DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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Aus dem Dortmunder Konzerthaus berichtet regelmäßig Sigi Brockmann

http://www.konzerthaus-dortmund.de/

 

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

am 20. September 2013
 
Alle Opern wurden von  Komponisten und  Textdichtern für die Aufführung im Theater geschrieben. Das zeigt  besonders Richard Wagner, der in teils sehr langen Regieanweisungen genau beschrieben hat, wie er sich das Bühnenbild und das seiner Musik entsprechenden Verhalten der Darsteller vorstellt. Wenn dies auch heute kaum noch direkt umsetzbar ist, bemüht man sich stattdessen manchmal um das Gegenteil in Form von Rahmenhandlungen, zweiter Handlungsebene mit Verdrehung der eigentlichen Handlung,  und was sonst das Feuilleton, nicht unbedingt der Zuschauer, als besonders sensationell lobt. So scheint es etwa bis auf ganz wenige Ausnahmen (z.B. jetzt Wiesbaden) ein Tabu geworden zu sein, bei einer Aufführung des „Fliegenden Holländer“ ein oder die vorgeschriebenen zwei Schiffe anzudeuten, obwohl besonders im I. Akt dauernd davon gesungen wird. Es wird ja  niemand gezwungen, Wagnersche Erlösungsmystik zu inszenieren, wenn er sie nicht mag!. Da wundert es  nicht, wenn etwa der frühere Dortmunder GMD Marek Janowski u.a. im Interview des WDR seine Auffassung darlegte, Opern  nur noch konzertant aufzuführen, wobei er mit  seinem Wagner-Zyklus in Berlin grossen Erfolg hatte.

Auch im Konzerthaus Dortmund wurden seit seinem Bestehen immer wieder Opern konzertant oder halbszenisch aufgeführt. Weil Wagner sehr farbig orchestriert mit vielen Soli einzelner Instrumente  eigenen sich seine Opern gut   für konzertante Aufführungen, wie am letzten Freitag mit dem „Fliegenden Holländer“ zu erleben war, dargeboten durch das Rotterdam Philharmonic Orchestra, unter Leitung seines Chefdirigenten Yannick Nézet-Séguin und dem Chor der Nederlandse Opera.

Für die Titelpartie war vorgesehen Evgeny Nikitin, dessen Auftritt in Bayreuth bekanntlich  auf Betreiben von Presseorganen wegen eines angeblichen Swastika-Tattoos von der Festspielleitung kurzfristig verhindert wurde. Dieser sagte am Morgen der Aufführung wegen einer Erkältung ab, vielleicht zusätzlich verständlich dadurch, wie er in einem Interview mit  Julia Gaß von den örtlichen Ruhr-Nachrichten  am letzten Mittwoch erklärt hatte, daß bei konzertanten Opernaufführungen die musikalischen Anforderungen höher seien, weil er sich  nicht hinter Kostüm, Bühnenbild und Regie verstecken könne.

Grosses Glück hatten das Konzerthaus und die Zuhörer, daß ganz kurzfristig in Egils Silins ein mindestens gleichwertiger Ersatz gefunden werden konnte, bewundernswert, weil dieser noch am Abend vorher den „Wanderer“ in „Siegfried“ beim Enescu-Festival in Bukarest gesungen hatte. Opernfans im Ruhrgebiet ist Silins in allerbester Erinnerung als „Walküren-Wotan“ am Aalto Theater in Essen in der Inszenierung von Hilsdorf und der ML von Stefan Soltesz. Der damalige begeisternde Eindruck wurde durch die sängerische Gestaltung des „Holländer“ bestätigt. Schon im Monolog des I. Aktes gelang es ohne Schwierigkeiten, sich mit bestens fokussiertem kernigen Bariton, wo gefordert legato, und weitgehend textverständlich gegen das auf  der Bühne platzierte grosse Orchester durchzusetzen. Das „mezza voce“ zu Beginn des Duetts im II. Akt  ganz ohne Orchester – die grosse Herausforderung für Wagner-Sänger – sang er innig und liess mit der hier ähnlich anrührend singenden Senta der Emma Vetter das Duett  zum Höhepunkt des Abends werden bis hin zum Schluß des Duetts, wo sie alle Töne der  gegenläufig zu singenden Oktave  trafen.

Vorher hatte Emma Vetter passend blond und in jungfräulich-weissem Kleid mit hochdramatischem Ausdruck die Ballade gestaltet, ausreichend  verhalten zu Beginn die Quint-Quart-Sprünge, dann mit kräftigem sforzato auf den hohen Auftakt- g und schliessend mit  strahlenden Spitzentönen.

Eine sehr überzeugende sängerische Leistung zeigte Franz-Josef Selig als Daland, jeder Ton saß bestens, er gestaltete grosse  Legatobögen und war trotz des umfangreichen Orchesters hinter ihm völlig textverständlich. Das kann man überhaupt nicht sagen vom Erik des Frank van Aken, der erst in der Cavatine des III. Aktes und da besonders in der Schlußphase „Versicherung deiner Treu“ zu tenoraler Hochform gelangte. Agnes Zwierko als feierlich rotgekleidete Mary und Torsten Hofmann als Steuermann ergänzten passend das Ensemble. Hoch hinter dem Orchester platziert klang mächtig  der großbesetzte Chor der Nederlandse Opera, der für eine Bühnenaufführung des „Holländer“ in Amsterdam (ML Hartmut Hänchen) noch von Martin Wright einstudiert worden ist. Der schnelle Damenchor „Das Schiffsvolk kommt mit leerem Magen“. (Prestissimo possibile schreibt Wagner) kam durchsichtig und präzise. Die Herren sangen im III. Akt mit grosser Wucht das „Steuermannslied“, sollten sie als Chor einer Seefahrernation ja auch können! Höhepunkt war das Gegeneinander von Matrosenchor und Chor der Holländermannschaft, letztere postiert seitlich oben, auch mit Einsatz von Pfeifen und Windmaschine.

Einem grösseren Publikum bekannt geworden durch sein Dirigat von „Roméo et Juliette“ bei den Salzburger Festspielen ließ Yannick Nézet-Seguin  mit dem Rotterdamer Philharmonischen Orchester neben exakter wenn auch nicht immer rücksichtsvoller Sängerbegleitung beschwingt und zügig alle  Entwicklungen und Effekte der Musik  erklingen. Gleich nach raschem Beginn der Ouvertüre legte er beim  Andante  einen starken Tempowechsel ein, da konnte  das Englisch Horn glänzen. „Mit einem furchtbaren Krach“ wie Wagner schreibt, ließ das Schlagzeug das Holländerschiff an Land stossen. Stellvertretend für die vielen sauber gespielten Soli seien die  weich und rund klingenden Hörner genannt oder die ausdrucksvolle Einleitung der Cavatine des Erik durch Oboe und Klarinette. Spannungsvoll begleiteten  Bratschen und Celli den Holländer-Monolog im I. Akt  Gleich sieben Kontrabässe sorgten für das passende Bassfundament.  
Das Publikum im ausverkauften Konzerthaus – vor Beginn wurden noch Karten gesucht - zeigte nach dem von Geigen und Harfe zart gespielten Erlösungsschluß seine Begeisterung durch kräftigen Beifall, auch stehend, und viele Bravos. 

Sigi Brockmann, 22.09.13
Fotos Petra Coddington

 

ERNANI

Klangvokal-Musikfestival
am 8. Juni 2013

Als Überbleibsel des  Kulturhauptstadtjahrs veranstaltet seit 2010 die Stadt Dortmund jährlich im Frühsommer ein sogenanntes „Klangvokal-Musikfestival“ Es wird Vokalmusik aus den verschiedensten Bereichen zwischen Freiluft-Operngala im Westfalenpark (in diesem Jahr mit Josef Calleja wetterbedingt  im Konzerthaus) über Oratorien, Laienchor-Auftritten bis hin zu Jazz und Pop aufgeführt, auch immer eine konzertante Opernaufführung mit dem WDR-Rundfunkorchester und -chor unter der Leitung von Carlo Montanaro, in diesem Jahr das  1844 in Venedig uraufgeführte „Dramma lirico“ „Ernani“ von Giuseppe Verdi, wie „Rigoletto“ komponiert auf einen Text von Francesco Maria Piave nach einem Bühnenstück von Victor Hugo.

Gleich drei Herren möchten die weibliche Hauptperson Elvira (Katia Pellegrino Sopran) ehelichen: der wegen eines Streits mit König Don Carlos (Sebastian Catana Bariton) als Bandit in den Bergen lebende Ernani, als Tenor natürlich der eigentliche Geliebte (Roberto Aronica), der König selbst und – erheblich älter – Don Ruy Gómez de Silva (Bálint Szabó Bass), der den Vorteil genießt, auch Vormund und Onkel der Elvira zu sein. Alle drei Verehrer treffen sich in jedem Akt bei Elvira, kommen aber nicht dazu, sich gegenseitig umzubringen. Als aus König Don Carlos  Kaiser Karl V wird,  verzeiht er auf Bitten Elviras den versammelten Aufrührern, darunter Ernani und Silva, stimmt Elviras Hochzeit mit Ernani zu und scheidet somit als Ehemann Elviras aus.. Die anderen beiden haben statt eines Duells unter Rivalen wegen zunächst  gemeinsamer Rache an Carlos  vereinbart, daß  Ernani sich umbringt, wenn Silva in ein ihm von Ernani übergebenes Horn bläst. Dies tut er  während Ernanis und Elviras Hochzeitsfeier, sodaß Ernani  als Mann von  Ehre seinem Versprechen folgend sich ersticht. Elvira sinkt bewußtlos an seiner Leiche zusammen, was dann aus ihr wird, erzählt die Oper nicht, Silva ist wohl nicht mehr als Ehemann so sehr passend!

Ähnlich wie im „Troubadour“ sind die vier jeweils eine Episode darstellenden Akte mit Überschriften versehen: „Der Bandit“ (Ernani), „Der Gastfreund“(Silva gewährt dem vorher verkleideten Ernani auch dann noch Gastrecht, als  dieser verfolgt wird), „Die Gnade“ (als Kaiser Karl V. begnadigt Carlos die Rebellen) und „Die Maske“ (Silva  erscheint maskiert zu Ernanis Hochzeit, um Tod verkündigend ins Horn zu blasen) . Interessant ist, daß dieser Hornruf bereits den Beginn der Ouvertüre bildet und zum Schluß  immer deutlicher mehrfach ertönt – eine solche Verzahnung eines musikalischen  Motivs mit der entscheidenden Szene der Handlung ist bei Verdi selten.

Die Titelpartie hatte ganz kurzfristig Roberto Aronica übernommen, der den Ernani bereits im Theater von Bologna interpretiert hat. Schwierig beginnt die Partie dadurch, daß sofort im I. Akt nach Vorspiel und kurzem Chor das grosse Solo – Rezitiativ und Kavatine „Habt Dank liebe Freunde“ -  folgt, der Sänger muß sich, wie Domingo schreibt, ausgiebig vor der Aufführung einsingen. Das hatte er wohl getan, denn mit hellem und kräftigem Tenor überzeugte er im langsamen Teil dieses Sehnsuchtsliedes nach Elvira und schmetterte siegesgewiß die folgende „Cabaletta“ deutlich gegen  Orchester und Chor sich behauptend, wobei die Spitzentöne etwas forciert klangen, was bei der guten Akustik des Konzerthauses unnötig war. In den Ensembles im weiteren Verlauf der Oper versuchte er, die anderen Solisten nicht zu übertönen, die wenigen p-Stellen seiner Partie, etwa im II. Akt beim Duett mit Elvira, lagen ihm weniger gut in der Stimme. Hauptperson des Stücks ist die begehrte Elvira, die Katia Pellegrino nahezu perfekt sang. Den grossen Tonumfang ihres Auftrittsliedes vom hohen  bis tiefem c, -. auch gleich im ersten Akt – der  Szene und Kavatine „Die Nacht ist gekommen“, bewältigte sie ohne hörbaren Registerwechsel, der Wechsel zwischen dramatischerem Gesang und und leicht und locker (legerissimo) zu singenden Koloraturen und Trillern machte ihr keine Schwierigkeiten. Auch im p blieb ihre  Stimme gut hörbar.

Für die Rolle des Don Carlos, später Kaiser Karl V., hatte Sebastian Catana sich erkältet ansagen lassen. Im Duett im I. Akt, in dem er Elvira seine Liebe gesteht, schonte er seine Stimme noch, um dann im II. Akt   mächtig seiner Wut über den versteckten Ernani Ausdruck zu verleihen. Vollends gelungen gestaltete er im dritten Akt seine grosse Szene am Grabe Karls des Grossen unter dem Dom zu Aachen, die überhaupt der großartigste Teil der Oper ist. Das kurze Vorspiel mit dem Solo der Baßklarinette und den tiefen Bläsern klang als Einleitung düster genug, um dann Carlos Gelegenheit zu geben, in der Kavatine „Grosser Gott“ über Ohnmacht und Streben nach Macht in  p- Kantilenen nachzusinnen, begleitet vom Solo-Cello – schon ganz ähnlich Philipps grosser Arie aus „Don Carlos“. Zarte Töne fand er auch für die Verzeihung der Verschwörer, von der Solo-Harfe begleitet.  Hier war von Erkältung nichts mehr zu spüren!

Den alten Bösewicht Silva sang Bálint Szabó mit edel klingender sehr schön legato geführter Baßstimme. Er überzeugte besonders als stolzer alter Grande, der die junge Elvira liebt – sein „Ich liebe sie (Io l'amo) - für einen elenden Alten ist sie der einzige Trost auf Erden“ ging zu Herzen, seine spätere Grausamkeit wird dadurch ein wenig verständlich. Um dieser besonders im letzten Akt Ausdruck zu verleihen, hätte man sich allerdings etwas mehr Schärfe und Stimmgewalt, besser noch ein leiseres Orchester gewünscht.

Die „Comprimarii“ waren mit Maria Zedelius (Sopran) als Elviras Vertraute, Dirk Schmitz (Tenor) als Schildknappe des Königs und Thilo Dahlmann  (Baß)in gleicher Funktion bei Silva fast Luxusbesetzung.Für die Chorszenen hatte David Marlow den WDR-Rundfunkchor trefflich einstudiert. Die Herren sangen ihr Trinklieder, Kriegs- , Verschwörungs- und Rachegesänge auch bei schnellen Tempi ebenso rhythmisch und melodiös genau wie die Damen  die Hochzeitsgesänge und wie beide zusammen mächtig etwa die Milde Kaiser Karls lobten.

Carlo Montanaro feuerte Chor und Orchester mit zügigen Tempi zu Verdischem Brio an, ließ es richtig krachen, manchmal zu Lasten der Solisten und Ensembles..
Sehr passend war im Programmheft der Text auf italienisch und Deutsch enthalten, unpassend wurde der Raum soweit abgedunkelt, daß man kaum lesen konnte. Das Publikum im ausverkauften Haus verstand wohl trotzdem genug, denn es spendete reichlich Beifall und Bravorufe für die Solisten, je lauter vorher gesungen je mehr,  für Chor, Orchester und Dirigenten.

Der WDR wird die Aufführung übertragen, wann, weiß man noch nicht!

Sigi Brockmann

Foto c Bülent Kirschbaum

PS: Bei YouTube gibt es drei Gesamtaufnahmen des „Ernani“ (Met, Madrid, Zürich) Da ist verständlich, wenn Pianisten sich gegen solche Aufnahmen wehren.

 

 

 

J. S. Bach

Johannes-Passion

Aufführung am Karfreitag dem 29. März 2013

Zur Karwoche oder am Karfreitag war es in vielen Städten lange Zeit üblich, mit dem eigenen Orchester  eine der beiden Passionen Johann Sebastian Bachs aufzuführen, zumeist mit dem örtlichen Laienchor und  professionellen Solisten. Darum war es folgerichtig, daß in Dortmund im Rahmen der Konzerte zum 125-jährigen Bestehen der Dortmunder Philharmoniker am Karfreitag die Johannes-Passion unter Leitung von GMD Jac van Steen aufgeführt wurde, erfreulicherweise historisch zum Jubiläum passend in der gängigen Aufführungspraxis des vergangenen Jahrhunderts. Die Chorpartie wurde übernommen vom Sinfonischen Chor der Chorakademie am Konzerthaus Dortmund, einem einigermassen groß besetzten Ensemble aus fortgeschrittenen Laien und, wenn nötig, ergänzt durch professionelle Sängerinnen und Sänger.


Bekanntlich ist die Johannes-Passion gegenüber der häufiger gespielten Matthäus-Passion kürzer, braucht ein kleineres Orchester und keinen Knabenchor. Dafür ist sie dramatischer, ähnlicher einer Oper, weshalb  Robert Schumann sie  schätzte. Diese Dramatik machte hörbar vor allem der Chor in der Einstudierung von Joachim Gerbens. .Mußte man sich bei den ansteigenden Sechzehntel-Figuren des Eingangschors noch etwas zusammenfinden, so gelangen besonders packend im zweiten Teil die Chorsätze, in denen die aufgebrachte und verführte Menge der Juden dargestellt wird,  als Beispiele seien genannt die grosse Fuge „Wir haben ein Gesetz“ oder das aufgebrachte  „Weg, Weg kreuzige ihn“. Wie bei vielen Chören waren die Tenöre zahlenmässig unterbesetzt, sodaß die Soprane bei Mehrstimmigkeit  Alt- und Tenorstimmen häufig überstrahlten..
Ganz großartig gestaltete Markus Schäfer die Partie des Evangelisten, in der er nicht nur trocken berichtete, sondern  besonders eindrucksvoll etwa das Adagio „und weinete bitterlich“ nach Petrus' Verleugnung sang und insgesamt stimmlich  Anteilnahme am Leiden Christi zum Ausdruck brachte. Ausserdem übernahm er noch die Tenorarien, insbesondere die schwierige Arie „Erwäge wie sein blutgefärbter Rücken“ mit den lange zu haltenden Tönen und schnellen Sechzehnteln.

 
Wegen der opernhaften Dramatik des Stücks war es  konsequent, die anderen Solopartien  von Mitgliedern des Dortmunder Opernensembles singen zu lassen. Das gelang vortrefflich Anke Briegel (zuletzt Susanna in Figaros Hochzeit) in ihren beiden Arien mit hellem in der Sechzehntel-Bewegung sehr genau geführten Sopran. Daß die Anforderungen im Oratorium  doch ganz andere sind als in der Oper, hörte bei der sonst großartigen Ileana Mateescu  als Solo-Altistin (zuletzt in den Hosenrollen von Bernardo in „Beatrice Cenci“ und von Cherubin zu erleben). Besonders in ihrer ersten Arie „Von den Stricken meiner Sünden“ waren die schnell zu singenden Sechzehntel- und Zweiunddreissigstel-Noten kaum hörbar. Wesentlich besser lag ihr die Adagio-Einleitung ihrer zweiten Arie „Es ist vollbracht“ Wie es sich gehört, wurden die Jesus-Worte salbungsvoll gesungen, hier von Andreas Macco (Holländer und Graf Cenci) Für den erkrankten Christian Sist übernahm ganz kurzfristig Burkhard Zass die Basspartie(zuletzt erfolgreich in Bonn als Saul in Hilsdorfs Inszenierung des gleichnamigen Oratoriums von Händel) und sang notengenau die  Arie mit Chor „Eilt eilt“ und auch die Triller in der Arie ebenfalls mit dem  Choral singenden Chor zusammen „Mein teurer Heiland“  Die kleineren Partien waren mit Sängern  aus dem Chor (Jonas Gansau als Pilatus und Petrus, Blazej Grek als Diener und Jasmin Bick als Magd) gut besetzt.
Überlegen und mit exakter Zeichengebung leitete Jac van Steen Chor und Orchester.Etwas opernmässige Stimmung kam auf, wenn für die Arien die Beleuchtung des Podiums reduziert wurde. Begleitet wurden die Arien von einer Continuo-Gruppe aus Orgelpositiv, Gambe und den jeweils zugeordneten Soloinstrumenten, die von Orchestermitgliedern ausdrucksvoll gespielt wurden.


Jac van Steen bevorzugte eher zügige Tempi, machte nach den Fermaten in den Chorälen kaum eine Pause, wechselte bei Chorälen mit mehreren Strophen  manchmal die Lautstärke, legte nach Jesu Tod die nötige andächtige Pause ein und nahm den Schlußchor „Ruht wohl ihr heiligen Gebeine“ sehr ruhig, was gut den abschliessenden Choral vorbereitete. (Im Unterschied zur Matthäus-Passion schließt diese ja mit einem Choral)
Das Publikum im ausverkauften Konzerthaus war von dieser Art, Bach aufzuführen, begeistert, klatschte lange Beifall auch mit Bravos für den Evangelisten, den Chor und den Dirigenten.

Sigi Brockmann

 

 

DIE ZAUBERFLÖTE

Compagnie Opéra du  jour (Oper für heute)

am 24. Februar 2013

Die Mozart Gesellschaft Dortmund veranstaltet im Konzerthaus Dortmund sogenannte Mozart-Matinéen, in denen zusammen mit von ihr engagierten Orchestern gemäß dem Förderungszweck der Gesellschaft junge Solisten die Möglichkeit erhalten, ihr Talent zu zeigen, dies nicht nur mit Musik Mozarts. Neuerdings  läßt sie aber einmal jährlich auch eine Oper szenisch aufführen, wenn auch nur mit Klavierbegleitung. Dafür gewonnen wurde eine französische Operngruppe mit dem Namen „Opéra du Jour“ also etwa „Oper für heutzutage“. Nach eigenen Angaben verfolgt sie  das Ziel, Opern des Repertoires  textlich aktualisiert für ein  heutiges Publikum bzw. „Oper für alle und alle Generationen“ aufzuführen, was wohl irgendwie auch alle Opernhäuser versuchen.

So wurde im Konzerthaus Dortmund Mozarts  „Die Zauberflöte“ aufgeführt
Die Inszenierung von Isabelle du Boucher als künstlerischer Leiterin und Annie Paradis als Regisseurin spielte ohne Kulissen vor einem dunkelblauen Vorhang.  Beleuchtung sowie Projektionen auf diesen Vorhang sorgten ausreichend  für den passenden Rahmen der Handlung, wobei sich etwa für den Auftritt der Geharnischten  (Darsteller von Monostatos und Sarastro) oder zur Feuer- und Wasserprobe ein schmaler Spalt öffnete, durch den Pamina und Tamino herein- und herausschreiten konnten. Für alles weitere genügte die ansteckende Spielfreude aller Mitwirkenden.
Freude bereiteten auch die phantasievollen und bunten Kostüme und die zur Handlung passenden Accessoires (Béatrice Blanc-Frantz) wie etwa ein kurzes Baumstück mit Strick, an dem Papageno sich hätte „den Hals zuschnüren“ können, oder eine Kinder darstellende Girlande im  Duett mit Papagena. Ganz meisterhaft begleitete Magali Albertini am Flügel die Sänger unterstützt vom Schlagzeuger Jean-Yves Trosset, der für das Glockenspiel, Geräusche wie Donner oder Schlagen des Gongs sorgte. Natürlich kann ein Klavier niemals Mozarts geniale Orchesterinstrumentation insbesondere der Holzbläser und Hörner ersetzen.

Die gekürzten Dialoge wurden auf französisch (mit deutschen Übertiteln) gesprochen, was insbesondere für französisch verstehende Besucher der Oper  eine gewisse Leichtigkeit verlieh im Gegensatz etwa zum häufig übertrieben-philosophisch gesprochenen Tiefsinn mancher Textstellen von Schikaneder. Das Fehlen des Herrenchors ersparte zusätzlich die pseudo-religiösen Gesänge der leicht degenerierten Altherren-Priesterschaft. Die „deutsche Oper“ wurde so zu einem Märchen  mit durch geniale Musik Charakter und Befindlichkeit der Beteiligten darstellenden Arien .
Gesungen wurde auf deutsch (ohne Übertitel) erstaunlich textverständlich. Das gilt besonders für die Pamina der Roxane Chalard, die über den grossen Tonumfang von fast zwei Oktaven hin ihre Partie mit schönem Legato und rührendem piano in ihrer grossen Arie bewältigte. Dasselbe läßt sich von Philippe Brocard als Papageno sagen, der sowohl die populären Strophenlieder als auch die fast tragische Szene des angekündigten Selbstmords aus Liebeskummer und Lebensüberdruß dieser so menschlichen Opernpartie gekonnt sang und darstellte.

Cyril Verhulst sang Tamino legato mit etwas eindimensionalem rauh klingendem aber hellem Tenor. Baptiste Jore als Sarastro traf ohne übertrieben salbungsvolle Oberpriesterstimme nicht nur die sehr tiefen Töne der Partie sondern spielte zusätzlich  Flöte zur Feuer- und Wasserprobe. Hochdramatisch gestaltete Julia Knecht die Königin der Nacht mit schöner Mittellage aber forcierten Spitzentönen. Ganz schwer für einen Franzosen hatte es Brice Poulot als Monostatos mit der schnellen Ariette „Alle fühlte der Liebe Freuden“ mit so vielen Konsonanten zu so vielen Tönen. Laetitia Ayres als Papagena und die drei Damen, die nach Kostümwechsel mit veränderter Stimme auch die drei Knaben darstellten, ergänzten wirkungsvoll das Ensemble. Der Schlußchor wurde dann von allen Mitwirkenden gesungen, was bei der guten Akustik des Konzerthauses durchaus reichte. Zusätzlich traten als Gehilfen bei der szenischen Umsetzung eine nicht diebische sondern Accessoires wie Flöte oder Glockenspiel überreichende Elster (Morgan Buissière) und der böse Höllenhund Kerberus (dargestellt vom Schlagzeuger)auf.

Trotz Premiere von „Figaros Hochzeit“ am Vortag im Opernhaus war das Konzerthaus voll besetzt. Im Publikum befanden sich viele sehr junge Opernbesucher(innen), von denen manche zwar in der Pause um die Säulen des Konzerthauses herum Kriegen spielten, aber sonst offenbar gespannt das Bühnengeschehen verfolgten und mit allen anderen Besuchern zusammen so viel Beifall klatschten, daß der Schlußchor wiederholt werden mußte.
 Wie früher üblich war die „Zauberflöte“ meine erste Opernerfahrung, mit einer Aufführung wie dieser hätte sie mich als Jungen einmal abgesehen von der Figur des Papageno sicher mehr überzeugt.

Sigi Brockmann

Dank für die schönen Fotos an Philipp Külker Photography Berlin.  



 

 

27. November 2012

Arienabend Cecilia Bartoli

Kammerorchester Basel Konzertmeisterin Julia Schröder
Ouvertüren und Opernarien von Agostino Steffani

Mit ihrem weltberühmten Koloratur-Mezzosopran könnte Cecilia Bartoli sich  Auftritte an den wichtigsten Bühnen in ihren Fachrollen aussuchen, sie könnte auch mit Ausschnitten davon überall Konzertsäle füllen. Stattdessen geht sie den schwierigeren Weg und bringt den Musikfreunden eigene Entdeckungen fast vergessener Musik  vor die Ohren, so früher Teile des Opernrepertoires der Kastraten, Opernrollen der grossen Sängerin und geistreichen Schriftstellerin Maria Malibran und als neuestes Ausschnitte aus Opern von Agostino Steffani. Opernfreunden, die nicht in Schwetzingen oder London seine Oper „Niobe Königin von Theben“ besuchen konnten, haben vielleicht den Namen aber keines seiner Werke gehört..
Dabei war, so lernen wir, Steffani während des grössten Teil seines Lebens  Komponist nur im Nebenberuf, hauptberuflich war  er vor allem in Deutschland – München, Hannover und  Düsseldorf - im Dienste der dortigen Höfe als Diplomat, vielleicht Spion, und dabei als Heiratsvermittler tätig. Bei letzterem war vielleicht günstig, daß er nicht nur Bischof sondern  angeblich auch Kastrat war??

Das Komponieren benutzte er auch, um Zugang zu herrschenden Fürsten zu erlangen. Das zeigen Opern über deutsche Helden wie Enrico Leone (Heinrich der Löwe) natürlich für Hannover geschrieben,  für Düsseldorf einen „Arminio“ und für München einen „Alarico“ (Alarich der Gote) Aber auch klassische Helden wie Alkibiades, Alexander waren Opernfiguren..Von Hannover aus sollte er Norddeutschland wieder zum katholischen Glauben zurückbringen, missionierte aber mehr für seine Opern, indem er einige ins Deutsche übersetzen und sogar an der Hamburger „Bürgeroper“ aufführen liess. (wieviel schöner klingt das als Staatsoper)

Als „Missionarin“ für die Opern ist jetzt Cecilia Bartoli unterwegs, nennt deshalb ihre CD und Auftritte „Mission“, so  am Dienstag im Konzerthaus Dortmund. Gezeigt werden sollte  wie abwechslungsreich und tief empfunden Steffani komponierte. Ungefähr gab es zwei Arten von Opernszenen, einmal solche, die zu Kampf, Krieg und Wut passten, mit Begleitung von Pauken und Trompeten und atemberaubenden Koloraturen. Mit  einer solchen begann Cecilia Bartoli  nach stürmischer Orchestereinleitung mit einem Tamburin  die Bühne erstürmend und als Alarich prestissimo die Goten zur Zerstörung Roms auffordernd und dies mit so kühnen Koloraturen, daß wohl dem Zuhörer aber nicht der Sängerin der Atem verging. Ähnliches hörte man später in einem Koloraturwettstreit mit der Trompete, für die Bartoli ein leichter Sieg – „facile vittoria“ war auch der Titel der Arie.

Für den Zuhörer noch eindrucksvoller waren doch vielleicht  ruhigere Arien, die von der Liebe, vor allem von Liebesleid handelten. Hier war zu bewundern, wie die Sängerin mit berührendem Piano ohne vibrato Legatobögen gestaltete, dabei auch die Textsilben  miteinander verband, um dann  nahtlos anscheinend ohne zu atmen mit  einem  Triller oder einer Koloratur immer leiser werdend zu schliessen. Ein Höhepunkt in diesem Zusammenhang war die Arie aus „Niobe“ mit dem Titel „Amami“. Was  sie  mit leichtem crescendo und decrescendo aus dem einen Wort „Amami“ (Liebe mich) an Anteilnahme beim Zuhörer bewirken konnte, war grandios. Die  intime Wirkung  wurde durch die Begleitung der Arie nur durch Theorbe, Bass und Cembalo und durch reduzierte Beleuchtung verstärkt. Ähnlich verhielt es sich mit Rezitativ und  (da capo-)Arie aus derselben Oper „Ove son“ (Wo bin ich) mit der Andeutung der fliessenden Tränen durch schluchzende Geigenmotive und ganz zartem Klagegesang und etwas bewegterem Mittelteil. Delikat waren Arien, die Natur zur Darstellung von Liebe benutzten, etwa „Notte amica“ (Nacht du Freundin“)in der die samtweich klingende Mezzostimme u.a von zartem Glockenspiel begleitet wurde. Bei Rezitativ und Arie „Si si riposa“ (Ja ruhe dich aus). wurde die Arie in wiegendem Rhythmus vom pizzicato der Geigen begleitet und bei decrescendo in der Stimme wurde zusätzlich Gähnen angedeutet und zum Schluß verrieten geschlossenen Augen und geneigter Kopf süssen Schlummer (dolce oblio).

Überhaupt genügten Körperhaltung und Mimik der Sängerin, die Stimmung der Arien zu erkennen, da der im Programm abgedruckte italienische und deutsche Text wegen der zu geringen Beleuchtung kaum gelesen werden konnte. Ganz grossen Anteil am Erfolg des Abends hatte das Kammerorchester Basel an der Violine geleitet von der Konzertmeisterin Julia Schröder – nach der Academy of St. Martin in the Fields und dem Kammerorchester Prag das dritte Mal in kurzer Zeit, daß ein Orchester im Konzerthaus Dortmund ohne Dirigenten auskam. Als einmal bei Rezitativ und Arie „Sfere amiche“ (freundliche Sphären) drei Geiger hinter dem Orchester platziert wurden, übernahm der Cembalospieler denn doch vorübergehend die Rolle eines Dirigenten.

Dabei waren es weniger die zwischen den Gesangsauftritten gespielten nach damaliger französischer Art komponierten Ouvertüren von Opern Steffanis als die zahlreichen Soloauftritte einzelner Musiker besonders der Bläser –  für die Zeit unüblich nicht immer parallel geführt zur Singstimme – und des  Schlagzeugers, der mit Rührtrommel, Pauken aber auch ganz zartem Glockenspiel beeindruckte. Einmal ersetzten die Musiker auch kurz den fehlenden Chor. Aufgrund dieser musikalischen Kunst konnte auf andere übertriebene Kunststücke verzichtet werden, wenn auch bei den Ouvertüren Cecilia Bartoli seitlich auf einem Sessel im Raum verweilte und durch Mienen- und Körperhaltung ihre Teilnahme am musikalischen Geschehen ausdrückte.

Das begeistere Publikum im vollbesetzten Konzerthaus erklatschte sich mit vielen Bravi sogar vier Zugaben von Händel, darunter das  wiederum unglaublich weich und zart gesungene „Lascia la spina“ (Lass den Dorn, nimm die Rose), und als Rausschmeisser  Koloraturen  parallel  mit Trompete und Flöte gesungen.. Vielleicht halfen diese Zugaben zu erklären, warum Steffani  weitgehend vergessen und Händel immer mehr aufgeführt wird?  

Sigi Brockmann

Foto Sonja Werner



CD-tipp: Cecilia Bartoli Mission I Barocchisti – Diego Fasolis

Krimi zu Agostino Steffani Donna Leon Himmlische Juwelen
siehe Wanjas Bücherecke Opernfreund 19.11.12

 

 

Vorschau:

Zauberhafte Klänge

Das Ensemble „Opéra du Jour“ mit der Zauberflöte im Konzerthaus Dortmund. Im Konzerthaus Dortmund wird am Sonntag, 24. Febraur 2013, um 17.00 Uhr die „Zauberflöte“ von W. A. Mozart zur Aufführung kommen. Das Ensemble „Opéra du Jour“ feiert mit „seiner Zauberflöte“ großen Erfolg in Paris (www.operadujour.com). Nun kommt die Inszenierung erstmals nach Deutschland.

Die Oper wird in 1 ¾ Stunde (zzgl. Pause) mit Klavierbegleitung präsentiert. Die Inszenierung ist sehr kreativ, mit wunderschönen Kostümen und begeistert nicht nur Opernfans. Eine Aufführung, die auch für Kinder und Familien sehr empfehlenswert ist.

Die Rollenbesetzung ist von höchstem Niveau mit jungen professionellen Sängern, die bereits Preise bei nationalen und internationalen Wettbewerben gewonnen haben.

Opéra du Jour, Ensemble

Isabelle du Boucher und Annie Paradis, Regie

Magali Albertini, Klavier

Karten

können telefonisch in der Geschäftsstelle der Mozart Gesellschaft Dortmund erworben werden: Telefon: 0231- 427 43 35

online: www.mozart-gesellschaft-dortmund.de

Eintrittspreise zwischen 12,50 Euro und 39,50 Euro

Familienkarte (2 Erw. + 2 Kinder) 49,– Euro.

Rückfragen an Karen Ann Bode, Geschäftsführerin der Mozart Gesellschaft Dortmund, per E-Mail bode@mozart-gesellschaft-dortmund.de.

 

 

Oedipus Rex

Aufführung am 10. März 2012

Ensemble des Mariinsky Theater St. Petersburg

Ob ein Oratorium szenisch aufgeführt werden kann, wurde in Dortmund diskutiert anläßlich der Aufführung des „Elias“ von Mendelssohn-Bartholdy. Mit „Oedipus Rex“ nach Sophokles machen es uns Igor Strawinsky als Komponist und Jean Cocteau als Textdichter einfacher, indem sie das Werk „Opern-Oratorium“ nennen. Im Konzerthaus Dortmund wurde es nur konzertant aufgeführt durch Solisten, Männerchor und Orchester des Mariinsky-Theaters aus St. Petersburg unter Leitung von Valery Gergiev.

Vorher begleitete das Orchester die erst 24-jährige Yuja Wang bei Prokofiews zweitem Klavierkonzert in g-moll op. 76. Die Pianistin ist „Junge Wilde“ des Konzerthauses und gab dort bereits mit grossem Erfolg einen Klavierabend, in dem sie u.a. auch eine von Prokofiews Klaviersonaten spielte. Trotz ihrer zarten Erscheinung verfügt sie über „Finger undHandgelenke aus Stahl“ die der Amerikaner Harold C. Schonberg für Prokofiew forderte, wobei sie manchmal für diesen kräftigen Anschlag fast aufstand. Das wurde besonders in der riesigen Kadenz mitten im I. Satz deutlich. Der zweite Satz schnurrte vorbei, als ob die irrsinnig schweren Läufe Kinderspiel wären. Die für den Hobbypianisten völlig unspielbare Springerei im III. und Schluß des IV. Satzes meisterte sie mit Bravour, wobei sie zu Beginn des I. und im letzten Satz auch russich-volksliedhafte zarte Anschlagskunst zeigen konnte. Trotz der vertrackten Rhythmen und des schnellen Tempos gab es dank der umsichtigen Leitung durch Gergiev keine Unstimmigkeiten zwischen Solistin und Orchester. Nach riesigem Beifall im fast vollbesetzten Haus wählte sie passend für Opernfreunde als Zugabe die unglaublich schnell gespielte Carmen- Fantasie von Horowitz und ganz zart und zurückgenommen Sgambatis Bearbeitung des „Gesangs der seligen Geister“ aus Glucks „Orpheus und Euridyke“

Nicht etwa pensionierten Latein-Lehrern oder sonstigen alten Herren zuliebe wählten Cocteau und Strawinsky Latein in der Übersetzung von J. Daniélou als Sprache für ihren „Oedipus Rex“, sondern, um diesen mythischen Stoff in einer Sprache darzustellen, die nicht Alltagssprache ist. Dabei wird bewußt archaisches Latein etwa mit k statt c verwendet, Statt „Ich tötete den Greis“ , wie wir gelernt haben, „senem caecidi“ heißt es sehr viel rauher klingend „senem kekidi“. Da gegen das grosse Orchester ansingend der Text auch für Lateinkenner kaum zu verstehen ist, erzählte zusätzlich zu Übertiteln Dominique Horwitz als Sprecher die Handlung auf Deutsch, was diesem ausdrucksvoll aber ohne übertriebenes Pathos gelang.Tragende Säule des Dramas war der 30-köpfige Männerchor des Mariinky-Theaters (Choreinstudierung im Programm nicht genannt), der oberhalb hinter dem Orchester platziert vom klagenden Beginn (erst f dann p) über die hymnische Begrüssung von Iocaste in dem von Pest befallenen Theben bis hin zum mitleidvollem Abschied vom blinden Ödipus ein- bis vierstimmig alle Facetten des Chorklangs beherrschte.

Sergei Semishkur in der Titelrolle verfügte über einen hellen Stolz und Verzweiflung darstellenden ausdrucksvollen Tenor. Die immer auf eng beieinanderliegenden Tönen geschriebenen Koloraturen kamen auch wegen des zügigen Tempos weniger zum Ausdruck. Ekaterina Semenchuk zeigte in ihrer italienischer Oper nachempfundenen Arie hochdramatisches grosses Mezzoformat. Beim Stimmumfang der Partie von zwei Oktaven traf sie die Spitzentöne und im ebenfalls italienisch anmutenden Duett mit Ödipus klangen beide Stimmen gut zusammen. Die Arie des Schwagers Kreon war wohl im letzten Augenblick Alexei Markov anvertraut worden, der zusätzlich den Boten unheilbringender Nachricht sang. Seinem Bass fehlte die kräftige Tiefe, aber das über sechs Takte gehaltene C gegen Ende seiner Arie war deutlich zu hören. Am besten textverständlich auf Latein sang Mikhail Petrenko die kurze Partie des Sehers Tiresias, wobei er auch über den tiefen Bass verfügte (Er war zunächst auch als Kreon vorgesehen) Den ebenfalls unglückliche Nachricht überbringenden Hirten (omniskius pastor) sang der Tenor Alexander Timchenko.

Das sehr grosse Orchester einschließlich Klavier spielte unter Gergievs überlegener Leitung - wie immer ohne Taktstock - wuchtig bei Begleitung der Chöre und der kurzen Zwischenspiele, wobei besonders die Bläser glänzten. Viele Instrumente hatten ensprechend der Handlung charakteristische Solostellen, die alle vor allem rhythmisch sehr exakt erklangen.

Die konzertante Uraufführung 1927 in Paris war kein so grosser Erfolg, der Durchbruch des Stückes kam erst 1928 bei der szenischen Aufführung unter Klemperer in Berlin. Das anhaltend applaudierende Publikum in Dortmund wäre bei einer halbszenischen Aufführung durch das Mariinsky-Theater sicher noch begeisterter gewesen!

Alle Photos von Pascal Amos Rest

 

Mozart-Matinée

am 22.01.2012

Am Morgen danach, also nach der Premiere von „Cosi fan tutte“, konnten Mozart – Freunde durch ein eher zufälliges Zusammentreffen von musikalischen Veranstaltungen gleich nach Alfonso den nächsten Philosophen  erleben, hier in Gestalt der frühen Sinfonie von Haydn Nr. 22 mit diesem Beinamen.  Die Mozart Gesellschaft Dortmund eV veranstaltete im Konzerthaus Dortmund eine ihrer immer ausverkauften Matinéen. Dort spielen jeweils von der Gesellschaft geförderte Nachwuchskünstler mit etablierten Orchestern zusammen – in diesem Fall die 21-jährige Pianistin Annika Treutler mit den Bochumer Symphonikern unter Steven Sloane -  dieser fast einhändig  dirigierend nach seiner durch den Taktstock verursachten Handverletzung, was aber der Genauigkeit seiner Einsätze auch und gerade  im Zusammenspiel mit der ausgezeichneten Pianistin nicht schadete. So konnte man  innerhalb innerhalb 24  Stunden das Mozart – Spiel zweier Orchester vergleichen, die gerade einmal gut 20 km voneinander entfernt residieren – Revierderby in Sachen Mozart sozusagen!!

Bei der Begleitung des Es-Dur Klavierkonzertes KV 482 im wunderbaren langsamen Moll- Mittelsatz und dem Mittelteil des Finales konnten die Bochumer zeigen, daß ihre Bläser, insbesondere Holzbläser, genau so schön spielen wie die Dortmunder. Nach der Pause zeigten sie dann in voller Besetzung ihr grosses Können mit einer bis ins Detail stimmigen, den grossen Bogen aber nicht ausser Acht lassenden Aufführung der
heiteren II.Sinfonie von Johannes Brahms.

Herzog Blaubarts Burg

halbszenische Aufführung am 12. November 2011

Seit Eröffnung des Konzerthauses Dortmund wurden dort immer wieder Opern konzertant oder halbszenisch aufgeführt, beginnend mit dem„Ring des Nibelungen“ nach dem früheren Dortmunder GMD „Wallats Ring“ genannt bis hin zum spektakulären „Tristan“ im vergangenen Jahr. Dagegen erscheint zunächst die Aufführung von Béla Bartóks einaktiger Zwei-Personen-Oper „Herzog Blaubarts Burg“ bescheiden. Um daraus ein abendfüllendes Programm zu gestalten, wurden zuerst zwei reine Orchesterstücke vom Philharmonia Orchester aus London(in der angelsächsichen Aufstellung - Celli vorne rechts)unter Esa-Pekka Salonen gespielt - beginnend mit „Prélude à l'après-midi d'un faune“ von Claude Debussy.

Alle Bilder Copyright: Pascal Amos Rest

Erwartungsgemäß gelang es Salonen - ohne Taktstock - und seinem Weltklasse-Orchester   vortrefflich, die Klangfarbigkeit in den Harmonien und der raffinierten Instrumentation darzustellen und auch der Soloflötist meisterte sein rhytmisch kompliziertes Solo hervorragend.

Es folgte von Bartók - jetzt mit Taktstock - die Tanzsuite für Orchester. Formal handelt es sich um eine Folge von sechs Tänzen nachempfunden der „Bauernmusik“ verschiedener Herkunft mit einem Ritornell als Verbindung der einzelnen Teile. Gut hörbar wurden die häufigen Taktwechsel. Schwermütig erklang die elegische Weise des Fagotts, bei den wild stampfenden vertrackten Rythmen gab es fast keine Unstimmigkeiten, alle Themen der früheren Sätze fügten sich im letzten Satz durcheinander wirbelnd zum heiteren Kehraus zusammen, bevor nach der Pause mit „Blaubarts Burg“ der Ernst des Abends folgte. Vor der Oper wurde der meist gestrichene Prolog mit dem nötigen Pathos gesprochen von Burgtheatermitglied Sylvie Rohrer (früher am Schauspiel Dortmund)

Aus Liebe zu Blaubart hat Judith ihr ganzes früheres Leben aufgegeben und ist ihm auf sein düsteres Schloß gefolgt. Dadurch glaubt sie sich berechtigt, durch Fragen alles über Blaubarts Leben zu erfahren, was dieser immer nur widerwillig mitteilt. Tiefenpsychologisch sind seine Charakterzüge verborgen in sieben Sälen seines Schlosses, die auf Judiths Drängen nun nacheinander geöffnet werden. Für jeden dieser Säle hat Bartok passende raffiniert instrumentierte Musik gefunden, die zusammengehalten wird durch ein zu Anfang und Ende ertönendes viertöniges Motiv der tiefen Streicher , in ganz zartem pp misterioso wunderbar gespielt, und darauf folgend ein pralltrillerähnliches Motiv der Holzbläser. Dies gab dem Orchester und seinen Solospielern reichlich Gelegenheit, ihr Können zu zeigen und das Philharmonia Orchester nutzte diese ganz großartig. Grausam klingendes Xylofon und helle Bläser verdeutlichen die Folterkammer, ein verfremdeter Marsch die Waffenkammer, Celesta Arpeggio und zwei Soliviolinen für die Schatzkammer (Konzertmeister Zsolt-Tihamér Visontay und Anna-Liisa Bezrodny). Höhepunkt war der Raum mit Blick auf Blaubarts weite Lande von Orgel und Posaunen aus der Mitte und von zwei seitlichen Emporen gewaltig zu Gehör gebracht. Wunderschön war der Mischklang aus Flöte, Klarinette und Harfen beim Tränensee!

Für Wagner-geübte Stimmen sind die beiden Partien betreffend Ausdauer keine übermässige Herausforderung. Meistens handelt es sich um der ungarischen Sprache angepaßten Sprechgesang in jeweils achtsilbigen Versen, der vor allem bei Judith von ariosen Teilen und grösseren Ausbrüchen beim jeweiligen Drängen auf Öffnen der Türen unterbrochen wird. Schwierig wird es für die Sänger wie häufig bei konzertanten Opernaufführungen dadurch, daß sie gegen das hinter ihnen befindliche Orchester ansingen müssen – und das ist hier von der Grösse eines Richard-Strauss-Orchesters – etwas Rücksicht auf die Sänger wäre passend gewesen. Aber da war Sir John Tomlinson mit seinem mächtigen alles übertönenden aber auch bis an stimmliche Grenzen geforderten Baß die ideale Verkörperung des Blaubart – es gelangen ihm aber auch die verhalteneren Passagen sehr eindrucksvoll, beim Tränensee wird man sein mehrmaliges „Tränen, Judith, Tränen“ nicht vergessen, und auch sein „Nacht bleibt es nun ewig“ als Ende der Oper war sehr bewegend Gleiches läßt sich von Michelle DeYoung als Judith sagen, die mit     lyrischem Legato sang, ihre Spitzentöne treffsicher erreichte und auch zu innigem Piano fähig war, etwa wenn mitten in dem Fortissimo des Blicks auf Blaubarts Lande sie ohne Orchester fast emotionslos sang „Schön und groß sind Deine Lande“ Beide erreichen   mit wenigen passenden Gesten szenische Glaubwürdigkeit und auch der so wichtige Kuß vor dem Öffnen der letzten Tür (dahinter die früheren Frauen) wird eindrucksvoll dargestellt (Inszenierung David Edwards)

Hinter dem Orchester entwickelten sich zu den jeweiligen Räumen passende Projektionen (Visualisierung Nick Hillel)), die den musikalischen Ablauf nicht störten, aber ärgerlich wurde es als beim musikalisch strahlenden Höhepunkt   Scheinwerfer die Zuschauer blendeten (in Dortmund bekannter Theatertrick).Zum Schluß war aber eindrucksvoll wie Blaubarts drei frühere Frauen schemenartig dargestellt wurden und Judith bei ihnen sichtbar wurde.

Nach einem zum traurigen Schluss passenden kurzen Schweigen spendete das Publikum im nicht ausverkauften Konzerthaus begeisterten Applaus mit verdienten Bravos für die beiden Sänger und den Dirigenten. 

 

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com