Lübeck: „Die Fledermaus“, Johann Strauss

Zwar feierte die Lübecker „Fledermaus“ bereits am 14. Oktober Premiere, aber eigentlich ist es ja nicht nur die Operette schlechthin; Johann Strauss´ komisches Meisterstück gehört traditionell zu den beliebtesten Silvester-Unterhaltungen überhaupt. Und so war es nur folgerichtig, dieses Feuerwerk an Couplets, Duetten und Terzetten am 32. Dezember im Theater der Hansestadt vor einem geradezu entflammten Publikum abzubrennen.

Am 32. Dezember? Doch, das Datum ist richtig, wenn man dem Abreißkalender im Gefängnis von Direktor Frank und dem Gerichtsdiener Frosch Glauben schenkt. Das ist nur einer von zahlreichen, liebenswerten Einfällen, die diese Inszenierung von Michael Wallner so sehenswert machen.

© TL/Olaf Malzahn

Der gebürtige Wiener ist exakt der richtige Regisseur, um einem sehr oft gespielten Stück zu neuer Frische mit viel wienerischem Humor zu verhelfen. Dazu schlüpft er selbst in die Rolle des Frosch und legt ein komödiantisches Kabinettstück erster Güte hin, mit lustigen Wortspielen, intelligenten Albernheiten und einer Prise absurden Humors. Mit halsbrecherischer Akrobatik turnt er sturzbesoffen auf den kippeligen Schrank, wo er seinen Sliwowitz versteckt, um dann unsanft auf den Bühnenboden zu krachen. Aber die Frosch-Szene kommt ja erst im dritten Akt, wenngleich alle natürlich darauf gespannt sind.

Spannung erzeugt von der ersten Note an und zwar attacca! GMD und Operndirektor Stefan Vladar, der andere Wiener im turbulenten Spiel, mit dem Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck. Wer zuvor eine Aufführung dieser Produktion gesehen und gehört hatte, war freudig überrascht, daß gerade die anspruchsvolle Ouvertüre mit ihren raschen Dynamik- und Rhythmuswechseln am Altjahrsabend noch zackiger und spritziger klang – feinster musikalischer Champagner, und zwar mit dem Prädikat „Appellation d’Origine Protégée de Lubeque“, aus der Magnum-Flasche.

Der musikalischen Finesse und Leichtigkeit, die die Lübecker absolut beherrschen, entspricht die ganze Inszenierung. Das Bühnenbild von Heinz Hauser arbeitet spielerisch mit Skizzen und Andeutungen, wobei ein transparenter Werkstattcharakter entsteht. Im fragmentarischen Entwurf blinzelt so immer eine sanfte Ironie durch, die jede mögliche Schwere durch zuviel Opulenz ausschließt. Ein Raster-Gitter deutet das Gefängnis an und weist bereits zu Beginn als Vorhangs-Projektion auf das Ende voraus.

© TL/Olaf Malzahn

Auch der rotsamtene Vorhang in Prinz Orlofskys Villa existiert nur als Reißbrett-Entwurf. Im Hintergrund erscheint der Schattenriß eines Theatersaales mit den Rängen gleichsam als spielerischer Spiegel des tatsächlichen Zuschauerraumes. Falk Hampels Lichtregie zaubert mit leuchtenden Rahmenleisten stimmungsvolle farbige Bilder.

Das Schwimmbecken im Garten des Eisenstein´schen Anwesens mit längsgespannten Gummibändern in verschiedenen Blautönen erinnert zuweilen an die Pool-Bilder von David Hockney, eine Reminiszenz an einen weiteren Meister von Licht und Leichtigkeit. Daß dies sichtbar nur Bühne ist, stört nicht und erlaubt vielleicht gerade wegen dieser Effekte ein intensiveres Eintauchen ins feuchtfröhliche Geschehen.

Alle Mitwirkenden an diesem Silvesterabend, Solistinnen, Solisten, Tänzerinnen und der Chor unter der Leitung von Jan-Michael Krüger, sind absolut überzeugend und haben sichtbar selbst Spaß an dieser Mischung aus hoher Kunst und fröhlichem Klamauk. Eine aufmerksame Personenregie läßt niemanden herumstehen; vor allem die Choreographie von Kati Heidebrecht bei den ausgelassenen Tänzen auf Prinz Orlofskys Fest ist so exakt und dabei wild und witzig, daß die überschäumende Stimmung ständig auf das Publikum überschwappt. Das spendet ohnehin freigebig Szenenapplaus – völlig akzeptabel an einem solchen Abend. Ein herrlich aufgefrischtes Libretto läßt gerade bei den gesprochenen Stellen einen Korken nach dem anderen knallen und zu dieser sprachlichen Buntheit paßt der Kostümmix von Tanja Liebermann und Yvonne Forster mit Kleidern, Anzügen und Accessoires aus der Zeit der Jahrhundertwende bis zu den 70er-Jahren.

Musikalisch ist die „Fledermaus“ ja eine treffsichere Nummern-Parade, aber trotz des Wiedererkennungseffektes darf man dabei nichts dem Zufall überlassen und so wird auch an diesem 32. Dezember deutlich, wie ernst alle Haupt- und Nebenrollen die leichte Unterhaltung nehmen.

Ein Erzkomödiant ist Steffen Kubach ohnehin und als Gabriel von Eisenstein auch stimmlich einfach großartig; man versteht jedes Wort. Netta Or gibt seine Gattin Rosalinde, kokett und schlagkräftig, wenn es – mit einer Ohrfeige für ihren treulosen, nichtsahnenden Gatten – darauf ankommt. Als vermeintliche ungarische Gräfin überzeigt sie mit ihrem Csárdás nicht nur die Ballgesellschaft von der Echtheit ihres ungarischen Blutes. Natalyia Bogdanova als Kammermädchen Adele steht ihrer Hausherrin in nichts nach und beweist stimmlich und spielerisch, daß sie eben unbedingt zum Theater muß, zu schade für ein Stubenmädel!

© TL/Olaf Malzahn

Den Gefängnisdirektor Frank gibt als liebenswerter Trottel Andreas Lettowsky; seine Aktentasche ist auch bei der wildesten Polka mit von der Partie. Neuzugang Noah Schaul als Gesangslehrer Alfred zitiert gerne mal gekonnt Verdi-Arien und erntet auch dafür herzlichen, verdienten Applaus. Laila Salome Fischer, die man in Lübeck auch als anspruchsvolle Liedsängerin kennt, läßt es als Prinz Orlofsky ordentlich krachen und spielt den unberechenbaren und feierwütigen reichen Russen mit zahlreichen Temperaments-Ausbrüchen.

Den nur bedingt seriösen Notar Dr. Falke gibt mit schöner Präsenz Laurence Kalaidjian, auch das ist weit mehr als nur eine Nebenrolle. Gleiches gilt für den Advokaten Dr. Blind von Tomasz Myśliwiec, der mit seiner Stotterei für zahlreiche Wortwitze sorgt. Adeles freche Schwester Ida verkörpert, charmant lispelnd, Elisa Pape.

Bei jedem auch noch so gelungenen Spaß – und das ist diese “Fledermaus“ unbestritten – gibt es immer wieder einen Miesmacher bzw. hier eine Miesmacherin. Kurz vor der Pause, die sie aus Höflichkeit den anderen gegenüber hätte abwarten müssen, stürmte eine Frau schimpfend durch die Reihe und schmiß die Saaltüre so heftig zu, daß ein Türbeschlag herunterfiel. Furtwängler hatte bei so einer Gelegenheit mal seinen Taktstock in den Orchestergraben geworfen und war gegangen. Aber Stefan Vladar, das Orchester und alle Mitwirkenden standen über so einer Unverschämtheit, machten einfach weiter und mit Leichtigkeit, Engagement und Frische bestritten sie die ganze Operette bis zum letzten zackigen Ton, begeistert bejubelt vom Lübecker Publikum.

Prosit Neujahr!

Andreas Ströbl, 1. Januar 2023


„Die Fledermaus“ Johann Strauss

Theater Lübeck

Premiere am 14. Oktober 2022, besuchte Vorstellung am 31. Dezember 2022

Inszenierung: Michael Wallner

Musikalische Leitung: Stefan Vladar

Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck

Trailer

Weitere Vorstellungen am 22. und 29. Januar sowie am 16. Februar 2023.