Dortmund: „Gräfin Mariza“, Emerich Kalman

Die Möglichkeit das gleiche Stück an zwei verschiedenen Theatern in Neuproduktionen zu erleben, gibt es auch nicht alle Tage. Nach dem Besuch der Premiere von Emerich Kalmans „Gräfin Mariza“ in Osnabrück, folgte nun eine Visite bei der Dortmunder Produktion. Hatte Matthias Oldag das Stück in Osnabrück in die Glamourwelt eines von „Babylon Berlin“ inspirierten Budapester Nachtclubs der 20er Jahre versetzt, belässt Thomas Enzinger in Dortmund das Stück auf dem Landgut der Gräfin.

Zum Dortmunder Regiekonzept gehört, dass Marizas Diener Tschekko in einer Rahmenhandlung die Operette als märchenhafte Liebesgeschichte einem Kind erzählt. Dieser Kunstgriff fiktionalisiert die Liebesgeschichte etwas, stellt sie aber auch nicht auf den Kopf. Christian Pienaar als Teschekko und Cataleya Maria Kronwald als Kind machen ihre Sache überzeugend.

© Anke Sundermeier

Bühnenbildner Toto, der gemeinsam mit Thomas Enzinger eine Vielzahl opulenter Erfolgsproduktionen auf die Dortmunder Bühne gebracht hat, gibt sich diesmal auf den ersten Blick bescheiden. Die Bühne ist von hohen getünchten Wänden geprägt, das Landgut der Gräfin wirkt etwas heruntergekommen und verlassen, das Mobiliar ist mit Tüchern bedeckt. Da fühlt man sich in die Stimmung von Tschechow-Stücken wie „Der Kirschgarten“ oder „Drei Schwestern“ versetzt.

Bei den Musiknummern bietet Enzinger dem Publikum dann aber eine große Show: Das fängt mit der achtköpfigen Tanzgruppe an, die schon im Prolog über die Bühne wirbelt und choreografiert von Evamaria Mayer eine große Bandbreite zwischen Folklore, Ausdruckstanz, Artistik und Hip-Hop bietet. Manchmal wird einfach drauflos getanzt und man fragt sich, welchen szenischen Sinn der Tanz gerade jetzt macht? Beim Ball des 2. Aktes, als Verdoppelung der Charaktere oder tänzerischer Kommentar zu einem Duett oder einer Arie fügt sich der Tanz aber gut in die Geschichte ein.

Unter dem beschwingten Dirigat von Olivia Lee-Gundermann ist ein Ensemble zu erleben, das in den Hauptpartien mehr nach Optik als nach stimme besetzt ist. Die Titelrolle wird von Tanja Christina Kuhn gesungen, die einen angenehmen lyrischen Sopran besitzt. Für eine überzeigende Mariza bräuchte sie aber mehr stimmliches Feuer und eine größere Präsenz in den Spitzentönen. Alexander Geller singt den Tassilo mit leichter und guter geführter Tenorstimme. Da er, wie das gesamte Ensemble elektronisch verstärkt wird, muss er auch nicht forcieren oder pressen, um den großen Saal des Dortmunder Opernhauses mit seinem Gesang zu füllen.

© Anke Sundermeier

In der komischen Rolle des Baron Kolomán Zsupán ist Fritz Steinbacher mit seinem ähnlich klingenden Tenor gar nicht so weit weg von Gellers Stimmklang. Überraschend ist, dass bei dieser Produktion, die politisch so korrekt ist, dass sie verschweigt, dass der Name „Kolomán Zsupán“ aus „Der Zigeunerbaron“ von Johann Strauß entnommen ist, in einem solch überzogenen ungarischen Akzent sprechen muss, dass man ihn manchmal gar nicht versteht. Würde man eine türkische oder afroamerikanische Bühnenfigur mit solch einem Akzent ausstatten, so wäre das rassistisch.

Johanna Schoppa ist zwar Mitglied im Dortmunder Opernchor, hat aber in der Operette regelmäßig solistische Auftritte. Diesmal ist sie Tassilos Erbtante Fürstin Bozena, die für die Komik im 3. Akt zuständig ist. Schoppa spielt die Partie mit großer Lässigkeit. Eine originelle Regie-Idee ist es, ihr in der Rolle ihres Dieners Penizek den mittlerweile in der Rente befindlichen Publikumsliebling Hannes Brock an die Seite zu stellen. Weil die Fürstin so viele Schönheits-Operationen überstanden hat, kann ihr Gesicht nicht mehr ihre Gefühle ausdrücken. Dafür ist nun der Diener zuständig, der sich als ehemaliger Theaterkritiker entpuppt, der zu jeder Situation den passenden Dramentitel parat hat.

Im direkten Vergleich der Osnabrücker und Dortmunder Produktion lässt sich kein klarer Favorit ausmachen. In Osnabrück forcieren die Sänger zwar, benötigen aber keine Mikrophone wie in Dortmund. Auch die Regieansätze sind schlüssig: Die Osnabrücker Inszenierung ist von der Fernsehserie „Babylon Berlin“ inspiriert. In Dortmund erlebt man Tschechow-Optik mit flotten Revue-Elementen.

Rudolf Hermes 13. Dezember 2022


„Gräfin Mariza“

Emerich Kalman

Oper Dortmund

Trailer

Premiere: 3. Dezember 2022

Besuchte Vorstellung: 9. Dezember 2022

Inszenierung: Thomas Enzinger

Choreografie: Evamaria Mayer

Bühne und Kostüme: Toto

Dirigat: Olivia-Lee Gundermann

Dortmunder Philharmoniker