Es gibt mehrere Schwanensee-Interpretationen. 1895 die Choreografie von Marius Petipa und Lew Iwanow. 1976 Illusionen- wie Schwanensee von John Neumeier in Hamburg, 2011 in München. Welche ist die wahre und richtige? An Schwanensee scheiden sich immer wieder die Geister. Ist die Choreografie von Petipa und Iwanow zur Musik von Peter Tschaikowsky – die Originale? Schließlich wurde sie vom Kirov-/Mariinsky-Ballett in St. Petersburg immer wieder im Geiste von Iwanow und Petipa getanzt. Es gab im vergangenen Jahrhundert neue Forschungsergebnisse, die besagten, Tschailowsky habe beim Libretto die deutsche Märchenwelt im Besonderen vor Augen gehabt: König Ludwig II. von Bayern, dessen Leben und Tod märchenhaft waren, wobei der Schwan eine symbolische Rolle spielte. Tschaikowsky reiste 1883 in Deutschland, als Ludwig II. starb und sein Tod sagenumwoben blieb. Sein Freund, Richard Wagner komponierte im Lohengrin „Nie sollst Du mich befragen“, was bei Tschaikowsky zum sehnsüchtigen Schwanenmotiv in h-Moll wurde. Soweit 1976 die Grundidee John Neumeiers für das heutige Ballett.

Der Schritt vom Märchenmythos des Librettos zu einem anderen Schwanenmythos desselben Jahrhunderts, in dem die psychologische Struktur besser offenbart ist als im ursprünglichen Ballett, liegt nahe, zumal von beiden Mythen bis heute ähnliche Zauberwirkung, eine gleiche magische Aura ausgeht. Eine unerwartete Parallele sind die inneren Analogien im Schicksal Tschaikowskys, Ludwig II. und Siegfrieds, des Schwanenseeprinzen.
Der 1. Akt zeigt die Wirklichkeit. Ein König (Jakob Feyferlik) wird wahnsinnig, während eines Maskenballs festgenommen und eingesperrt im Rohbau seines eigenen Schlosses. Er spürt die Gegenwart eines Mann im Schatten (Severin Brunhuber). Ihr Pas de deux ist elegant, fast schlangenhaft. Sie verwickeln sich förmlich im Kampf um das Leben. Der „Mann im Schatten“ wird dabei zum Alter Ego des Köngs. Er ist das, was der König aus Gründen der Staatsraison nicht sein darf. Die Szene wird 1976 als erste offene homo-erotische Verbindung auf der Ballettbühne interpretiert.
In einer Art Wachtraum erlebt Ludwig II. das Richtfest des königlichen Schlosses. Die tanzende Bevölkerung und die Handwerker ergeben ein fröhliches Bild. Nur – der zur Verfügung stehende Raum auf der Bühne ist zu klein, so daß ein Gewusel entsteht, bei dem man die Tanzgruppen kaum identifizieren kann. Für Bühnenbild und Kostüme zeichnet Jürgen Rose verantwortlich. Er ist für seine opulenten Bühnenbilder bekannt. Für ihn gibt es nicht den leeren Raum, die leere Bühne, die erst durch Kunst gefüllt werden muss. Natürlich bekommt das Auge edle Ästhetik geboten, wahrlich ein Genuss, aber hinderlich für große Tanzszenen. Oft ist die Bühne zu klein.

Auf dem Fest begegnet der König Prinzessin Natalia, seiner Verlobten. Ksenia Shevtsova tanzt sie mit ihrem großen Können, ist sie doch an der Waganova-Ballettakademie in St. Petersburg ausgebildet. Sie bietet alles, was das Ballett an Höchst-Schwierigkeiten abverlangt. Perfekter Tanz.
Elisabeth Tonev als Odette bietet ebenso alle Künste des Tanzens. Die Pirouetten perfekt wie alle anderen Techniken fast überirdisch.
Die Partien der Männer sind allesamt artistisch und voller Kraft bei den Sprüngen, den Drehungen und den Hebefiguren. Comprimarios erreichen ohne weiteres das Niveau der Solisten. Man kann sie leider nicht alle benennen und beschreiben.
Die Handlung geht weiter im Wechsel von Wirklichkeit, der König hinter Gittern, und seinen Träume des ersehnten Leben, welches dann oft originaler Schwanensee ist. – Gottseidank ist dann der 2. Akt ein weißer Traum. Die Tutus der Schwäne, die Frisuren, alles wie im Original, was die Herzen höherschlagen läßt. Man sitzt auf der Stuhlkante, um das alles aufnehmen zu können.
Diese wunderbaren 16 Schwäne, die entzückenden vier kleinen Schwäne, ihr Tanz, diese Exaktheit und Übereinstimmung der Bewegungen, ihre Eleganz – das alles ist einmalig. Niemand möge auf die Idee kommen, das zu verbessern. Petipa und Iwanow seien für dieses Lebenswerk bedankt und John Neumeier dafür, dass er die Ehrfurcht hatte, es in seinem Konzept von Illusionen beizubehalten. Für die große Kunst, das Werk unübertrefflich zu tanzen, sei den Tänzern gedankt.
Die weitere Geschichte wird nicht erzählt, sondern getanzt, und die Zuschauer verstehen und danken schon zwischen den Nummern mit Applaus. Der König verfällt endgültig dem Wahnsinn. Die Beziehung zu Natalia – Odette zerbricht. Dieser Traum geht zu Ende, die Wirklichkeit hat den König eingeholt, und der Mann im Schatten ist wieder da. Die beiden kämpfen mit überirdisch wirkenden Armen und Beinen und dann fällt der himmelblaue, bayerische Vorhang über beide und wird zum blauen Wasser des Starnberger Sees. Dazu klingt Tschaikowskys Schauspielmusik zu Hamlet. Der Rest ist Schweigen.
Ein ergreifender Schluss, der nach sekundenlangem Schweigen in sehr großen Beifall überging. Die Zuschauer waren begeistert. Mit eingeschlossen in den Jubel war das Orchester im Graben, die Baden-Badener Philharmonie unter ihrem Gast-Dirigenten Gavin Sutherland. Sie alle haben ihre Sache gut gemacht. Ein großes Kompliment an das Bayerische Staatsballett. Sie standen und tanzten ständig auf der Spitze. Das war einfach Spitze!
Inga Dönges 11. Oktober 2026
Illusionen – wie Schwanensee
Musik von Peter Tschaikowsky
Festspielhaus Baden-Baden
Aufführung am 2. Oktober 2026
Premiere 2. Mai 1976 in Hamburg
Choreographie von Marius Petipa, Lew Iwanow und John Neumeier
Bayerisches Staatsballett
Dirigent: Gavin Sutherland
Baden-Badener Philharmonie