Oldenburg: „La forza del destino“, Giuseppe Verdi

Gleich zu Beginn der Spielzeit ist dem Oldenburgischen Staattheater mit Giuseppe Verdis La Forza del Destino ein veritabler Volltreffer gelungen – und das in jeder Hinsicht. Die Regie von Joan Anton Rechi war klug durchdacht und absolut werkgerecht, musikalisch sorgte Vito Cristofaro am Pult des bestens disponierten Oldenburgischen Staatsorchesters einmal mehr für eine spannende, differenzierte Wiedergabe. Bewundernswert war die Leistung des Sängerensembles. Da war jede Partie hervorragend besetzt und mit leidenschaftlichem Gesang erfüllt.

© Stephan Walzl

Die Handlung wird als eine Folge von Erinnerungen Leonoras erzählt. In ihrer Todesstunde ziehen die Bilder ihres Schicksals, von dem ungewollten Schuss auf ihren Vater bis zum blutigen Finale in der Einsiedelei, an ihr vorbei. Leonora ist in ihrem roten Kleid also fast ständig auf der Bühne präsent. Die Marketenderin Preziosilla, ist hier eine Wahrsagerin, eine Mischung aus schwarzem Todesengel und blondem Vamp, und fungiert als eine Art Spielmacherin. Schon zur Ouvertüre dirigiert sie die Hauptpersonen über die Bühne und lässt sie bedeutungsschwangere Gesten ausführen. Die einzelnen Szenen der Oper gehen nahtlos und dank der Präsenz von Leonora auch bruchlos ineinander über. Das ist fast schon eine filmische Dramaturgie. Dazu passt das Bühnenbild von Markus Erik Meyer: Man blickt wie von oben auf eine graue Treppenhausanlage, die in unendliche Tiefen zu führen scheint, in ihrer Optik an Bilder von C. M. Escher erinnert und eine magische, soghafte Stimmung wie in Hitchcocks „Vertigo“ erzeugt. Die Personenführung ist klar und sinnvoll und artet nie, auch nicht bei den Kampfszenen von Alvaro und Don Carlo, in überzogenen Aktionismus aus. Manchmal verschwimmt die Grenze zwischen Realität und Vison, etwa wenn der Geist von Leonoras Vater über die Bühne schreitet („Macbeth“ und der Komtur lassen grüßen). Die Klosterszene mit dem großartigen Chor (Einstudierung Thomas Bönisch) ist von eindrucksvoller Feierlichkeit geprägt. Dass „La Forza del Destino“ im Krieg spielt, wird nicht ganz so deutlich. Ein paar wuselig herumlaufende Männer mit Flinten ist zu harmlos. Aber insgesamt ist es eine geradlinige Inszenierung, die dem Werk absolut gerecht wird.

© Stephan Walzl

Im Mittelpunkt steht Leonora – szenisch und gesanglich. Adréana Kraschewski verfügt über einen sehr ansprechenden Sopran, den sie vom feinsten Piano bis zum strahlenden Forte sehr differenziert und klangvoll führt. Die Arie „Pace, pace“ ist einer der vielen Höhepunkte der Aufführung. Jason Kim, verdienstvolles Ensemblemitglied in Oldenburg, kann auch als Alvaro mit seinem höhensicheren Tenor und seiner leidenschaftlichen Gestaltung begeistern. Als Don Carlo führt Aksel Daveyan einen virilen Bariton mit Kraft und „Biss“ ins Feld. Beide ergänzen sich in den gemeinsamen Szenen ideal.

© Stephan Walzl

Die Partie der Preziosilla ist hier sehr aufgewertet. Anna Dowsley verleiht ihr viel Persönlichkeit und sinnliche Mezzotöne. Seungweon Lee gibt dem Padre Guardiano mit gutem Bassfundament würdevolle Ausstrahlung. Für die komischen Momente sorgt gekonnt Arthur Bruce als Fra Melitone.

Die Leistung des Orchesters wurde schon erwähnt. Vito Cristofaro beweist sein Gespür für Tempi, für Dynamik und für gewichtige Akzente auf höchstem Niveau.

Wolfgang Denker, 11. Oktober 2026


La forza del destino
Giuseppe Verdi

Oldenburgisches Staatstheater

Besuchte Premiere: 9. Oktober 2026

Inszenierung: Joan Anton Rechi
Musikalische Leitung: Vito Cristofaro
Oldenburgisches Staatsorchester

Weitere Vorstellungen: 16., 21., 30. Oktober, 6., 10., 19., 21., 25. November, 10., 22. Dezember 2026, 16. Januar 2027