oder ein gütiges Schicksal sorgen für den Triumph des Guten, sondern die Kraft des menschlichen Verstehens und Denkens,“ so der Dramaturg Stefan Steinmetz.

Bereits am 16. April 2016 debütierte die junge Adriana Bastidas-Gamboa im ersten Jahr der Ersatzspielstätte Staatenhaus als Angelina in einer konzertanten Produktion von „La Cenerentola“ und riss Presse und Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Der Genuss wird jetzt durch die szenische Umsetzung noch gesteigert. Mit samtig-warmem Mezzo meistert sie die innigsten lyrischen Momente und die atemberaubendsten Koloraturen und Sprünge. Ihr Debut als Carmen 2019 und ihr Auftritt als Miranda 2022 zeigen die Vielseitigkeit dieses Ensemblemitglieds. Ihr Appell an Güte und Verzeihen beschließt eine spritzige Komödie mit Tiefgang.

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Der junge Tenor Pablo Martinez ist ein Don Ramiro, dem man anmerkt, dass er bei Juan Diego Florez studiert hat.  Mit scheinbar mühelosen Koloraturen und strahlenden Spitzentönen umgarnt er Angelina und sein Publikum. Der überschlanke Bariton Wolfgang Stefan Schwaiger ist ein Dandini, der nicht nur mit perfekter Italianità singt, sondern auch wie Fred Astaire tanzt.

Omar Montanari als Don Magnifico ist einer der raffiniertesten Interpreten von „buffo“- und „brillante“-Rollen des Rossini-, Donizetti-, Mozart- und Belcanto-Repertoires. Er ist ein Erzkomödiant mit unfassbar beweglichem Bass, der dem herzlosen, geldgierigen, versoffenen Don Magnifico augenzwinkernd Kontur gibt.

Herrlich zickig sind Clorinda (Jennifer Zein) und Tisbe (Charlotte Quadt) als böse Stiefschwestern, die sich als habgierig und oberflächlich erweisen. In den zahlreichen spritzigen Ensembles mit enormem italienischem Sprachwitz tragen sie die virtuosen Sopranpartien bei.

Mehr als ein Deus ex machina, sondern auch der Autor der Geschichte in der Optik eines Raymond Chandler, ist der junge charismatische Bass Christoph Seidl als Alidoro. Vervielfältigt durch die sechs Tänzer Giovanni Buttacavoli, Leon Di Domenico, César José Guitiérrez Salas, Spyros Ntogas, Kyle Patrick und Alex Vasquez Gala verkörpert er als Autor und Moderator die kritische Vernunft und steuert die Handlung. Ihre Schlussarie: „Non piú mesta“ (Alles wechselt stets im Leben) singt Angelina nicht in Ramiros Armen, sondern bei Alidoro – er hat sich, wie das Publikum, in seine Heldin verliebt. In dieser Abschlussarie erreicht Angelina die Güte eines Sarastro: sie predigt mit expressiven Koloraturen und erhabenen Kantilenen Verzeihen und Versöhnung.

Adriana Bastidas Gamboa und Wolfgang Stefan Schwaiger, beide aus dem Internationalen Opernstudio Köln erwachsene Ensemblemitglieder der Kölner Oper und Träger des von den Kölner Opernfreunden vergebenen Offenbach-Preises, knüpfen an ihre Erfolge als Figaro und Rosina in der Inszenierung des „Barbiere di Sivigllia“ von Ruth Berghaus an. Rosina traut man zu, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, aber Angelina ist in ihrem Elend auf Hilfe angewiesen.

Während der „Barbiere di Siviglia“ eine derbe Buffa ist, bei der die Figuren noch sehr der Commedia dell´arte verhaftet sind, und die Konflikte letzten Endes ungelöst bleiben, bietet Rossini hier eine echte Heldin an, mit der man mitleidet und die durch das Eingreifen eines vernunftbegabten Philosophen nicht nur ihr eigenes Schicksal überwindet, sondern auch noch ihren Widersachern verzeiht. Unversöhnliche Konflikte sind nun dem Gedanken der Versöhnung gewichen

Der Zugang, den die junge italienische Regisseurin Cecilia Ligorio gewählt hat, fügt den Buffa-Elementen den Glamour der Traumfabrik Hollywood der 40-er Jahre hinzu und zeigt mit der Aufwertung der Figur des Alidoro, dass die Vernunft eines aufgeklärten Philosophen etwas bewirken kann. Sie gibt der Musik Rossinis die Visualisierung durch den Tanz, die in ihr angelegt ist. Standing Ovations des begeisterten Premierenpublikums. Ein veritables Vergnügen!

Ursula Hartlapp-Lindemeyer 20. Dezember 2022

Besonderer Dank an unsere Freunde vom OPERNMAGZIN


 „La cenerentola“ (Aschenputtel)

Gioacchino Rossini

Oper Köln

Besuchte Premiere am 17. Dezember 2022

Inszenierung: Cecilia Ligorio

Dirigat: Matteo Beltrami

Gürzenich Orchester Köln