Wien: „La gazza ladra“, Gioachino Rossini (1. Besprechung)

Warum Rossinis „La gazza ladra“ so gut wie nie gespielt wird, beantwortet sich von selbst beim Kennenlernen (dass die Kammeroper die „Diebische Elster“ 1972 und 1984 gezeigt hat, hat man ehrlich gesagt vergessen) – es handelt sich um ein sehr schwaches Werk des großen Gioachino Rossini. Dass er musikalisch hier zwar mit seiner Routine über die Runden kam, aber seine bekannte Inspiration vermissen ließ (nicht eine Melodie, die aufhorchen lässt, die haften bleibt), lag mit Sicherheit an dem unsäglichen Libretto von Giovanni Gherardini, der sich auch nicht dafür entschuldigen kann, dass er ein französisches Stück vertont  hat, das in den wirren Nach-Napoleonischen Zeiten spielt (wovon man in der Aufführung des MusikTheaters an der Wien natürlich nichts merkt, sonst müsste man die Leute am Ende hübsch anziehen).

(c) Monika Rittershaus

Schon der erste Akt ist ein Verwirrspiel, wo sich alles um das Dienstmädchen Ninetta dreht, die bei dem reichen Pächter Vingradito arbeitet. Sie liebt nicht nur den Sohn des Hausherrn (er sie glücklicherweise auch), sie wird auch von dessen Vater belästigt, von dem Bauernburschen Pippo angeschwärmt, von dem Bürgermeister mit Anträgen verfolgt – und sie hat auch noch das Problem mit ihrem Vater, der als Deserteur gesucht wird. Den silbernen Löffel, den die Pächterin vermisst, hat allerdings eine diebische Elster gestohlen – aber als Ninetta unter Verdacht gerät, kann sie, um ihren Vater zu schützen, sich nicht verteidigen. In einer endlosen Anklageszene zu Ende des ersten Aktes wird sie abgeführt.

Der zweite Akt sprengt dann alles, was man von einer „Opera semiseria“ erwarten kann, das ist schon Hochdramatik pur: Ninetta vor Gericht, zum Tode verurteilt (!), das erinnert an ein Königinnen-Drama und spielt doch in einem (eigentlich französischen) Dorf. Der Vater, der sie retten will, wird prompt auch gefangen genommen und soll ebenfalls getötet werden, und nachdem die Heldin unter Trommelwirbel zur Hinrichtung geführt wurde und man als Publikum ganz perplex dasitzt (das Mädchen ist ein Dienstmädchen, bitte, und es geht um einen silbernen Löffel), holpert das Happyend herbei – das Nest der Elster wird gefunden, was reicht, um Ninetta sozusagen in Sekundenschnelle zu rehabilitieren, und für den Vater kommt eine Begnadigung des Königs (in dieser Aufführung per Fahrradboten)… Und das alles zieht sich entsetzlich, weil Rossini dazu nichts eingefallen ist, was seiner Genialität würdig gewesen wäre. Wobei natürlich, das sei festgehalten, Rossini-Routine immer noch mehr ist, als viele andere zu bieten haben…

Stefan Herheim hat Tobias Kratzer für sein Wien-Debut an das Haus geholt, den Regisseur, dessen Namen seit seinem Bayreuther „Tannhäuser“ 2019 jeder in der Branche kennt (wobei die Inszenierung, hymnisches Lob beiseite, auch  nicht jedermanns Sache war). Es gab viele Vorschußlorbeeren, das Versprechen, das Werk „komisch, tragisch, exzentrisch“ zu inszenieren („Die Presse“), die Versicherung, der Regisseur garantiere „rege Fantasie, rigorosen Witz und sinnlichen Mut“ („Die Bühne“). Von all dem sah man nicht viel. Was sich auf der Bühne des MuseumsQuartiers abspielte, war Regietheaterkonfektion von der Stange, es gab zwar keine Koffer, dafür ein Auto auf der Bühne, und die Aussage lautete, wie schlecht die Menschen, „das Volk“ eigentlich sind. Sie benehmen sich tatsächlich recht übel zu Ninetta, die sie alle gut kennen, freuen sich erst auf ihre Hinrichtung, scheinen dann doch zu trauern und jubeln sich ins Happyend hinein. Wie die „Masse“ halt so ist. Im Leben und in schlechten Libretti. Und das muss, weil man ja selbst zu den einsichtigen Guten gehört, dem Opernpublikum nun wirklich ausdrücklich gesagt werden.

Ausstatter Rainer Sellmaier hat ein einstöckiges Bühnenbild gebaut (wie für Nestroys „Haus der Temperamente“ oder „Zu ebener Erde und erster Stock“), bloß, dass man den ersten Stock kaum braucht. Als Einheitsbühnenbild fungiert dieser erweiterte Bauernhof für den ersten Akt (ganz links  hat man das Hammerklavier samt Spieler hingestellt), für den zweiten muss man umbauen, da braucht es dann Gefängnis und Gerichtssaal (und das Hammerklavier landet rechts). All das ist recht schäbig, aber nicht so sehr wie die Kostüme (die auch die Heldin leider ziemlich entstellen), die eigentlich „Proletariat“ signalisieren, irgendwann in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vielleicht? Jedenfalls sieht man kein Handy, nur der Bürgermeister fährt zweimal mit dem erwähnten Auto – in leichtem Oldtimer-Look – vor.

Die zeitliche Verschiebung der Geschichte ist aber, zusammen mit den Videos, die einzige Veränderung der Vorlage, im übrigen wird recht glaubhaft und ohne sonderliche Übertreibung auf mögliche psychologische Glaubwürdigkeit der handelnden Personen gesetzt, was angenehm ist, weil man die Geschichte, so dumm sie sein mag, wenigstens erkennt.

Ja, und die Elster. Gleich zur Ouvertüre darf sie auf einer riesigen Videowand fliegen – über Felder und Wälder, immer auf der Suche nach irgendetwas Glitzerndes, das sie dann mit sich trägt. Und wir sehen die Welt mit ihren Augen. Dreimal taucht sie noch im Lauf des Geschehens als Video auf – da sieht man die Handlung auf der Bühne aus ihrer Vogelperspektive gespiegelt. Der Effekt wird nicht überreizt, ist aber nur am Anfang und am Ende (davon ist noch die Rede) wirklich sinnvoll.

Die menschliche weibliche Hauptrolle (nicht die Titelrolle) verkörperte Nino Machaidze, einst (als sie 2008 an Villazons Seite in Salzburg die Juliette sang) als der kommende Star gehandelt, woraus nichts Rechtes geworden ist. Sicher sieht sie besser aus, als man sie mit strähnigem Haar, mit einem wahren Fetzen von Kleid und Stiefeln hier auf die Bühne schickt. Die Stimme ist kraftvoll, stark, für Rossini eigentlich zu dramatisch, da liegt auch viel Strahl in der Kehle, aber keine Leichtigkeit für die Koloraturen. Aber sie spielt das haarsträubende Schicksal des armen Geschöpfes recht überzeugend.

Der Liebhaber hat eigentlich nichts zu tun, auch nicht viel zu singen, aber mit Maxim Mironov hat man bekanntlich einen jener klassischen „weißstimmigen“ Tenöre, wie sie die Belcantisten (angeblich) verlangen.

Dunkle Stimmen dominieren – der Bürgermeister (Nahuel Di Pierro) liefert finsteren Nachdruck, der Pächter (Fabio Capitanucci) klingt sonor, hat aber keine große Rolle, und Ninettas Vater (Paolo Bordogna), der an sich so wichtig ist, kommt mit trockener Stimme nicht wirklich zur Geltung. Sonst fällt Pippo positiv auf – die kroatische Mezzosopranistin Diana Haller hat evident schönes Material. Die Pächtersgattin Lucia  (Marina de Liso) darf kurz vor Ende, als man schon in den Stühlen wetzt, noch eine Arie singen.

(c) Monika Rittershaus

Schon bei der Ouvertüre fiel auf, wie martialisch und gewissermaßen grobschlächtig Dirigent Antonino Fogliani diesen Rossini anging, ein bisschen eleganter wäre schon möglich gewesen. Über viele Längen des Werks konnte das ORF Radio-Symphonieorchester Wien auch nicht hinwegtrösten. Robert Lillinger klimperte am Hammerklavier, der Arnold Schoenberg Chor (geleitet von Erwin Ortner) war exzellent wie immer.

Am Ende gab es Comic Relief: Die von Ninetta gerettete und frei gelassene Elster flog wieder – überraschenderweise über Wien. Zum Kunsthistorischen Museum. Durch ein Fenster hinein, durch die pompöse Eingangshalle, durch die Räume, bis sie bei der Saliera landete, die sie mit zweifellos lüsternen Augen betrachtet. Möge diese zu schwer für einen Elsternschnabel sein: Noch einen Raub des guten Stücks würde das KHM wohl kaum verkraften.

Das Publikum bewies drei Stunden 40 Minuten lang Sitzfleisch (eineinhalb Stunden davon könnte man verlustlos streichen). Eine Phalanx italienischer Gäste betätigte sich unermüdlich als Claqueure für die Szenen-Applause, Ob sich die Bekanntschaft mit dieser Oper trotz relativ harmloser Regie wirklich lohnt…? Nun, das Theater an der Wien hat immer davon gelebt, dass es in Wien Musikfreunde gibt, die unersättlich neugierig auf Neues sind. Das war bei Geyer so, das wird bei Herheim nicht anders sein.

Renate Wagner, 17.11.2022


Rossini: „la gazza ladra“

MuseumsQuartier

MusikTheater an der Wien

Besuchte Premiere: 16.11.2022

Regie: Tobias Kratzer

Dirigat: Antonino Fogliani

ORF Radio-Symphonieorchester Wien