Hamburg: „Hänsel und Gretel“, Engelbert Humperdinck

Die Hamburger Produktion von Humperdincks Märchenoper ist der beste Beweis dafür, dass man (auch aus Gründen der Nachhaltigkeit) das Standardrepertoire nicht alle zehn Jahre neu zu inszenieren braucht. Sage und schreibe 50 Jahre sind seit der Premiere dieser wunderschönen Inszenierung von Peter Beauvais vergangen (Dezember 1972) und sie bereitet Jung und Alt immer noch großes Vergnügen. Alles ist da, was man von dieser wunderbaren Oper erwartet: Ein stimmiges Bühnenbild (Jan Schlubach) mit der ärmlichen Behausung der Familie, einem poetischen Waldbild im zweiten Akt und einer leckeren Knuspervilla samt Holzverschlag und großem Ofen für den dritten Akt. Die Kostüme (Barbara Bilabel/Susanne Raschig) sind genau passend zu den Lebensdaten der Gebrüder Grimm im Biedermeier, wobei dezent darauf verwiesen wird, dass die Hexe im Wald schon länger Kinder zu Lebkuchen bäckt, indem bei den erlösten Kindern auch ein Rokoko-Pärchen auszumachen ist. Die gemalten Hintergrund – Kulissen sind ein echter Hingucker, so schöne Landschaftsbilder im Stil der Frühromantik hat Schlubach dazu entworfen.

(c) Jörg Michel

Wenn wir in der Vorweihnachtszeit mit Kindern, Enkeln, Patenkindern in die Oper gehen, brauchen wir keine verwahrlosten Gestalten, die in Trailer Parks aufwachsen und von Pädophilen missbraucht werden. Beauvais‘ großartige Inszenierung ist für diese Wiederaufnahme sorgfältig neu einstudiert worden und die Darsteller überzeugen mit facettenreichem Spiel. Allen voran der Hänsel von Jana Kurucová, die diese Hosenrolle mit umwerfend komischer und exakter Darstellungskunst ausfüllt und mit ihrem ebenmäßigen, herrlich timbrierten Mezzosopran die Lieder, Phrasen und Ensembles aufs Schönste ausleuchtet. An ihrer Seite macht die Gretel von Olivia Boen mit ihrem hell leuchtenden Sopran und ihrem ebenso engagierten, rollengerechten Spiel ganz ausgezeichnete Figur. Der „Abendsegen“ der beiden betörte zum Dahinschmelzen.

Was für eine Freude empfand ich, als ich erfuhr, dass die Knusperhexe in der von mir besuchten Aufführung von einer Sängerin gesungen werden würde und nicht von einem Tenor. Das ist heutzutage leider selten geworden, auch in Hamburg wechseln sich der Tenor Jürgen Sacher und die Hamburger Kammersängerin Hellen Kwon ab. Frau Kwon, die fast schon so lange an der Staatsoper tätig wie ist wie die Inszenierung alt ist, gestaltet die Hexe vortrefflich. Nur ein kleines bisschen zum Fürchten, aber immer augenzwinkernd und nicht chargiert. Der Besenritt war vortrefflich inszeniert – mit Szenenapplaus – und stimmlich ein Hochgenuss. Hellen Kwon scheint die Partie seh- und hörbar Spaß zu machen, möge das noch lange so bleiben. Entgegen der Grimm’schen Vorlage, ist Gertrud (die Mutter von Hänsel und Gretel) keine selbstsüchtige, zutiefst böse Stiefmutter. Die Librettistin war Humperdincks Schwester Adelheid Wette, sie zeichnete diese als strenge, aber besorgte Mutter, die ob ihrer Armut an den Rand des Erträglichen gelangt. Katja Pieweck singt sie deshalb nicht mit der Stimme einer kreischend-hysterischen Hochdramatischen, sondern lässt neben vehementer Schimpftiraden auch mit weicher Innigkeit aufhorchen. Chao Deng als Vater Peter ist ganz der joviale Sympathieträger. Claire Gascoin als Sandmännchen und Yeonjoo Katharina Jang als Taumännchen ergänzen auf bezaubernde Art das spielfreudige Ensemble.

(c) Hans Jörg Michel

Die Vorstellung war bereits die zweite an diesem dritten Adventssonntag. Nur Hänsel und die Knusperhexe waren mit anderen Sängerinnen besetzt als in der Nachmittagsvorstellung.

Große Dirigenten wissen die Qualitäten von Humperdincks Partitur zu schätzen: Kein geringerer als Richard Strauss leitete die Uraufführung und lobte das Werk in den höchsten Tönen: „Mein lieber Freund, du bist ein großer Meister, der den Deutschen ein Werk beschert, das sie kaum verdienen, trotzdem aber hoffentlich recht bald in seiner ganzen Bedeutung zu würdigen wissen werden.“ Bei der ersten Hamburger Aufführung dirigierte übrigens Gustav Mahler.

Am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters stand gestern nun Mark Wigglesworth. Er bevorzugte eher rasche Tempi, es schien er wolle jegliches schwere Pathos vermeiden, das in der reichhaltig orchestrierten Partitur des Wagner-Schülers Humperdinck natürlich da ist. Für mein Empfinden gerieten jedoch die Ouvertüre und die ausladenden orchestralen Zwischenstücke (Traumpantomime, Einleitungen zu den Akten II und III) zu fahrig, zu wenig gerundet und es fehlten mir die wohligen Schauer, welche diese wunderbaren Musikstücke in ihrer Emphase zu erregen verstehen.

Allen im Publikum vertretenen Generationen schien die Aufführung sehr gefallen zu haben, die vielen Kinder waren erstaunlich ruhig, ganz im Gegensatz zu einigen älteren Damen hinter mir, die glaubten alles kommentieren zu müssen. Erst meine bösen Blicke brachten sie zum Verstummen. Trotzdem überließ ich den Gliederstarre-Zauber lieber der fantastischen Hexe von Hellen Kwon.

Kaspar Sannemann, 15. Dezember 2022


„Hänsel und Gretel“ Engelbert Humperdinck

Staatsoper Hamburg

Besuchte Aufführung: 11. Dezember 2022 (Premiere: 6. Dezember 1972)

Inszenierung: Peter Beauvais

Musikalische Leitung: Mark Wigglesworth

Philharmonisches Staatsorchester