DER OPERNFREUND - 49.Jahrgang - Europas Nr. 1
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www.landestheater-niederbayern.de

 

 

LA WALLY

Premiere: 17.12.2016

Besuchte Vorstellung: 07.01.2017

VIDEOTRAILER

Liebe zwischen Schnee und Eis

Lieber Opernfreund-Freund,

in diesem Jahr jährt sich die Uraufführung von Alfredo Catalanis "La Wally" zum 125. Mal und das mag der Grund sein, warum das ansonsten seltsamerweise kaum gespielte Werk gleich an mehreren europäischen Häusern gegeben wird. Im Februar zeigen Modena, Piacenza und Reggio Emilia eine Koproduktion der an den "Geierwally"-Roman von Wilhelmine von Hillern angelehnten Oper und im März folgt die Premiere an der Wiener Volksoper. Doch so weit muss der Opernraritätenjäger gar nicht die Donau hinab reisen. Auch in Passau wird das Werk gezeigt, das weit mehr ist als ein Oper gewordener Heimatfilm. So kalt wie die eisige Bergwelt, in die sich Wally flüchtet, ist auch die Gemeinschaft der Bergbewohner der reich gewordenenen Außenseiterin gegenüber und wird vielleicht auch Wallys Herz nach der Unterdrückung durch den Vater, der sie mit Vinzenz Gellner verheiraten will, und der Zurückweisung durch den Angebeteten, der sie vor versammelter Dorfgemeinschaft brüskiert.

André Bücker zeigt dieses Seelendrama vorlagengetreu vor verschneiter Berglandschaft und schafft es mittels des wandelbaren Hauses, des Jan Steigert entworfen hat, passender Bergweltprojektionen und einer ausgefeilten Lichtregie, die von Catalani in geniale Musik gegossenen Stimmungen der Titelheldin packend auf die Bühne zu bringen. Trotz Alpenkolorit, das sich auch in den traditionellen und doch phantasievollen Kostümen von Suse Tobisch zeigt, mutet diese "Wally" keineswegs altbacken an, sondern kommt frisch und fesselnd daher. Bücker schafft selbst in Massenszenen intime Momente der beiden Verliebten, überfrachtet die kleine Passauer Bühne zu keiner Zeit aufgrund seiner durchdachten Personenführung und zeigt eine in einen gelungenen Alpenkrimi eingebettete Liebesgeschichte, die zu Herzen geht.

Kapellmeisterin Margherita Colombo leitet die Niederbayerische Philharmonie und malt Catalanis vor Intensität strotzende Partitur nicht nur in den ausgedehnten Vorspielen nach der Pause in glühenden Farben nach. Sie wählt mitunter gemessene Tempi und zeigt so klangliche Details, lässt den leidenschaftlichen Melodien Platz zum Wirken und führt die Sänger sicher durch den Abend. Der von Eleni Papakyriakou einstudierte Chor ist schmal besetzt und schafft so klanglich eine unglaubliche Intimität. Die Damen und Herren singen wunderbar und spielen voller Leidenschaft.

Leidenschaft zeigt auch Adelheid Fink, die vom Pfalztheater Kaiserslautern als Gast nach Niederbayern gekommen ist, um die Titelpartie zu singen. Doch ist ihre Stimme augenscheinlich zu fein und zart für die Alpenheroine. Das versucht die Sängerin durch starkes Forcieren wett zu machen, was zu einer unschönen Schärfe vor allem in den Höhen führt. So überzeugt sie am ehesten in den wenigen Momenten, in denen sie ihrer Stimme und dem Publikum wenig Druck zumutet, so beispielsweise am Ende des dritten und dem Beginn des vierten Aktes. Ihr zur Seite steht aber auch ein extrem ausdrucksstarker Giuseppe.

Ensemblemitglied Jeffrey Nardone zeigt den Jäger nuanciert, glänzt mit metallischer Höhe (die er dem Publikum nur am Ende des Finalaktes vorenthält), feinen Piani und viel, viel Gefühl. Da kann man als Zuschauer gut nachvollziehen, dass die Wally ihm verfällt und sich nur zu gern von ihm aus ewigem Eis vor einen warmen Ofen retten lassen würde. Noch mehr überzeugt hat mich gestern sein Gegenspieler Gellner, der in Kyung Chun Kim einen idealen Interpreten findet. Sein samtiger Bariton ist durchaus zu gewaltigen Ausbrüchen fähig und so brilliert der Südkoreaner auf ganzer Linie zwischen hoffnungsvollem Sehnen und brachialer Gewalt. Einen Geier gibt es in Catalanis "Wally" nicht, aber einen jugendlichen Freund der Titelheldin, Walter. Die Hosenrolle wird von Ensemblemitglied Emily Fultz bravourös gemeistert, die junge Koleratura zeigt begeisternde Höhe und Geläufigkeit und ist auch darstellerisch eine Wucht. Kimberley Boettger-Soller verfügt über einen warmen, seelenvollen Mezzo und zeigt ansteckende Spielfreude. Da bedauert man regelrecht, dass die Rolle der Afra so klein ist. Marc Kugel zeigt als Landstreicher seinen kraftvollen Bass-Bariton ebenso wie komödiantisches Talent, Szymon Chojnacki als Wallys despotischer Vater singt tadellos und beeindruckend, spielt den Tyrannen allerdings ein wenig brav.

Das voll besetzte Theater ist von derAufführung zu recht begeistert und auch ich empfehle ihnen, bei allen Abstrichen, die man hier bei der Titelheldin machen muss, diese Produktion, die an den Theatern in Passau, Landshut und Straubing noch bis ins Frühjahr hinein zu sehen sein wird. Vielleicht besuchen Sie ja am 20. Januar die Landshuter Premiere - und feiern mit dem Werk auf den Tag genau seinen 125. Geburtstag.

Ihr Jochen Rüth 8.1.2017 

Fotos (c) Landestheatetr /  Peter Litvai

 

 

I CAPULETI E I MONTECCHI

Besuchte Aufführung: 10.5.2015 (Premiere: 21.3.2015 in Passau)

Ein Lesbenpaar im italienischen Faschismus

Auf Shakespeares Stück „Romeo und Julia“ beruht die Oper „I Capuleti e i Montecchi“, mit der der Bellini-Zyklus des Landestheaters Niederbayern erfolgreich in eine neue Runde gegangen ist. Um es vorwegzunehmen: Die Aufführung war in jeder Beziehung nahezu vollständig gelungen und wurde am Ende zurecht mit heftigen Ovationen des Passauer Publikums bedacht. Hier hat sich wieder einmal erwiesen, dass auch die Produktionen kleiner Theater für die Rezeptionsgeschichte wichtig sein können und oft sogar besser ausfallen als diejenigen von großen Opernhäusern. Mit dieser Inszenierung hat das Landestheater nach der überzeugenden „Traviata“ von letzter Saison erneut einen bedeutenden Schritt in Richtung modernes Musiktheater getan.

Ensemble

An dieser Stelle ist auch dem Passauer Auditorium ein Lob auszusprechen, das sich gegenüber der zeitgenössischen Regiearbeit von Ultz, der auch für das Bühnenbild und die Kostüme verantwortlich zeichnete, so aufgeschlossen gezeigt hat. Der bei diesem Stück so großen Gefahr, in bloßen Kitsch abzugleiten ist der Regisseur bravourös entgangen. Schnell wurde klar, dass es ihm nicht auf eine romantische Verklärung der Liebesgeschichte ankam, sondern auf ausgeprägten, knallharten Realismus, bei dessen Umsetzung er in erster Linie von den beiden mit enormer Spielfreude aufwartenden Protagonistinnen famos unterstützt wurde. An diesem gelungenen Nachmittag offenbarte sich aus Neue, dass Inszenierungen dann am besten sind, wenn sich eine ausgefeilte, stringente Personenregie und hervorragende schauspielerische Fähigkeiten der Sänger/innen die Hand reichen. Dass Ultz insbesondere mit den Darstellerinnen von Giulietta und Romeo im Vorfeld intensive Probenarbeit geleistet hat, wurde rasch deutlich. Und wenn er manchmal auch den Zuschauerraum in seine Deutung einbezog, erwies sich, dass er mit den Techniken eines Bertolt Brecht trefflich umzugehen versteht. Vom technischen Standpunkt aus kann man dem Regisseur nicht das Geringste anlasten. Er versteht sein Handwerk vortrefflich.

Aber auch seine Konzeption war überzeugend. Er verortete die Handlung gekonnt im Italien der 1970er Jahre, was sich als glücklicher Einfall erwies. In dieser von Historikern als „bleierne Zeit“ bezeichneten Ära, die von mafiösen Strukturen und terroristischen linksextremen und neofaschistischen Umtrieben geprägt war, erschließt sich einem der Kern der dramatischen Handlung vielleicht sogar noch besser als in Shakespeares Verona des Jahres 1597. Die Liebe von Romeo und Giulietta, den jüngsten Mitgliedern der miteinander verfeindeten Mafia-Clans Capuleti und Montecchi, wirkt unter diesen Umständen noch unmöglicher und verbotener als im Original. Um so intensiver erscheint auch der Kampf des Paares um seine Liebe, die auch rein optisch unter einem schlechten Stern steht. Das in hellen Gelb-Braun-Tönen gehaltene Einheitsbühnenbild mit nur wenigen Requisiten, in das nach Bedarf die jeweiligen Handlungsorte wie die Machtzentrale der Mafia, Giuliettas biederes rosa Schlafzimmer, Umkleideräume und Gruft eingepasst werden, ist ausgesprochen nüchterner Natur. Von Anfang an ist ausgemachtem Pessimismus Tür und Tor geöffnet, der jeglichen Gedanken an einen glücklichen Ausgang des Geschehens von vornherein gänzlich ausschließt. Der Traum des kaum den Kinderschuhen entwachsenen Paares - Giulietta spielt sogar noch mit Puppen - von einer besseren Zukunft - versinnbildlicht durch auf einen Zwischenvorhang projizierte, von Attila Egerházi choreographierte Tanzszenen aus einer Produktion des Südböhmischen Theaters Budweis von Prokofjews Ballett „Romeo und Julia“ mit Christine Pommes Mormeneo (Julia) und Zdenek Mládek (Romeo) - ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Anna Sohn (Giulietta), Romeo

Legt man dem Geschehen mit Ultz die italienischen Verhältnisse der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts zugrunde, ergibt sich dafür aber noch ein weiterer Grund, der darin liegt, dass der Regisseur erst gar nicht den Versuch unternimmt, den als Hosenrolle konzipierten Romeo mit künstlichen Mitteln wie Kurzhaarschnitt oder Bart als Mann vorzuführen, sondern ihn von Anbeginn als schöne Frau mit langen, manchmal hinten zu einem Zopf verknoteten Haaren darstellt. Dass der Liebe eines homoerotisch veranlagten Paares unter den hier vorherrschenden traditionellen zeitlichen und örtlichen Gegebenheiten Erfüllung beschieden sein könnte, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Die Beziehung zwischen Giulietta und Romeo indes als einseitig lesbisch zu begreifen, wäre indes zu vordergründig. Ultz bezweckt kein Plädoyer für gleichgeschlechtliche Liebe, sondern huldigt vielmehr einem universalen, allübergreifenden und vom Geschlecht unabhängigen Liebesverständnis. Auf der Liebe allgemein liegt der Fokus seiner Betrachtungen, wobei keine Äußerlichkeiten von den zwischenmenschlichen Beziehungen ablenken. Dieser Ansatzpunkt des Regisseurs ist voll und ganz aufgegangen.

Giulietta, Sabine Noack (Romeo)

Das aufgebotene Ensemble hat sich aufs Beste mit dem Konzept identifiziert und es vorzüglich umgesetzt. Es ist immer wieder erstaunlich, über was für bemerkenswerte Gesangssolisten auch die kleinen Opernhäuser verfügen. Zumindest die Sänger/innen, die das Landestheater Niederbayern für das italienische Fach engagiert hat, brauchen sich hinter denen der großen Häuser wahrlich nicht zu verstecken. Sabine Noack gab darstellerisch einen draufgängerischen, ungestümen Romeo, dem sie mit bestens gestütztem, imposantem und tiefgründigem Mezzosopran auch stimmlich ein bravouröses Profil zu geben wusste. In nichts nach stand ihr die Giulietta von Anna Sohn, die nicht nur mit einem gut fokussierten Sopranklang, sondern auch mit wunderbaren Phrasierungen, einfühlsamer Linieführung und manchmal sehr zarter, inniger Tongebung sowie eine famosen Pianokultur stark für sich einzunehmen wusste. Einen fein fundierten, tief verankerten Bariton brachte Kyung Chun Kim für den Lorenzo mit. Übertroffen wurde er von Young Kwon, an dessen Auftritte an der Staatsoper Hannover man sich noch gerne erinnert, der mit prachtvoll italienisch geschultem, sonorem und ausdrucksintensivem Bass als Capellio eine wahre Glanzleistung erbrachte. Gegenüber seinen ansonsten durchweg vorbildlich im Körper singenden Kollegen fiel der als Tebaldo stark auf eine maskige Tongebung setzende Joska Lehtinen ab. Trefflich präsentierte sich der von Christine Strubel einstudierte Herrenchor des Landestheaters Niederbayern.

Am Pult bewies GMD Basil H. E. Coleman aufs Neue, dass ihm Bellinis Musik überaus am Herzen liegt. Er breitete sie zusammen mit der ausgezeichnet aufgelegten Niederbayerischen Philharmonie mit schwelgerischer Opulenz und spannungsreichen, lang gesponnenen Bögen klar und transparent vor den Ohren des Publikums aus. Für seine grandiose Leistung durfte er sich am Ende über große Zustimmung der begeisterten Besucher freuen.

Fazit: Eine sehr empfehlenswerte Aufführung, die dem Landestheater Niederbayern alle Ehre macht und deren Besuch dringend empfohlen wird.

Ludwig Steinbach, 12.5.2015

Die Bilder stammen von Peter Litvai

 

 

ALCINA

Unser Kritiker Ludwig Steinbach hat die Premiere am 03.10.2014 in Landshut besucht

  

LA TRAVIATA

Unser Kritiker Ludwig Steinbach hat die Premiere am 19.06.2014 in Landshut besucht

 

 

DIE SCHÖNE UND GETREUE ARIADNE

Oper von Johann Georg Conradi (1645-1699)

Premiere in Passau am 12.04.2014

 

Unser Kritiker Ludwig Steinbach hat die Aufführung in Landshut vom 25.04.2014 besucht.

 

 

 

Mitreißend

RIGOLETTO

Besuchte Aufführung: 14. 2. 2014 (Premiere: 29. 6. 2013)

Die Psychose des Jokers

Sie stellt ein echtes Juwel im Spielplan des Landestheaters Niederbayern mit seinen Spielstätten Passau, Landshut und Straubing dar: Nilufar K. Münzings im Bühnenbild und den Kostümen von Charles Cusick Smith und Philip Ronald Daniels spielende Inszenierung von Verdis Erfolgsoper „Rigoletto“. Mitreißend, spannend, klug durchdacht und psychologisch einfühlsam präsentierte sie sich dem begeisterten Publikum, das dann am Ende auch mit Applaus nicht geizte. Langweilig wurde es an diesem Abend wirklich nie, was nicht zuletzt ein Verdienst der ausgefeilten Personenregie war. Die Regisseurin versteht mit Sängern umzugehen und sie kurzweilig und logisch zu führen. 

Michael Mrosek (Rigoletto), Herrenchor

Frau Münzing hat das Stück behutsam modernisiert, ohne dabei dessen Kern anzutasten. Sämtliche Regieeinfälle lassen sich aus dem Libretto heraus begründen. Dabei entführt sie den Zuschauer in eine Art Traumwelt. Den äußeren Rahmen der Handlung bildet eine Art Jahrmarktbude vor der auf den Hintergrund projizierten Skyline einer Großstadt, die wohl New York sein soll. Man kann aber auch an Gotham City denken - eine Annahme, die angesichts der Ähnlichkeit Rigolettos mit dem Joker nicht ganz unberechtigt ist. Im Gegensatz zu dem Schurken aus „Batman“ ist der Hofnarr hier nicht von Anfang an böse, sondern wird durch die Umstände erst dazu gemacht. Die während der Ouvertüre gezeigte Ermordung seiner Frau durch die Höflinge, denen er seine an die Stelle des traditionellen Buckels tretende klaffende Gesichtswunde verdankt, hat bei ihm zu einem Trauma geführt, das er durch immer neue böse Taten zu bewältigen sucht. In der roten, verrucht anmutenden Lasterhöhle, die hier an die Stelle des Hofes von Mantua tritt, partizipiert er genussvoll an den Taten seines gleichsam ein großes Kind gebliebenen Herrn. Der Darstellung der Frauen als Raubkatzen entspricht es, dass der Duca als Raubtierdompteur vorgeführt wird.

Mit ausgeprägtem psychoanalytischem Feischliff dringt die Regisseurin bis in die tiefsten seelischen Abgründe des Protagonisten vor. Freud’schem Gedankengut trägt sie auch insoweit Rechnung, als sie Monterone und Sparafucile weniger als reale Personen, sondern vielmehr als die dunklen Seiten von Rigolettos Psyche begreift und sie demgemäß auch demselben Bassisten anvertraut. Der Auftragsmörder steht für das Böse an sich, der Graf symbolisiert das Prinzip Angst. Und letztere manifestiert sich insbesondere in der Beziehung des Titelantihelden zu seiner als Teenager vorgeführten Tochter, die zu Beginn in Gestalt eines kindlichen Alter Egos den gewaltsamen Tod ihrer Mutter ebenfalls mit ansehen muss, was auch bei ihr deutlich zu Tage tretende seelische Störungen auslöst. 

Gilda, Albertus Engelbrecht (Duca), Kara Harris (Maddalena)

Aufgrund der ihr vom Vater, der sie wie ein Hund an der Kette hält, verordneten Weltflucht ist auch sie innerlich den Kinderschuhen noch nicht entwachsen. Sie liest und spielt noch mit einem Teddybären. Das alles tut sie auf einem riesigen Türschloss in Herzform - ein trefflich gewähltes Symbol ihrer Gefangenschaft und Abgeschiedenheit, aus der heraus sie sich nach Liebe sehnt und den angeblichen Namen des Geliebten Gualtier Maldé aus riesigen Spielzeugbuchstaben zusammensetzt. Die Schuhe, die ihr der Duca schenkt, sind als Sinnbild ihrer schließlichen Flucht aus den sie beengenden Verhältnissen zu begreifen. Dass Rigoletto ihr später die Schuhe wieder auszieht und die nach ihrer Nacht mit dem Duca im Unterkleid erscheinende Tochter wie eine Mumie in ein Laken hüllt, kann ihren in letzter Konsequenz zum Tode führenden Ausbruch aber auch nicht verhindern. Am Ende erscheint sie ihm als Engel, während der Körper einer Statistin tot am Boden liegt. Dieser Einfall ist nicht mehr neu. Das hat man andernorts schon ähnlich gesehen - nicht aber die grandiose Idee, die beiden Gestalten als zwei Aspekte derselben Figur wieder zu einer Person zu vereinen. Das tote Mädchen steht auf und nähert sich ihrem astralen anderen Ich, vereinigt sich mit diesem. Erst im Tod findet Gilda zu einer Einheit ihres Selbst, die ihr zu Lebzeiten verwehrt war. Insgesamt haben wir es hier mit einer Inszenierung zu tun, die dem neugierigen, modern eingestellten Intellekt einiges zu bieten hat und darüber hinaus technisch hervorragend umgesetzt ist. Bravo! 

Kara Harris (Maddalena), Young Kwon (Sparafucile)

Eine gute Leistung erbrachte Christine Strubel am Pult. Sie hatte die mit großer Verve und klangschön aufspielende Niederbayerische Philharmonie bestens im Griff und wartete mit einem prägnanten, zupackenden Verdi-Klang auf, der sich zudem durch gute Italianita auszeichnete. Sie hatte auch den Chor trefflich einstudiert. 

Michael Mrosek (Rigoletto), Gilda

Zum größten Teil zufrieden sein konnte man auch mit den Sängern. Wieder einmal wurde deutlich, dass man auch an kleinen Theatern in puncto Stimmen wahre Schätze heben kann. Als strahlender Edelstein erwies sich Michael Mrosek in der Titelpartie. Es war schon erstaunlich, welch enormen vokalen Glanz er trotz einer Indisposition, deretwegen er sich entschuldigen ließ, verströmte. Das zeugt von einer ausgezeichneten Technik. Der ausgemachte Schönklang seines kräftigen, hervorragend italienisch focussierten und höhensicheren Baritons sowie die enorme Intensität und Ausdrucksvielfalt des Vortrags ließen seinen Rigoletto zu einem Ereignis der besonderen Art werden, das der größten Häuser würdig ist. Dieser phänomenale Bariton hat das Zeug zu einer Weltkarriere, ebenso wie Young Kwon, der als Graf von Monterone und Sparafucile ebenfalls nachhaltig zu begeistern wusste. Auch er verfügt über einen herrlich voluminösen, sonor und ebenmäßig auf dem Atem dahinfließenden Bass italienischer Schulung, mit dem er diese beiden Nebenrollen gleichsam zu Hauptpartien erhob. Allein diese beiden grandiosen Künstler wären den Besuch der Aufführung wert gewesen. Sie ließen an diesem gelungenen Abend alle ihre Partner weit hinter sich zurück. Insgesamt gut zu gefallen vermochte auch der Duca von Albertus Engelbrecht. Schon darstellerisch wurde er dem adeligen Lebemann voll gerecht und vermochte auch gesanglich mit seinem fast durchweg gut fundierten und elegant geführten Tenor für sich einzunehmen. Lediglich bei den Spitzentönen stieß seine Stimme manchmal etwas an ihre Grenzen. Einen vollen, runden Mezzosopran brachte Kara Harris für die Giovanna, die Maddalena, die Gräfin Ceprano und den Pagen mit. Das hohe Niveau ihrer Kollegen vermochte Emily Fultz in der Rolle der Gilda nicht zu erreichen. Ein warmer italienisch fundierter Stimmklang ging ihr gänzlich ab. Ihre Tongebung wies in puncto Pianokultur und Linienführung zwar durchaus schöne Ansätze auf. Da ihr Sopran aber nicht im Körper verankert war und kein solides appoggiare la voce aufwies, blieb es leider bei gut gemeinten Intentionen. Sehr halsig klang Konrad Peschls Marullo und auch der Borsa von Gastsänger Christopher Busietta hatte stimmlich nicht viel zu bieten. Unauffällig blieb Michael Kohlhäufl als Graf von Ceprano. Als das Kind Gilda war die junge Ida Jarzombek zu erleben.

Ludwig Steinbach, 16. 2. 2014                      Die Bilder stammen von Peter Litvai.

 

 

 

Beeindruckende Rarität

IL PIRATA   

(Vincenzo Bellini)

Besuchte Aufführung: 17. 1. 2014 (Premiere in Passau: 30. 12. 2013)

Schattenspiele und Rampensingen

Es ist eine echte Rarität, die das Theater Passau hier zur Aufführung brachte: Bellinis am 27. 10. 1827 an der Mailänder Scala aus der Taufe gehobene Oper „Il Pirata“ gab den Startschuss zu der erfolgreichen Karriere des Komponisten und leitete zudem die erste große Phase der italienischen Opernromantik ein. Bereits bei diesem Frühwerk sind die typischen Stilelemente Bellinis deutlich auszumachen, die der Tonsetzer in seinen späteren Werken dann zur Vervollkommnung brachte. Es ist eine intensive, emotional stark aufgeladene und berührende Musik, die sich dem Ohr des Zuschauers hier erschließt. Es ist erstaunlich, dass diese großen Reiz verströmende und melodienreiche Oper nicht schon längst den Weg zurück in die Spielpläne gefunden hat. Umso mehr kann man der Leitung des in Passau, Landshut und Straubing spielenden Landestheater Niederbayern Dank sagen, dass es sich auf dieses selten gespielte Juwel des Belcanto besonnen hat.  

Eric Vivion-Grandi (Gualtiero), Hyun-Ju Park (Imogene)

Das Stück beruht auf einem spätromantischen Schauerroman des irischen Schriftstellers Charles Robert Maturin. Die Handlung ist schnell erzählt: Das Geschehen spielt an der Küste Siziliens. Die Herzogin Imogene steht zwischen zwei Männern: Ihrem Ehemann Herzog Ernesto von Caldora, mit dem zusammen sie einen Sohn hat, und dem aragonischen Piraten Gualtiero, ehemaliger Gaf von Montaldo, der zehn Jahre zuvor Ernesto im Kampf unterlag und aus Sizilien verbannt wurde. Ihn liebt sie noch immer. Als sein Korsarenschiff im Sturm an der Küste in der Nähe der Burg Caldora strandet, erkennt Imogene in dem Piratenkapitän ihren ehemaligen Geliebten. Sie gibt sich ihm zu erkennen, worauf die alte Liebe erneut entflammt. Bei einem heimlichen Treffen wird das Paar von Herzog Ernesto überrascht. Es kommt zwischen den beiden Rivalen zu einem Duell, in dessen Verlauf Ernesto von Gualtiero getötet wird. Der Freibeuter stellt sich daraufhin selbst dem Gericht. Seine Hinrichtung vor Augen verfällt Imogene dem Wahnsinn.  

Kathryn J. Brown (Adele), Hyun-Ju Park (Imogene)

Es war eine operntypische Dreiecksgeschichte mit für die damalige Zeit ungewohntem tragischem Ausgang, die sich vor den Augen des zahlreich erschienenen Auditoriums abspielte. Für die Regie verantwortlich zeigte Alberto Jona von Controluce Teatro d’Ombre. Diese seit bald zwei Jahrzehnten existierende Theatergruppe ist die Begründerin des sog. Schattentheaters. Kein Wunder, dass auch „Il Pirata“ als großangelegtes Schattenspiel auf die Bühne gebracht wurde. Dieser Ansatzpunkt war durchaus akzeptabel. Die Art, wie immer wieder die verschiedensten Schattenfiguren auf eine Vielzahl von die verschiedenen Handlungsorte bildenden überdimensionalen Tücher projiziert wurden, die den ansonsten leeren Bühnenraum von Antonio Martire - von ihm stammen auch die klassischen Kostüme - dominierten, war ebenso wie die Choreographie  von Eva Simmeth durchaus eindrucksvoll. Auch einer psychologischen Grundlage entbehrte die Idee nicht. Der Schatten gehört zu den Archetypen, die nach C. G. Jungs Verständnis universell vorhandene Urbilder in der Seele aller Menschen darstellen, unabhängig von ihrer Geschichte und Kultur. Jung interpretiert den Schatten bildhaft als „alle jene dunklen Seiten und ungeliebten Anteile im Menschen, die sie zwar haben, aber nicht kennen, die ihnen unbewusst sind oder sie nicht wahrhaben wollen“. Auch hier geht es um die von Jung ins Feld geführten „dunklen Seiten“, die das Regieteam in Form von solchen Schattenspielen schemenhaft als (Alp-) Traum der Handlungsträger bzw. als Manifestation ihrer Sehnsüchte und Wünsche an die Oberfläche bringt. Konsequenterweise nimmt die Inszenierung manchmal einen etwas surrealen Charakter an. Das Hauptinteresse von Jona gilt Imogene, deren verborgene Seiten trefflich beleuchtet werden. Ihr schlussendlicher Wahnsinn ist die ganze Zeit über bereits latent vorhanden. Bei ihrer großen Schlussarie dringt er schließlich mit Brachialgewalt an die Oberfläche.  

Eric Vivion-Grandi (Gualtiero),

So weit schön und gut. Dieses psychologische Konzept war überzeugend und traf meinen Geschmack durchaus. Wenn der Abend von der Inszenierung her dennoch nicht vollständig zu überzeugen vermochte, lag das daran, dass der Focus zu sehr auf den von Cora De Maria geschaffenen Schattenprofilen lag und dabei die eigentliche Personenregie oft stark ins Hintertreffen geriet. Diese war insgesamt nicht gerade ausgeprägt und wurde auch an den Stellen nicht sonderlich intensiviert, an denen die Schatten gerade mal pausierten. Häufig wurde von den Protagonisten, die sich darüber hinaus häufig in altbackenen Sängergesten gefielen, pures Rampensingen gepflegt, was nicht nur einmal gähnende Langweile zur Folge hatte. Insoweit hinterließ die Inszenierung einen recht zwiespältigen Eindruck.  

Michael Mrosek (Ernesto), Eric Vivion-Grandi (Gualtiero)

Musikalisch war der Abend dagegen voll gelungen. Basil H. E. Coleman und die Niederbayerische Philharmonie präsentierten einen Bellini vom Feinsten und bewiesen, dass sie sich hinter größeren Häusern wahrlich nicht zu verstecken brauchen. Der britische Dirigent entlockte den versiert aufspielenden Musikern sehr imposante, geradezu zündende Töne, die gleichermaßen gefühlvoll und filigran erklangen und das dramatische Geschehen auf der Bühne wunderbar reflektierten. Da Coleman auch sehr auf vielfältige Nuancen sowie auf die Herausstellung spezifischer Coleurs bedacht war, geriet der von ihm und dem Orchester erzeugte Klangteppich sehr abwechslungsreich und differenziert. Ausdrucksintensität wurde an diesem Abend ganz groß geschrieben.  

Ensemble

Und was für ein hervorragendes Sänger/innen-Ensemble hatte das Landestheater Niederbayern doch aufgeboten. In dieser Beziehung hat sich mein Wahlspruch „Verachtet mir die kleinen Häuser nicht“ wieder einmal voll und ganz bestätigt. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass man an den kleinen Häusern oft die besten Gesangssolisten findet. Zu begeistern vermochten insbesondere der Sopran und der Bariton. Hyun-Ju Park erwies sich für die Imogene als wahrer Glücksfall. Diese famose Sängerin hat Bellinis Stil total verinnerlicht und mit bestens sitzendem, bis in die eklatanten Höhen der Partie herauf voll und ausgeglichen erklingendem, flexiblem Sopran sehr beeindruckend umgesetzt. Dabei legte sie in ihren fulminanten Gesang ein Höchstmaß an tief gefühlter Intensität und bewältigte auch die dramatischen Koloraturen mit Bravour. Ihre stark unter die Haut gehende Wahnsinnszene am Ende war der vokale Höhepunkt der Aufführung. Frau Park hat sich an diesem Abend genauso trefflich für größere Häuser empfohlen wie Michael Mrosek, der einen Ernesto der Superlative sang. Dieser Bariton nennt überaus klangschönes, farbiges, sonores und zudem wunderbar italienisch fundiertes Baritonmaterial sein Eigen, das noch bei den extremen Spitzentönen in höchstem Glanz erstrahlte. Dazu gesellten sich eine Ausdrucksstärke des Vortrags sowie eine perfekte Legatokultur. Alles in allem ergab ein phantastisches, charismatisches Rollenportrait. Eric Vivion-Grandi erreichte als Gualtiero das Niveau seiner beiden Kollegen nicht ganz, vermochte aber mit insgesamt gut gestütztem und sauber geführtem Tenor durchaus für sich einzunehmen. Diesen vielversprechenden Sänger möchte man gerne einmal als Verdis Duca oder Alfredo hören. Prächtig focussiertes, profundes Bassmaterial brachte Young Kwon für den Goffredo mit. Mit ansprechendem, gut verankertem und obertonreichem Sopran empfahl sich Kathryn J. Brown für größere Aufgaben als die Adele. Demgegenüber fiel der maskig singende Itulbo von Oscar Imhoff ab. Solide war der von Christine Strubel einstudierte Chor.  

Ludwig Steinbach, 18. 1. 2014                  Die Bilder stammen von Peter Litvai.

 

 

 

 

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