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Zum Zweiten

RIGOLETTO

Besuchte dritte Vorstellung am 23. April 2017

Premiere am 9. April 2017

Seit dieser Saison ist Berthold Schneider Opernintendant in Wuppertal und hat die Aufgabe, ein Haus, welches zwei Spielzeiten lang aus Kostengründen zu einem En-Suite-Spielplan mit Sängergästen verdonnert wurde, neu zu einem Ensembletheater aufzuforsten. Wie das mit den ja wohl kaum verbesserten Finanzen langfristig zu bewerkstelligen ist, mag erst einmal Geheimsache bleiben. Was das Künstlerische betrifft: Schneiders Spielplan ist ehrgeizig, fantasievoll, fordernd. Kompliment.

Für Verdis „Rigoletto“ hat der Intendant einen spektakulären Regisseur verpflichtet. TIMOFEJ KULJABIN arbeitet hauptsächlich in Nowosibirsk, macht primär Schauspiel, aber auch kontinuierlich Oper. Seine „Tannhäuser“-Regie erregte 2014 Aufsehen, vorwiegend positiv. Die Tatsache, dass der Titelheld im Venusberg als Jesus Christus auftrat, führte später freilich zur Entlassung des Intendanten.

Findet sich im Wuppertaler „Rigoletto“ irgendwo vordergründig Plakatives, selbstgefällig Anbiederndes, billige Effekthascherei? Mitnichten. Der 33jährige Regisseur wagt freilich krasse Behauptungen. Zunächst war er „von der Kraft und Emotionalität der Musik beeindruckt“. Freilich wurde ihm sehr bald bewusst: „Einiges von der Handlung und den Personen ist restlos im 19. Jahrhundert verhaftet, so dass es in der heutigen Realität kaum mehr als lebendig empfunden werden kann.“ Was nota bene auch für viele andere Werke gilt. An den modernisierten Übertiteln, wo Worte manchmal neues, mitunter sogar umdeutendes Gewicht erhalten, wird das besonders deutlich.

Laufen solche Feststellungen und Maßnahmen auf einen Freibrief für Regiewillkür hinaus? Mit Kuljabins Äußerungen ist fraglos vorsichtig umzugehen, aber sie formulieren auf animierende Weise notwendige interpretatorische Ziele. Das Konzept gehört freilich in die richtigen Hände. Im Wuppertaler „Rigoletto“ geht es zur Gänze auf.

Bei Kuljabin ist der Titelheld kein jammerndes bucklicht Männlein, sondern ein (auch im Fernsehen vielbeschäftigter) Entertainer und Animator, welcher dem Herzog, Spitzenkandidat von „Mantua United“ in einem fiktionalen Staat, ironisch-bösartig gewürzte verbale Unterstützung gibt. Freilich: wie’s bei Rigoletto da drinnen aussieht, geht niemand was an. Der große emotionale Zwiespalt in seiner Person bleibt bei Kuljabin also erhalten, wird aber verschärfend auf heutige Verhältnisse projiziert. Machtallüren, gewürzt mit erotischen Eskapaden – so lebt sich’s gut auf dem politischem Hochparterre, wo die Luft von serviler Beflissenheit nur so dampft.

Ein eigenes Schicksal ist das von Gilda. Ob sie das Tun ihres Vaters psychisch frühzeitig belastet hat, wird in Kuljabins Inszenierung nicht eindeutig thematisiert. Dennoch wirkt es schlüssig, dass sie nicht in den häuslichen vier Wänden eingesperrt lebt, sondern als Patientin in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt untergebracht ist. Dass Gilda an ihrer treuherzigen Liebe zum Herzog festhält, obwohl sie sich dessen unablässige Techtelmechtel unter Vaters Zwang in Videoaufzeichnungen ansehen muss, passt zur pubertären Euphorie des Mädchens.

Die vielen klugen und erhellenden Bildeinfälle Kuljabins lassen sich in ihrer Fülle nicht angemessen aufzählen oder gar detailliert beschreiben, sind aber Beweise sonder Zahl für Könnerschaft. Die Empfehlung kann im Grunde nur sein: hingehen, ansehen, sich anrühren lassen. Das geschieht freilich nicht ohne Schmerzen. Das letzte Bild ist regelrecht grausam. Rigoletto hat Gilda in einem Müllsack gefunden, aber er kann sich an ihrer Leiche nicht festweinen, weil der „Dienst“ ruft. Die High Society Mantuas bedarf des „Hofnarren“ erneut, und er wird allen Wünschen wie gehabt willfahren. Über der aufs Neue angespielten Introduktionsmusik senkt sich der Schlussvorhang.

Timofej Kuljabins mit viel Bitternis und Grimm gesättigte Inszenierung ist als Musterbeispiel für eine gelungene Gratwanderung zwischen kritischer Werkhinterfragung und gleichzeitig verantwortungsvollem Respekt hoch zu benoten. Bühne (OLEG GOLOVKO bietet Realistisches) und Kostüme (GALYA SOLODOVNIKOVA) dienen seinem Konzept mustergültig. Auch noch andere wichtige Künstler scheint Kuljabin aus Russland nach Wuppertal importiert zu haben (Licht, Bild-Design, Dramaturgie).

JOHANNES PELL (als GMD vom Bonner Rhein an die Wupper gewechselt) hat Verdis Musik fest im Griff, dirigiert animiert und dramatisch zielstrebig (etwas eigenwillig die Ritardandi im Quartett). Exzellent neben dem Orchester auch der von MARKUS BAISCH einstudierte Chor.

Der schlanke, baritonal jedoch herrlich ausladende PAVEL YANKOVSKY hat den Rigoletto bereits 2012 in Nowosibirsk verkörpert (Ausschnitt auf Youtube). Seine Darstellung ist von fast schon beängstigender Intensität.

Das gilt auch für  die Lybierin RALITSA RALINOVA, welche die Schizophrenie Gildas mit nervöser Gestik unterstreicht und dennoch mit bezaubernder Süße singt und leuchtkräftige Staccati offeriert (klavierbegleitete Darbietung von „Caro nome“ auf Youtube).

Umwerfend in seiner vokalen Verve, schlanker Höhenpotenz und darstellerischer Virilität der Südkoreaner SANGMIN JEON als Duke. Nach vorsichtigen Anfangsjahren sollten sich in Anbetracht dieser Rollengestaltung für den Sänger bald Türen öffnen. Alle Protagonisten wurden in der besuchten dritten Vorstellung mit frenetischem Beifall des vollbesetzten Hauses bedacht (sonntägliche Nachmittagsvorstellungen scheinen besonderen Anklang zu finden). Mit guten Leistungen sind ergänzend zu nennen: LUCIA LUCAS (Monterone), CATRIONA MORISON (Maddalena) und SEBASTIAN CAMPIONE (Sparafucile).

Christoph Zimmermann 24.4.2017

Bilder siehe unten !

OPERNFREUND STERN

 

 

 

VOTE DUCA! VOTA OPERA WUPPERTAL!

Premiere am 9.4.2017

Grandiose Rigoletto-Modernisierung in Wuppertal

Dieser RIGOLETTO ist die mit Abstand beste Produktion der neuen "Ära" Berthold Schneider in Wuppertal. Endlich schafft es ein Regisseur die Unzulänglichkeiten, Fragen und Unlogik des abstrusen Handlungsschemas (pars pro toto: blinde Beteiligung an der Entführung der eigenen Tochter, warum ist Gilda weggesperrt, das Singen im Sack bzw. die Wiedererweckung nach der Ermordung...) in relativ logische Perspektiven einer hochspannenden Geschichte zu setzen. Der Rezensent ist so begeistert, wie das Premierenpublikum. Das ist zeitgemäßes Musiktheater par excellence. Und wenn jede (!) Partie gut bis trefflich besetzt ist, dann liegt ein Verdi-Rigoletto-Ausnahmeabend vor für den unser OPERNFREUND sogar noch seine rare und begehrte Auszeichnung, nämlich den "Opernfreund-Stern" verleiht.

Liebe Konservativisten, diese Modernisierung ist ausgesprochen gelungen und keine Werkverfremdung! Die Geschichte hat einen logischen roten Faden und ist bis aufs Feinste dramaturgisch ausziseliert und durchdacht. Bitte anschauen, auch wenn Sie Freunde des Opernmuseums der Wiener Staatsoper sind (Achtung: Ironie ;-).

Liebe Jugendliche, Oper ist weder langweilig noch uncool. Sie kann ganz toll und hochspannend sein, wie ein Kinokrimi. Dies ist nicht immer der Fall - was ich zugebe - aber hier ist es so. "Geile" Story und wunderbare Melodien, die ihr auch als Rammstein-Fans auf dem Heimweg noch im Ohr haben werdet. Bitte reingehen! Euer Bild von "Oper" wird sich ändern - versprochen! Tauscht doch mal einen Kinoabend gegen Oper ein.

Die Geschichte spielt im einem fiktiven autoritären Kleinstaat namens "Mantua". Man trifft sich in der edlen Stammkneipe der Einheitspartei "Mantua United", die gleichzeitig als Wahlfeierlokal und Organisationsbüro dient, denn die Wahlen haben soeben stattgefunden. Den erwarteten Sieg verkündet der omnipräsente Regionalsender Rigoletto-World-TV. Natürlich wurde der einzige Kandidat mit 100 Prozent gewählt (woran erinnert mich das eigentlich gerade aktuell...?). Opposition gibt es nicht lange. Widerspruch wandert staatlich sanktioniert in den Knast.

Rigoletto ist diesmal kein Pausenclown, sondern ein ernsthafter Agitator als Talkmaster und Meinungsmacher im staatlichen Fernsehn. Auch ist er so eine Art inoffizieller Wahlkampfleiter der Partei. Bei den Parteigenossen allerdings äußerst unbeliebt. Seine Tochter Gilda wurde von ihm in die Psychiatrie weggesperrt, wo er sich dennoch regelmäßig um sie kümmert...

Ich möchte nicht mehr dieser ungeheuer spannenden Geschichte verraten - vor allem nicht den Schluß-Coup. Nur soviel: Es gibt keine Leiter! Und fangen Sie bitte nicht sofort an zu klatschen oder zu buhen, wenn der hoffentlich bekannte letzte Ton verklungen ist...

Zum Thema Zwischenapplaus: Mir ist es unbegreiflich, wie man in einer so emotional bewegenden Geschichte einer dermaßen ans Herz gehenden Story und mitreißenden Interpretation exemplarischen - eigentlich keine Unterbrechung zulassenden Musiktheater (!) - alle 15 Minuten, wie das altbekannte Klatschäffchen von Steiff, quasi emotionslos in die Geschichte reinklatschen oder bravieren kann; auch wenn die Musik - so ist er eben der Verdi - nach den bekannten Highlights kurze Generalpausen einlegt. Muß man da wirklich klatschen???

Sind wir emotional schon so abgebrüht. Mich persönlich stimmt so etwas traurig... Na wenigstens kein DaCapo nach den Sterbeszenen, wie an vielen ganz ganz großen Häusern, wo dann der Tote wieder aufsteht und seine Sterbearie noch einmal singt. Oder ist es schon die Umpolung des Schmieren-TV gewohnten Zuschauers, wo an der spannendsten Stelle immer eine Werbeunterbrechung folgt.

Und wenn Einige mir jetzt sagen, dass die Künstler dieses Zwischengeschrei wollen, dann ist das hier ein Irrtum, denn die darstellerische Leistung - vor allem vom sensationellen Pavel Yankovsky (Rigoletto) und einem bis an die Grenzen gehenden erschütternden Spiel von Rudslana Koval (Gilda) - wird erheblich in ihrer Konzentration gestört. Dass beide diese Partie auch noch traumhaft singen und die teuflischen Schwierigkeiten des vertrackten Verdi-Gesangs - gerade in den Frühwerken - meistern ist uns einen Opernfreund-Stern wert.

Sangmin Jeon (Herzog) ist für mich auch eine besondere Entdeckung; kraftvoll, lyrisch und mit akzeptablen hohen c ausgestattet, brilliert er als Bösewicht mit Vorliebe für Verkleidungen jedweder Art. Le Roi s´amuse - ganz im Sinne der Vorlage.

Da man auch alle Comprimarii so trefflich besetzt vorfindet, ist wirklich eine Ausnahme im Opernalltagsgeschäft zu konstatieren. Alle stürzen sich begeistert in ihre Rollen und singen furios. Daher ist es ehrlich verständlich, wenn nach dem Schlussbeifall der Regisseur jeden Einzelnen herzt und abküsst.

Johannes Pell dirigiert das makellos aufspielenden Opernorchester (Sinfonieorchester Wuppertal) mit feurigen Tempi und hochkonzentriert - das ist Verdi-Feuer vom Feinsten. Sehr gute Leistung auch vom bestens disponierten Chor unter der Leitung von Markus Baisch.

Timofej Kuljabin (Regie) hat mit seinem Team einen in jeder Hinsicht überwältigenden Opernabend auf die Bretter, die in Wuppertal nun endlich wieder die Welt bedeuten, hin gelegt. Dafür ein großes "Bravo" & "Bravi" an alle so engagiert Beteiligten.

Peter Bilsing / 10.4.2015

Bilder (c) Oper Wuppertal / Wil van Iersel

 

Ergänzende Credits

Inszenierungsteam (Timofej Kuljabin/Inszenierung, Oleg Golovko/Bühne, Galya Solodovnikova/Kostüme, Varvara Timofeeva/Bild-Design, Denis Solntsev/Licht, Ilya Kukharenko/Dramaturgie

Thomas Dickmeis (Video), Lucia Lucas (Graf von Monterone), Oliver Picker (Graf von Ceprano), Simon Stricker (Marullo), Mark Bowman-Hester (Borsa), Sebastian Campione (Sparafucile), Catriona Morison (Maddalena), Ute Teminzel (Giovanna), Javier Horacio Zapata Vera (Gerichtsdiener), Banu Schult (Page)

 

PS 1

Aktueller WDR-Beitrag zur Produktion

Bitte scrollen Sie bis 21,10 Min vor. Dann bleibt Ihnen der ganze Kappes vorher erspart, den man uns sonst zwingt zu schauen, denn der große WDR schafft es augenscheinlich nicht den Beitrag separat (!) zu verlinken. :-((( Aber Vorsicht "Spoilergefahr"! Wenn Sie noch reingehen wollen und auch die Spannung genießen möchten, dann bitte erst nach dem Besuch der Oper anschauen, denn es wird im Beitrag zuviel verraten...

 

PS 2

"Schlage dem Gotteslästerer ins Gesicht" (Welt, 2015)

Regisseur und Opernchef Timofej Kuljabin wg. provokanter Operninszierung von Tannhäuser in Nowosibirsk gefeuert.

 

PS 3

Kritik von Ulrike Gondorf im Deutschlandfunk

 

 

 

THE ROCKY HORROR PICTURE SHOW

Premiere am 17.2.17

Brot und Spiele für das Volk

Nach einer nicht so ganz glücklich inszenierten „Liebe zu den drei Orangen“ und der sicherlich ambitionierten aber ebenfalls recht schwierigen „AscheMOND oder The Fairy Queen“ soll in Wuppertal nun die „Rocky Horror Show" für ein volles Opernhaus sorgen. Und dies gelingt nicht nur zur Premiere prächtig, auch für alle weiteren Termine sind lediglich Restkarten auf telefonische Anfrage erhältlich. Garant für diesen Erfolg ist die bereits vor einigen Jahren in Saarbrücken hoch gelobte und überaus erfolgreiche Inszenierung des Musicals, die nun als Übernahme vom Saarländischen Staatstheater auch im bergischen Land zu sehen ist.

Eine erste kleine Enttäuschung erfährt der ein oder anderen Theaterbesucher allerding bereits vor der Show, ein separates Programmheft gibt es käuflich leider nicht einzeln zu erwerben. Sehr schade, wenn dieses als Sammelstück für besuchte Aufführungen immer gerne aufgehoben wird. Im (für durchaus faire 4 Euro) verkauften Fan-Package ist allerdings eine eigens gedruckte Zeitung enthalten, die das Programmheft ersetzt. Schade, dass man hier nicht ein paar Zeitungen mehr gedruckt hat, um diese auch einzeln anzubieten. Aber zurück zum Musical an sich, hier wird in Wuppertal wahrlich nicht gekleckert, sondern geklotzt. Das Bühnenbild von Stephan Prattes ist äußerst aufwändig, man möchte fast von spektakulär sprechen. Dass man hierbei die Handlung von einem Schloss in eine Kirche verlegt hat, okay. Auch wenn man sich nun vielleicht fragen mag, wie man einfach so ein aktuell betriebenes Gotteshaus „besetzten“ kann, immerhin sind genug Nonnen. Mönche und Messdiener aktiv ins Geschehen eingebunden. Vielleicht wäre eine leerstehende Kirchenruine nicht weniger spektakulär, dafür aber durchaus logischer gewesen? Nun gut, dann hätten sich natürlich auch einige Regieideen nicht umsetzen lassen, doch dazu später mehr. Außerdem will man ja nun auch nicht ausgerechnet bei der „Rocky Horror Show“ mit zu viel Logik daherkommen.

Lobenswert neben dem Bühnenbild ist zudem eine hervorragende Besetzung rund um Andreas Wolfram als Frank N´Furter, Dustin Smailes als Brad Majors und Johanna Spantzel als Janet Weiss. Bei diesen dreien passt alles zusammen. Gesanglich meist auf dem Punkt und nicht zu beanstanden auch Mark Bowman-Hester als Riff-Raff, Christian Schöne als Rocky, Anke Fiedler als Magenta, Mariyama Ebel als Columbia und Eddy Ebeling als Eddie.

Allerdings bleiben alle Rollen abseits von Frank N´Furter, Brad Majors und Janet Weiss doch recht blass, da Sebastian Welker bei seiner Inszenierung auf eine geschickte Personenregie leider gänzlich verzichtet und sich stattdessen lieber den vermeintlich „großen Bildern“ gewidmet hat. Im ersten Akt gelingt dies auch noch recht gut, wenn allerdings der zweite Akt hauptsächlich daraus besteht, möglichst viele sexuelle Anspielungen zu machen, bevorzugt gerne auch mit Priestern, Mönchen oder anderen Geistlichen, zur Abwechslung auch mal in Verbindung mit einem qualemden Weihrauchfass, dann sind wir beim oben erwähnten Punkt der Regieideen.

Wobei ausdrücklich erwähnt werden sollte, dass eben nicht jede Idee eine gute Idee ist. Leider besteht der zweite Akt so aus sehr viel Leerlauf und Langeweile. Das hat man oftmals schon deutlich besser gesehen, denn auch die Rolle des Eddie ist für Neulinge der „Rocky Horror Show“ in diese Inszenierung nur schwer zu verstehen. Auch Riff-Raff, Magenta, Columbia und Rocky bleiben leider im gesamten Stück viel zu blass. Simon Stricker als Erzähler hat hier ebenfalls mit dieser schwachen Personenregie zu kämpfen und taucht daher mal hier mal dort auf.

Zurück zu den positiven Aspekten, das United Rock Orchestra unter der musikalischen Leitung von Heribert Feckler spielt flott und schwungvoll, die Kostüme von Susanne Hubrich sind sehr aufwendig und ergänzen das wunderbare Bühnenbild perfekt. Zudem sind auch die getanzten Choreografien von Amy Share-Kissiov beachtlich, positiv hier zu erwähnen sicher auch mal Statisterie und Bewegungsensemble der Wuppertaler Bühnen.

Was bleibt von diesem Abend in bleibender Erinnerung? Sicherlich in erster Linie das Bühnenbild, von dem sich so manch eine Musical-Großproduktion noch eine Scheibe abschneiden könnte. Dazu gesangliche und tänzerisch gute Leistungen in einer leider blassen Gesamtregie. Dem Wuppertaler Premierenpublikum hat es dennoch gut gefallen so dass die Premiere mit langem Applaus und der üblichen Zugabe endete. Und so greift auch hier die alte Weisheit, gebt dem Zuschauer Brot und Spiele und es wird dankbar jubeln und hierbei vielleicht auch über die ein oder andere Unzulänglichkeit hinwegsehen.

Markus Lamers, 26.02.2017

Bilder (c) Oper Wuppertal

Das unvergleichliche Original -  DVD TIPP:

 

 

 

Helmut Oehring

Aschemond oder The Fairy Queen

Premiere: 29. Januar 2017
 

Im Einführungsgespräch verrät Wuppertals neuer Opernintendant Berthold Schneider, dass er Helmut Oehrings „Aschemond oder The Fairy Queen““ auf den Spielplan gesetzt hat, um die Tauglichkeit der Stückes für das Stadttheater-Repertoire zu beweisen. Dass es Intendanten gibt, die sich mit solch einem Einsatz für ungewöhnliche Stücke einsetzen, verdient höchstes Lob. Trotzdem beweist die Aufführung, dass „Aschemond“ kaum eine Chance im Repertoire-Alltag haben dürfte.

Henry Purcells „The Fairy Queen“ macht es den Regisseuren schon schwer genug. Soll man dieses Stück als Bühnenmusik zu Shakespeares „Sommernachtstraum“ spielen oder irgendeine Handlung zu den Musikstücken konstruieren, die meist eine Allegorie über die Jahreszeiten sind?

Helmuth Oehring setzt bei „Aschemond“ noch eins drauf, orchestriert Purcell neu und ergänzt ihn mit neuen Texten und eigener Musik. Heraus kommt ein Stück, dass keine konkrete Handlung besitzt, aber sehr sprunghaft verschiedenste Gefühlslagen beschreibt. Purcells Originalmusik wirkt da wie die verklärte Erinnerung an ein verlorenes Paradies, das permanent von Oehrings Klängen bedroht wird.

Wenn Countertenor Hagen Matzeit singt: „Musik soll für eine Weile all deinen Kummer stillen“, dann ist es Oehrings dunkel drohende oder aggressiv attackierende Musik, die für Kummer und Schmerz steht, während die Linderung von Purcell ausgeht. Letztlich diskreditiert Oehring mit diesem Konzept, das seine Musik stets nur den panischen, hysterischen, psychotischen Situationen zuordnet, seine eigene Komposition, die immer nur für das Negative steht.

Für die Umsetzung von „Aschemond“ benötigt man nicht nur ein Sinfonieorchester, sondern auch noch ein Barockensemble, elektronische Zuspielbänder und eine Mini-Kombo mit Kontrabass und E-Gitarre. Jonathan Stockhammer am Pult des großen Orchesters und Michael Cook als Leiter des Barockensembles setzen Oehrings Musik mit großer klanglicher Fantasie um und scheuen sich dabei nicht vor harten Brüchen. Aber welches Haus wagt sich sonst bei solch einem Aufwand an ein Stück, das über fast drei Stunden keine klare Handlung erzählt?

Der Regisseur muss sich also selbst eine Geschichte zur Musik ausdenken. Bei der Berliner Uraufführung beschäftigte sich Regisseur Claus Guth mit der englischen Lyrikerin Sylvia Plath, in Wuppertal verortet Immo Karaman das Geschehen in einem Wartesaal, in dem er viele kleine Geschichten im Stile von Peter Handkes „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“ spielen lässt. Im zweiten Teil formt er große Bilder, an denen auch der Chor beteiligt ist.

Das Wartesaal-Bühnenbild erinnert an Pina-Bausch-Stücke wie „Cafe Müller“ oder „Kontakthof“, und tatsächlich führt das körperliche Agieren der Sänger dazu, dass man sich manchmal ins Tanztheater versetzt fühlt. Das liegt auch daran, dass die ausdrucksstark agierende Gebärdendarstellerin und Tänzerin Kassandra Wedel die titelgebende Feenkönigin verkörpert. Ansonsten ist das Sänger-Ensemble bestens besetzt: Die Soprane Ralitsa Ralinova und Nina Koufochristou, Mezzo Catriona Morison, Tenor Christian Sturm sowie die beiden Baritone Simon Stricker und Hak-Young Lee singen Purcell und Oehring so makellos, dass keine Wünsche offen bleiben.

Trotz Immo Karamans großer szenischer Phantasie hat der Abend aber Längen, da auch die Musik im steten Wechsel zwischen Oehring und Purcell auf der Stelle zu treten scheint.

Kurz vor der Premiere berichtete Intendant Berthold Schneider, dass es ihm eine besondere Freude sei, dass diese Oper nach der Premiere zum „Repertoire des Hauses“ gehören würde. Das hört sich so an, als seien über die nächsten Monate Dutzende Vorstellungen angesetzt. In Wirklichkeit wird „Aschemond“ bis zum 18. März nur noch drei Mal gezeigt.

Rudolf Hermes 1.2.207

Fotos: © Wil van Iersel

 

 

DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN

Premiere in Wuppertal am 30.10.16

"Schenk mir einen bunten Luftballon..."

(c) Opernfreund / P. Klier

Zum Ersten

"Die Liebe zu den drei Orangen" ist mühsam und viel zu spät zur Repertoireoper geworden; sie gehört in jedes einigermaßen verantwortungsvoll geführte Theater-Angebot. Daher ist es grundsätzlich erst einmal lobenswert, wenn man Werke von großen Sergej Prokofjew (Weitere Opern: Maddalena, Der Spieler und Der feurige Engel) überhaupt präsentiert. Und diese durchaus ohrenfreundlich zu rezipierende Oper gehört einfach zum einem vernünftigen Repertoire-Aufbau, wie er in Wuppertal notwendig wurde; und wie er sich ja gerade, hoch lobenswert und vielfältig, vom neuen Intendanten Berthold Schneider als work in progress  entwickelt.

Des weiteren lobenswert ist die Mühe, die man sich mit Werkeinführungen gibt - wobei heuer sogar sich das ganze Team im oberen Opernfoyer sich zur Verfügung gestellt hatte. Während die fünf Verantwortlichen ebenso viele Stühle zur Verfügung hatten, mussten die leider nur wenigen Interessierten (ca. 34 Opernfreunde) die Veranstaltung stehend verfolgen; vielleicht verhinderte dies eine größere Versammlung. Auch der gleichzeitige Verkauf von Getränken im selben Raum ist höchst unglücklich; dies könnte man demnächst etwas besser gestalten. Und: Daß praktisch während des ganzen Gesprächs der berühmte As-Dur-Marsch in einer Endlosschleife im Hintergrund ertönte, war nervig, aber anscheinend dem Zeitgeist gewidmet - immerhin war das Regieleitmotiv "Spass und Show im Theater". Musikberieselung gehört dann wohl dazu.

Man erklärt übrigens diese Produktion ausdrücklich zur "Familen-Oper ab 10 Jahren" und spricht auch beim Einführungsgespräch von einem wichtigen Ziel, nämlich die Oper für jüngere Menschen akzeptabel machen zu wollen, quasi Schwellenängste abzubauen. "Man muss eine Oper auch ohne jede Vorbereitung und Vorkenntnis verstehen; sie muß sich dem Zuschauer eigentlich von alleine erschließen." D´accord! - sagt der Kritiker.

Erster Hinweis darauf sind die vielen bunten zirzensisch gekleideten Darsteller, die schon im Vorfeld das Haus durchschwirrend und überall und von fast jedem Besucher laut kichernd Selfies knipsen, oder zumindest so tun. Es sind dieselben Selfiemacher, denen wir später in der Oper auf Schritt und Tritt begegnen werden - quasi der Fil Rouge dieser Inszenierung. "Dezent angedeutete Gesellschaftskritik" murmelt mein Sitznachbar, als das gefühlte 571. Foto auf der Szenerie gemacht wird. (Anmerkung: die Produktion wird weder von Samsung, Sony oder Apple gesponsert - was meiner Meinung nach eine Schande ist). Außerdem gibt es Luftballons in Hülle und Fülle und Form, welche sich auch für Werbeaufdrucke geeignet hätten... Es gibt auch noch reichlich Konfetti - warum eigentlich keine Luftschlangen?

Doch gehen wir in medias res und schauen, was sich dann auf der Bühne so humorisiert - pars pro toto:

Truffaldino bringt Fata Morgana nicht zum Sturz, wobei sie normalerweise (zumindest in den üblichen Inszenierungen) auf den Rücken fällt und heftig, wie ein Käfer mit den Beinen strampelt, sondern er wirft ihr eine Handvoll Spaghetti ins Gesicht. "Ha, ha, ha, ha...."

Ja... das ist witziger kindgerechter Humor, den auch die Erwachsenen verstehen, die sich vor Spass bei der Premiere dabei bestens unterhaltend auf die Schenkel klatschen. Wirklich lustig! Obwohl ich zugeben muß, daß eine dazu über ihrem Kopf ausgedrückte Tube Ketchup noch die Krönung dieser Slapstick-Äkschen gewesen wäre. Einer Werferei mit Chicken-Nuggets (auch eine Form subtiler Gesellschaftskritik) hat wohl MacDonalds nicht zugestimmt. Könnten wir aber demnächst in die anstehende Rocky-Horror-Picture-Show einbauen...

Auch gibt es die obligate Sahnetorte, die ja nicht fehlen darf im teutonischen Humorkino. Sie wird allerdings nicht geworfen - warum eigentlich nicht? Nein, jene Sahnetorte, welche dieselben Buchstaben nämlich H,A,H,A vermutlich in Schokolade ziert, wie auf der Bühne in meterhohen Lettern präsent, wird vom König (der auch die Köchin singt - raffinierter Weise im selben Outfit) mit Boxhandschuhen matschig spritzend am Ende breitgeschlagen, daß die Sahne nur so herumspritzt und alle bekleckert. Schauen Sie, wie witzig das aussieht... Zum Brüllen komisch!

Leider rutscht niemand auf einer Bananenschale bzw. Schmutzigerem aus, oder wird nass gespritzt. Das wären nämlich die ergänzenden typischen restlichen zwei Grundpfeiler einer Quadrophonie des volksdeutschen populistischen Humors. Während Königssohn und Truffaldino durch die Wüste wieder nach Hause eilen, werden im Original-Märchen oder Oper die Orangen immer grösser - so dass sie einem Menschen Platz bieten, nämlich den Prinzessinen. Daher keine Rennerei durch die Wüste - der Prinz und Truffaldino sitzen einfach nur rum und langweilen sich anscheinend in klassischen Liegestühlen, als wären sie im Urlaub. Sie sonnen sich und nehmen Drinks an von einer smarten Krankenschwester als Bardame, die mitten in der Wüste eine Art Mini-Bar im Stil eines Langnese-Verkaufwagens aufgebaut hat. "Kritik an der omnipräsenten Reise- und Tourismus-Industrie" flüstert wieder mein Nachbar. Ob das die Kinder verstehen?

Genial aber einfach wird dann das Verdurstungs-Szenario gelöst, denn wenn Truffaldino eine Orange nach der anderen öffnet, kommen sukzessive die erwarteten Prinzessinnen hervor; aber nicht aus den Riesenorangen (die sind ja auch nicht da!) sondern  entsteigen einem alten Wohnwagen.

Ein Wohnwagen mitten in der Wüste?

Aber, verehrte Musiktheaterfreunde, das ist expressionistisches Theater! Außerdem total witzig... finde ich. Gesellschaftskritik am deutschen Spießbürger, wobei ich allerdings bei Wohnwagen komischer Weise immer an Holländer denke, die mein schnelles Fortkommen in die Ferien auf der Autobahn behindern. Wagners "Der fliegende Holländer" im Wohnwagen - wow (!). Ich sollte Regisseur werden; das wäre mal ein Leitfaden für eine moderne Inszenierung. Doch ich schweife ab; daher schnell zurück zu Prokofjew:

Bevor nun die Prinzessinnen verdursten, gehen sie natürlich erst einmal logischer Weise zu der Minibar. Doch an der hat die garstige Krankenschwester gerade ein Schild angebracht auf dem steht "Geschlossen". Ich höre schon die Kinder in der nächsten Abo-Vorstellung rufen "Ohhhhhhhhhhh, ahhhhhhh". Ältere werden ggf. auch "Sauerei!" brüllen: "Mach doch die Bar wieder auf, bitte!"

Mittlerweile hat sich Truffaldino aber hinter diese Bar - obwohl geschlossen - begeben und quetscht genussvoll eine Orange nach der anderen mittels einer Saftpresse aus - "wie gemein!" höre ich schon wieder die imaginären Kinder rufen, als er alles alleine trinkt. Ich würde sagen: Dieser Bursche ist "ne fiesen Möpp" - ein Unsympathisant, während die Prinzessinen verdursten.

Netter Gag am Ende: Fata Morgana wird von den Sonderlingen nicht im Turm eingesperrt, sondern bekommt ihre Steuerbescheinigung überreicht, oder ist es ihre Entlassung. Was auch immer, sie ist entsetzt und verschwindet erst mal.

Persönliches Fazit: Die Inszenierung bzw. das Inszenierungsprinzip erschließt sich für mich durch ein Bild, welches jedes Elternteil, vielleicht auch Sie liebe Leser, nachvollziehen können:

Stellen Sie sich vor, Sie räumen abends das Zimmer Ihrer kleinen Kinder auf. Ordnung ins Chaos kriegt man nur - ich spreche da aus eigener Erfahrung - wenn man die ganzen tausend kleinen Figürchen, Legomännchen, Püppchen, Autos, Clowns....etc in einen großen Pappkarton einsammelt. Dann schütten Sie den ganzen Krempel auf einer kleinen Bühne aus und legen die Opernscheibe "Die Liebe zu den drei Orangen" von Prokofjew auf. Zufällig kommt die imaginäre Fee vorbei (vielleicht die bezaubernde Jeannie), kniept mit den Augen und alle Figuren leben plötzlich. Jeder macht was er will bzw. was ihm gerade einfällt; zur Musik muß es nicht unbedingt passen. So - jetzt haben Sie das Bühnenkonzept verstanden, hoffe ich. Sehenswert ist aber durchaus...

Die gesanglichen Leistungen, die unser Kollege Christoph Zimmermann (weiter unten) ausgiebig würdigt, waren ganz außerordentlich, dazu ein toller Chor und ein fulminant aufspielendes Orchester (Ltg. Johannes Pell). Selbst wenn Ihnen der Quatsch auf der Bühne nicht gefallen sollte, hören Sie, verehrte Opernfreunde, immerhin einen ausgezeichneten Prokofjew. Und wo gibt es den aktuell sonst?

Peter Bilsing 31.10.16

Bilder (c) Wuppertaler Bühnen / Strathmann

 

Die Liebe zu den drei Orangen

Premiere: 29.10.2016

Alles ist Spaß auf Erden

Zum Zweiten

Zirzensischer Wirbel beginnt bereits im Foyer. Das Publikum wird von kostümierten Choristen mit heiterer Ausgelassenheit empfangen (unter ihnen auch solche, die später kleinere Solopartien übernehmen). „Alles ist Spaß auf Erden“ scheint man mit Verdis „Falstaff“ signalisieren zu wollen. In der Tat gilt dieser Satz auch für Prokofjews „Liebe zu den drei Orangen“, selbst wenn der Komponist sein Werk nicht ausdrücklich mit „opera buffa“ untertitelte. Gemeinsam mit dem Stofflieferanten Carlo Gozzi, an dessen originalem Märchenspiel u.a. auch der russische Regisseur Wsewolod Meyerhold Hand anlegte, opponierte Prokofjew gegen das „akademische“ Theater und setzte auf Resonanz auch und besonders beim einfachen, vergnügungswilligen Publikum. Romantisch übersteigerte Gefühlsäußerungen hatten damit ausgedient, jetzt galt das Prinzip einer (intelligenten) Verlustierung.

Darauf ist Prokofjew später nicht noch einmal zurück gekommen, ungeachtet von „Verlobung im Kloster“, welche allerdings als „lyrisch-komisch“ klassifiziert ist. Auf diese Oper sollten die Theater übrigens auch einmal ihr Augenwerk richten. Lyrisches bleibt in „Liebe zu den drei Orangen“ ausgeblendet, von einigen ironisierenden Momenten abgesehen. Es gibt keine definitiv melodisch geprägten Nummern, sondern lediglich Parlando-Szenen in kurzer Abfolge, immer wieder versetzt mit humoristischen Keulenschlägen.

Die „Orangen“-Oper ist zu Teilen auch ein Diskurs über das Theater, was die deutsche Textfassung von Werner Hintze unterstreicht. Insofern erscheint es legitim, dass Regisseur Sebastian Welker (Jahrgang 1983, gelernt hat er u.a. bei Willy Decker) den Publikumsstreit des Prologs (heitere oder tragische Bühne?) in die eigentlichen Handlungsakte hinein ausdehnt. Die von überdimensionalen Buchstaben geprägte Bühne (Rifail Ajdarpasic) sowie die von optischer Fantasie nur so überbordenden Kostüme (Doey Lüthi) machen dieses Konzept von Anfang an sinnfällig. Hier gibt es beispielsweise eine aus dem Geschehen herausgehobene „Chorprobe“ unter dem realen Chorleiter Markus Baisch, dort simuliert ein Ventilator den Wind, welcher den Prinzen und seinen Begleiter Truffaldino zur Köchin ins Reich Kreonta bläst. Die zauberischen Wesen Fata Morgana und Tschelio sind bei Welker Sängerinnen, die sich – aufeinander eifersüchtig - um ein Theaterengagement bemühen. Dass Tschelio in der Wuppertaler Inszenierung eine Frau ist, hat mit der ungewöhnlichen Besetzung der Partie mit der transidenten Lucia Lucas zu tun, welche aber noch über ihren (sonoren) Bariton aus Männertagen verfügt. Zuletzt war sie auch die Stadträtin Lindorf in „Contes d’Hoffmann“.

Das originale „happy end“ hätte sich in Welkers Konzept ohne weiteres gefügt, Welkers Finale ist jedoch ein geradezu rabenscharzes. Vor dem freudetobenden Hofstaat von Königs Treff (jetzt heißt er Kreuz König) senkt sich der Eiserne Vorhang, und der endlich lachfähig gewordene und liebesverwirrte Prinz bleibt verlassen auf der Vorderbühne zurück. Doch nicht alles Spaß auf Erden? Dieser Schluss steht isoliert im Raum, wirkt als überintellektuelles Ausrufezeichen. Ob da Jana Beckmann Einfluss nahm? Ihr Programmheftbeitrag ist ähnlich hochgestochen wie zuletzt jener zu Offenbach. Als die Dramaturgin 2013 klug und weise eine Produktion von Bohuslav Martinus „Ariadne“ beim Jungen Forum Musik in Hamburg begleitete, war in einer Rezension von „arg sophisticated“ zu lesen. Doch soll dieser Hinweis mitnichten davon ablenken, dass die Wuppertaler Produktion enormen Unterhaltungswert besitzt und die Zuschauer der Premiere immer wieder zu spontanen Reaktionen animierte.

Das Bühnengeschehen der Prokofjew-Oper spart sicher nicht mit deftigen Akzenten, die Partitur gibt sich aber immer wieder auch filigran. Das hätte sich im Orchestergraben etwas stärker spiegeln dürfen. Der junge erste Kapellmeister Johann Pell, zuletzt in Bonn stark beschäftigt und jetzt auf eine „Vanessa“ in Bremerhaven zusteuernd, sorgt wirkungsvoll für instrumentales Feuer. Ein wenig mehr Finessenhaftigkeit hätte freilich gut getan.

Die Wuppertaler Oper baut, wie schon einmal geschildert, unter Intendant Berthold Schneider das Ensemble neu auf, welches in den letzten beiden Jahren aus „Ersparnisgründen“ liquidiert worden war. Zusätzliche Künstler werden projektbezogen engagiert wie jetzt Vikrant Subramanian (überzeugend als Farfarello, Pantalone, Herold). Ralitsa Ralinova ist eine sopranklare Ninetta, Sebastian Campione leiht seinen markanten Bariton sowohl dem König als auch der Köchin, Simon Stricker gibt einen maskulinen Leander. Ihm zur Seite: die model-attraktive Catriona Morison als throngeile Clarice. Besonders hervorzuheben sind Chariklia Mavropoulou als pathetisch skandierende Fata Morgana, herrlich in ihrer Entsetzensstarre, nachdem sie von Truffaldino (vokal problematisch: Mark Bowman-Hester) mit gekochten Nudeln beworfen wurde. Ein tenoraler Strahlemann ist Sangmin Jeon als Prinz. Auf die nächsten Rollen dieses Sängers mit der höhenstarken Schmeichelstimme darf man sich schon jetzt freuen.

Zum Schluss wäre noch diese Frage zu stellen: was haben die beiden Jungen in einem Schutzlager für verfolgte Albinos, Tansania 2009 (Foto Programmheft), mit Prokofjews Oper zu tun? Das Saisonheft verspricht für die noch folgenden Produktionen Vergleichbares.

Christoph Zimmermann 30.10.16

Bilder (c) Wuppertaler Oper

 

 

HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN

TRAILER

 

Premierenbesprechung vom 18.9.2016

Wo sind wir denn hier?

Manche Dinge laufen einfach nicht. Wuppertal, nicht erst in jüngster Zeit finanziell in der Bredouille, versuchte vor Jahren eine Fusion mit dem Musiktheater im Revier Gelsenkirchen („Schiller-Theater“). Einige damals vom Rezensenten erlebte Vorstellungen waren erschreckend schlecht besucht. Lokalpatriotische Aspekte sind halt nicht zu unterschätzen.

Vor einiger Zeit versuchte man etwas Neues. Der seit mehr als zehn Jahren mit großem Erfolg das Sinfonieorchester Wuppertal leitende Toshiyuki Kamioka, gelegentlich auch in der Oper dirigierend, wurde zum Opernintendanten bestellt und initiierte ein Sparmodell bzw. kam ihm nach (schwer genau zu verifizieren), welches auf ein festes Sängerensemble verzichtete und die En-Suite-Produktionen mit Gästen besetzte. Die Wuppertaler waren es nicht zufrieden. Kamioka beendete vorzeitig seinen Vertrag und machte sich in seine Heimat Japan auf. Von einem „versöhnlichen Abschied“ war laut dpa die Rede. Freilich: wer hatte sich mit wem zu versöhnen? Inzwischen wurde Julia Jones auf die GMD-Stelle berufen. Zuvor an Theater in Basel und in Lissabon tätig, wird sie sicher auch im Opernhaus die eine oder andere Produktion übernehmen. Opernintendant ist jetzt Berthold Schneider, ausgewählt unter 54 Bewerbern. Ausbildung und Karriere sprechen für ihn. Zuletzt war er Operndirektor in Darmstadt.

Unter seiner Leitung wird ab sofort das Prinzip Ensembletheater reaktiviert, zunächst mit sechs festen Sängern (bitte nicht lächeln), ansonsten engagiert man weiterhin produktionsgezielt Gäste. So weit zu sehen, ist das Geld, welches zu den fatalen Reduktionen führte, auch jetzt nicht vorhanden. Wie man also rechnerisch hinkommt, bleibt im Dunkel. Auch bei „Hoffmanns Erzählungen“ gab es etliche zugereiste Sänger.

Bertold Schneider hatte zum Auftakt seiner Wuppertaler Intendanz verständlicherweise und absolut nicht unbillig Spektakuläres im Sinn. So gibt es nun “Sharing your opera“. Hier werden die Zuschauer eingeladen, „ihre Fotos schon während der Aufführung zu posten.“ Hoffentlich bleibt dabei gutes Benehmen nicht auf der Strecke.

Jetzt erst einmal ein doppelter Paukenschlag. Am 17. September startete man mit der Video-Oper „Three Tales“ von Steve Reich und Beryl Korot (erstmals im Repertoire eines Opernhauses) – diese Aufführung konnte nicht gesehen werden.

Schon am nächsten Abend folgte die Premiere der an dieser Stelle besprochenen Offenbach-Oper. Hierfür wurde David Parry als Dirigent gewonnen, nicht zuletzt durch Aufnahmen bei „Opera Rara“ bestens ausgewiesen. Das merkt man dem federnd und klangschön aufspielenden Orchester an. Einige ritardierende Tempi nicht kritisch unter die Lupe genommen: so präzise und gelenkig hörte man den Klangkörper schon lange nicht mehr.

Für die „Hoffmann“-Aufführung in der Kaye/Keck-Fassung (z.T. etwas frei gehandhabt und zwischen französischem und deutschem Text pendelnd) hat man vier Regisseure engagiert, wie Parry aus dem englischen Sprachraum stammend. Charles Edwards verantwortet den (hinzuerfundenen) „Prolog“ sowie den 1. Akt (Luthers/Lutters Weinstube), Nigel Lowery das Olympia-Geschehen, Christopher Alden die Antonia-Story, Inga Levant jene um Giulietta. Eine Regie für das Schlussbild ist nicht eigens vermerkt (aber vielleicht hat der Rezensent in dem Namensdschungel auch den Faden verloren).

Die Entscheidung gleicht nun freilich einer Schnapsidee, denn es geht ja wohl um eine tragische Entwicklung bei der Titelfigur, und das kann eigentlich nur sinnfällig werden, wenn eine konzeptionelle Einheitlichkeit waltet. Sicher bleibt in Wuppertal erkennbar: „Luthers Weinkeller ist für Hoffmann Insel und künstliches Paradies, in dem man sich dem Rausch ... hingibt und die (fatale) Realität unterbricht“ (Programmheft). Wie man das Coverfoto des (reichlich mageren) Faltblattes in diese Gedanken einordnen soll, bedarf freilich einiger assoziativer Klimmzüge. Das Bild zeigt das 2013 vom Taifun Haiyan zerstörte Tacloban/Philippinen mit einer Frau, die nach ihren Habseligkeiten sucht. Zerstörung von Hoffmanns Idealismus? Also bitte, meine Damen und Herren Interpreten

Aber optisches Rätselraten ist für den vierstündigen Abend pausenlos angesagt. Unmöglich, die Irrungen und Wirrungen all dieser Spielabläufe beschreibend zu bündeln und womöglich auch noch sinnvertiefen zu erläutern und aufeinander zu beziehen. Das ganze Tohuwabohu fängt damit an, dass Kerstin Brix die Wuppertaler Dramaturgin mimt und ihren Auftritt reichlich beschwipst beendet (doch wohl keine Anspielung auf die Autorin des Programmblatttextes?). Später sieht man die Stadträtin (sic) Lindorf auf einem Video, „Das Gesicht leihen ihr Margaret Thatcher und Angela Merkel, Politik der Kälte mit Mutti-Charme“ (Programmblatt). Uff!

Danach geht es intellektuell holterdiepolter und mit rätselhaften Bildern weiter. Höhepunkt: „O Dieu de quelle ivresse“ unter einer veritablen Dusche. Bei diesen sich verselbstständigenden Regiespielereien bleibt psychologische Begründung und Vernetzung auf der Strecke. Bei der (fraglos nicht ganz billigen) Ausstattung haben neben einigen der Regisseure noch mitgewirkt: Petra Korink und Doey Lüthi. Irgendeine Faszination müssen die Inszenatoren dem Ensemble freilich übermittelt haben, denn Chor (Markus Baisch/Jens Bingert) und Solisten werfen sich mit einer Vehemenz in ihre Aufgaben hinein, dass man als Zuschauer nachgerade erschrickt.

Das gilt in Sonderheit für den italienisch-belgischen Tenor Mickael Spadaccini als Hoffmann, welcher sogar die Duschszene überzeugt mitzumachen scheint. Er besitzt einen schönen, geschmeidigen Tenor mit voluminöser Höhe, welche bei extremen Spitzentönen allerdings (Zeichen für technische Probleme) nur in Stufen „erklommen“ werden. Die aus Los Angeles stammende Sara Hershkowitz präsentiert sich mit Modelfigur, packendem Spiel  und lyrischem Koloratursopran optimal in sämtlichen Frauengestalten. Da es der Aufführung wie erwähnt an psychologischer Stimmigkeit weitgehend fehlt, wirkt die sonst stärker dramatisch konturierte Figur Giuliettas bei ihr nicht verkleinert. Zu Recht besonders gefeiert wird die schottische Mezzosopranistin Catriona Morison als Nicklausse/Stimmeder Mutter (in Personalunion als Engel mit einem lediglich rechten Flügel ausstaffiert), welche speziell das Lied von der Geige mit betörendem Wohllaut zum Besten gibt. Bei Lucas Harbour hat sich auch nach der Geschlechtsumwandlung 2014 zu Lucia Lucas der raumgreifende Bariton erhalten, welcher den „Bösewichtern“ hochformatige vokale Statur gibt.

Bei den Dienerfiguren (Andrès ist gestrichen) wartet Mark Bowman-Hester mit einem hohen D auf, was beim Frantz-Couplet dem Text freilich zuwider läuft. Aber zu diesem Zeitpunkt ist der Zuschauer schon längst nicht mehr auf Sinn und Sinnfälligkeit aus. Frantz geistert den ganzen Antonia-Akt über die Szene, während Crespel (Sebastian Campione – auch Luther/Lutter) in luftiger Höhe unentwegt an einer Violine bastelt. Wie das nervt! In kleinen Partien wirken noch mit Sangmin Jeon, Simon Stricker und Andreas Heichlinger. Nicht immer erschließt sich einem, was sie auf der Bühne tun – und vor allem: warum.

Ob die gelegentliche Einbindung von Sprechmonologen/dialogen durch Kaye/Keck gedeckt ist, kann nicht ohne weiteres entschieden werden. Aber da das final noch einmal aufgenommene Kleinzack-Lied klavierbegleitet aus einem Kofferradio ertönt, darf von simplen aufführungspraktischen Entscheidungen ausgegangen werden. Schlusspointe übrigens: die Muse wird von Hoffmann mit einem Elektrokabel abgemurkst. Aber da komme keiner mit hochfahrenden Erklärungen. Das Premierenpublikum, allem Anschein nach offen für jedwedes Amüsement, zeigte sich enthusiasmiert

Christoph Zimmermann 19.9.2016

Bilder (c) Wuppertaler Bühnen

 

Redaktions-PS: Weitere Meinungen

Opernblog Oper Wuppertal

Stefan Keim im WDR-Magazin Scala

Beflügelter Neustart Osnabrücker Zeitung

Die Baritonin Die Welt

 

 

Casus Kamioka - ein Schwanengesang

Ende einer Ära - das Opernhaus ist ruiniert, das Sprechtheater zerstört

Ein Kommentar vom Opernfreund-Herausgeber Peter Bilsing

Was können wir daraus lernen?

Toshiyuki Kamioka gab gerade sein letztes Konzert. Die damit verbundene Ära bleibt vielen Opernfreunden und auch mir eher negativ in Erinnerung, denn selbst seine zugegebner Maßen passablen Leistungen als GMD und auf dem Dirigentenpult können nicht darüber hinweg täuschen, daß er die nicht unbedeutende Wuppertaler Oper (gegründet immerhin schon 1905) quasi zerschlagen hat. Um des Ruhmes Willen, oder ob im Größenwahn - darüber lässt sich streiten.

 

Unter seiner maßgeblichen Verantwortung wurde auch ein Schauspielensemble aufgelöst, welches durchaus zu den besseren in NRW gehörte, und welches ich lieber besucht habe als z.B. das "große" Düsseldorfer Schauspielhaus. Aber Kamioka wollte ja kein Schauspiel mehr; - die ganze Kraft (und das Geld) sollte in ein neues Stagione-Prinzip fließen, um die "provinzielle" Oper zum Weltklassehaus zu machen. Kamioka versprach es und depperte Politiker glaubten ihm.

 

"Schau wie´s endet, sieh auf mich!"

singt Wotan in Wagners Ring. Die Wuppertaler Götterdämmerung ließ nicht lange auf sich warten. Seltsam, daß es fast alle Menschen, die etwas Ahnung vom Geschäft haben (Kritiker, Wirtschaftsforscher, Fachleute, Intendanten, Kulturwissenschaftler ...etc.) schon relativ früh vorausgesagt hatten. "Ihrem Ende eilen sie zu, die so stark im bestehen sich wähnten!" (Wagner)

"Wahn, Wahn, überall Wahn"

tönt es in den Meistersingern. Doch Kamioka und seine politischen Gefolgsleute fuhren den Fliegenden Holländer vollen und sehenden Auges auf ein Riff.

Wuppertaler Oper auf Kamikaze-Kurs

schrieben wir am 13.11.14, als das Desaster nicht nur zu erkennen war, sondern das Schicksal schon seinen Lauf nahm. Es lohnt sich dies alles noch einmal wörtlich nach zu lesen:

Opernintendant und GMD Toshiyuki Kamioka dementiert heute per Pressemitteilung offiziell einen entsprechenden Artikel der Westdeutsche Zeitung vom 12.11.14 - darin lässt er aber verlauten: "Zusätzlich zu meiner Doppelbelastung in Wuppertal kommen immer mehr Anfragen als Dirigent, insbesondere aus Japan. Insofern muss ich darüber nachdenken dürfen, ob ich meinen Verpflichtungen als Opernintendant langfristig genügen kann. Auf jeden Fall werde ich diese über volle zwei Spielzeiten erfüllen. Dann muss man sehen." Auch dementiert er einen angeblichen Streit mit dem Orchester "Es gibt keinen Streit! - Atmosphärische Störungen kommen immer mal wieder bei der Zusammenarbeit in unserem Bereich vor. Dies wäre sicher kein Grund für mich, meinen Vertrag als Chefdirigent überstürzt auflösen zu wollen"

Und betreffend seine Zukunft als Opernintendant: "Wir haben bereits jetzt die Spielzeit 2015/16 größtenteils durchgeplant. Ich habe ein großartiges Team, und die beiden bisherigen Produktionen (Tosca und Don Giovanni) geben mir die größte Hoffnung, dass das neue Konzept (der Spielbetrieb im Blocksystem statt wie bisher verteilt über die Spielzeit) voll aufgeht. Standing ovations bei allen bisherigen Vorstellungen unserer Neuproduktionen sind ein untrügliches Zeichen, dass die szenische, sängerische und musikalische Qualität beim Publikum bestens ankommt."

Was soll man dazu sagen angesichts ausgesprochen mäßiger, eher schlechter Kritiken round about. Viele Kritiker verliefen sich ohnehin nicht in dieses neue Weltklasse-Haus. Also schrieb ich als offenen Brief:

Verehrter Intendant und GMD in Personalunion: Si tacuisses!

Sie führen allen Ernstes die paar lächerlichen Premieren Standing Ovations (ggf. ausgesuchte Hausmitglieder, oder Freunde Ihres Fan-Clubs), die es auch bei jedem Bretterbuden-Alternativfestival gibt, als Beleg für die Qualität und das Gelingen der ersten beiden Produktionen an?

Standing Ovations - wie bitte? Heutzutage ist diese amerikanische Unsitte leider bei jeder Premiere, egal wo, anzutreffen. Was soll denn der Rest des Publikums machen, wenn vorne ein paar Zuschauer aufstehen? Da die hinteren nichts mehr sehen, müssen sie sich auch erheben, um den Künstlern ihren verdienten Applaus zu sichern. Das ist also ein teilweise unvermeidbarer Gruppenzwang, selbst wenn man zwei Meter groß ist.

Tatsache ist doch, daß Wuppertaler Premieren überregional erst gar nicht wahrgenommen wurden. Was waren das noch für Zeiten unter z.B. Meyer-Oertel wo man über große Wuppertaler Premieren (z.B. den phänomenalen Ring) in fast allen deutschen Zeitungs-Feuilletons etwas lesen konnte. Heuer liest man schon ein paar Kilometer von Wuppertal entfernt nichts mehr. Oder Kritisches. Beispiele? gerne:

Das renommierte OPERNNETZ, schrieb zu Don Giovanni "Mit den emotionalen Arien kann der Regisseur weniger anfangen, so dass sie schnell zum Rampensingen verkommen." weiter "so plätschert die Musik vor sich hin. Gerne hört man den Musikern zu, aber ergriffen wird man dadurch nicht." Fazit: "Die Zuschauer, das bekommt man über den Abend deutlich mit, fühlen sich gut unterhalten. Wie oberflächlich das ist, wird sich am nächsten Morgen zeigen. Dann hat man die Komödie womöglich schon wieder vergessen. Nachhaltigkeit scheint in Wuppertal derzeit keine große Rolle zu spielen."

Die regional meistgelesene Tageszeitung WAZ schrieb: "...so banal ist die abgründige Geschichte lange nicht interpretiert worden..."

Und zur TOSCA schrieb unser OPERNFREUND Puccini-Fachmann Martin Freitag "das konzentrierte Kammerspiel, das packende Psychodrama, findet nicht statt" weiter "Die Protagonisten bleiben recht papierene Opernklischees mit Stehen, Knien und Legen" Fazit: "Insgesamt die langweiligste „Tosca“ meines Lebens."

Unsere Opernfreund-Warnung anlässlich der Kritik von Rudolf Hermes: Achtung, der Besuch dieser Aufführung könnte ihrer Gesundheit schaden und ihr Seelenheil als Wagnerianer arg beschädigen wurde sogar im WDR zitiert.

Ich wiederhole an dieser Stelle noch einmal gerne die Sätze unseres leider schon verstorbenen Chefredakteurs, Dr. Manfred Langer, aus seinem Opernfreund-Artikel

Quo Vadis, Theaterstadt Wuppertal:

"Wenn jemand wie ihr Rezensent, der als ehemaliger Wuppertaler noch die Zeiten von Grischa Barfuß und Arno Wüstenhöfer erlebt hat, sich heute auf den weiter gewordenen Weg ins Tal macht, geschieht das nicht ohne Anwandlung von Trauer. Das erst 50 Jahre alte, unter Denkmalschutz stehende Schauspielhaus, damals Stolz der Bevölkerung, verkommt hinter einem Cinemaxx und ist wegen Baufälligkeit geschlossen; das Musiktheater wird zu einem Wanderzirkus. Seine organisatorischen Experimente nehmen kein Ende und sind schon wieder einmal Thema im Foyer. Die Kommentare gegenüber dem neuen Operndirektor Toshiyuki Kamioka fallen meistens nicht nett aus, vor allem nicht für seine fintenreich durchgesetzte Idee des Stagione-Betriebs ohne festes Sängerensemble. Der hat sich trotz der möglichen höheren Qualität und trotz des damit verbundenen Einsparpotenzials (noch weniger Aufführungen!) im deutschsprachigen Raum bislang nirgends durchgesetzt; denn das entspricht nicht den Erwartungen an die deutsche Theaterlandschaft. Aber ist Wuppertal noch Theaterstadt, Teil dieser Landschaft? Wo bleibt das beherzte Einschreiten des interessierten Teils der Bevölkerung? Der neue Operndirektor, der selbst auf drei Hochzeiten tanzte, hatte kein Problem damit, das Opernensemble fortzuschicken! In der nächsten Spielzeit will er mit einem erzkonservativen Programm das Publikum zusammenhalten. Wie will man das zusammen halten, wenn Opernspielpausen von über einem Monat eingelegt werden und drei Monate lang gar keine Neuproduktion vorgestellt wird? Nur weil man einige gut bekannte Solisten verpflichtet hat? Schaut man auf andere kleinere Theater in viel kleineren Städten, z.B. Bremerhaven, Gießen oder Heidelberg: da geht man genau den umgekehrten Weg und das mit großem Erfolg."

Nun ist Kamioka mit einem letzten Konzert abgetreten, oder soll ich schreiben abgetreten worden. Nein - er ging ja freiwillig! Die Kollegen vom OMM fassen alles noch einmal übersichtlich und aus lokalpatriotischer Sicht recht nett zusammen:

Es ist ein Abschied der besonderen Art: Da geht ein bei großen Teilen des Publikums außerordentlich beliebter Dirigent, der gleichzeitig als Opernintendant viel Zorn auf sich gezogen und Theatergeschichte im negativen Sinn geschrieben hat als der erste, der das bewährte deutsche Ensembletheatersystem ausgehebelt hat. Ansprachen und Ehrungen hat er sich anlässlich seines letzten Auftritts am Pult des Wuppertaler Sinfonieorchesters verbeten. So nahm die Ära Kamioka ein ziemlich unspektakuläres Ende.

Als Kamioka 2004 das Amt des Generalmusikdirektors in Wuppertal übernahm, erzeugte er eine Aufbruchsstimmung: Für das Orchester erwies er sich als großer Motivator, und plötzlich waren die Wuppertaler stolz auf ihr Orchester, das auf einmal so anders auftrat. Konzerte mit Kamioka und dessen charismatischer Art des Dirigierens wurden zum Ereignis. Die ersten Schatten auf der Lichtgestalt Kamioka wollte man da nicht recht zur Kenntnis nehmen: 2009 übernahm der umtriebige Japaner parallel zu seinem Wuppertaler Engagement noch die Position des Generalmusikdirektors am Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken. Zwar sind solche Doppelbeschäftigungen in der Branche längst üblich, diese aber ging eindeutig zu Lasten der Wuppertaler Oper. Kamioka reduzierte seine Tätigkeit in Wuppertal auf einige Sinfoniekonzerte. Die Oper erhielt mit dem erfahrenen, bei Publikum wie Orchester aber wenig geliebten Hilary Griffith einen unscheinbaren Chefdirigenten, der sich nie aus Kamiokas Schatten befreien wollte und konnte.

Dem seinerzeitigen Wuppertaler Oberbürgermeister Peter Jung (CDU) war indes alles daran gelegen, Kamioka an Wuppertal zu binden - und so bot er ihm gleich auch noch das Amt des Opernintendanten an, ein Beispiel intransparenter Hinterzimmerpolitik, die sich über alle Bedenken hinweg setzte. Erkennbare Qualifikationen für diese Position brachte Kamioka nicht mit. Eher eilte ihm der Ruf voraus, an den Abläufen in der Oper wenig Interesse gezeigt zu haben. Über Konzepte scheinen der Bürgermeister und der Dirigent dabei gar nicht erst gesprochen zu haben, denn auch Jung, ein ausgewiesener Opernliebhaber, schien desavouiert über Kamiokas Ankündigung, fortan ohne festes Ensemble einen Stagione-Betrieb ausschließlich mit Gastsängern zu installieren. Ein Novum im deutschen Stadttheatersystem, das zu massiven Protesten gerade beim bürgerlichen Publikum führte. Kaum im Amt angekommen, reichte Kamioka auch schon wieder seine Demission ein: Angebote aus seiner japanischen Heimat seien nicht mit der Wuppertaler Doppelfunktion vereinbar, so die fadenscheinige Begründung. Der unerwartet heftige Proteststurm und ein zunehmend abkühlendes Verhältnis zum Orchester, das nach Fukushima wenig Interesse an einer Japan-Tournee zeigte, dürften die wahren Gründe gewesen sein.

(Stefan Schmöe - Online Musik Magazin)

Ein zum Abschluss noch einmal friedliche Zusammenfassung der Historie Kamioka. Doch kommen wir zurück zur Anfangsfrage: WAS KÖNNEN WIR DARAUS LERNEN?

Aus meiner Lieblingslektüre Molières "Der Menschenfeind" heraus und nach fast einem halben Jahrhundert vielseitiger Theatererfahrung muss ich heute leider sagen: NICHTS!

Schauen Sie nach Hagen - pars pro toto.

Foto (c) Wuppertaler Bühnen

Ihr Peter Bilsing - 22.6.16

 

 

LULU

Premiere: 14.5.2016

Bergs Oper in der Zirkuskuppel, ratlos

Der Dirigent Toshiyuki Kamioka verabschiedet sich mit Ende der laufenden Spielzeit aus Wuppertal, wo er beim Sinfonieorchester der Stadt seit 2004/5 künstlerisch überaus erfolgreich wirkte. Auch im Opernhaus leitete er immer wieder Produktionen, avancierte zuletzt sogar zum Opernintendanten. Als solcher kam er dem Ansinnen der Stadt nach, das feste Ensemble aus Kostengründen zu liquidieren und nur noch mit Gästen zu arbeiten. Vertraute Sänger wie Banu Böke, Kay Stiefermann oder Thomas Laske sind erfreulicherweise anderswo – und offenbar nicht schlecht – untergekommen. Wenigstens das. Ob der Wunsch Kamiokas, künftig vor allem in seiner Heimat Japan arbeiten zu wollen, von einem persönlichen Krisenempfinden gelenkt war, muss offen bleiben, aber seine Absicht äußerte er relativ schnell. Inzwischen steht ein neuer Opernintendant fest: Berthold Schneider, zuletzt Operndirektor in Darmstadt.

Auf die GMD-Stelle wurde Julia Jones berufen, eine international erfahrene Dirigentin. Noch sind Spielplan und Ensembleentscheidungen für 2016/17 nicht öffentlich gemacht. Man möchte aber hoffen, dass das Ende einer in der Öffentlichkeit durchaus kritisierten Situation als Chance für einen kreativen Neuanfang begriffen wird.

„Lulu“ spielt man in Wuppertal in der von Friedrich Cerha vervollständigten Drei-Akt-Fassung. Die Pariser Premiere 1979 sorgte für weltweite Aufmerksamkeit und stachelte den Ehrgeiz von Theatern an. In den knapp vierzig Jahren seit damals wird aber immer wieder auch auf die Fragment-Version zurückgegriffen. Das sind zwei vollständige Akte, eine hinzu erfundene, den Handlungsfortgang erläuternde Pantomime (meist in Form eines Filmes) sowie der von Berg noch selber orchestrierte Schlussgesang der Gräfin Geschwitz („Lulu, mein Engel“). Er bildete das Finale der Lulu-Suite, welche der Komponist fürsorglich anfertigte, als sich abzeichnete, dass eine Uraufführung seines Bühnenwerkes an der Berliner Staatsoper unter Erich Kleiber nicht zustande kommen würde.

Zu Beginn des dritten Aktes werden neue (Neben)Figuren in die Handlung eingefügt, welche im Grunde nur dazu dienen, den Geldverfall zu thematisieren, welcher Lulu ins Prostituierten-Gewerbe zwingt. Die Wuppertaler Aufführung lässt – vorsichtig sei’s angemerkt – nicht unbedingt spüren, dass die neuen Szenen dem Milieuverständnis Essenzielles hinzufügen. Beate Barons Inszenierung liefert nicht mehr als ein buntes Treiben, wobei ein großer Teil des Ensembles allerdings minutenlang in steifer Kreisanordnung und mit Rücken zum Publikum aufgestellt wird. Nach ihren konzeptionellen Absichten befragt, erklärt die Regisseurin im Programmheft u.a. dass sie es auf eine „bildhafte Übertragung (anlege), die das Geschehen kommentiert und die Aussage des Moments verstärkt“. Für Dr. Schöns wahnhafte Eifersucht im zweiten Akt kam ihr beispielsweise das Bild einer Großwildjagd in den Sinn.

Elisa Limberg zeigt auf ihrer kleinen Drehbühne einige Leoparden-Figuren, welche über die Wirkung von animalischem Dekor in einem neureichen Etablissement indes nicht hinaus kommen. Aber auch sonst ist der Regisseurin nur sehr bedingt zu folgen. Man registriert im Rahmen einer ohnehin reichlich verwaschenen Personenführung viele hilflose Standbilder. Besondere Verlegenheit zeichnet sich bei der Figur des Alwa ab, was die etwas füllige Figur von Arnold Bezuyen unfreiwillig unterstreicht.

Warum nach dem Prolog Maler, Dr. Schön und Alwa am Boden hingestreckt liegen sind später auch schon mal übereinander her fallen, erklärt sich nicht. Dass sich die Zirkusatmosphäre des Beginns in der Folgehandlung fortsetzt (der Kammerdiener lamentiert sogar im Affenkostüm), ist konzeptionell zwar nicht unlogisch, wirkt auf Dauer jedoch ziemlich penetrant. Der dritte Akt als Strandkonversation in Liegestühlen, die Freier Lulus mit Engelsflügeln, eine „heilige Maria“, welche zuletzt von der sterbenden Gräfin (immerhin mit einiger Logik) angesungen wird – seltsame und wenig sinnerklärende Bilderfindungen einer offenbar von Assoziationszwang infizierten Regisseurin, die in der Premiere denn auch einigen Unmut seitens des Publikums zu spüren bekam.

Immerhin bildet Kamiokas Dirigat einen würdigen Abschluss seiner Wuppertaler Amtszeit (am 20.6. folgt noch ein Abschiedskonzert in der Historischen Stadthalle). Der Dirigent scheint „Lulu“ als lyrisches Konversationsstück zu verstehen. Er setzt auf weichzeichnende melodische Linien und unterstreicht, dass Bergs individuelle Zwölfton-Adaption einen durchaus ohrenfreundlichen Mitteilungschatakter besitzt. Lulus Monolog „Wenn die Menschen“ und andere Stellen erhalten sogar ein fast romantisches Flair.

Martina Welschenbach meistert die Titelpartie tadellos, steigert sich mehr und mehr in die schillernde Laszivität Lulus hinein. Warum sie anfangs mir ihrer Langhaarperücke wie eine Schwester von Rusalka in Erscheinung treten muss, gehört zu den vielen kleinen Geheimnissen der Inszenierung.

Den Dr. Schön hat Ralf Lukas erstmals in der vergangenen Spielzeit an der Oper von Kopenhagen verkörpert. So vermag er, stimmlich Wagner-gestählt, die erotische Hörigkeit dieses Mannes auch ohne besondere Regiehilfe weitgehend glaubhaft zu vermitteln. Darstellerisch besonders alleine gelassen wirkt, wie bereits erwähnt, der Alwa von Arnold Bezuyen. Der niederländische Tenor, wie sein Bariton-Kollege mit Wagner und Bayreuth vertraut, singt sich tapfer und imponierend kantabel durch seine in den extremen Höhen fast unsingbar erscheinende Partie. Als Maler wirkt Johannes Grau vokal reichlich knabenhaft, dafür gibt Christian Tschelebiew den Tierbändiger/Athlet als Kraftmenschen (dem freilich – nicht weiter schlimm - der „angefressene Bauch“ fehlt). Der bassprofunde Martin Blasius könnte in seinem noblen Anzug (Kostüme: Marie Gerstenberger) glatt auf eine Party gehen, ohne dass man ihn als Clochard hinausweisen würde. In diversen Rollen (Prinz, Kammerdiener, Marquis) macht James Wood gute Figur, Sandra Borgarts ist als Gymnasiast/Groom o.k. Der altruistischen Gräfin Geschwitz leiht Kathrin Göring ihre schöne, schmiegsame Mezzostimme; als Figur bleibt sie allerdings ein wenig unscheinbar.

Christoph Zimmermann 15.5.16

Bilder (c) Oper Wuppertal

 

 

Kinderoper zum 1.

DER NACHTSCHRECK

16.3.16

Unterhaltung für Jung wie Alt

Frei nach Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“:

„Der Nachtschreck“, Kinderoper von Corinna Jarosch, (Für Kinder ab 8 Jahren)

Zündende Melodien, treffsichere Pointen und gleich mehrere tragische Liebesgeschichten – „Hoffmanns Erzählungen“ hat alles, was eine gute Oper ausmacht. Für Kinder ist das Drama um den Romantiker E.T.A. Hoffmann jedoch eher ungeeignet. Dank Corinna Jarosch gibt es jetzt eine kindgerechte Adaption des Klassikers mit neuen deutschen Texten. Die Spielleiterin an den Wuppertaler Bühnen gab ihr den Titel „Der Nachtschreck“.

Premiere hatte „Der Nachtschreck“ schon letzte Woche Freitag. Eine siebzigminütige Kurzoper um den Jungen Hoffmann (Johannes Grau), der kaum noch Schlaf findet. Kein Wunder! Das gute Traummännlein (James Wood) kämpft mit dem bösen Sandmann (Peter Paul) darum, wer seine Träume bestimmt. Irgendwann geraten Phantasie und Wirklichkeit durcheinander. Mit ein paar Freunden macht sich Hoffmann auf in die Welt der Träume, um dem Sandmann endgültig das Handwerk zu legen.

Gestern saßen 300 Schüler und ihre Lehrer im „Nachtschreck“ und erlebten einen doppelten Hoffmann. Nicht nur weil der junge Held – typisch Schauerromantik – auf der Bühne einem Doppelgänger begegnet. Nein, eigentlich war Sänger Johannes Grau an diesem Tag krank. „Er will aber trotzdem für euch spielen“, erklärte Regisseurin Jarosch vor Beginn der Vorstellung. Also lieh ihm Gast-Tenor Hugo Mallet vom ersten Rang aus seine Stimme.

Nicht immer gelang es Grau, Mallets Gesang lippensynchron zu mimen. Doch das spielte bald keine Rolle mehr, denn die bunte Szenenfolge verlangte vom Publikum volle Aufmerksamkeit.

Besonders für die Kleinen hatte der „Nachtschreck“ großen Schauwert. „Boah!“, riefen die Kinder, als Sandmann aus der Versenkung des Bühnenbodens auftauchte. Für Staunen sorgte auch Doppelgänger Michael Krinner, der vor seinem Kampf mit Hoffmann eine Bühnenwand durchbrach.

Der erwachsene Zuschauer hatte zusätzlich seinen Spaß daran, Elemente aus „Hoffmanns Erzählungen“ wiederzuerkennen. Im „Nachtschreck“ erschien der Studenten- als Schülerchor und aus Niklaus, der Hosenrolle des Originals, wurde Hoffmanns burschikose Schulfreundin Nikki. Genau das Richtige für Mezzosopranistin Sandra Borgarts. Auch Olympia hatte ihren Auftritt. Sopranistin Nina Koufochristou stellte sie in kunstvoller Choreographie als Robotermädchen dar.

Auch stimmlich konnte das Ensemble überzeugen. Während sich Darsteller Johannes Grau ins Zeug legte, interpretierte Hugo Mallet sicher und nuanciert die Titelpartie. Nach guten Einzelleistungen brachten Borgarts und Koufochristou die unverwüstliche „Barcarole“ gemeinsam zum Glänzen. Dem Bösewicht gab Bariton Peter Paul eine volltönende Stimme. Sein Gegenspieler James Wood konnte da mit seinem Tenor nicht immer mithalten.

Getragen wurden die Solisten vom Opernchor, der mal als Schulklasse, mal als Gruppe guter Traumgeister auftrat. Viel Sinn für Offenbachs Schwung und Leichtigkeit bewies das Sinfonieorchester Wuppertal, das von Alexander Steinitz – sonst als erster Kapellmeister am Theater Krefeld und Mönchengladbach tätig – geleitet wurde. Eine mehr als ordentliche Leistung.

Daniel Diekhans 16.3.16

Fotos © Uwe Stratmann

Besonderer Dank an Musenblaetter.de (Wuppertal)

 

Weitere Termine

So am 16., 17. und 18. März jeweils um 10 Uhr / Sonntag, 20. März, um 16 Uhr.

Credis

Musikalische Leitung: Alexander Steinitz - Inszenierung: Corinna Jarosch - Bühne: Marc Löhrer - Kostüme: Rike Zöllner - Licht: Henning Priemer - Chorleitung: Jens Bingert - Fotos: Uwe Stratmann

Besetzung: Hoffmann, ein Junge (Johannes Grau) – Nikki (Sandra Borgarts) – Antonia (Nina Koufochristou) – Der Nachtschreck (Peter Paul) – Das Traummännlein (James Wood) – Hoffmanns Spiegelbild (Michael Krinner)

Chor und Statisterie der Wuppertaler Bühnen; Sinfonieorchester Wuppertal

 

EUGEN ONEGIN          

Premiere am 24. Januar 2016

Nach „Butterfly“ und „West Side Story“ ist „Eugen Onegin“ die dritte saisonale Produktion der Wuppertaler Oper. Danach wird es noch die Uraufführung einer Kinderoper sowie „Lulu“ in der Zwei-Akt-Version mit speziellen szenisch-musikalischen Ergänzungen geben. Mit der Berg-Oper endet dann die Amtszeit von TOSHIYUKI KAMIOKA als GMD und (seit 2014/15 auch) Operndirektor. Drei Kandidaten stehen für seine Nachfolge in engerer Wahl, allerdings nicht mehr in der bisherigen Personalunion. Operndirigate und Sinfoniekonzerten geben/gaben Gelegenheit, sie kennenzulernen.

Ab 2016/17 soll es unter dem neuen Opernintendanten Berthold Schneider auch wieder ein Sängerensemble geben, welches aus finanziellen Erwägungen liquidiert wurde. Das wurde von der Öffentlichkeit ebenso wenig akzeptiert wie vor Jahren die Theaterfusion mit Gelsenkirchen („Schiller-Theater“). Kamioka hatte als Befürworter, zumindest Dulder der jetzigen Situation scharfe Kritik hinzunehmen und beendet (deswegen aber wohl nicht) seine Wuppertaler Tätigkeit vor Auslauf seines Vertrages und kehrt nach Japan zurück. Seine künstlerische Autorität blieb freilich immer unbestritten. Man könnte es übrigens als ein symbolisches Zeichen für die Zukunft ansehen, dass viele Gastsänger in Wuppertal für mehrere Produktionen engagiert waren/sind, also doch eine Art Rudimentär-Ensemble erhalten blieb. So sind die „Tosca“-.Protagonisten der letzten Spielzeit nunmehr auch bei „Eugen Onegin“ präsent.

Wuppertal setzt aktuell hauptsächlich auf bekannte Werke, nur eine szenische „Johannes-Passion“ (demnächst drei WA-Vorstellungen) fiel zuletzt aus dem Rahmen. Auch die Kinderoper und „Lulu“ zeugen immerhin von Mut wie auch die Wahl der russischen Sprache für „Eugen Onegin“ (2002 noch auf Deutsch). Freilich hat der Trend zur Originalsprachlichkeit (selbst bei slawischen Werken) selbst kleinere Häuser längst erfasst. Und aufgrund des Wuppertaler Gastsänger-Prinzips wäre bei der Tschaikowsky-Oper die Wahl einer Übersetzung auch gar nicht erst möglich gewesen.

Musikalisch gerät die „Onegin“-Aufführung durch Toshiyuki Kamioka ausgesprochen stark. Kein sichtbarer Auftritt im Orchestergraben, also auch kein Applaus, sondern gleich Musik. Und die lässt Kamioka nicht nur blühen, sondern auch glühen und brennen. Tschaikowsky schildert das Gefühlschaos seiner Figuren mit bohrenden Klängen, Kamioka bohrt noch einmal nach. Auch dank des aufgeschlossen mitgehenden SINFONIEORCHESTERS WUPPERTAL wird man als Zuhörer mitgerissen. Die Musik vibriert übrigens nicht nur im Forte, sondern auch im leisesten Pianissimo, und die melodiöse Elegie der Oper erlebt man regelrecht beklommen.

Bei den Sängern gibt es Licht und Schatten, sieht man von der nicht von ungefähr besonders akklamierten ANNA MARIA DUR ab, die als Filipjewna mit mezzorunder Stimme und herzlichem Spiel für sich einnimmt. MIRJAM TOLA offeriert einen außerordentlich farbsatten, kernigen Sopran, der allerdings mehr die Fürstin Gremin als eine junge Tatjana porträtiert. Aber Vergleichbares musste man immer auch einer Rollenikone wie Galina Wischnewskaja attestieren. Die Albanierin singt ihre Debüt(!)-Partie gleichwohl mit viel Empfindung und emotionalen Aufschwüngen.

Der polnische Bariton MIKOLAJ ZALASINSKI scheint in seinen Onegin etwas von dem sinistren Scarpia hinein zu holen. Zumindest bei seinem ersten Auftritt gibt er vokal wie darstellerisch ein „rechtes Mannsbild“ ab; man vermisst allerdings ein wenig die depressive Eleganz eines Hermann Prey. Aber Zalasinski steigert sich dann in die Verzweiflung des letzten Bildes beklemmend hinein.

MIKHAIL AGAFONOV gibt einen sympathischen, linkisch eifersüchtigen Lenski, der sein überkochendes Gefühl nicht zu bändigen versteht. Bei solchen Momenten macht seine kraftvolle Stimme auch mit. Die große Arie allerdings ist ein verzweifelter Kampf um lyrische Geschmeidigkeit und vor allem um korrekte Intonation. Auch bei Tatjana gibt es diesbezüglich Schwierigkeiten, doch mögen diese Abendform gewesen sein. Aber was ANDREAS HÖRL als Gremin an entgleisendem Gesang bietet, ist nachgerade eine Katastrophe. Er soll in Bayreuth den rauen Hunding verkörpern – bei dieser Rolle mag‘s u.U. hinkommen. Eine solide, in der Tiefe reichlich gepresst klingende Olga offeriert VIOLA ZIMMERMANN, MANUELA BRESS eine in die Jahre gekommene Larina, JAMES WOOD einen triftigen Triquet. Unbedingt erwähnt seien noch der bariton-kernige Saretzky vonOLIVER PICKER sowie der von JENS BINGERT prächtig einstudierte und lustvoll singende Chor. Die Damen scheinen die schönen Kostüme von ULLI KREMER übrigens mit besonderem Stolz zu tragen.

Sie spiegeln die Zeit der Jahrhundertwende (nüchterner Raum von BERND-DIETER MÜLLER undANNETTE ZEPPERITZ), in welcher der Regisseur ANSGAR HAAG, derzeit Intendant in Meiningen, die Handlung verortet. Ihn interessiert, was nach der Aufhebung der Leibeigenschaft an „sozialer Verarmung“ entstand. Aber so, wie Larina ihre Bauern fürsorglich bewirtet, kann von Ausbeutung durch eine hochgestellte Gesellschaftschicht kaum die Rede sein. Dass der Chor zur Löhnung antritt, kommt als sozialkritischer Akzent ebenfalls nicht an. Überflüssig also, dass bei Gremins Fest (die Einheitsbühne ist jetzt eindrucksvoll herausgeputzt) Aufständische eindringen, die auf Flugblättern „Friede den Hütten“ fordern, aber vom Seniorenpersonal ohne Schwierigkeiten überwältigt werden. Man bleibe doch besser bei dem, was im Programmheft als stimmige Interviewüberschrift zu lesen ist, bei einem Stück nämlich „über vertane Lebenschancen“. Die Inszenierung geht am Unglück der Opernprotagonisten sicher nicht vorbei, verfährt dabei aber meist allzu pauschal und flüchtet sich immer wieder in nichtssagende Rampenaufstellungen.

Christoph Zimmermann 25.1.16

Bilder (c) Wuppertaler Bühnen

 

Zweite Opernfreundkritik

WEST SIDE STORY

Besuchte 4.Aufführung Samstag 5.12.15

Premiere am Mittwoch, dem 2.12.15

Das einstige "Wunder vom Broadway" nun in Wuppertal

Da die Wuppertaler Oper anscheinend die (bisher?) als etwas besonderes geltenden Wochenendtage für Premieren - als quasi feierliche Veranstaltung - nun auch endlich überwunden hat, konnte ich, als immer noch hart arbeitender Teil der Bevölkerung, leider erst die vierte Vorstellung besuchen. Daher gilt mein besonderer Dank dem Kollegen Frank Becker (Seine Premierenkritik können Sie weiter unten lesen), der sich mitten in der Woche loseisen konnte, und bereits ausgesprochen positiv über den Abend berichtet hat. Endlich, möchte man rufen, denn die Wuppertaler Oper braucht gute Kritiken um aus dem Jammertal, in welches sie durch Ignoranz, Dummheit und Provinzialität ihrer Lokalpolitiker hinein gestoßen wurde, wieder aufzusteigen. Langsam geht es ums Überleben..

Durchweg ausgezeichnet beurteilt wurde diese Stage Production, die in Serie nun bis Anfang Januar fast ununterbrochen läuft, auch von unseren befreundeten Kollegen vom OMM und vom OPERNETZ und in der Lokalpresse.

Den sehr guten Beurteilung der Solisten und des tollen Ensembles kann ich mich nur auf der ganzen Linie anschließen - ebenso großartig und überzeugend würde ich das Sinfonieorchester Wuppertal (mit Gästen) unter der fachkundig jazzigen Leitung von Christoph Wohlleben bewerten. Ganz besonders gefallen haben mir allerdings die hauseigenen Percussionisten: Daniel Häker, Benedict Clemens und Werner Hemm. Den alten Lenny hörte ich im Komponistenhimmel frohlocken "Ja das ist sie - meine herrliche Musik, mein Rhythmus!!"

 

(c) wiki

 

Immerhin bildet gerade das aufwendige Schlagwerk die Basis für die vielen Jazznummern und südamerikanischen Rhythmen. In der begnadeten West-Side-Story-Musik begegnen sich neben diversen Musikstilen auch Jazz und Vaudeville. Die Musik zeichnet ein Konglomerat aus Wildheit, Extase und Schmerz - auch heute noch fabelhaft und mitreißend.

Die Frage, ob das Werk noch aktuell bzw. zeitgemäß für ein heutiges Opernhaus gerade im Jahr 2015 ist, stellt sich, angesichts ihrer vielen Hits und den fast poetisch opernhaften Passagen, nicht ernsthaft. Wobei Bernstein den Begriff "Oper"  weit von sich wies. Er sprach von einer "Verschmelzung aller Künste. Drama, Musik und Tanz in eine tragischen Musikkomödie". Lenny verwendete meist den Terminus "Show" - heute sprechen wir eher von einem typischen amerikanischen Musical.

Ich finde den Begriff "Oper" aber gar nicht so falsch, denn das Werk ist durchaus opernmäßig orchestriert mit vielen Leitmotiven, zwei Ouvertüren und diversen Zwischenspielen bzw. Ballettauftritten untwerschiedlicher Art, die heute alle unter dem Begriff "Tanztheater" subsumiert werden. Das Hauptmotiv, eben jener Tritonus mit dem der Welthit Maria beginnt, zieht sich wie ein roter Faden durch ganze Werk. Interessant, daß Bernstein diesen Schlager eigentlich schon 1949 für seine ursprünglich angedachtes East Side Street Musical schon komponiert hatte.

Leider ist die Microport-Wiedergabe über die ausgesprochen mittelalterlich klingenden Lautsprecher der Tonanlage des Wuppertaler Opernhauses, deren "Renovierung" man wohl bei der Überarbeitung des Musentempels vor Jahren vergessen hatte, nur suboptimal. Gerade im Mitten- und Tiefenbereich wo es für die Stimmen wichtig ist, klingt die Übertragung recht eng und zugeschnürt. Dafür viel zu scharf und übertrieben in den Höhen. Kann man von den kleinen "Wohnzimmerboxen", die überall im Haus verteilt sind, mehr erwarten? Zeitgemäß ist das nicht.

Das ist sehr schade für die großartigen Sänger, denn Martina Lechner (Maria), Christian Alexander Müller (Tony), Sarah Bowden (Anita) und Christopher Brose (Riff)  in den Hauptrollen; sie hätten Besseres verdient. Gerade ihre Interpretation der großen "Hits"  sind wirklich hörenswert, und intelligent zeitgemäß, weg vom allzu schnulzigen Touch, präsentiert.

Als großer Bernstein-Fan, besonders der West Side Story, die ja zu den wirklich großen Musicals der 60er Jahre neben Jesus Christ Superstar und Hair gehörte, würde ich allerdings heute eher dafür plädieren das Stück auf 1,5 pausenlose Stunden zu kürzen und die Dialoge so stark wie möglich zu reduzieren.

Ansonsten hat Katja Wolff (Regie) mit ihrem tollen Choreografen Christopher Tölle brillante Arbeit geleistet und man sieht allen Beteiligten auch an, wie viel Freude es macht. Das tänzerische Niveau ist Spitzenklasse! Bravi tutti!

Mit dem etwas billig und pappkartonartig wirkenden Bühnenbild (Gary Gayler) kann ich mich wenig anfreunden, auch wenn die clevere Lichtregie (Pia Virolainen) vieles kaschiert, dafür sind die Kostüme von Heike Seidler himmlisch. Besondere Erwähnung bekommt von mir Vladimir Korneev für die Kampf-Choreografie, die absolut filmreif war. Es lohnt die fahrt nach Wuppertal.

Peter Bilsing 6.12.15

Bilder siehe unterer Bericht von Frank Becker

 

P.S. als besonderes Schmankerl:

The Making of West Side Story

Orchester Suite "Symphonic Dances"

 

 

 

WEST SIDE STORY

Premiere am 6.12.15

Rumble!

Selten vibrierte in jüngerer Zeit der Zuschauerraum der Wuppertaler Oper vor Erwartung so wie am Mittwochabend vor der Premiere der aufwendigen Eigenproduktion der „West Side Story“ in einer Inszenierung von Katja Wolff. Die Presse im Kompaniestärke, das Publikum illuster – da fehlte niemand, der auch nur irgendwie in dieser gebeutelten Stadt mit Kultur zu tun hat. Politik, Musik, Schauspiel, Literaten, Theaterkollegen, Theaterbegeisterte, alle da, alle Plätze besetzt. Wunderbar!

Seit 1957, als Arthur Laurents und Stephen Sondheim den Romeo und Julia-Stoff mit der wundervollen Musik von Leonard Bernstein und der kongenialen Choreographie von Jerome Robbins für das Musical adaptierten und spätestens seit der grandiosen Verfilmung 1961 durch Robert Wise sind die Songs daraus von ungebrochener Popularität. Da kann fast jede(r) mitsingen und mitschnippen: „Prologue“ „Jet Song“, „Dance at the Gym“, ,„Maria“, „Tonight“, „America“, „I Feel Pretty“, „Cool“, „Somewhere“ und „Gee, Officer Krupke“ ist nur eine Auswahl der Titel, die wohl ewige Musical-Geschichte geschrieben haben.

Verona wird zur Bronx (die hitzig aufgeladene Stimmung der brodelnden, sommerschwülen Bronx brauchte etwas Zeit zum Überspringen), die verfeindeten neu eingewanderten puertoricanischen Sharks. Amerikaner sind sie alle, doch es ist im Kleinen wie im Großen stets die gleiche Geschichte: Machtgelüste, rassistische Vorbehalte auf beiden Seiten und Macho-Gehabe verhindern kluge Gespräche und friedliche Ko-Existenz. Daß sich dazwischen keine Liebe entwickeln kann, es schlechterdings nicht darf, wissen wir nicht erst seit Shakespeare.

So werden bei der „West Side Story“ seit 58 Jahren die Taschentücher in Theatern und Kinos bis an die Grenzen ihres Aufnahmevermögens gefordert, wenn sich die Bestimmung des tragischen Paars Maria/Julia und Tony/Romeo erfüllt: Tod als Mahnung zur Versöhnung. Gefordert sind auch jeder Regisseur, jedes Ensemble, die sich diesem perfekt konzipierten Stück stellen, das in Musik, Choreographie und Gesang keine Abweichungen oder Experimente verzeiht.

Katja Wolffs Inszenierung wird dem hohen Anspruch in der eindrucksvoll trostlosen Ausstattung von Cary Gayler und mit der Jerome Robbins würdigen Choreographie von Christopher Tölle/Vanni Viscusi in einem brillanten Gesamtkonzept gerecht, sieht man von der die Harmonie zerstörenden, völlig unnötig hinzu erfundenen drastischen Beischlafszene zwischen Maria (Martine Lechner) und Tony (Gero Wendorff) und einer nicht ganz zufriedenstellenden Katharsis nach der Katastrophe ab.

Tänzerisch vom Prolog über den Jet-Song, den rassigen „Dance at the Gym“ bis zu „America“ (hier funkelten wie auch mehrfach sonst die Sharks-Girls), „Cool“ und dem explosiven „The Rumble“, perfekt choreographiert, stimmlich und sanglich in Soli, Duetten und Ensemble-Nummern durchweg überzeugend, trug ein glänzendes, hoch motiviertes Ensemble (mit über 30 Sängern und Tänzern groß besetzt) diese fraglos begeisternde Inszenierung, die auch mit weichen musikalischen und tänzerischen Übergängen zwischen Dialogen und Tanzszenen punktete. Die vorzüglich herausgearbeiteten dramatischen Höhepunkte nehmen auch den Zuschauer mit, der das Stück genau kennt.

Originelle Regieeinfälle wie z.B. die Mädchen der Sharks „I Feel Pretty“ angeschickert trällern zu lassen, atmosphärisch der Dampf der New Yorker Kanalisation simuliert wird oder die wirkungsvolle Lichtregie (Pia Virolainen), wenn sich beim tödlichen Schuß schlagartig alle Fenster der Mietskasernen erleuchten, runden das brillante Gesamtbild.

Ein bißchen lief die ausdrucksstarke Sarah Bowden als Anita (eine Tänzerin von Gnaden und gute Schauspielerin) dem tragisch verliebten Paar den Rang ab, entsprechend fiel auch bei den fast zehnminütigen Ovationen für Ensemble und Regie-Team ihr Sonderapplaus aus. Neben dem zauberhaften Liebespaar Martina Lechner/Gero Wendorff glänzten vor allem auch Sabrina Reischl dynamisch als Jet-Maskottchen „Anybody´s“, Vladimir Korneev als heißblütiger Bernardo, Christopher Brose als Riff und Kevin Reichmann zurückgenommen als Chino. Stefan Gossler als mäßigender Drugstore-Besitzer Doc und Dietmar Nieder als fieser rassistischer Lt. Schrank machten unter den „Erwachsenen“ eine gute Figur.

Besondere Anerkennung gebührt dem begleitenden Orchester: Das Sinfonieorchester Wuppertal unter Christoph Wohlleben lieferte, wenn auch nicht immer im Einsatz punktgenau, zu diesem tänzerisch hochwertigen, explosiven Abend würdig die geniale Musik Bernsteins, womit es seinen Rang als sinfonischer Klangkörper auch mit Jazz- und Unterhaltungspotential belegte.

Diese „West Side Story“ kann ich Ihnen fast vorbehaltlos (s.o.) empfehlen, aber nehmen Sie wegen der expliziten Gewaltszenen bitte nicht Ihre Kinder unter 15 Jahren mit.

Frank Becker 6.12.15

Fotos © Uwe Stratmann

 

OPERNFREUND-Silberscheiben-Tipps

für gerade einmal 5,90 Euro sollte jeder Musikfreund den Film (oben) besitzen.

Aber das MUST HAVE für Bernstein-Fans ist natürlich diese Scheibe

Für Heimkino Fans muß diese Spezial Edition Pflicht sein

 

 

 

 

Die Wuppertaler-Opernmisere geht weiter...

MADAMA BUTTERFLY

Premiere 17.10.15

Hölzern, hausbacken, langweilig und uninspiriert - kein Lichtblick

Trailer

"Das ist der Puccini-Verismo im Zeitalter der Psychoanalyse..." tönt es sehr zutreffend noch im Interview. "Das Stück ist ein Psychokrimi" (Anmerkung: Was in Essen und in Hagenfür diese Produktionen auch stimmt). Dominik Neuner, der dieses sagt, zeichnet sowohl als Regisseur wie auch als Bühnenbildner verantwortlich "Da werden der Regisseur zum Bühnenbildner und der Bühnenbildner zum Regisseur. Da geben sich wohl meine beiden Hände die Hand zu einer..." Stimmt leider; das Ergebnis beider Arbeiten fand ich allerdings ausgesprochen unzureichend.

Die Geschichte wird weder interessant, noch spannend erzählt, noch irgendwie anrührend oder emotional bewegend. Selbst das Harakiri der Heldin geht relativ glut- und blutlos im Finale von statten; Taschentücher sind nicht notwendig. Auch der relativ große Knabe faltet ungerührt weiter Papierschiffchen...

Von vielgepriesenen Verismo keine Spur, meistens steht man herum als würde die Bahn mal wieder bestreikt. Chor und Extrachor drapiert sich zur hübschen Staffage, wie auf einem Kindergeburtstag oder einem großen Familienfoto; das sieht furchtbar nett aus. Immerhin singt man auf ausgesprochen hohem Niveau (Jens Bingert).

Uninspiriertheit im höchsten Maße zeichnete leider diese Produktion, die durchaus auch als semikonzertantes Opern-Arrangement mit Kostümen (Ute Frühling) durchgehen könnte, aus, wobei auch die Kotüme mit permanent fächernden Eurochinesinnen, nicht gerade vom Hocker rissen. Ganz peinlich ist die Kostümierung und die mehr als dilettantisch aussehende Karnevalsperücke von Goro.

Ansonsten dominiert das Opernmuseum mit viel Rampengesang. Im Konglomerat der Gäste - das heimische Opernensemble hatte man ja in Wuppertal aus Kostengründen abgeschafft - dominiert eine akzeptable Butterfly (Hye-Won Nam), die kraftvoll durchhält, mit schönem Legato in den Spitzentönen aber recht eng klingt. Sie hat die Titelpartie der Butterfly schon in Bremen, Mannheim, Saarbrücken und Magdeburg gesungen. Timothy Richards (Pinkerton) beeindruckt weniger mit lyrischer Emphase als mit forcierter Lautstärke; er schmettert seine Bravourarien relativ treffsicher, dass es nur so eine Publikumsfreude ist. Die weiteren Comprimarii liegen durchaus auf akzeptablen Kleinstadttheater-Niveau.

Einziger wirklicher Lichtblick ist der Dirigent Urich Windfuhr, (Bild unten) der sich mit diesem Dirigat als einer der zukünftigen Kandidaten fürs Amt des neuen GMD vorstellte, kann im Gegensatz zu seinem Vorgänger wirklich Oper. Leider musste sich das Orchester erst einspielen. Der letzte Akt war aber wirklich schöner Puccini.

Die für mich heraushörbare Unmotiviertheit der Musiker zu schelten, wäre unter diesen Bedingungen ungerecht, sind sie doch auch ein nicht wesentlicher Leidenspart dieses unsäglich aktuellen Theater-Dilemmas. Wie soll ein Kollektiv reagieren, und wie motivierend wirkt es letztendlich, wenn sein Chef öffentlich erklärt, daß er wahre Orchester-Qualität eigentlich woanders findet.

Ja, verehrte Opernfreunde, nicht der Tod der Cio-Cio-San, nein - dieses ganze von verantwortungs- und ahnungslos ignoranten Politikern eigentlich verursachte Elend an den Wuppertaler Bühnen ist wirklich zum Weinen.

Der Rest ist Schweigen. Böse Zungen würden sagen "Unterammergau an der Wupper". Das war Opernmuseum aus den 50-ern, geradezu Wasser auf jene Mühlen von Unkenrufern der christlichen Partei, deren Bürgermeister ja gerade abgewählt wurde, und die für die Pleitestadt Wuppertal ein Kulturereignis der besonderen Art, nämlich eine Seilbahn (kein Scherz!) tatsächlich im Sinn hatten. Ich bekenne ganz ehrlich, daß ich an einer Seilbahnfahrt durch Wuppertal bestimmt mehr Freude als an Operninszenierungen dieser Art gehabt hätte.

Immerhin schien das Publikum begeistert und bravierte schon nach dem ersten Akt, als habe die geklonte Callas neben Pavarotti gestanden. Der Rezensent, der wirklich tolle und aufregende Produktionen (incl. eines formidablen Rings) in den letzten 40 Jahren an diesem traditionellen guten Haus erlebt hat, ist erschüttert wie anscheinend genügsam und anspruchslos das Opern-Publikum in der einstigen großen Kulturstadt Wuppertal mittlerweile geworden ist. Wie weit kann man noch in die Niederungen tiefster Stadttheater- Provinzialität verfallen...

Wenn dieses magere Qualitätsniveau Standard wird, dann sollte man den Etat der Oper weiterhin gedeckelt lassen oder das Geld lieber in ein Pina-Pausch-Gedenk-Forum, in welcher Bauweise auch immer, stecken. Das zeitigte immerhin Größe.

Fazit: Lieblos gemachte Oper im tristen Einheitsbühnenbild auf allen Ebenen. So sieht nun das Quasi-Erbe des "großen" Noch-Intendanten Kamioka aus, der Wuppertal zu einer Weltstadt des Musiktheaters machen wollte. Man merkt an allen Ecken und Kanten daß dieses Operhaus am Ende ist. Traurig, traurig....

Das Schlimmste ist diese absolute Perspektivlosigkeit.

Peter Bilsing 17.10.15

Szenenbilder: Wuppertaler Bühnen / Bild Windfuhr: agentur-seifert.de

 

P.S. Unser Opernfreund-Tipp

ist weiterhin die kongenial moderne Version von Tilman Knabe am Essener Aalto, ein exemplarisches Votum für atemberaubendes Musiktheaters und gelungene Aktualisierung. Dort spielt man wirklich Madama Butterfly als tief beeindruckenden Psycho-Krimi.

 

credits

Inszenierung

und Bühne      Dominik Neuner

Kostüme         Ute Frühling

Chöre             Jens Bingert

Statisterie        Michael Pachura

 

Cio-Cio San      Hye Won Nam

Suzuki             Viola Zimmermann

Pinkerton         Timothy Richards

Sharpless         Heikki Kilpeläinen

Goro                James Wood

Frau Pinkerton  Katharina Greiß

Yamadori          Tomasz Kwiatkowski

Onkel Bonze      Marc Kugel

 

 

Biblische Oper mit Asylanten

JOHANNESPASSION

oder „Der Balkan in Wuppertal“

besucht: 3. Aufführung am 24.5.2015

Premiere am 22.5.2015

VIDEO

Es ist nicht erst seit John Neumeier, der die Bach´sche Matthäus-Passion bereits vor ca. 40 Jahren (und seither immer wieder) in Hamburg erfolgreich „vertanzen“ ließ, häufiger Usus, große Chorwerke wie Oratorien und Passionen szenisch aufzuführen. So ist Händel´s Saul in Bonn dem Rezensenten in allerbester Erinnerung; auch die Trinitatis-Kirche (der Kölner „evangelische Dom“) wurde soeben zum Spielort für die Johannespassion unter kompetenter Federführung des hiesigen Bachvereins, mit eingeflochtenem Schauspiel und Breakdance. Das alles ist kein Wunder, zumal man der Johannespassion gleich nach ihrem Entstehen 1724 durch den frisch ins Amt des Thomaskantors berufenen Johann Sebastian Bach allzu opernhafte Züge vorgeworfen hatte.

Nun also Wuppertal, wo die Erstaufführung der Passion bereits 1865 stattgefunden hatte. Der brave Bildungsbürger, vielleicht auch religiös engagiert, geht in eine „szenische“ Aufführung des Werkes und rechnet vielleicht mit begrenzten Aktivitäten von Chor und Solisten, zumal die Webseite des Hauses nicht viel hergab und die Lokalpresse aufgrund von nur vier unmittelbar hintereinander und über Pfingsten erfolgenden Aufführungen noch gar nicht berichten konnte. Vielleicht war auch von daher die Vorstellung nur leidlich besucht. Aber da hat sich der Zuschauer getäuscht, und zwar im positiven Sinne.

Geboten wurde – trotz des ernsten Sujets – alles, was die Oper zu bieten hat, ein blendend einstudiertes Hausorchester, ein fantastischer Chor, eine Szenerie, welche unter die Haut ging, und auch größtenteils sehr ordentliche Gesangsleistungen der Solisten. Und dazu ein Personenkreis, der in der biblischen Leidensgeschichte von Jesus nicht vorkommt: eine Gruppe von Asylanten, deren Schicksal vom Regisseur sehr eindrucksvoll in Szene gesetzt worden war: Philipp Harnoncourt, vielbeschäftigter Autor und Regisseur ist Sohn des in Alter Musik weltweit hochgelobten Dirigenten, der unverständlicherweise in seiner Vita nicht erwähnt ist.

Nun mag man sich fragen, ob mittels der Asylantenproblematik das Bach´sche Werk eine wie auch immer geartete Erhöhung erfährt, oder ob dieses Oratorium beim Zuschauer mehr Verständnis für die Flüchtlinge hervorruft. Denn der in der Regel gut gebildete Besucher einer solchen Aufführung bedarf solcher Nachhilfe nicht, die Presse ist ohnehin voll von Berichten über das Flüchtlingsdrama, und die relativ wenigen Zuschauer, welche die Aufführungen erreicht, bleiben im niedrigen vierstelligen Bereich. Wozu also das Ganze? Nun, die Kunst als Keimzelle einer neuen Sichtweise beginnt immer ganz klein, ganz unten.

Wilfried Buchholz (Bühne und Kostüme) hat eine Szenerie geschaffen, die mehr Multi-Kulti kaum sein kann. In einem rieseigen Sandkasten, sozusagen in der tiefsten Basis der Gesellschaft, steht ein weißer Quader aus Stoffbahnen, der an die Kaaba in Mekka erinnert. Von der Seite kommt ein Trupp malerisch gekleideter tatsächlicher Asylanten – in Wuppertal gecastet - mit ihrer Habe, schleppen gar einen Kocher mit, auf dem später Tee zubereitet wird. Sie kuschen in der Ecke und schauen dem Spiel zu. Die Protagonisten agieren in heutigem Outfit, auch der außerordentlich stimmschöne, bestens einstudierte kleine Chor, der seine vokalen Attacken gegenüber Pilatus als Stimme des Volkes oder in „Kreuzigt ihn“ aufregend und Rückenschauer produzierend herausschreit. Das absolute Highlight des Abends, großes Kompliment an Jens Bingert für seine Arbeit.

In der Prügelszene wirken Einzelne auch als Folterknechte mit schwarzer Gesichtsmaske. Nicht Jesus wird geschlagen (der persönlich auch gar nicht auftritt), sondern vier Asylanten, welchen Schilder mit „Drogendealer“, „Scheinasylant“ oder „Integrationsversager“ umhängen haben, wie einstens Jesus als „König der Juden“. Und in Anlehnung an aktuelle Vorfälle mit aufgesetzten Schweinsnasen. Sie werden gegeißelt, da kommt schon eine große Beklemmung auf, wenn sich die dahinterliegende Wand blutig färbt.

Die Kreuzigung passiert unter der hochgefahrenen Bühne, symbolisch für die Geschichte in zwei Ebenen. Auf eine große Blechtafel schreibt jemand „GOTT IST TODT, WIR HABEN IHN GETÖDTET“, eine Anspielung auf das Nietzsche-Zitat, und sicher bewusst orthografisch falsch. Die große Tafel, an dem viele Religionen und Völker gemeinsam tafelten, mag ein Hoffnungsscvhimmer für eine friedliche Welt sein. Und gut ist, dass der oft gescholtene Antisemitismus im Stück durch die bunte Szenerie überhaupt nicht zum Tragen kommt - es gibt ständig etwas Neues zu sehen.

Das zweite Highlight des Abends waren die Wuppertaler Sinfoniker, verstärkt durch Theorbe, Viola da Gamba, Oboe d´amore und eine kleine Orgel. Jörg Halubek, Hochschullehrer und ausgewiesener Spezialist historischer Aufführungspraxis, zauberte mit Opernorchester einen wunderbar barocken Klangteppich, hochpräzise und durchsichtig. Besonders erwähnenswert sei das Duo der beiden schwierig zu spielenden vielsaitigen Violen d´amore (Hikarua Moriyama und Momchil Terziyski)

Die Sängerriege mit Lucie Ceralová, Johannes Grau, Falko Hönisch und Jan Szurgot schlug sich durchgehend sehr wacker und spielfreudig, allen voran Laura Demjan mit jungem höhensicheren Sopran, Peter Paul als Pilatus und der wunderbare und umjubelte Emilio Pons als Evangelist.  

 Anstatt der im sakralen Bereich in der Mitte der Passion üblichen Predigt hatte der Regisseur hier Texte im Zusammenhang mit der Asylproblematik integriert; in der gesehenen dritten Vorstellung sprach Helge Lindh, Vorsitzender des Wuppertaler Integrationskreises. Sein Vortrag, hochaktuell und bewusst in einem Singsang gehalten, ging schon ein ganzes Stück an die Nieren, unterbrach nach der Meinung etlicher Zuhörer allerdings schon den musikalischen Bogen der Passion. Aber wenn es früher so war, warum nicht auch heute ? Der Rezensent gesteht freimütig, an einigen Stellen der Aufführung ein paar Tränchen verquetscht zu haben, denn der spontan stehende Applaus war zu Recht lang und gewaltig. Eine Wiederholung wird es erst gegen Ende der nächsten Spielzeit geben, man merke sich den Termin vor.

Michael Cramer  28.5.15                                            

(c) Dank für die schönen Fotos von Uwe Stratmann

 

Das schreiben die Kollegen

"mit Tageschaueinlage..." MERKER-Online (Wien)

"Ohne spirituellen Tiefgang" OPERNNETZ

"Flüchtlingsproblematik als leidensweg Christi" OMM

 

 

 

Na geht doch!

SALOME

Premiere am 17.04.2015

geht doch...

 

Lieber Opernfreund-Freund,

nach der öden „Tosca“ im Herbst wollte ich eigentlich nicht mehr so bald an die Wupper gefahren sein, zumal die Anfahrt aus Köln gerade an einem Freitag zum Feierabend alles andere als Spaß macht. Gestern allerdings konnte die Premiere von Richard Strauss‘ „Salome“ am Wuppertaler Opernhaus für diese Mühe durchaus entschädigen, wurde doch ein spannender Opernabend mit mehr als überzeugender musikalischer Leistung gezeigt.

Michiel Dijkemas als durchaus als konventionell zu bezeichnende szenische Umsetzung verzichtet auf allzu große Experimente und tut gut daran, haben doch der Text von Strauss nach Oscar Wildes Vorlage und seine Musik auch nach mehr als 100 Jahren genug Kraft und Energie, dass es nicht wirklich einer Aktualisierung bedarf.

Die Bühne – ein Werk des Regisseurs ergänzt durch stimmungsvolles Licht von Nikolaus Vögele – zeigt ein Szenario mitten im Nirgendwo, die Zisterne, in der Jochanaan gefangen gehalten wird, spiegelt optisch den in der Oper immer wieder besungenen Mond. Die detail- und einfallsreichen Kostüme von Tatjana Ivschina wirken vor der kargen Szene um so mehr, zeigen einen bunten Mischmasch verschiedener Epochen: Pagen und Juden sind extrem traditionell gewandet, die Nazarener stecken in Anzügen der Jetztzeit, die Partygesellschaft von Herodes, der selbst an einen Hunnenkönig im Fellmantel erinnert, zeigt afrikanisch Anmutendes und glitzernde Phantasiekostüme, Herodias sieht nach Grande Dame der 1950er Jahre aus. Jochanaan trägt Lumpen, die Soldaten scheinen beinahe einem Comic entsprungen und Salome zeigt sich im rüschenbeschleppten Kleid, nach ihrem Tanz lediglich im seidenen Hemdchen. Die Personenregie abseits des Hauptgeschehens wirkt über weite Strecken ähnlich beliebig, eine rechte Bildspannung mag nicht aufkommen. Jedoch gelingt Dijkema durch die Konzentration auf Salome und deren Gefühlswelt eine überzeugende Umsetzung; zwar zündet nicht jeder Regieeinfall, die Abwehr eine Schlange, die aus der Zisterne kriecht, hat sogar Gelächter zur Folge, jedoch gewinnt die Produktion vor allem in der zweiten Hälfte an Intensität, bildgewaltige Effekte in der letzten Szene hallen lange nach. Der in jeder Inszenierung mit Spannung erwartete Tanz der sieben Schleier wird von der Sängerin selbst dargeboten. Sie verfügt über eine beinahe tänzerinnenhaft zierliche Figur und meistert die durchaus anspruchsvolle Choreographie von Matthew Tusa bravourös.

Und wie wird musiziert? Hier fangen wir aufgrund der besonderen Situation einmal „hinten“ an: Wuppertal sucht einen neuen GMD, dem Vernehmen nach sind noch 22 Kandidaten im Rennen. Bei der Salome-Produktion nun wird jede Vorstellung von einem anderen Kandidaten musikalisch geleitet, so dass sich auf diesem Wege schon einmal sechs Kandidaten präsentieren können. Der Finne Ari Rasilainen hat neben dem Dirigat am Premierenabend auch die musikalische Einstudierung übernommen. Mir startet er den Abend ein wenig zu zaghaft. Die musikalische Untermalung des Fluchs von Jochanaan klingt fast weichgespült, erinnert stellenweise an die romantischen Bögen, die meinetwegen Dukas‘ „Zauberlehrling“ kennzeichnen, und lässt die musikalische Gewalt in diesen Passagen nicht wirklich erklingen. Der Schleiertanz dagegen gelingt vorzüglich, danach traut er sich auch an die Schroffheit der Partitur und kommt zum Ende durchaus klanggewaltig und überzeugend daher.
Mit Cristina Baggio in der Titelrolle hat er auf der Bühne da auch eine Partnerin, mit der er vortrefflich spielen kann. Auch sie kämpft zu Beginn ein wenig – und zwar mit ihrer Mittellage, singt sich jedoch bald frei, glänzt in der Höhe und bedient bedrohlich das Brustregister, wenn es angezeigt scheint. Sie spielt wunderbar, überzeugt darstellerisch wie stimmlich als zickige Prinzessin wie als nach Liebe Suchende, die wahnhafte Kußszene mit Jochanaans Kopf erzeugt wirklichen Schauder. Eine tolle Salome! Ihr Mutter Herodias wird in der Inszenierung glücklicherweise einmal nicht als totale Alkoholikerin dargestellt, sondern als vom Leben frustrierte und von ihrem Mann und sogar ihrer Tochter gedemütigte Frau. Die Kroatin Dubrovka Mušović verleiht ihrer Figur viele Facetten, singt und agiert mit großer Leidenschaft. Michael Hendrick gibt den lüsternen Herodes herrlich schmierig. Emilio Pons als Narraboth verfügt über eine strahlende Höhe, bleibt aber im Vergleich zum Rest des Ensembles stimmlich eher blass. Auch von Thomas Gazheli in der Rolle des Propheten habe ich mir ein wenig mehr versprochen. Zwar verfügt er über eine kraftvolle Stimme und gibt optisch einen furchteinflößenden Jochanaan ab, kommt bei mir aber bisweilen fast ein wenig geknödelt an und singt recht undifferenziert. (Vielleicht war es auch deshalb notwendig, seinen Gesang aus der Zisterne heraus zu verstärken – aber hätte man dafür nicht ein weniger scheppernd und hallend klingendes Lautsprechermodell nehmen können?) Bemerkenswert auch, dass man bei ihm als einzigem native speaker unter den Hauptrollen – er ist in Karlsruhe geboren – die Übertitel mitunter wirklich braucht, um zu verstehen, was er singt.

Lucie Ceralovás Page ist beeindruckend intensiv, Falko Hönisch und Peter Paul sind solide Soldaten, letzterer komplettiert auch neben Noriyuki Sawabu, Johannes Grau, Markus Murke und Kalle Kanttila das glänzend aufeinander eingespielte Quintett der Juden. Ferdinand Junghänel überzeugt als Nazarener, Laura Demjan und Jan Szurgot ergänzen gut in den kleinen Rollen. Über das aber, was Greg Ryerson als 1. Nazarener da abgeliefert hat, möchte ich lieber nichts sagen.

Das Wuppertaler Publikum im gut besuchten Opernhaus ist nach 100 Minuten hörbar und sichtlich froh, dass es etwas Spannendes und Überzeugendes hat hören und sehen dürfen und goutiert reichlich und anhaltend. Ich selbst fand die standing ovations dann aber doch ein wenig too much – und ehe ich nun klinge wie Jil Sander in ihrer berühmten Denglish-Rede, empfehle ich Ihnen schnell noch einmal diese Produktion und verabschiede mich.

Ihr Jochen Rüth 18.04.2015

Produktionsbilder: Uwe Stratmann

 

 

 

Hurra endlich schreibt der OPERNFREUND wieder über die Oper !

PARSIFAL

ursprünglich eigentlich von Richard Wagner

Premiere: 13.März 2015

TRAILER

Opernfreund-Warnung: Achtung, der Besuch dieser Aufführung könnte ihrer Gesundheit schaden und ihr Seelenheil als Wagnerianer arg beschädigen

Als Opernliebhaber könnte man bei dem neuen Wuppertaler Parsifal“ glatt ausflippen, ungefähr so wie der Herr in der letzten Reihe des Parketts, der permanent vor sich hin schimpft oder sich auch mal die Haare rauft. Doch zu diesem Herren später mehr.

Wenn man dieses ganze Spektakel nicht ernst nimmt, kann man sich aber auch einen lustigen Abend machen, indem man beobachtet, was Regisseur Thilo Reinhardt sich hier für einen Blödsinn ausgedacht hat und wie das Publikum damit umgeht.

Musikalisch geht es schon ziemlich öde los: Generalmusikdirektor und Kurzzeit-Intendant Toshiyuki Kamioka dirigiert eine vollkommen emotionsloses Vorspiel, in dem er Wagners Musik kein bisschen auskostet und nie einen besonderen Klangzauber aufkommen lässt.

Dann geht der Vorhang auf und wir befinden uns in einer Turnhalle. Sind die Gralsritter ein Sportverein oder ein Elite-Internat mit Sportabteilung? Cheftrainer Gurnemanz ordnet erstmal ein paar Tai-Chi-Übungen an. Und schon erleben wir die nächste Comedy-Einlage: Eine Dame in der ersten Reihe steht auf und ruft: "Das hat dich gar nichts mit Wagner zu tun!" Unter dem Beifall einiger Zuschauer verlässt sie den Saal. Ob das zur Inszenierung gehört, oder war das Realsatire??

Welche Rolle Amfortas im Turnverein spielt, ist nicht richtig klar. Er muss einen Mantel (der Gral????) anziehen, sich dann enthüllen, wird gefesselt und mit Degen angestochen, worauf die Sportler sein Blut trinken. Nur nebenbei: Der Schwan ist übrigens ein Turner, der von Parsifal abgeschossen wird.

Das Publikum ist ratlos, aber während es beim berühmten Düsseldorfer KZ-„Tannhäuser“ schon während des ersten Aktes hoch her ging, ist das Wuppertaler Publikum braver und rührt sich nicht. Immerhin ein Lichtblick ist Tilman Unger ein jugendlich-frischer Parsifal mit heller Heldenstimme und beachtlichen Reserven. Wenn er sich nicht verheizen lässt, wird er eine große Karriere machen.

Thorsten Grümbel, den man von der Deutschen Oper am Rhein als zuverlässigen Bassisten kennt, ist mit der Riesenrolle des Gurnemanz überfordert, hat sogar zwei Aussetzer. Er singt zwar textverständlich, bleibt aber durchweg im Mezzoforte und holt aus seiner Rolle kaum etwas heraus. Von der Basskraft eines Hans-Peter König, Peter Rose oder Stephen Milling ist er meilenweit entfernt. 

Weiter geht es mit dem zweiten Akt: Klingsor gehört wohl zu einem verfeindeten Turnverein und versteckte sich im Spind, wo er von Kundry entdeckt wird, die Blumenmädchen sind Cheerleader.

Die szenisch einzig interessante Szene des Abends ist die zwischen Kundry und Parsifal, die in einem weißen Raum spielt. Die schön singende und gut aussehende Kathrin Göring darf sich in sexy Unterwäsche an Parsifal ranmachen. Dazu befinden sich noch zwei weitere Figuren im Raum: Eine hochschwangere Parsifal-Mutter Herzeleide und eine geheimnisvolle verschleierte Dame in Schwarz.

Was Toshiyuki Kamioka sich bei seinem Dirigat so denkt, bleibt unklar, immer wieder gibt es seltsam akzentuierte Spannungsbögen oder musikalische Höhepunkte werden planlos umfahren. Der 3.Akt ist musikalisch totlangweilig und der Regie fällt auch nichts Geistreiches mehr ein: Parsifal kommt mit Panzerfaust in die zerstörte Turnhalle und ist der Kommandeur einer UNO-Blauhelmtruppe. Mit denen spielt er dann das letzte Abendmahl nach. Am Ende verbrennt er den Gralsmantel und die Panzerfaust.

Ich hatte ja schon den schimpfenden Herren in der letzten Reihe erwähnt, dem dieser Abend überhaupt nicht gefiel: Der Herr kam beim Schlussapplaus sogar auf die Bühne und entpuppte sich Regisseur Thilo Reinhardt. Für ihn gab es viele Buh-Ruf und aufgrund seines Verhaltens während der Aufführung kann man vermuten: Wahrscheinlich hätte er auch „Buh!“ gerufen.

Rudolf Hermes 16.3.15

Das Bild ist vom Opernfreund-Karikaturisten Peter Klier

 

 

 

 

 

Wuppertaler Intendant KAMIOKA gescheitert?

Peinlicher Abgang                              (Opernnetz)

Bröckelnde Ära                                  (WDR)

OB setzt Kamioka Ultimatum               (NJUUZ)

Stabführer, taktlos                             (FAZ)

Wuppertaler Oper auf Kamikaze Kurs   (Opernfreund)

 

"Stellungnahme von Toshiyuki Kamioka zu den heutigen Meldungen"

Opernintendant und GMD Toshiyuki Kamioka dementiert die heute publizierte Nachricht, er gebe bereits 2016 sämtliche seiner Ämter an den Wuppertaler Bühnen und beim Sinfonieorchester auf:

"Ich bin sehr betroffen über diese Meldung, deren Urheberschaft ich nicht nachvollziehen kann. Es spricht aber für sich, dass diese gerade an einem Tag, an dem das gesamte Orchester und ich sich auf einer Gastspielreise im Ausland befinden, publiziert wird."

Kamioka hatte vor einigen Tagen ein vertrauliches Hintergrundgespräch mit Oberbürgermeister Jung, Stadtdirektor Dr. Slawig und dem Kaufm. Direktor der Wuppertaler Bühnen, Schaarwächter, geführt. Dabei ging es auch um seine Zukunftsperspektiven und mögliche Änderungen bei Ämtern, die er vertraglich innehat. Keineswegs aber hätte dieses Gespräch zur Annahme führen können, er, Kamioka, "schmeisse den Bettel hin". Bei solch langfristigen Verträgen, wie er sie habe, sei es völlig normal, dass man in interner Runde über Anpassungen und Änderungen spreche. "Ich kann mir absolut nicht vorstellen, dass aus dieser vertraulichen Runde Informationen oder Gerüchte an die Medien gegangen sind, die zu der jetzt publizierten Meldung geführt haben." Am 19.11. d.J. soll im Aufsichtsrat weiter gesprochen werden.

Einen angeblichen Streit mit dem Orchester dementiert er mit allem Nachdruck:  "Es gibt keinen Streit! - Atmosphärische Störungen kommen immer mal wieder bei der Zusammenarbeit in unserem Bereich vor. Dies wäre sicher kein Grund für mich, meinen Vertrag als Chefdirigent überstürzt auflösen zu wollen", sagt Kamioka.

Betreffend seine Zukunft als Opernintendant sagt er:  "Zusätzlich zu meiner Doppelbelastung in Wuppertal kommen immer mehr Anfragen als Dirigent, insbesondere aus Japan. Insofern muss ich darüber nachdenken dürfen, ob ich meinen Verpflichtungen als Opernintendant langfristig genügen kann. Auf jeden Fall werde ich diese über volle zwei Spielzeiten erfüllen. Dann muss man sehen." 

Kamioka weiter: "Wir haben bereits jetzt die Spielzeit 2015/16 größtenteils durchgeplant. Ich habe ein großartiges Team, und die beiden bisherigen Produktionen (Tosca und Don Giovanni) geben mir die größte Hoffnung, dass das neue Konzept (der Spielbetrieb im Blocksystem statt wie bisher verteilt über die Spielzeit) voll aufgeht. Standing ovations bei allen bisherigen Vorstellungen unserer Neuproduktionen sind ein untrügliches Zeichen, dass die szenische, sängerische und musikalische Qualität beim Publikum bestens ankommt. Auch wenn ich nicht alle geplanten Projekte durchsetzen konnte, bin ich überzeugt, dass sich am Ende dieses Konzept auch wirtschaftlich durchsetzen wird." 

Presseabteilung Wuppertaler Oper 13.11.14

 

TOSCA

10.9.14

Lethargische Leidenschaften & papierne Opernklichees

An der Wuppertaler Oper hat mit Beginn dieser Spielzeit wirklich eine neue Ära begonnen, denn mit Antritt des neuen Intendanten besitzt das Theater Wuppertal als erstes Haus kein eigenes Sängerensemble mehr. Die Produktionen werden jeweils mit Gastsängern in Serie hintereinander abgespielt und tauchen vielleicht noch als Wiederaufnahme irgendwann wieder auf. Meiner Meinung nach ein falscher Weg, denn das Publikum eines Stadttheaters identifiziert sich stets mit seinen Lieblingen und möchte diese gerne in verschiedenen Rollen erleben. Derartige persönliche Identifikation des Zuschauers mit seinem Haus hält nicht nur ein Theater zusammen, sondern fördert auch die Kontinuität im Sinne guter, zuverlässiger Besucherzahlen.

Dazu kommt leider ein Spielplan, der zu den langweiligsten der Theaterlandschaft gehört; die bekannten Werke von Puccini, Wagner, Mozart und Strauss werden gegeben, wie an der Wiener Staatsoper (nur die spielt überwiegend für Touristen!). Das aufregendste ist noch die Übernahme einer szenischen Produktion von Bachs „Johannespassion“, dazu zwei Wiederaufnahmen ( Rossinis „Barbier“ und Humperdincks „Hänsel“), die für die Wuppertaler stets wichtigen Sparten vom Operette und Musical finden nicht statt.

Soweit meine Bedenken zur Entwicklung des Wuppertaler Theaters (siehe auch weiter unten den Kommentar unseres Chefredakteuers, Dr. Manfred LangerQuo Vadis, Wuppertal). Doch unvoreingenommen nun zu dieser ersten Produktion der neuen Saison: Giacomo Puccinis (vor zwölf Jahren zuletzt gespielter) „Tosca“.

Für die Inszenierung konnte der italienische Regisseur Stefano Poda gewonnen werden, der das Werk schon am Klagenfurter Theater in ähnlicher Form auf die Bühne gestellt hatte. Doch Poda, mit seinem Assistenten Paolo Giani Cei, ist nicht nur für die Regie zuständig, sondern auch in Personaluion für das Bühnenbild, die Kostüme und die Lichtgestaltung.

Mit den gewaltigen Akkorderöffnungen Puccinis öffnet sich die Bühne in ihrer gesamten Höhe zu einem imposanten Bild: schwarzer, weiß geäderter Marmor geriert eine Architektur, die an die monumentalen Bauten des italienischen Faschismus erinnert, auf der Mitte der Drehbühne eine Skulptur, die sowohl an in umgekehrtes Kreuz, wie auch an die Reiter in Schützengräben denken lassen, weiße Schwaden komplettieren den bedrohlichen Eindruck. In diesem gelungenen Interieur findet das Geplänkel zwischen dem Maler Cavaradossi und dem Messner statt, warum letzterer zum Angelus Liegestütze macht, erschließt sich mir nicht.

Bis jetzt keine große Spannung, doch das sollte sich mit dem Auftritt Floria Toscas ändern. Aus dem Hintergrund betritt eine Stehlampe mit Hüften die Bühne, nein, es ist Tosca mit einem selten dämlich aussehenden Hut, der sowohl kein Gesicht sehen läßt, als auch stimmhindernd ist. Nach drei Minuten nimmt sie dieses Gerät zum Glück ab, doch statt einer jungen, naiven, verliebten Künstlerin sehen wir eine Art Gouvernante in Kostüm mit strengem Dutt.

Da befinden wir uns schon mitten im ersten Problem dieser Inszenierung: Poda baut große Bilder, die recht schönen Beleuchtungen ändern sich minütlich, doch das konzentrierte Kammerspiel, das packende Psychodrama, findet nicht statt. Die Protagonisten bleiben recht papierene Opernklischees mit Stehen, Knien und Legen.

Der Chor absolviert einen Teil seiner Auftritte unnötigerweise vom Seitenrang. Die Bühne dreht sich, das Licht leuchtet, doch die Regie weiß nicht einen Deut für die Figuren zu interessieren; daran ändert weder das Papiergeschmeiße von großen Tisch des zweiten Aktes, noch die Stahlinstallation des dritten Aktes etwas. Wenn zwei Sekunden vor Schluß auch noch mit einem enormen Bühneneffekt aufgewartet wird (den ich, wenn ich ihn richtig verstanden habe, auch für zutiefst falsch halte), ist das nach zwei Stunden Langeweile zutiefst unbefriedigend.

Manche schlechte Inszenierung wurde durch eine gute musikalische Seite aufgefangen. Doch hier haben wir das zweite, größere Problem des Abends: An Toshiyuki Kamiokas unbefriedigende Operndirigate während der Wuppertaler Umbauspielzeiten kann ich mich noch gut erinnern ( Wagners „Tristan“ sei hier nachdrücklich ausgenommen), nach den vergangenen Jahren hat er anscheinend nichts dazugelernt. Er mag ein guter Konzertdirigent sein, mit Musiktheater, zumal italienischer Oper, hat er nichts am Hut. Warum?

Weil er sich mit dem Orchester zwar gut geprobt durch die Partitur arbeitet, doch weder vom Text und dessen dramatischer Faktur, noch vom Gesang etwas zu verstehen scheint. Ein guter Operndirigent muß mit seinen Sängern atmen, doch Kamioka will stets seine Tempi durchsetzen, ob die Sänger da mithalten können oder nicht scheint ihm egal. Gerade bei den Schlagern „Vissi d àrte“ und „E lucevan le stelle“ läßt er seine Protagonisten schier verhungern. Auch mit der Lautstärke kennt er kein Pardon, ob der Sänger untergeht oder sich die Stimme aus dm Leibe schreien muß, was kümmert das. Ein trauriges Bild...

Was sollen da die Sänger schon an Rollenportrait arbeiten, wenn sie kaum Hilfe aus dem Graben zu erwarten haben, sondern mit der musikalischen Bewältigung ihrer Aufgaben beschaftigt sind, dabei könnte die Besetzung durchaus zufriedenstellen.

Mirjam Tola besitzt für die Titelpartie einen ansprechenden, durchsetzungsfähigen Sopran mit leichtem Vibrato, die gutturalen Gewohnheiten dieser Partie fallen bei ihrem eher hellen Timbre weg, doch was sind Gewohnheiten. Bei den gewaltigen, ungefilterten Klangeruptionen des zweiten Aktes singt sie sich jedoch fest, so geraten die Höhen in dritten recht angestrengt. Mikolaj Zalinski ist ein routinierter Scarpia, der sich mit Geschick aus der Affäre zieht, seine „Verismen“ sind jedoch nicht meine Geschmackssache. Xavier Moreno ist im Programmheft, zu Recht, als lyrischer Tenor angegeben; nun ist der Cavaradossi aber nicht wirklich eine genuin lyrische Partie. Zwar muß man um keinen Ton fürchten, doch die eminenten Höhen werden unter Druck angegangen. Rein vom Musikalischen ist er der sicherste der drei Hauptsänger, doch auf die Dauer tut er sich mit dieser Rolle stimmlich nichts Gutes an.


Dieter Goffing singt einen guten Messner, der leider die durchaus humoristischen Seiten der Partie nicht abgewinnen darf. Ein vokaler Totalausfall ist der Angelotti von Greg Ryerson dessen recht abgesungener Bariton entweder durch Sprechgesang oder quallige Intonation auffällt. Johannes Grau und Jan Szurgot als Spoleta und Sciarrone zeigen dagegen frisches Stimmpotential und auffällige Bühnenpräsenz. Warum sie böse, bisexuelle Jesuitenzöglinge darstellen müssen, weiß der Regisseur.

Jochen Bauer als Kerkermeister und Dominik Eitner als Hirtenknabe (warum sich dazu eine nackte junge Frau mit Busch einen Weg durch gruselige Francis-Bacon-Bischöfe bahnen muß, weiß ebenfalls der Regisseur alleine) komplettieren die Solisten. Der Wuppertaler Opernchor macht seine Sache ordentlich, wobei das Te Deum recht fahl klang, was wohl eher dem Dirigenten zugeordnet werden muß.

Fazit: Insgesamt die langweiligste „Tosca“ meines Lebens, den Schlußapplaus des an einem Mittwochabend erstaunlicher Weise nur halbvoll besetzten Hauses habe ich nicht mehr abgewartet. Auf der Premiere soll es - wie verlautet - jubelstürmende Ovationen gegeben haben.

Martin Freitag 12.9.14

Bilder: Uwe Stratmann / Oper Wuppertal

 

 

Red. Anmerkung:

Die Produktion bekommt, als erste in dieser Saison, gleich unseren Negativpreis sogar von zwei Kritikern verliehen - die OPERNFREUND- Schnuppe.

 

 

Etiam altera pars audiatur Das meinen unsere Kollegen von

Deutschlandradio

ONLINE MUSIK MAGAZIN

Opernnetz

MERKER-online (Wien)

 

 

Unser OPERNFREUND-CD-Tipp:

 

 

 

 

Quo vadis, Theaterstadt Wuppertal?

Wenn jemand wie ihr Rezensent, der als ehemaliger Wuppertaler noch die Zeiten von Grischa Barfuß und Arno Wüstenhöfer erlebt hat, sich heute auf den weiter gewordenen Weg ins Tal macht, geschieht das nicht ohne Anwandlung von Trauer. Das erst 50 Jahre alte, unter Denkmalschutz stehende Schauspielhaus, damals Stolz der Bevölkerung, verkommt hinter einem Cinemaxx und ist wegen Baufälligkeit geschlossen; das Musiktheater wird zu einem Wanderzirkus. Seine organisatorischen Experimente nehmen kein Ende und sind schon wieder einmal Thema im Foyer. Die Kommentare gegenüber dem neuen Operndirektor Toshiyuki Kamioka fallen meistens nicht nett aus, vor allem nicht für seine fintenreich durchgesetzte Idee des Stagione-Betriebs ohne festes Sängerensemble. Der hat sich trotz der möglichen höheren Qualität und trotz des damit verbundenen Einsparpotenzials (noch weniger Aufführungen!) im deutschsprachigen Raum bislang nirgends durchgesetzt; denn das entspricht nicht den Erwartungen an die deutsche Theaterlandschaft. Aber ist Wuppertal noch Theaterstadt, Teil dieser Landschaft? Wo bleibt das beherzte Einschreiten des interessierten Teils der Bevölkerung?  Der neue  Operndirektor, der selbst auf drei Hochzeiten tanzte, hatte kein Problem damit, das Opernensemble fortzuschicken! In der nächsten Spielzeit will er mit einem erzkonservativen Programm das Publikum zusammenhalten. Wie will man das zusammen halten, wenn Opernspielpausen von über einem Monat eingelegt werden und drei Monate lang gar keine Neuproduktion vorgestellt wird? Nur weil man einige gut bekannte Solisten verpflichtet hat? Schaut man auf andere kleinere Theater in viel kleineren Städten, z.B. Bremerhaven, Gießen oder Heidelberg: da geht man genau den umgekehrten Weg und das mit großem Erfolg. 

Manfred Langer

Neuproduktionen in der kommenden Spielzeit: Tosca (P 07.09.14 - 11 Vorstellungen), Don Giovanni (P 14.11.13 -  11 Vorstellungen), Parsifal (P 13.03.15 – 6 Vorstellungen), Salome (P 17.04.15 – 6 Vorstellungen), Johannes-Passion (P 22.05.15 – 4 Vorstellungen)

Wiederaufnahmen:  Barbiere (WA 24.10.13 – 7 Vorstellungen); Hänsel und Gretel (WA 5.12.14 – 7 Vorstellungen)   insgesamt 50 Opernaufführungen in Wuppertal in der nächsten Spielzeit!


 

 

 

KROL ROGER

Premiere am 14.6.14

Exemplarische Produktion zum Saisonende

Videotrailer zur Produktion

Zum Inhalt, weil ihn keiner kennt: König Roger herrscht mit seiner Frau Roxana. Da taucht ein geheimnisvoller Fremder auf, der vorgeblich Menschen zu Rausch und Exzess verführt. Auch Das Königspaar kann sich der erotischen Ausstrahlung des Fremden, der sich später als Dionysos zu erkennen gibt, kaum entziehen. Am Ende steht die Verschmelzung von Körper, Geist und Natur. Ein innerlich verwandelter König schreitet im Finale beglückt der aufgehenden Sonne entgegen.

Leider setzte erst in den neunziger Jahren (ähnlich wie bei Schreker z.B.) eine Szymanowski-Renaissance ein; Intendanten und Dirigenten (Boulez, Rattle, Satanowski, Gergiev...) begannen sich endlich für sein vergessenes Werk zu interessieren; sogar die Silberling-Industrie begleitet diese Entwicklung. Ein Wunder ist geschehen...

Und was für eine grandiose, ja geradezu herrliche Musik ist das!

Wir versinken in die Klangteppiche spätromantisch üppige Sinnlichkeit, fast rauschhaft impressionistisch überwältigender Klänge und das alles mit teilweise orientalischer Chromatik und Melismatik durchsetzt. In den nur 85 Minuten tangiert die Musik tristanschen Wagner; wir hören Anklänge an Claude Debussy oder Maurice Ravel bzw. Impressionen an Strauss und vor allem erinnert viel an die Klangfarbenmusik des ebenfalls selten gespielten Russen Alexander Skrijabin, besonders an dessen 3.Sinfonie (Poeme de l´Extase) - eben dort in Wuppertal (!) vor kurzem brillant in der Stadthalle aufgeführt.

KROL ROGER ist die einzige Oper des Spätromantikers Karol Szymanowski (einer der wichtigsten Erneuerer und Begründer einer musikalischen Moderne in Polen). Ein herausragenden Werk des nicht nur polnischen modernen Musiktheaters, von großer Raffinesse und Feinsinnigkeit, welche weit über die zeitgenössische Kraft und Wirkung eines Janacek hinausgeht und durchaus mit Bartok in Konkurrenz treten kann. Das teilweise etwas konfuse und verquaste Libretto erfordert einen guten Regisseur, man braucht Spitzen-Sänger und einen Dirigenten, der mit Gefühl dieses fast mahlerhaft große Orchester und die Chormassen bewegen kann. Der Komponist fordert Grenzwertiges, denn die Sänger müssen stets im rauschhaftesten Dauerespressivo singen; Legato finden in diesen 1,5 Stunden nicht statt.

Ein letztes Aufbäumen vor dem Ende der Wuppertaler Oper?

Daß gerade ein Haus, wie Wuppertal, welches so schlimm vom Sparzwang gebeutelt, und demnächst nur noch mit fragmentarischem Ensemble im Stagione-Betrieb arbeiten wird, solch eine Weltklasseleistung auf die Bühne stemmen kann, hat niemand erwartet. Und wenn ich so meine letzten Produktionen (Dortmund, Bregenz, Bonn, Stuttgart) Revue passieren lasse, dann führt diese Inszenierung nicht nur meine imaginäre Hitparade an, sondern auch und unter Berücksichtigung der Silberscheiben konstatiert der Kritiker und erklärte Szymanowski-Fan:

Atemberaubend: Besser geht es nicht - dieser Ausnahme-Abend setzt Maßstäbe.

Das Sinfonieorchester Wuppertal besticht in Maximalbesetzung unter der Leitung von Florian Frannek, die Chöre (Opernchor und Extrachor der Wuppertaler Bühnen, sowie Wuppertaler Kurrende) sind von Jens Bingert & Dietrich Modersohn trefflich eingestellt und bezaubern ebenso, wie die Solisten, allen voran ein begnadeter mit dem nötigen Charisma versehener Rafał Bartmiński als Hirte/Dionysos; des Weiteren singt man durchweg, um im aktuellen Zeitgeist (Fußball-WM) zu sprechen, "weltmeisterlich".

Ob Banu Böke als Roxane, Kay Stiefermann als König oder Christian Sturm (Edrisi/Dr. Freud) - es kommt einem Wunder gleich, daß man diese hochgradig schwierigen Hauptpartien so perfekt aus den eigenen Reihen besetzen konnte.

Nicht zuletzt loben wir ein fabelhaftes Regieteam (Inszenierung: Jakob Peters-Messer / Bühne: Markus Meyer / Kostüme: Sven Bindseil & Licht: Henning Priemer), welches sich nicht versuchte durch Mätzchen, Vulgarismen oder werkfremden Firlefanz zu profilieren, oder in den Vordergrund zu drängeln (wie zuletzt bei Braunfels in Bonn) sondern eine geradezu perfekte Musiktheater-Produktion, ganz im Sinne intelligenter Werktreue, auf die Beine stellte. Danke.

Zurecht gab es nicht enden wollende Vorhänge verbunden mit Riesenapplaus und Bravi-Chören - keiner verließ schnell das immerhin zu 2/3 besetzte Auditorium, was sonst in Wuppertal nach Fallen des Vorhangs, egal bei welcher Oper, üblich ist - und setzte damit auch ein Zeichen des Dankes zum Ende der diesjährigen Spielzeit für den scheidenden Opernintendanten Johannes Weigand.

Dank und Respekt für die vielen Jahre, die dieser Intendant, für spannendes Musiktheater und stets für sein Publikum - gegen die politischen Windmühlen und Wirrköpfe - gekämpft hat. Besser und schöner kann eine Ära kaum enden. Nur noch vier Vorstellungen - bitte unbedingt hinfahren!

Peter Bilsing 15.6.14                                 Bilder von Uwe Stratmann

 

Die letzten Termine

 

Der ultimative Opernfreund CD-Tipp

(schönes Beihelt mit kompletten Text auch auf Deutsch)

DVD Tipp (gibt es auch als CD)

 

 

ALCINA 2

Premiere am 23.03. 2014     2. Kritik

Fantasievolle Sparsamkeit

Georg Friedrich Händels Zauberoper "Alcina" gehört mit recht zu seinen meistgespielten Werken, denn seine musikalische Inspiration erreicht hier ihren Höhepunkt. Eine Ohrwurmarie reiht sich an die nächste. Zumal ist ihm mit der vielschichtigen Titelpartie eine echte Charakterstudie gelungen, eine doch außergewöhnlich schillernde Menschengestalt innerhalb der Barockoper. Trotz des dramatischen Sujets haftet der Alcina-Musik etwas besonders Moussierendes an, wenn der tragisch dunkle "Tamerlano" mit einem schweren Rotwein verglichen werden kann, so ist die "Alcina" ein Champagner der Spitzenklasse. Nach über dreißig Jahren ist sie jetzt wieder an den Wuppertaler Bühnen zu erleben.

Johannes Weigand wurde von mir schon oft gelobt, weil er Spielpläne und Ausstattung nach Ensemble und Etat zu gestalten vermag. Auch hier haben wir es, bis auf eine Ausnahme mit dem Wuppertaler Hausensemble zu tun, was bedeutet keine Countertenöre, sondern weibliche Mezzosoprane in den Männerrollen. Auch die Ausstattung wird dem Diktat der Sparsamkeit gerecht, ohne das Metier der optisch opulenten Zauberoper zu vernachlässigen. Moritz Nitsche stellt schlichte Vorhangparavents auf die Bühne, die mal gerafft werden können, und mit Hilfe von Videos in farbenprächtige Hintergründe verwandelt werden. Der meiste Zauber entsteht jedoch durch die schönen Kostüme von Judith Fischer, eine Mischung aus barocken Anspielungen und ein bißchen Science-Fiction der Siebziger Jahre. Weigand erzählt den Niedergang, der durchaus nicht nur netten Zauberin, gleichsam in einer märchenhaften Naivität, die sehr viel Augenmerk auf die Musik richtet, das mag vielleicht nicht originell oder tiefschürfend psychologisch sein, erreicht aber das Publikum.

Musikalisch erinnert man sich in Wuppertal an stilsichere Barockopern, als man noch Spezialisten für Alte Musik ans Pult des Sinfonieorchester Wuppertals holte. Boris Brinkmann sorgt sich um einen eher romantischen Zugang zu Händel, das klingt dann recht weihevoll und betulich aus dem Graben, überfordert jedoch auch nie die Sänger. Mein Wunsch wäre jedoch eine Herangehensweise der neueren Art gewesen, straffere Tempi, mehr "Swing" innerhalb der einzelnen Nummern und lebendigere Rezitative. So klingt es doch wie Stadttheater von 1950 mit Barock, das Orchester kann auch anders.

Elena Fink als Alcina ist nicht nur ein optischer Knüller, wenngleich ihre "Zauberurne" mehr wie ein magischer Rollator aussieht. Gesanglich fühlt sie sich in den Höhen der Koloraturen wie ein Fisch im Wasser, trotz mancher kleiner Engstelle. Ihr Sopran hat vielleicht nicht die sämige Tiefe für die dramatischen Stellen, doch wird der Kehlkopfartistik sehr gerecht. Joslyn Rechter läßt als verzauberter Ritter Ruggiero mit schönen Farben, geläufiger Gurgel und dramatischer Wahrheit kaum Wünsche offen, ihre wunderschöne, melancholische Arie "Verdi prati" war für mich im entspannten Piano gesungen der Höhepunkt des Abends. Nohad Becker als Gast ließ als heroische Verlobte Bradamante zwar auch gekonnte Koloraturen hören, die waren durch unschöne Vokalverfärbungen, Fiorituren auf "u" klingen einfach nicht gut, getrübt, auch klingt die Stimme an sich einfach zu klein. Dorothea Brandts Sopran wusste in der Partie der Morgana vor allem durch schöne Schwelltöne und silbernen Klang zu gefallen, die artistischen Koloraturen sind noch nachbesserungsfähig. Christian Sturms Tenor scheint sich im barocken Repertoire wohl zu fühlen, denn sein Oronte klang sicherer und nonchalanter, als man bei ihm im romantischen Repertoire gewohnt ist. Martin Js. Ohu absolviert den Melisso mit sicherem Bass, hier jedoch umgekehrt, ist eher eine Eignung für größeres Volumen. Annika Boos entzückt mit hellem Sopran als Oberto und gefällt durch starke Emotionalität.

Insgesamt die gute Leistung eines ausgeglichenen Stadttheaters, das eben nicht oft Barock spielt. Das reichliche Premierenpublikum zeigte jedoch mit langanhaltendem und begeisterten Applaus seine Freude für den immerhin dreistündigen Abend.

Martin Freitag 25.3.14                                                   Bilder siehe unten!

 

 

 

Prachtvolle Kostüme

ALCINA

Premiere am 23.03. 2014

Zauberoper mit einfachen Mitteln der Moderne

 Händel hat an die vierzig Opern geschrieben und gehört mit ihnen heute, auch wenn keiner der Einzeltitel die Aufführungszahlen der Opern des Hauptrepertoires erreicht, zu den am meisten gespielten Autoren. Die Stoffe reichen von den heroischen und Huldigungsopern zu barocken Zauberopern und Pasticci. Da man den 1:1 umgesetzten heroischen und historischen Stoffen mit ihren teilweise hergeholten Liebesverbandelungen heute nicht mehr so viel Interesse entgegenbringt, werden die Opern vielfach parodistisch und  ironisch inszeniert, aber leider auch vielfach zum comedy-Klamauk degradiert. Die Zauberoper Alcina beruht auf einer Episode aus Ariosts Orlando furioso und nimmt eine Ausnahmestellung in Händels Schaffen ein (Ballett, Chor, Ensembles); zudem thematisiert sie oberflächliche konsumptive erotische Verhaltensweisen  und wahre Liebe und führt in die Tiefe der Gefühle wie kein zweites Händel-Werk. Das inspirierte den Komponisten zu großer thematischer Geschlossenheit der Musik und einem Brillantfeuerwerk an unsterblichen Melodien, die er in anderen Opern wesentlich spärlicher einsetzte. Alcina könnte man aufgrund dieses emotionalen und psychologischen Inhalts durchaus auch als Oper mit den früheren romantischen Stilmitteln aufführen. Aber das ist im Zeitalter des Aberglaubens an die historisch informierte Aufführungspraxis kein Thema... 

Dorothea Brandt (Morgana); Nohad Becker (Bradamante); Christian Sturm (Oronte)

Was macht nun der scheidende Wuppertaler Opernintendant und Regisseur Johannes Weigand aus dem Stoff? Er stellt ihn untendenziös als Zauberoper mit einem liebenswürdigen ironischen Unterton auf die Bühne und lässt Barock-Klamauk gänzlich  außen vor. Die Entwicklung der Titelfigur Alcina von einem ruchlosen, bösen männerverscheißenden, ja -mordenden Weib bis zu einem Häufchen Elend, das alle Macht über seine Umwelt verloren hat, weil es begann wirklich zu lieben, bleibt dabei sekundär. Das äußert sich schon in der Streichung von Alcinas Arie „Si, son quella“ im ersten Akt, die mit am Anfang ihrer Entwicklung steht, die mit ihren Lamenti und ihrem Untergang endet. Von den weiteren Kürzungen, die die Fassung dieses Abends von den ursprünglichen vier auf zweieinhalb Stunden reine Spielzeit brachten, hatte Händel schon bei der ersten Wiederaufnahmeserie in London einige selbst vorgenommen. In der vorliegenden Produktion behalten Oronte und Oberto ihre Arien; bei den rein instrumentalen Passagen ist aber schon bei der einleitenden sinfonia gekürzt worden, die Ballettmusiken sind konsequent herausgestrichen, obwohl gerade ein Teil dieser zur Zauberstimmung des Werks beiträgt. Dafür blieben alle Chorszenen bis auf eine erhalten. 

Joslyn Rechter (Ruggiero); Martin Js. Ohu (Melisso)

Weigand realisiert sein Konzept mit ganz einfachen szenischen Mitteln, wobei die Klar- und Einfachheit des Bühnenbildes (Moritz Nitsche) mit der märchenhaften Pracht der Kostüme (Judith Fischer) kontrastiert. Die Bühne ist mit einem großen weißen Rahmen eingefasst, als ob die Regie sagen wollte: Achtung, wir sind im Guckkasten-Theater! Auf der Spielfläche ist ein Halbrund von sieben bühnenhohen, mit Leinwand bespannten Elementen aufgebaut, von denen sich bei dreien durch Hochraffen Durchgänge öffnen lassen. Davor wird praktisch ohne weitere Requisiten gespielt. Zauberhafte Elemente und Fantasien werden jeweils farbig auf die Leinwand projiziert. Dahinter tauchen in Schattenspielen märchenhafte Figuren auf: die von Alcina verzauberten Männer. Die Kostüme reichen von ironisierender Naivität beim „niederen“ Paar Oronte Morgana bis zur ausladenden Krinoline Alcinens und ihrem zum Schluss darüber gezogenen Luxuskleid mit langer Schleppe.

Während der sinfonia treten Melisso und Ricciardo/Bradamante in einfachen Uniformen mit Südwester vom Zuschauerraum auf die Bühne: sie sind vom maritimen Unwetter auf die Zauberinsel gespült worden und mischen dort die Handlung auf. Bei dem Spiel im Halbrund gibt es nicht viele Requisiten. Melisso hat zwei Koffer mit Kultgegenständen für den Abtrünnigen Ruggiero an Land gerettet. Dann gibt es noch den Zauberkasten der Alcina; das ist ein Lampen- und Spiegelgestell, das aus einem Designer-Laden der 70er Jahre stammen könnte. Das Werkzeug wirkt bei der Beschwörung der Schatten gegen Ende schon nicht mehr. Als aber der antikisierend eingekleidete Pennäler-Typ Oberto zum Schluss einen wesentlichen funktionalen Teil des Geräts herauszieht und mutwillig zerstört, fallen die Bettlaken der Bespannungen; die Insel ist von Alcinas Zauber befreit ebenso wie das darauf befindliche Volk: es handelt sich um eine Schar von Mittelmeertouristen, die zu Besuch auf der Insel ist und nun fröhlich herumtanzt.  Im Schlusschor feiern sie das ihnen gewogene Schicksal, während sich Alcina an der Seite mit einer Pistole in den Mund schießt. Ende der Oper! Eine zwar zurückhaltende, aber stringente und gut mit der Musikstruktur gehende Personenregie rundet die gute Regieleistung ab.

Nohad Becker (Bradamante); Joslyn Rechter (Ruggiero); Elena Fink (Alcina)

Bezüglich der musikalischen Realisierung des Werks muss man indes etwas Wasser in den Wein schütten. Verstärkt mit einigen Barockspezialisten spielte ein etwa 25-köpfiges Ensemble aus dem Sinfonieorchester Wuppertal unter seinem jungen Kapellmeister Boris Brinkmann durchweg präzise und musizierfreudig auf. Aber dennoch: das war nicht Fisch, nicht Fleisch. Der federnde Händel-Swing kam kaum zustande, der Klang einiger Originalinstrumente kontrastierte mit der romantisch klingenden Streichergrundierung. Das klang ziemlich brav und war in dem Tempi manchmal etwas breit: kulminierend im „verdi prati“. Erst im dritten Akt nimmt die Musik mit dem Geschehen an Dramatik zu. Aber bei einem der Höhepunkte der Oper „sta nell’ircana“ wollten die hohen Naturhörner den Hornisten nicht gehorchen. Sauber hingegen die Soli der Flöten, der Geige und des Cello und gut einstudiert (Jens Bingert) der Opernchor, der kräftige musikalische Akzente setzten konnte.  

Elena Fink (Alcina) 

Die Titelrolle war mit Elena Fink besetzt, die mit ihrem klangstarken, gut fokussierten Sopran die Rolle jugendlich dramatisch anlegte. Dementsprechend war ihre stimmliche Beweglichkeit bei den secco-Rezitativen nicht sehr ausgeprägt, dafür aber sehr gelungen dramatisch die Geisterbeschwörung im einzigen accompagnato  „Ah! Ruggiero crudel!“ und die folgende Arie. Innig in Ausdruck und Tiefe ihre beiden Lamenti, wobei das „Ah Ah mio cor“ noch besser gefiel. Die Australierin Joslyn Rechter verlieh dem Ruggiero ihren eleganten, runden und einschmeichelnden Mezzo, der in der Höhe schön aufblühte. Auch Nohad Becker punktete als Bradamante mit einem weichen klaren Mezzo, mit dessen Beweglichkeit sie ihre Koloraturen mit schöner Leichtigkeit bewältigte. Selbst in der guten Akustik des mittelgroßen Wuppertaler Saales hätte man sich von den beiden Mezzosopranistinnen allerdings etwas mehr Volumen gewünscht. Christian Sturm sang mit feinem lyrischem Tenor den Oronte, den Händel schon ursprünglich für einen jungen Sänger gesetzt hatte, und war auch darstellerisch mit seinem jugendlichen Auftreten gut unterwegs. Dem koreanischen Bass Martin Js. Ohu lagen die Rezitative nicht; aber seine Arie gestaltete er mit schönen lyrischen Linien. Die junge Wuppertalerin Annika Boos punktete in der aufgewerteten Rolle des Oberto mit quicklebendigem Spiel und ihrem klaren hellen Sopran. Dass die Morgana eine der schwer sangbaren Rollen Händels ist, zeigte sich auch bei Dorothea Brandt, die zudem mit den Rezitativen zu kämpfen hatte. 

Elena Fink (Alcina); Christian Sturm (Oronte); Chor; Alcinas Zaubergerät

Die Vorführung erhielt aus dem fast ausverkauften Haus Riesenbeifall, der sich bei der Vorstellung des Regieteams fast zum Jubel steigert. Wahrscheinlich galt dieser Extrabeifall dem scheidenden Opernintendanten Johannes Weigand persönlich. Alcina kommt bis in den Juni hinein noch sechs Mal. 

Manfred Langer, 24.03.2014                         Fotos: Uwe Stratmann

 

 

 

CD-Empfehlung:

 

Opulenter Händel-Klang der Cappella Coloniensis unter Ferdinand Leitner (heute nicht mehr als historisch informiert anerkannt.) Dazu Fritz Wunderlichs Tenor als Ruggiero und Joan Sutherland als Alcina

Live Aufnahme 1959 - Deutsche Grammophon  2 CDs   CD ADD 0289 477 8017 5 GH 2 MONO

 

 

 

 

 

Keine Experimente!

Opernintendant Kamioka stellt sein erstes Spielzeitprogramm vor
 
Ein golden glänzendes W prangt auf der Broschüre der neuen Spielzeit 2014/15. Das ist chic. Was aber steckt dahinter? Wie sieht sie aus – die erste Spielzeit des neuen Opernintendanten Toshiyuki Kamioka? Solche Fragen sollte die Pressekonferenz beantworten, die am vergangenen Freitag im Opernhaus stattfand. Und auch noch andere. Schließlich hatte in den letzten Monaten das Gerücht die Runde gemacht, Kamioka wolle in Zukunft auf ein festes Opernensemble verzichten und nur noch Gastsänger verpflichten. Zahlreiche Pressevertreter erschienen. Ganz zu schweigen von den interessierten Wuppertaler Bürgern. Ansprechpartner neben Kamioka waren sein Stellvertreter Joachim Arnold, der kaufmännische Geschäftsführer Enno Schaarwächter und Oberbürgermeister Peter Jung.
 
Die Vorstellung der Spielzeit dauerte nicht lang. Sechs Premieren plant das Team Kamioka-Arnold. Puccinis „Tosca“ soll die Spielzeit am 5. September 2014 eröffnen. Danach folgen „Don Giovanni“, „Parsifal“ und „Salomé“. Farbtupfer sind eine szenische Aufführung der „Johannes-Passion“ im Mai und die Kinderoper „Alice im Wunderland“ als letzte Premiere im Juni 2015. Wiederaufnahmen des „Barbier von Sevilla“ und von „Hänsel und Gretel“ – beides Inszenierungen des scheidenden Intendanten Johannes Weigand – fügen sich in das Muster ein.
 
Operetten, mit denen Weigand beim Publikum punktete, werden nicht gespielt. Ein Musical-Projekt sei kurzfristig wieder abgeblasen worden – nach Protesten der Gewerkschaft Verdi. Mehr, so Intendant Kamioka mit entwaffnender Ehrlichkeit, könne er im Moment nicht leisten. „Ich bin abhängig von Zuschauerzahlen und Einnahmen.“ Dafür sei die Spielzeit bereits finanziert. „Wie sich das für einen vernünftigen Kaufmann gehört.“ Joachim Arnold sprach gern von den vielen Regisseuren, die ihr Debüt in Wuppertal gäben. Zum Beispiel vom Regisseur der „Johannes-Passion“, Philipp Harnoncourt, dem Sohn des berühmten Dirigenten. Hellhörig wurde man, als Arnold ein Dutzend Sänger erwähnte, mit denen der Intendant plane. Sei ein festes Ensemble gemeint? Kamiokas Stellvertreter wollte keine definitive Antwort geben. Profis wie Tenor Emilio Pons wollten „überhaupt kein festes Engagement“. Ausweichend antwortete Arnold auch auf die Frage nach der Theaterpädagogik. Ja, die neue Dramaturgin, Janina Maschkowski, würde auch pädagogisch tätig werden.
 
Als dann noch der Journalist Werner Häussner von einer Erhöhung der Eintrittspreise um 20 Prozent sprach, reagierte OB Jung etwas ungehalten und läutete das Ende der Pressekonferenz ein. So blieb also eine Frage weiter offen: Wird es noch einmal ein Wuppertaler Opernensemble geben?
 
Weitere Informationen unter: www.wuppertaler-buehnen.de  
 
Daniel Diekhans 18.3.14                 (Gastbeitrag Musenblätter)

 

Spielzeit 2014/15 

TOSCA PR Freitag, 05.09.2014 19:30

DER BARBIER VON SEVILLA PR Freitag, 24.10.2014 19:30 Uhr

DON GIOVANNI PR Samstag, 08.11.2014 19:30 Uhr

HÄNSEL UND GRETEL PR Freitag, 05.12.2014 19:30 Uhr

PARSIFAL PR Freitag, 13.03.2015 17:00 Uhr

SALOME PR Freitag, 17.04.2015 19:30 Uhr

JOHANNES PASSION PR Freitag, 22.05.2015 19:30 Uhr

 

 

 

DER UNIVERSUMSSTULP

Besuchte Aufführung am 07.03.14

(Premiere der UA am 07.02.14)

Traugott im Wunderland

In seiner letzten Spielzeit geht Operndirektor Johannes Weigand aber wirklich aufs Ganze und wagt , neben den Veranstaltungen, die über die ganze Stadt verteilt werden, auch noch eine echte Uraufführung: "Der Universumsstulp" eine musikalische Bildergeschichte in drei Heften nach  dem gleichnamigen Roman des in Wuppertal ansessigen Eugen Egner, auf dessen Libretto mit der Musik von Stephan Winkler. Egner selbst zählt zu den führenden Vertretern der Groteske der deutschen Literatur und ist ebenso als Maler, wie vor allem Karikaturist und Zeichner für das berüchtigte Satire-Magazin "Titanic" bekannt.

Universumsstulp, das ist ein Fachbegriff aus dem Bereich der Urknall-Theoretiker, dient also für eine Bezeichnung des "Woher kommen wir", eine These die nicht bewiesen, doch von durchaus ernstzunehmenden Wissenschaftlern durchdacht wird. Die lange Handlung in wenigen Worten zu beschreiben, wird unmöglich sein, doch hier eine Andeutung der mehrfach mäandernden Geschehnisse: der Schriftsteller Traugott Neimann wird durch eine höhere Entität dem Tode entrissen, er durchlebt daraufhin eine skurrilere Situation nach der nächsten, begegnet Agenten des Innenministeriums, dem Papst Probstenloch (Erfinder des Prälatengummis), wechselt Körperzustände, wird unter anderem als Brotaufstrich verzehrt, um die überbordende Fantasie anzudeuten, um als virtuelle Kunstgestalt wiederauferstehen zu dürfen. Bis zur Pause denkt man noch, was es soll, doch nach der Pause bekommt die Handlung in ihrem kafkaesken Strudeln Sinn. Gerade für die Generationen, die sich durch den Umgang mit virtuellen Medien immer mehr in der Frage, nach der eigenen Identität, dem Kommunizieren mit echten (?) Menschen, verunsichert fühlen, werden den tieferen oder höheren Sinn dieser Groteske nachvollziehen können.

 


Stephan Winkler hat die Musik komponiert, nicht unbedingt einem "schönen" Klang untergeordnet, doch immer am Puls der Handlung und des Librettos. Verglichen mit den letzten Uraufführungen meine ich hier, eine echte Vertonung zu spüren, denn ein, wie kann ich meine Musik verkaufen, wie soll sie klingen, der letzten erlebten Novitäten. Ee entsteht eine dramatisch sehr gestische Tonsprache und wird mit vorher aufgenommenen und elektronischen Elementen gemischt. Die Gesangslinie folgt eher der gesprochenen Linie in etwas übersteigert theatralischem Duktus, die Sänger haben weniger Schöngesang abzuliefern, als dramatischen Aplomb und gute Verständlichkeit; Letzteres gelingt nicht immer.

 

 


Eine weitere Besonderheit dieser Uraufführung ist die Zusammenarbeit mit der Kunststiftung NRW , die mit dieser Uraufführung ihr fünfundzwanzigstes Jahr feiert. So wird die komplizierte Partitur mit dem Ensemble musikFabrik aufgeführt, dem mittlerweile, man kann sagen, weltbekannten Spezialensmble für moderne Musik mit einem ihrer treuesten Dirigenten an Pult: Peter Rundel ist ein Garant für die sichere Umsetzung und den adäquaten Umgang dieser Art Tonsprache. Thierry Bruehl setzt deutlich die vielen skurrilen Geschehnisse um und bedient sich dabei mit den Filmen von Philippe Bruehl und der einfachen, wie überzeugenden Bühnenlösung von Bart Wigger und Tal Shacham mit ihren schnellen Szenenwechseln, absolut sinnvoll der modernen Techniken und zitiert sogar die comicähnliche Zeichensprache des Autors Egner. Vielleicht gerät manche Umsetzung nicht ideal, doch Szenen wie die Computerwelt eines Verlagsprogrammes beeindrucken sehr. Manchmal erinnert der Abend sogar an große technisch-filmische Meisterleistungen wie die Matrix-Trilogie.

 

Der Bariton Olaf Haye und der Schauspieler Andreas Jankowitsch teilen sich die riesige Aufgabe des Traugott Neimann, beide gleich intensiv im Ausdruck und hervorragend in der Gestaltung, wie eigentlich auch das ganze Ensemble des Abends. Die Gesangsaufgaben in ihrer Eigenartigkeit legt vieleicht gar nicht so großen Wert auf die übliche Gesangsschönheit eines "normalen" Opernabends, daher möchte ich die einzelnen Protagonisten gar nicht extra herausheben , sondern mit einer Aufzählung der beteiligten Künstler einfach zum Ausdruck bringen, daß hier die Gesamtleistung zählt und vom Rezensenten als recht hoch eingestuft wird. Ein gesammeltes Danke an Uta Christina Georg, Michaela Mehring, Dorothea Brandt, Annika Boos, Joslyn Rechter, Katharina Greiß, Hendrik Vogt, Christian Sturm und Martin Js. Ohu.

 


Der Beweis für die Qualität, wie auch Unterhaltsamkeit des Werkes wie der Aufführung, sind die gute Auslastung des Wuppertaler Hauses, wie wenige Zuschauer bei dieser modernen Musik in der Pause gegangen sind, und natürlich der mehr als verdiente, äußerst herzliche, wie lang anhaltende Applaus. "Der Universumsstulp" ist eine Oper, der man gerne wieder auf den Spielplänen begegnen möchte; eine Oper, die auch gerade ein junges und jung gebliebenes Publikum mit ihrer Thematik erreichen kann.

 

Martin Freitag 12.3.14                                     Bilder: Wuppertaler Bühnen

 

 

 

DER TOREADOR

Besuchte Premiere am 19.01.14

Das Wandern ist des Sängers Lust

In seinem letzten Jahr als Wuppertaler Operndirektor erfüllt sich Johannes Weigand den Wunsch, mit mobilen Produktionen durch das "Tal" zu reisen, was  Sinn hat, denn im Opernhaus stehen sich Oper, Tanztheater und Schauspiel gegenseitig auf den Hacken, so daß noch Kapazitäten bleiben, mit Wanderproduktionen Werbung für die Oper zu machen. Mit der Odysseus-Oper von Terzakis ging es reihum in verschiedene Schulen, die Kirchenoper "Maria Egiziaca" tourt durch einige Kirchen des Städteverbunds, mit der dritten Produktionen zieht es die Oper in Betriebe, die mit entsprechenden Hallen Aufführungsorte stellen können, die Nachfrage scheint groß zu sein.

Objekt der Aufführung ist Adolphe Adams kleine Trouvaille "Der Torero oder Liebe im Akkord", zwei Akte, circa achtzig Minuten Spieldauer voller amüsant beschwingter Musik. Die Handlung ist fast bedeutungslos der Ex-Torero Don Belfor hat Coraline aus Gelddingen geheiratet. Diese unglückliche Ehe wird durch den Flötisten Tracolin bereichert, einen früheren Schwarm der ehemaligen Opernsängerin. Man einigt sich schließlich zu einem, für diese Zeit recht frivolen, Qui-pro-Quo. Die Musik zu diesem szenischen Nichts birst vor melodiösen Einfällen, geistreichen musikalischen Anspielungen voll schöner Aufgaben für die drei Sänger.

Tobias Deutschmann leitet das gar nicht klein besetzte Orchester mit der nötigen Leichtigkeit und bringt Adams Einfälle in ihrer Grazie zum Leuchten, dabei wird sehr auf die Durchhörbarkeit des spezifischen Raumes, hier die Alte Schmiede der Firma Knipex in Wuppertal-Kronenberg, geachtet. Björn Reinke findet in seiner Inszenierung den leichten, rechten Tonfall für diese musikalische Commedia dell `arte und garniert das Gestern mit ein paar zeitgenössischen Kalauern, wie dem Entzücken auslösenden Paketboten, was beim Publikum bestens ankommt. Ein kleiner, grüner Wohnbunker und ein paar Requisiten, schnell an andere Orte zu transportieren, reicht an Bühnenbild. Ausstatterin Monika Frenz läßt es dafür auf drei hübsch bunte Kostüme ankommen, um für den Bühnenzauber zu sorgen, was ausreicht. Denn die drei Sänger spielen ihre Partien überbordend und raumfüllend, zwar ist Dariusz Machej mit etwas ausladendem Bassbariton gesegnet, was zu dem polternden Ex-Torero gut passt; Nathan Northrup nicht mit dem schönsten aller Tenorstimmen ausgestattet, was er durch gutes Stilgefühl und szenische Präsenz ausgleicht, doch kommt es in erster Linie auf die vokale Anwesenheit von Elena Fink an. Die Coraline ist die Primadonna des Stückes, was die Sopranistin mit stupenden Koloraturgirlanden gekonnt unterstreicht, man meint, je höher, je besser klingt ihre Stimme. Ein leicht maliziöser Gestus toppt den Effekt dieser Partie ebenso.

Nach gut gelaunten achtzig Minuten ist der Spaß schon zu Ende und das beschwingte Publikum zahlt mit den Händen reichlichen Applaus. Jede der folgenden Aufführungen wird an einem anderen Ort stattfinden, also rechtzeitig informieren und buchen, denn der Vorverkauf läuft gut. Eine Empfehlung für alle Opernfreunde diese Rarität einmal zu erleben, denn Adolphe Adam kennt man doch eigentlich nur noch durch das Ballett "Giselle", selbst "Der Postillion von Lonjumeau" ist nur noch lediglich durch Titel und Arie bekannt. Mit dieser reizenden Aufführung setzen die Wuppertaler Bühnen ein eindeutiges Zeichen für die schmählich vernachlässigte Opera Comique. Wer traut sich noch?

Martin Freitag 27.01.14                                          Bilder: Wuppertaler Bühnen

 

 

 

EVITA

Besuchte Wuppertaler Premiere am 05.10.13        -         2.Kritik

Popikonendrama

Schon eine Woche nach der gefeierten "Fledermaus" warteten die Wuppertaler Bühnen mit der nächsten Premiere auf: Andrew Lloyd Webbers "Evita" war zwar schon Ende letzter Spielzeit in Solingen und Remscheid gezeigt worden, doch fand erst jetzt den Weg an die Schwebebahn. Es gibt Stücke , die muß ein Kritiker nicht liebhaben, was zugegebenerweise für Webbers "Evita" auf mich zutrifft, denn ich halte dieses "One-Hit-Wonder", trotz seines zugegeben sehr schönen Hits "Don´t cry for me Argentina", maßlos überschätzt. Dieser Schlager wird dann in fast der Hälfte der Musik motivisch eingewebt, den Rest halte ich für Kunstgewerbe. Dramaturgisch befriedigt mich das Musical auch nicht: die Lebensstationen der schillernden Gestalt von Evita Peron werden zwar abgegangen, doch die pseudokritischen Kommentare der Figur des Che Guevara gerieren eine Kritik, die irgendwie nicht zustande kommt, man wartet auf eine Art Moral oder Aha-Erlebnis, das keine erlösung findet. Wie gesagt, eine persönliche Meinung zu diesem Werk, das doch vielen Menschen trotzdem Freude bereitet.

Wenn man es also auffführt, dann bitteschön auch so gekonnt, wie in Wuppertal: Aurelia Eggers muß sich als Regisseurin ganz eng an die Originalproduktion von Harold Prince halten, das wird in der Vergabe der Aufführungsrechte vom Verlag verlangt, trotzdem gelingt eine sehr feine, irgendwie persönliche Inszenierung. Jürgen Lier baut ihr dazu einen Kinosaal der Mitte letzten Jahrhunderts im Blau der argentinischen Flagge und warmen Brauntönen, Veronika Lindner steuert die passenden historischen Kostüme der Zeit und natürlich die schönen Roben der Polit-Diva dazu bei. Schnell werden die Lebensstationen durch Veränderungen der Bühne und Henning Priemers atmosphärische Beleuchtung durchgeführt. Die Figuren werden menschlich an uns herangeholt und der großartige Wuppertaler Opernchor ohne spezielle Musicalausbildung singt, spielt und tanzt die Massenszenen einfach hinreißend. Die Choreographie schöpft mit relativ einfachen Mitteln die optimale Wirkung aus, es ist Eggers erste Choreographie, die sie mit Hilfe Dona Piedras und Stefan Brauers erarbeitet hat, sehr gelungen!

Die Aufführung steht und fällt natürlich mit der Besetzung der Titelpartie: Banu Böke hatte vor einer Woche als Rosalinde in der "Fledermaus" begeistert, jetzt haben wir fast eine andere Sängerin vor uns. Denn mit Mikroport verstärkter Musicalgesang fordert eine ganz andere Gesangstechnik als "normaler", klassischer Gesang. Die Sopranistin erledigt das mit einer Natürlichkeit, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Dazu kommt das Erlebnis einer unheimlig starken Darstellerin, die den Lebensweg des einfachen Frau aus dem Volk in die Höhen des Starkults mit vielen Facetten ausfüllt, seien es die sympathischen oder auch nicht so netten Wesenszüge einer solchen Persönlichkeit. Banu Böke bewegt sich realistisch, gleitet ohne Übergang in getanzte Anmut und schafft es die gesundheitliche Tragödie ohne Rührseligkeit doch auch zu Herzen gehend bis zum Schluss zu spielen.                                                              

Mit Patrick Stanke als Che steht der einzige, eingekaufte Musical-Spezialist auf der Bühne, er hat seinen Erfolg nicht nur, weil ein Wuppertaler Gewächs ist, sondern mit seiner sicheren Ausstrahlung, der hellen Tenor(?)-stimme mit schönem, dem Genre angemessenen Klang. Eggers entlarvt die "Che Guevara" genannte Rolle, indem sie Stanke nicht als historisch zottelbärtigen Revoluzzer auf die Bühne schickt, sondern ihn einen smarten "All American Boy" sein läßt. Olaf Haye schlägt sich als Peròn mit der musikalisch heiklen, zwischen Bariton und Tenor changierenden Tessitur mehr als wacker, vor allem gelingt es ihm, aus der oft etwas nebensächlich wirkenden Rolle, eine echte Hauptpartie zu gestalten. Boris Leisenheimer singt mit passenden Schmalz den Tango-Tenor Augustin Magaldi. Annika Boos wird als Gegenspielerin um Peròns Gunst gnadenlos schnell ausgeschaltet, gefällt aber in ihrer Solonummer ungemein. Den Chor hatte ich schon erwähnt, doch noch nicht, das die Chorsolisten die vielen kleinen Rollen so wundervoll zu gestalten wußten. Der Extra- und der Kinderchor sind natürlich auch noch mit bei der Partie und unterstützen die Bühnengeschehnisse bestens, dazu kommen noch einige TänzerInnen des Estudio de Tango Wuppertal.

Tobias Deutschmann am Pult des Sinfonieorchesters Wuppertal mit seinen Gästen sorgt für den richtigen Schwung und Swing, den diese Art Musiktheater braucht. Auch die Tonverstärkung klappt hervorragend und läßt Gesang und Dialog natürlich herüberkommen, keine Selbstverständlichkeit an den deutschen Theater. Also: Wenn schon "Evita", dann bitte auch so ! Deswegen langer Premierenjubel und wieder stehende Ovationen, die auch absolut verdient waren.

Martin Freitag

Bilder siehe unten!

 

 

 

EVITA

Premiere am 5.10.13

Evita lebt!

Evita lebt. Wer einmal in Buenos Aires war, kennt ihr Gesicht. Noch Jahrzehnte nach ihrem frühen Tod ist Evita, Ehefrau des Präsidenten Juan Perón, allgegenwärtig. Sie prangt auf Postkarten, T-Shirts und Buchumschlägen. Wer die „Straße des 9. Juli“ – den prächtigsten Boulevard der argentinischen Hauptstadt – hinunterblickt, sieht ein überlebensgroßes Bild von ihr. Es zeigt Evita in der Rolle ihres Lebens. Als Rednerin am Mikrophon, die die Massen für die Sache ihres Mannes begeistern konnte. Bühnenautor Tim Rice war von der südamerikanischen Ikone so fasziniert, daß er aus ihrem kurzen, intensiven Leben ein Musical machte. Mit der Musik von Andrew Lloyd Webber entwickelte sich „Evita“ seit der Londoner Premiere 1978 zum Welthit. Inzwischen sind 35 Jahre vergangen. Längst ist Juan Perón als skrupelloser Diktator überführt, der seine Frau als politisches Werkzeug benutzte. Interessiert ein Musical über eine Diktatorengattin heute noch? Hat sich das Thema nicht spätestens mit dem „Evita“-Film, der Pop-Ikone Madonna in der Hauptrolle präsentierte, erledigt?

Aurelia Eggers sieht das anders. Für die Regisseurin gehört „Evita“ zurück auf die Bühne. Ihre Inszenierung, die vergangenen Samstag im Wuppertaler Opernhaus Premiere hatte, will gar nicht erst mit der Verfilmung konkurrieren. Das Bühnenbild von Jürgen Lier zeigt zwar einen alten Kinosaal. Doch die von Jakob Creutzburg gelieferten Bilder entlarven sich selbst. Ob nun Evita (Banu Böke) als Schauspielerin oder als Präsidentengattin auf der Leinwand erscheint – ihre Images sind nichts weiter als glattpolierte Illusion. Nur in dem Moment, wo die Titelheldin von ihrem Krebs erfährt, zeigt die Kamera sie in schonungsloser Nahaufnahme. Statt auf Video verläßt sich Eggers lieber auf klassische Theatermittel. Mit Hilfe von Gesang, Musik, Tanz und Kostümen – liebevoll gestaltet von Veronika Lindner – erzählt sie von der Entstehung der Legende Evita. Ein moderner Mythos, der viele Schöpfer hat. Da ist die junge ehrgeizige Eva Duarte, die sich zur Nationalheiligen stilisiert: „Ich bin Argentinien!“ Da ist der machthungrige General Perón (Olaf Haye), der seine Ehefrau als „eine gelungene Mischung aus Hure und Heiliger“ definiert. Da ist schließlich das Volk, dargestellt vom Chor, das seine Träume und Sehnsüchte auf „Santa Evita“ projiziert. Kritiker des Mythos ist der Student Che (Patrick Stanke), der als Erzähler durch die rasante Handlung führt. Am Ende friert Evitas Leinwandlächeln ein, und die Gesichter des Chors treten an ihre Stelle. Che kommentiert: „Die beste Show gab das Volk.“

Im Wuppertaler Opernhaus gibt das ganze Ensemble sein Bestes. Der Chor ist gut präpariert und wird von Choreografin Aurelia Eggers überzeugend in Szene gesetzt. Tobias Deutschmann führt sein Orchester sicher durch die rasch wechselnden Musiknummern. Für argentinisches Flair stehen Akkordeon und Perkussion, während Gitarren und Keyboards für packende Rock’n’Roll-Einlagen sorgen. Viel Lob auch für die Solisten. Boris Leisenheimer spielt den Tangosänger Augustin Magaldi, der das Mädchen Evita mit nach Buenos Aires nimmt, wunderbar schmierig. Sein Tenor ist weich genug bis hinauf in die Höhen. Auf Olaf Hayes Bariton ist ebenfalls Verlaß. Er verleiht dem Politiker Perón Statur. Seine Zwischentöne lassen hinter der Maske des kühlen Strategen einen Anflug von Empathie für die kranke Evita ahnen.

Große Gefühle bringt Sopranistin Annika Boos ein. In der Rolle von Peróns Geliebter, die gnadenlos von Evita ausgebootet wird, hat sie die Sympathien des Publikums auf ihrer Seite. Selbst Che, der Ironiker, reicht ihr ein Taschentuch. Musicalstar Patrick Stanke glänzt in der Rolle des jungen Studenten, der anfangs noch mit Evita flirtet, sich dann aber zu ihrem Gegenspieler mausert. Sein Tenor ist voluminös und doch flexibel genug für die Balladentöne. Als Tänzer führt er das Ensemble an. Der große Star des Abends aber ist selbstverständlich Evita. Banu Böke ist Evita. In diesen zweieinhalb Stunden zeigt sie, was sie kann. Mit größter Leichtigkeit bewegt sie sich über die Bühne. Jede noch so kleine Regung Evitas ist ihrem Gesicht abzulesen: Hoffnung, Angst, Freude, Hass, Triumph. Ihre Sopranpartie füllt sie voll und ganz aus. Mühelos trifft sie noch den höchsten Ton. Wer sie sieht und hört, weiß: Evita lebt. Auf der Bühne. Für eine viel zu kurze Zeit.

Daniel Diekhans 

Musenblaetter.de                        Bilder: Wuppertaler Bühnen / Uwe Stratmann

 

 

 

 

DIE FLEDERMAUS

Premiere am 27.09.13

Die gute, alte, böse Operette

Johann Strauß` Sohn Meisterwerk "Die Fledermaus" darf sicherlich als "piece de resistance" gelten, selbst wenn die Operette endgültig von den Spielplänen getilgt würde, gäbe es sie immer noch. Als wohl meistgespieltestes Werk dieses Genres hat man als Kritiker auch schon einige Mordversuche, oder sagen wir freundlicher, Experimente damit erlebt, meistens eher misslungen. An den Wuppertaler Bühnen ist jetzt einmal eine ganz klassische, blitzsaubere Inszenierung von Operndirektor Johannes Weigand zu erleben, da schnurrt das Räderwerk der Komödie nur so ab, ohne sich groß in den Gefilden des Dauerkalauers zu bewegen. Freilich darf auch viel gelacht werden, denn Weigand hat ein ganz hervorragendes Hausensemble bei der Hand. Künstler, die ihr Handwerk beherrschen, mit der Befähigung eine Pointe gekonnt auszuspielen . Moritz Nitsche hat sichtlich nicht allzuviel Geld gehabt, die Bühne auszustatten, doch es reicht, den kleinbürgerlich beengten Salon Eisenstein, das Gartenfest bei Prinz Orlofsky und die liebevolle Tristesse des Gefängnisses auszustatten, das Spiel ist in dieser Aufführung eh das Wichtigste. Judith Fischers farbenfrohe Kostüme schmeicheln dem Auge und passen zum Metier.

Schon bei der Ouvertüre merkt man den sorgfältigen Ernst, den Florian Frannek den Straußschen Melodien angedeihen läßt. Da werden die musikalischen Pointen gut ausgereizt, perlen die filigranen Streichertriolen beim Sinfonieorchester Wuppertal, Stimmung und gute Laune kommen schon auf, bevor sich der Vorhang hebt. Ein einziger Wunsch wäre lediglich das zusätzliche Ausreizen eines "Wienerischen Rubatos". Mit Kay Stiefermanns Eisenstein hat man einen echten Bonvivant in der Hauptrolle, da sitzt die Stimme, blitzt die Spielfreude, ihm gleichwertig zur Seite der Gefängnisdirektor Frank von Olaf Haye, der in späteren Vorstellungen sicherlich ebenfalls einen guten Eisenstein abgeben dürfte. Banu Böke mit schmollend divenhaftem Ton eine Rosalinde, wie sie pikant maliziöser nicht sein könnte, der schwierige Csardas "Klänge der Heimat" ist einer der Höhepunkte des Abends. Einer der anderen die "Unschuld vom Lande" von Elena Fink als Adele komödiantisch überbordendend, mit Annika Boos als Schwester Ida und Olaf Hayes Frank sekundierend, grandios serviert. Joslyn Rechters Prinz Orlofsky ist nicht nur von der Makenabteilung herrlich "ausgestopft", sondern gefällt ebenso mit klarem Mezzo. Miljan Milovic zieht als Dr. Falke geschickt die Fäden der Intrige und erfreut mit kernigem Bariton. Sehr menschlich der "Frosch" von Gregor Henze mit leichtem Böhmakeln gespielt, die Witze sind mal nicht die alten, sondern erfrischend aktuell. Schwachpunkt des Wuppertaler Ensembles sind derzeit die Tenöre: Boris Leisenheimer spielt unauffällig, doch auch geschickt den Advokaten Dr. Blind. Christian Sturm punktet als Sänger Alfred mit charmantem Aussehen und überzeugender Ausstrahlung, punktet auch mit passenden Tenor-Extempores im Gefängnis, doch rein gesangstechnisch bleibt er seit zwei Jahren auf dem gleichen Stand, die Höhe entwickelt sich nicht aus der Enge und der Stimmsitz klingt flackerig, damit kann man zwar leben, doch man würde dem jungen Sänger ein "Mehr" wünschen, da die Stimme an sich eine schöne Farbe besitzt.

Der Opernchor unter Jens Bingerts Leitung singt, wie eigentlich immer, prächtig und spielt engagiert, die Statisten machen ihre Aufgaben hervorragend. Insgesamt eine sehr runde, schöne Aufführung, die vom Premierenpublikum mit sehr langem, herzlichen Beifall, vielen Bravos für alle Beteiligten und stehenden Ovationen gefeiert wird. So schön kann Theater sein, so viel Spaß kann Operette machen, großen Dank an alle Künstler.

Martin Freitag                                       Bilder: Wuppertaler Bühnen

 


 

DON QUICHOTTE

Besuchte Premiere am 13.04.13

Poesie der Literaturoper

Um Jules Massenet war es in den vergangenen Jahren etwas still geworden, was sich zu ändern scheint, so haben die Wuppertaler Bühnen sein abschiedstrunkenes Spätwerk "Don Quichotte" in das Programm genommen. Die Oper um den Ritter von der traurigen Gestalt bietet mit ihrer hispanisierenden Musik, den kurzweiligen Episoden, der anrührenden, unerwiderten Liebe zwischen Quichotte und der Kurtisane Dulcinea und der ungewöhnlichen Besetzung der Hauptpartien, Don Quichotte und Sancho Pansa sind beide Bässe und Dulcinea Mezzosopran, ganz hohes Publikumspotential.

Jakob Peters-Messer inszeniert ganz an der Vorlage entlang, dabei wird das Stück "gut bedient", zwar könnte man noch aus einigen Szenen mehr Funken schlagen, eine bessere choreographische Auflösung der tänzerischen Chorszenen, ein effektvollerer Kampf gegen die Windmühlen, mehr Spannung innerhalb der Räuberszene, doch insgesamt funktioniert die Regie. Was sicherlich auch an der geschmackvollen Ausstattung von Markus Meyer liegt, die in ihrer leicht monochromen silbergrauen Färbung mit wunderschönen Beleuchtungseffekten (Henning Priemer und Fredy Deisenroth) aufwartet. Der Bühnenraum sorgt mit surreal-poetischen Akzenten für optische Gedanklichkeit, während es die Regie nicht wirklich schafft unter die vermeintliche Oberfläche der tiefen, emotionalen Musik Massenets zu dringen. Die Kostüme sind eine echte Augenweide, vor allem Joslyn Rechter wirkt mehr königlich, denn als Kurtisane. Mit fein eingefärbten Mezzo gibt sie das Portrait einer lebensklugen Frau, die sich resigniert in ihr Schicksal findet. Ebenso stark die beiden Bässe: John In Eichen meistert die schwierige Partie des Quichotte, die Massenet dem damals sicher weltbesten Bassisten, Fjodor Schaljapin, in die Kehle geschrieben hatte. Mir viel Wärme setzt er sein nuanciertes Singen von den Tiefen bis in die recht häufigen, hohen Bögen der Partie nuanciert ein. Ihm zur Seite mit prall ausgestopftem Bauch der junge Ensemblebass Martin Js. Ohu, der mit dem Sancho Pansa erneut eine hervorragende Visitenkarte abgibt, sehr schön die deutlich abgestufte Unterscheidung zwischen der komischen und der gefühlvollen Seite dieser Rolle. Annika Boos, Miriam Ritter und Boris Leisenheimer, dabei besonders positiv der Bariton Miljan Milovic hervorstechend, geben das Solistenquartett der spanischen Freier. Gleich nach der gesprochenen Ouvertüre von Cervantes, die uns in den Abend einstimmt, läßt Tobias Deutschmann am Pult des engagierten Sinfonieorchesters Wuppertal keinen Zweifel, daß er der rechte Mann für die heiklen Temporückungen von Massenets sensibler Tonsprache ist. Deutschmann setzt die knalligen, spanischen Tänze deutlich gegen das feine Gefühlsspiel der Hauptpartien ab. Die Chöre der Wuppertaler Bühnen und die kleineren Solopartien zeigen erneut die großen Ensemblestärken der "kleinen" Häuser.

Der Premierenapplaus bei diesen kurzweiligen Abend mit einer dem großen Publikum unbekannten Oper kann schlichtweg nur triumphal genannt werden. Die nächsten Vorstellungen finden , wohl aus Dispositionsgründen, leider erst im Mai statt, hoffentlich bleibt die gute Qualität der Aufführung bis dahin erhalten, um die Zuschauer weiterhin für dieses schöne Werk, den Komponisten und natürlich die Wuppertaler Bühnen mit ihren großartigen Künstlern zu begeistern.

Martin Freitag                                              Fotos: Uwe Stratmann

 

 

 

EIN MASKENBALL

Besuchte Premiere am 24.02.13

Oper nach Libretto 

Der Wuppertaler Beitrag zum Verdi-Jahr ist Johannes Weigands Inszenierung von "Ein Maskenball", vielleicht ist es nicht sonderlich originell eine Operninszenierung gänzlich ohne Deutung nach Antonio Sommas Libretto durchzustellen, doch beim Publikum kam die konventionelle Zurschaustellung sehr gut an. Dabei gab es eigentlich so gut wie kein Bühnenbild, jedenfalls nach "normalen" Vorstellungen, doch gerade das erweist sich als Stärke dieser Aufführung, denn Moritz Nitsche nutzt zusammen mit Operndirektor Weigand nur die leere Bühne samt ihren Maschinerie-Möglichkeiten: da wird die Unterbühne hochgefahren, eine schwarze Treppe, vielleicht ein gerafftes Tuch, wenige Möbel, doch immer sehr schön beleuchtet (Licht Fredy Deisenroth) und die konkrete Atmosphäre der jeweiligen Szene gut eingefangen. Den meisten Eindruck geben dabei Judith Fischers historisch adäquate Kostüme, mit den phantasievollen Perücken im Ballakt. Vielleicht hätte die Personenführung etwas unopernhafter ausfallen können.
Der Haupteindruck jedoch ist die gediegene Musikalität der Aufführung: Florian Frannek gelingt es den Melos Verdis mit dem Sinfonieorchester Wuppertal glänzend einzufangen, er verbindet die romantisch ausschwingenden Melodiebögen voller Emphase mit den spitzigen Rhythmen der doppelbödigen Komik des Sujets. Verdis leidenschaftliche Melodien quasi durch die Brille der französischen Opera Comique betrachtet; die Sänger dabei sicher geleitend. Einen großen persönlichen Erfolg ersingt sich Melba Ramos als Amelia, den Wuppertalern über die Jahre immer wieder die Treue haltend, ist sie von den Koloraturpartien der Mozartopern jetzt zur Verdi-Heroine gereift, singt die Phrasierungen mit starker emotionaler Beteiligung, hat den Ton für die glutvollen Leidenschaften der Mittellage fast ohne Anstrengung bis in die pointierten Spitzentöne. Felipe Rojas Velozo ist als indisponiert angesagt, beeindruckt dabei trotzdem mit strahlenden Stentorklängen, erst gegen Schluss zeigt der Tenor krankheitsbedingte Ermüdungen, die mit Schluchzern garnierte Interpretation a la Gigli passt gut zu dem sentimentalen Charakter des Riccardo, eine mehr als überzeugende Leistung. Ob Kay Stiefermanns Bariton für das dramatische Verdi- (und Wagner) Fach wie den Renato wirklich geeignet ist ? Die ersten zwei Akte überzeugt der Bariton mit chevaleskem Ton, beim "Eri tu" jedoch wird die Stimme mit Druck eingesetzt, kommt der Sänger doch an seine Grenze, wobei er in der Schlusskadenz mit gefühlvollem Piano und betörendem Akuti wieder einzunehmen weiß. Zdravka Ambric überzeugt mich als Ulrica nicht wirklich, zwar sind alle Töne da, doch die Höhe kommt mit recht dramatischem Vibrato, für die tiefen Lagen fehlt die vulkanische Glut eines echten Altes. Elena Finks Oskar kommt szenisch wie vokal funkenschlagend daher. Miljan Milovic singt den Matrosen Silvano mit üppigem Bariton. Von den Verschwörern gefällt mit Olaf Haye mit maskulinem Bariton als Samuel besser, als der etwas mulmig eingesetzte Bass von Martin Js. Ohu als Tom. Die Chöre sind unter Jens Bingert einfach eine Pracht von aufbrausenden Tutti-Stellen bis in die piano gesungenen Verschwörerchöre.
Szenisch kommt der Abend zwar etwas bieder daher, musikalisch überzeugt die Aufführung in ihrer qualitätsvollen Geschlossenheit. Das Wuppertaler Haus hat jedoch einen großen Erfolg, bei dem alle Beteiligten sehr gefeiert werden.

Martin Freitag

 

DER BARBIER VOB BARMEN

Zarzuela von Manuel Nieto

Besuchte Aufführung am 16.02.13 (Premiere am 27.01.13)

Ein Traum von Malle

Kennen Sie den "Barbier von Barmen" ? An den Wuppertaler Bühnen kann man ihn jetzt im Foyer des Schauspielhauses kennenlernen! Dahinter verbirgt sich eine der bekanntesten Zarzuelas (die spanische Form der Operette) von Manuel Nieto und Gerònimo Gimènez mit dem Originaltitel "El barbero di Sevilla". Wie man dem Titel entnehmen kann, eine Operette, die hinter dem Theater spielt und auf die Rossini-Oper anspielt. An der Wupper in einer Eigenfassung: Die "Malle-liebende" Garderobiere Christa Hagenkötter, Rufnahme Donna Casimira, versucht ihre begabte Tochter als Sängerin zu lancieren, gegen den Wunsch des Ehemanns, der rein zufällig auch der Galan der alternden Hausdiva ist; .... also die bunten Intrigen des Theatervölkchens mit liebenswerter, spanischer Unterhaltungsmusik kombiniert. Die Musik zitiert nebenbei auch damals beliebte Repertoirestücke von Meyerbeer, Gounod, Bizet und natürlich Rossini. Und weil eine Zarzuela meistens gerade mal eine knappe Stunde dauert, wird das Werk mit "Tosca", "Carmen" und "Barbier"-Einlagen auf eineinhalb Stunden Spieldauer gestreckt.

Miljan Milovic (Martin); Elena Fink (Elena); Oliver Picker (Carlos Rodriguez)

Björn Reinke inszenierte den bunten Reigen mit viel Witz und Spielfreude der beteiligten Akteure in der farbigen Ausstattung von Monika Frenz, da wird mit einem tiefen Griff in den Fundus ordentlich Bühnenzauber entfacht, der Rheinische Karneval lugt ständig um die Ecke. Dabei kokettiert die Aufführung immer mit dem Charme eines Käseigels, den man verschämt doch von Herzen liebt. Elena Hagenkötter ist die junge Sängerin, die von Elena Fink mit blitzenden Soprankoloraturen und jugendlicher Erscheinung ausgestattet wird; Michaela Mehring der leicht angewitterte Hausstar "La Roldàn". Milijan Milovic mit warm timbriertem Bariton der Liebhaber und Jungsänger Martin, Oliver Picker mit sonorem Bass der sich exotisch gerierende Gesangslehrer Carlos Rodriguez, während Boris Leisenheimer als Faktotum Sanchez dem Affen ordentlich Futter gibt. Das Zentrum der Vorstellung sind die beiden Darsteller der Eltern Hagenkötter, beides Schauspieler, die aus ihren Stimmen samt Defiziten Funken zu schlagen wissen: Peter K.Hoffmann als spießig-knarziger Möchtegernliebhaber Walter H. und natürlich als Ruhrgebiet-Hausfrauen-urgestein Dora Brockmann als Christa H. alias Donna Kasimiera. Der Höhepunkt der Aufführung ist ihr im Diskant vorgetragenes Zigeunerlied ("Carmen" 2. Akt) mit drei göttlich tanzenden Putzfrauen-Kolleginnen quasi in der Reinemach-Version, die Gehörgänge sind danach frisch gespült, während die Sicht mit Lachtränen verschleiert ist, gnadenlos grandios!

Boris Brinkmann dirigiert das tadellos aufspielende und mitspielende Sinfonieorchester Wuppertal durch die Kammerversion der Partitur, korrepetiert vom Klavier und beweist darstellerische Präsenz.

Das Publikum kommt absolut auf seine Unterhaltungskosten und will gar nicht aufhören, zu applaudieren. So schön, soviel Spaß macht kreativ gestaltetes Unterhaltungstheater, die Fahrt nach Wuppertal hat wieder einmal gelohnt.

Martin Freitag                                                                   Foto: Tom Buber

 

 

BLUTHOCHZEIT

(Wolfgang Fortner)

Besuchte Premiere am 13.01.13

Lorca und Fortner

Wolfgang Fortner galt einst als einer der wichtigen deutschen Komponisten seiner Zeit, seine Oper "Bluthochzeit" nach der gleichnamigen Tragödie von Federico Garcia Lorca (UA 1957 in Köln) war eine der meistgespielten zeitgenössischen Werke der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts in deutschsprachigen Ländern. Seither ist es still geworden um Komponist und Werk (die letzte Premiere war 1984 in Düsseldorf). Wenn jetzt die Wuppertaler Bühnen die Oper auf den Prüfstand stellen, so belegt das wieder einmal die These, daß das wichtige und spannendste Theater mitunter in der sogenannten Provinz stattfindet.

1950 komponierte Fortner für Karl Heinz Stroux in Düsseldorf die Schauspielmusik zu Lorcas nach Vertonung schreiendem Schauspiel und entwickelte quasi aus dieser Keimzelle die Oper für Köln (es gibt eine CD-Aufnahme unter Günter Wand davon). Der Oper merkt man diese Herkunft zweifelsohne an, denn wichtige Solopartien werden von Schauspielern besetzt, die auch ein wenig singen, während die Sänger auch zwischen Gesprochenem und Gesungenem wechseln müssen. Den Vorbildern Schönberg und Berg in die Atonalität folgend, gibt Fortner Text und Musik gleiches Gewicht, wie beim großen "Wozzeck", vielleicht zwar ohne die Genialität Bergs zu erreichen, doch das Ergebnis ist echtes, spannendes Musiktheater. Leichtes, spanisches Kolorit wird in die Musik projiziert.

Das Bühnenkonzept und die Inszenierung von Christian von Götz sind schlicht und werkdienlich: das Theater findet nach vorne gezogen auf dem Orchestergraben statt, während das Orchester erhöht auf einem Podium von der Bühne den „Soundtrack“ liefert, was für die wichtige Wortverständlichkeit absolut richtig ist. Hilary Griffiths leistet mit dem Sinfonieorchester Wuppertal wirklich Großes, die Verbindung zwischen Orchester und Darstellern bleiben stets eng ineinander verzahnt, die schwierigen Einsätze zwischen Sprechtheater und Musikdrama werden fließend beachtet, die Ausgewogenheit zwischen Textverständlichkeit und aufwallender Sinfonik hervorragend austariert. Götz inszeniert den Lorca/Fortner schlicht vom Blatt weg und bedient sich dabei der starken Persönlichkeiten der Darsteller. Ein Trennvorhang mit der Fassade einer Hochhaussiedlung und Ulrich Schulz` zeitgenössische Kostüme suggerieren Aktualität, in der lyrisch-symbolischen Flucht- und Todesszene wird alles noch einmal passend reduziert und das Augenmerk ganz auf die Darstellung, die Musik der Sprache und die Sprache der Musik gerichtet. Die Szene macht einen einfachen und konzentrierten Eindruck. Indes wäre der Abend nichts ohne seine Darsteller - man möchte zwar sagen, es ist Dalia Schaechters Vorstellung, doch eigentlich hinkt niemand hinter ihr zurück. Schon das erste, verhärmte Wiegen der dominierenden Rolle der Mutter macht klar, wer das Zentrum auf der Bühne darstellt. Von den schlichten, zarten Tönen bis zum hochdramatischen Schmerzensschrei schöpft die Sängerin ihre Möglichkeiten aus, um das ergreifende bis erschütternde Portrait dieser traumatisierten Frau darzustellen.

Vom Wuppertaler Schauspiel liefert Ingeborg Wolff mit nahezu gespenstischer Intensität und hervorragender Sprechtechnik als Nachbarin/Bettlerin/Tod den szenischen Gegenpol, diese Frau verursacht mir echte Gänsehaut mit ganz wenigen Mitteln. Sehr stark die Damen des Wuppertaler Musiktheaters: Banu Böke mit teilweise somnambulem Gestus und leuchtendem Sopran als Braut, Joslyn Rechter mit präsentem Mezzo als erdige Magd und Miriam Ritter mit fast zurückgehaltener Tongebung als ahnende Frau Leonardos, der von Thomas Laske mit strahlendem Bariton von gar nicht immer unsympathischem Machismo gezeichnet wird. Gregor Henze nutzt den schwierigen Sprechpart des Bräutigams, um den menschlichen Antipoden auf starke Weise als schwachen Charakter zu geben. Martin Koch singt den wundervollen Part des Mondes mit durchaus auch einmal fahlen Farben. Annika Boos gefällt mit prägnanter Soubrettenstimme als Kind, während Cornelia Bergers Alt Leonardos Schwiegermutter rollengerecht auch alt klingen läßt. Das Ensemble mit den vielen Solopartien aus Schauspiel, Chorsolisten und natürlich dem wirklich großartigen Wuppertaler Chor füllt sämtliche Rollen prägnant und mit farblicher Akkuratesse. Szenisch schultert die Tänzerin Verena Hierholzer in der Partie des Dämon, der die mitgeschleppte Vergangenheit der Handelnden darstellt, den Abend mit ihrer Intensität wesentlich.

Wirklich ein Musiktheaterabend aus einem Guß, der manchen Zuschauer vielleicht noch bis in die Träume verfolgt. Das gut besuchte Haus feierte einen echten, verdienten Premierentriumph. Eine Vorstellung, die man sich durchaus noch ein zweites Mal anschauen sollte, ich jedenfalls werde versuchen, einen weiteren Termin für mich zu finden.

Weitere Informationen und Termine: www.wuppertaler-buehnen.de

Martin Freitag

Redaktion: Frank Becker

Bilder siehe unten

 

BLUTHOCHZEIT

Premiere 13.1.2013

Spanische Folklore und Zwölftonmusik sind eigentlich zwei Stile, zwischen denen Welten liegen. In seiner Oper „Bluthochzeit“ verbindett Wolfgang Fortner beide musikalischen Idiome zu einer schlüssigen Tonsprache. An den Wuppertaler Bühnen kann man diese selten gespielte Oper, die 1957 in Köln uraufgeführt wurde und zuletzt 1986 in Düsseldorf inszeniert wurde, wiederentdecken.

Man hört Fortners Musik an vielen Stellen an, dass sie aus einer Schauspielmusik entwickelt wurde, zumal in dieser Oper reine Sprechrollen wie der Bräutigam verblieben sind. Auch die Gesangspartien werden immer wieder in gesprochene Dialoge zurückgeführt, was den musikalischen Fluss des Werkes etwas hemmt. Gleichzeitig staunt man über die schwermütige Schönheit von Fortners Musik.

Hillary Griffiths betonnt am Pult der Sinfonieorchesters Wuppertaler den Farbenreichtum und die Leuchtkraft dieser Zwölftonmusik. Da die Musiker auf einem erhöhten Podest auf der Bühne platziert sind und das szenische Geschehen auf der Vorderbühne stattfindet, kann das Orchester in so großer Besetzung aufspielen, wie sie im Graben kaum Platz gefunden hätte. Gleichzeitig rückt das szenische Geschehen hautnah an das Parkett und die Stimmen der Sänger werden nie von der Musik zugedeckt.

Regisseur Christian von Götz hat auch diese Raumlösung entworfen, die schlüssiger ist als sein Aktualisierungsversuch. Von Götz und sein Kostümbildner Ulrich Schulz siedeln den Streit zweier Familien, der von Generation zu Generation weiter getragen wird, im Prekariat unserer Gegenwart an. Dominierend ist ein großer Zwischenvorhang, der Spielfläche und Orchester voneinander abtrennt und die Hochhausfassade eines sozialen Brennpunktes zeigt. Ulrich Schulz greift besonders gern auf Militärhosen und die Adidas-Kollektion zurück, was den Eindruck erweckt, dass die Sportbekleidungsfirma Hauptsponsor dieser Produktion sei.

Die starren Gesellschaftsnormen, die Frederico Garcia Lorca in seiner Schauspielvorlage thematisiert, würden eher eine Ansiedlung im Mafia-Milieu oder bei religiösen Fundamentalisten nahelegen. Auch der bemerkenswerte Hinweis von Dramaturg Johannes Blum in seinem Einführungsvortrag, dass sich die Besucherinnen der Kölner Uraufführung in den Frauen der Oper wiedererkannt haben dürften, wird von der Regie nicht aufgegriffen.

Rätselhaft bleibt auch, warum die Braut ihren gerade angetrauten Ehemann bei der Hochzeit verlässt, um mit ihrem ehemaligen Verlobten Leonardo durchzubrennen. Zwischen Banu Bökes Braut und dem Leonardo Thomas Laskes knistert es zu wenig. Die Faszination, die von Leonardo ausgeht, wird lediglich durch Miriam Ritters Spiel und Gesang beglaubigt, die Leonardos Frau verkörpert und sich jede Demütigung gefallen lässt.

Zentrum der Aufführung ist die großartige Dalia Schaechter, die als Gast von der Oper Köln die Rolle der Mutter verkörpert und sich dieser Figur mit Haut und Haaren ausliefert. Schaechter macht deutlich, welche Traumatisierungen diese Figur erlebt hat und wie sie ihr Trauma gleichzeitig an die nächste Generation weitergibt. Des Dämons in Gestalt einer Braut, den Regisseur Christian von Götz ihr als Peiniger zur Seite stellt, bedarf es gar nicht, so plastisch singt und spielt Schaechter ihre Rolle. Kein Wunder, dass sie vom Premierenpublikum wie ein Weltstar gefeiert wurde.

Diese Wuppertaler „Bluthochzeit“ hat ihre szenischen Schwächen, ist aber ein starkes Plädoyer für ein Werk, das viel zu lange nicht gespielt wurde. 

Rudolf Hermes                                             Bilder Uwe Stratmann

 

 

 

GLÜCKLICHE REISE

Wuppertaler Premiere am 18.11.12, besuchte Aufführung am 24.11.12

Musik ihrer Zeit

Wie schön, wenn die spärlich gesäeten Operettenaufführungen einmal nicht die ewigen fünfzehn Hits spielen, sondern sich dem "Randrepertoire" widmen, so an den Wuppertaler Bühnen Eduard Künneckes "Glückliche Reise" von 1932 gespielt wird. Eine Operette ganz ohne Adel, sondern aus ihrer Zeit heraus: Brasilienauswanderer, die sich mit Reisebüromädels aus Deutschland schreiben. Nach dem kurzen, exotischen Vorspiel geht es in ein Berlin der Weimarer Republik, wo die recht harmlose Komödienintrige allein durch die putzigen Menschen und Künneckes mitreißende Musik lebt; Rumba, Foxtrott, Paso Doble und die damalige, schmissige Tanzmusik, viel Komik, etwas Sentiment, da ist jede musikalische Nummer ein echter Treffer.

Johannes Weigand gehört zu den Regisseuren, die mit leichter Hand das schwierige Operettengenre beherrschen, Markus Pysall liefert mit dem sparsamen, doch dekorativen Bühnenbild zwischen Neuer Sachlichkeit und exotischer Tourismusromantik und seinen farbig gelungenen, geschmackvollen Zeitkostümen den passenden Rahmen, Götz Hellriegels Choreographie, weiß wem sie was tänzerisch abverlangen kann und erfreut durch Abwechslungreichtum und witzige Ideen das Herz. Tobias Deutschmann spielt ausgefeilt und sorgfältig mit dem Sinfonieorchester Wuppertal auf der Klaviatur der Tanzrhythmen und bringt Künneckes grandiose Orchestrierung zum Leuchten.

Doch ein Manko hat der Abend, denn die Darsteller werden akustisch verstärkt, was in den Dialogen durchaus Sinn macht, da es die Sprechstimme schont, empfinde ich musikalisch störend, zumal es die eigentliche vokale Leistung schwieriger zu beurteilen erschwert. So scheint das seriöse Paar für mich nicht zufriedenstellend, denn Elena Fink als Lona Vonderhoff hat Schwierigkeiten ihre Sopranstimme in den Höhen mikroporttauglich zu verschmälern, da wäre "ohne" sicherlich vorteilhafter. Boris Leisenheimers Tenor als Robert von Hartenau kommt die Verstärkung eher entgegen, da seine Stimme im Höhenvolumen leider zunehmend unkontrolliert klingt. Beide gestalten ihre Partien sonst akkurat. Richtig gut ist das "leichte" Paar, denn Olaf Haye und Annika Boos als maskuliner Stefan Schwarzenberg und sich durch das Leben flunkernde Monika Brink haben sichtlich und hörbar Spaß an den spritzigen Duetten und tanzen sich schlichteweg einen Wolf vor Vergnügen. Gregor Henze, zwar verletzt und mit Krücke, mimt einen herrlich kodderigen Reisebürobesitzer Homann und Stefan Ullrich ergänzt stilsicher als Kapitän Brangersen/Regierungsrat Hübner.

Dei Chorsolisten und der Damenchor sind ebenfalls recht gutgelaunt mit von der Partie. Insgesamt ein unterhaltsamer, vergnüglicher Abend, bei dem Titelmarsch "Glückliche Reise" wird natürlich ordentlich mitgeklatscht, mit leichten, akustischen Einschränkungen. Trotzdem ein "Muß" für die Freunde der heiteren Muse.

Auf nach Wuppertal und "Glückliche Reise" !

Martin Freitag                                                     Bilder: Uwe Stratmann

 

 

 

 

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