Mailand: „The tempest“, Thomas Adès

Die in Wien 2015 gezeigte Koproduktion zwischen der New Yorker Met, der  Oper von Québec und der Wiener Staatsoper, die die zweite Oper von Thomas Adès zum Gegenstand hat, ist nun auch an der Scala gelandet. Dem Intendanten Dominique Meyer war es sicher ein Anliegen, die magere Bilanz der Aufführung zeitgenössischer Werke mit einer Arbeit aufzufetten, die schon anderswo erfolgreich gezeigt wurde und in ihrer tonalen Anlage das Scalapublikum nicht verschrecken würde.

(c) Brescia&Amisano

Die Regie von Robert Lepage wurde von Gregory A. Fortner betreut und wirkte absolut lebendig. Als Lepage noch nicht wissen konnte, dass seine Arbeit auch in Mailand zu sehen sein würde, hatte er sich schon dafür entschieden, im ersten Akt das Logenrund der Scala zu zeigen und zu Beginn des dritten die Bühne von hinten, zu der dann die Ansicht einiger vom Chor bevölkerten Logen stieß (schließlich ist Prospero Herzog von Mailand). Aus Interviews mit dem Regisseur ging hervor, dass er eine Art Metatheater anstrebte, indem er Prospero zum Direktor einer Schauspieltruppe machte. Persönlich habe ich das nicht so empfunden, sondern bin der Handlung mit naiv-kindlichem Interesse gefolgt, umso mehr als die Librettistin Meredith Oakes in Übereinstimmung mit dem Komponisten so manches an Shakespeares Werk abgeändert hat. So ist Prospero, der im Stück die Verbindung Mirandas mit Ferdinand begrüßt, in der Oper absolut dagegen und legt den jungen Mann sogar in Ketten. Sehr wichtig scheint mir auch die Veränderung der Sicht auf Caliban, der zum Herrscher über die Insel wird, sobald Prospero mit allen anderen Endringlingen den Ort verlassen hat. Im Hinblick auf die heute veränderte Anschauung von Kolonien und Kolonisation handelt es sich um eine begrüßenswerte Stellungnahme.

(c) Brescia&Amisano

Die, wie schon erwähnt, tonale Musik spart zwar nicht mit Dissonanzen, bleibt aber der klassischen Form der Oper treu, denn neben der musikalisch aufregenden Ouverture gibt es Arien, Duette, Terzette und große Ensembles. Als besonders gelungen empfand ich das Liebesduett zwischen Miranda und Ferdinand, aber auch die komischen Szenen der beiden trinkfesten Taugenichtse Stefano und Trinculo, die den Charakter der Shakespeareschen Rüpelszenen perfekt auf die Bühne bringen.

Im Rahmen der gelungenen Regie gebührt der Bühnenbildnerin Jasmine Catudal besonderes Lob für die Ausstattung des zweiten Aktes, in dem die Atmosphäre einer tropischen Insel mit ihrer reichen Flora perfekt getroffen ist. Nicht weniger zu loben ist Kym Berrett für ihre einfallsreichen Kostüme – wunderbar leicht Mirandas Kleid und prachtvoll die Gewänder der Schiffbrüchigen (die  ja nach Prosperos Willen wie unberührt aus der Schiffskatastrophe hervorgehen). Die raffinierte Beleuchtung des inzwischen verstorbenen Michel Beaulieu wurde von Marco Filibeck betreut.

Als Dominique Meyer vor Beginn der Vorstellung vor den Vorhang trat, ahnte man Böses. Der Intendant berichtete, dass sich Audrey Luna (Ariel) verletzt hatte, zwar singen, nicht aber die vorgesehenen akrobatischen Übungen des Luftgeistes durchführen konnte. (Ob die Verletzung privat, im Straßenverkehr oder gar bei der Premiere – besprochen wird hier die zweite Vorstellung – passiert war, wurde nicht mitgeteilt). Die als Coach für die akrobatischen Einlagen verantwortliche Geneviève Bérubé sprang ein und turnte wie von der Regie vorgesehen in höchsten Höhen herum, während Luna am Bühnenrand links sang. Als singende Akrobatin hätte sie natürlich stärkeren Eindruck hinterlassen, aber sie sang ihre bis zum hohen g reichenden Koloraturen mit Ausdruck und schöner Selbstverständlichkeit. (Dementsprechend wurde sie beim Schlussapplaus am meisten gefeiert).

(c) Brescia&Amisano

Wenn ich nach alter Manier der Opernliebhaber die schönsten Stimmen nennen soll, so sind diese Josh Lovell als Ferdinand und Isabel Leonard als Miranda, dazu gesellt sich Owen Willetts, Kontratenor, als auch szenisch überaus überzeugender Trinculo. An den anderen Mitwirkenden gibt es aber weder schauspielerisch, noch gesanglich zu mäkeln: Der Bariton Leigh Melrose als zunächst rachsüchtiger, dann immer menschlicher werdender Prospero (bei der Uraufführung von Simon Keenlyside gesungen), der Tenor Frédéric Antoun als mitleiderregender und schließlich triumphierender Caliban, die Tenöre Robert Spence (König von Neapel) und Robert Murray als Bösewicht Antonio, der Bass Kevin Burdette als trinkfreudiger Stefano, der Bariton Paul Grant als zwischen den Fronten schwankender Sebastiano. Der einzige Nicht-Muttersprachler war der Rumäne Sorin Coliban als treuer, loyaler Gonzalo mit schmiegsamem Bass.

Ganz hervorragend schlug sich wieder einmal der von Alberto Malazzi einstudierte Chor des Hauses und das Orchester folgte willig der Stabführung von Adès. Heutzutage gibt es ja nicht so viele Möglichkeiten, mit dem Komponisten einer Oper höchstpersönlich zu arbeiten.

Verdienter Applaus für alle Mitwirkenden, mit – wie schon erwähnt – Jubel für Audrey Luna.

Eva Pleus, 13. November 2022


Thomas Adès: „The tempest“ / Teatro a la Scala

Premiere am 5. November 2022 / besuchte Vorstellung am 8. November 2022

Inszenierung: Robert Lepage

Orchestra e Coro del Teatro alla Scala