Düsseldorf: „Die Meistersinger von Nürnberg“, Richard Wagner

Seit vielen Jahren wurde in Düsseldorf daran gearbeitet, eine Neuinszenierung der Meistersinger von Nürnberg auf die Bühne zu bringen. Die Idee dazu stammt noch aus der Zeit vor der inzwischen oft komplett verdrängten Corona-Pandemie. Dabei stand die Produktion immer wieder unter keinem günstigen Stern. So musste zuletzt auch der für die Premiere vorgesehene langjährige Generalmusikdirektor Axel Kober aus persönlichen Gründen absagen, für die beiden Vorstellungen am 1. bzw. 28. November ist er allerdings weiterhin vorgesehen. Mit Christoph Gedschold, dem ehemaligen Musikdirektor der Oper Leipzig, konnte die Deutsche Oper am Rhein allerdings einen anderen Wagner-Spezialisten verpflichten, der nach verschiedenen Gastdirigaten hier erstmals die musikalische Leitung einer Neuproduktion mit den Düsseldorfer Symphonikern übernahm. Aufgrund von Problemen mit der Statik im Bühnenturm musste die große Eröffnungspremiere in Düsseldorf zudem kurz vor Beginn der Spielzeit auf den 17. Oktober 2026 verschoben werden. Nun könnte man sagen: „Was lange währt, wird endlich gut.“ Doch mit Redewendungen ist das so eine Sache. Neben dem wahren Kern enthalten sie oft auch etwas Wunschdenken, sodass Redewendungen generell ein zweischneidiges Schwert sind. Und damit sind wir wieder beim Thema, denn das sind Die Meistersinger von Nürnberg in Düsseldorf auch. Am Ende des Abends mischten sich lautstarke Unmutsbekundungen und großer Jubel wild durcheinander. Was war geschehen?

© Sandra Then

Beginnen wir weit in der Vergangenheit: Nach dem Tannhäuser wollte Richard Wagner ein eher heiteres Gegenstück komponieren, das nah am Menschen ist und keine mythologischen Bezüge aufweist. Er entschied sich für den Dichter Hans Sachs, den wohl berühmtesten Meistersinger Nürnbergs. Die Meistersinger waren eine zunftartige Vereinigung von bürgerlichen Dichtern und Sängern im 15. und 16. Jahrhundert. Die ersten Skizzen der Oper stammen aus dem Jahr 1845. Da Wagner jedoch mit anderen Projekten beschäftigt war, nahm er die Pläne für diese Oper erst viele Jahre später wieder auf. So feierte Die Meistersinger von Nürnberg am 21. Juni 1868 am Königlichen Hof- und Nationaltheater in München Premiere. Aus heutiger Sicht spielt in vielen Inszenierungen immer wieder der Gedanke eine Rolle, dass keine andere Oper von den Nationalsozialisten so stark ideologisch vereinnahmt und für Propagandazwecke instrumentalisiert wurde wie dieses Werk. Dabei kam den Nationalsozialisten zugute, dass viele Textstellen sehr einfach im Sinne der NS-Ideologie umgedeutet werden konnten. Mit dieser historischen Last müssen sich auch heutige Regisseure immer wieder auseinandersetzen, was die Inszenierung der Oper sicherlich nicht leichter macht. Der amerikanische Regisseur Daniel Kramer verlegt die Handlung in ein erkennbar zeitgenössisches Deutschland. Dies wird bereits im ersten Akt deutlich, in dem das Bühnenpersonal recht offensichtlich mit Handys beschäftigt ist. Hierbei wirft er die Frage auf: Wie sieht es aktuell in Deutschland aus und wie sieht folglich die deutsche Kultur heute aus? Dies gelingt ihm mal mehr und mal weniger gut.

© Sandra Then

Dass man dem Zuschauer von heute offenbar kein musikalisches Vorspiel mehr ohne Bilder zumuten kann, hat sich inzwischen ja fast überall durchgesetzt. Dies gilt insbesondere für die rund neun Minuten bei diesem Werk, in denen Kramer Personen als schwarze Silhouetten rückwärts von der rechten zur linken Bühnenseite laufen lässt. Lediglich eine Person kommt ihnen vorwärts laufend entgegen. Man fragt sich auch am nächsten Tag noch, ob dies Walther von Stolzing war oder doch abstrakter eher eine Minderheit, die nach vorne schaut, während die große Masse eher rückwärtsgewandt ist. Aber schlussendlich ist dies auch egal, denn irgendwie hatte man an dieser Stelle das Gefühl, dass diese Bebilderung vor allem dazu diente, den Chor für das Lied Da zu dir der Heiland kam auf die Bühne zu bringen. Der erste Akt ist ansonsten so gestaltet, dass hier in gewisser Weise die Vergangenheit zelebriert wird. Die Meistersinger halten an alten Traditionen fest – in einer sich zunehmend verändernden Welt. Alte Bilder an den Wänden werden jedoch von vier großen Monitoren überdeckt, auf denen zu Beginn permanent KI-generierte Fußballszenen zu sehen sind. Offenbar wollte der Regisseur Fußball zum deutschen Kulturgut erklären und untermalt dies mit vielen Deutschlandfahnen bei den Fans und auf den Trikots der Nationalmannschaft. Aber muss man dafür wirklich KI-Technik einsetzen, wenn es in dieser Oper doch auch um Kunst geht? Zudem versteht man viele Dinge im ersten Akt nicht sofort. Warum wird plötzlich mit Popcorn geworfen? Warum tragen die Lehrlinge Kutten, als gehörten sie zum Ku-Klux-Klan? Warum wird der Tisch für das Treffen der Meistersinger erst eingedeckt, dann wieder abgeräumt und schließlich noch einmal anders eingedeckt? Zugegeben, die Milch in den Bierkrügen ist witzig. Auch wenn einige Szenen eher zum Kopfschütteln als zum Lachen animieren – beispielhaft seien hier die angedeuteten Machenschaften von Magdalena und David unter dem Tisch genannt –, so gehen andere Ansätze im Verlauf der Oper doch noch auf. Zunächst fragt man sich beispielsweise, warum ausgerechnet die Deutschland-, EU- und NATO-Fahnen am Rande der Bühne stehen. Wenn in der gut inszenierten Schlussszene jedoch die Uneinigkeit der Meister dadurch untermalt wird, dass die Europafahne von Veit Pogner heruntergerissen wird, ist das durchaus überzeugend. Und auch in puncto Humor gibt es einige Ideen, die zünden. Wenn etwa die Top 10 der deutschen Komponisten wie die Spieler der Nationalmannschaft vorgestellt werden, sorgt dies für allgemeine Erheiterung. Es sei dahingestellt, ob es nicht besser „elf Spieler“ hätten sein sollen, wobei die Trikotnummer 7 mit Clara und Robert Schumann ohnehin doppelt vergeben wurde.

© Sandra Then

Auch der zweite Akt hat einige wirklich amüsante Szenen zu bieten, in denen Daniel Kramer durchaus ein Gespür für humorvolle Inszenierungen unter Beweis stellt. Wir befinden uns im Jahr 2035 im Nürnberger Hauptbahnhof, an dem eine kleine Shopping-Passage angeschlossen ist. Hier hat Hans Sachs sein Schuhgeschäft. Gegenüber befindet sich die Pogner Bank; echte Goldschmiede gibt es schon länger nicht mehr. Das Bühnenbild von Elizabeth Clachan ist hier beeindruckend und überzeugt auch in den Details. Die Einblendungen auf der Videowand, die gleichzeitig als Werbefläche und Abfahrtsmonitor dient, sorgen immer wieder für Erheiterung. Auch das „Date“ von Walther und Eva mit einem Menü aus dem feineren Asia-Imbiss und zwei „Coffee to go“ passt in dieses Ambiente. Doch dann kommt die Prügelfuge, in der sich David in dieser Inszenierung an die Spitze eines Mobs stellt. Dieser bringt im Bahnhof zwei muslimische Frauen und einen Obdachlosen eiskalt um. Zwar schreitet die Polizei ein, doch 2035 ist sie offenbar eher darauf bedacht, die ebenfalls eingetroffenen Flüchtlinge zurückzuhalten, anstatt gegen die tatsächlich gewalttätigen Bürger und Lehrlinge vorzugehen. Ich weiß nicht, ob man die Polizei als Staatsorgan auch in einer düsteren Zukunftsprognose so darstellen sollte, zumal sie eben auch (noch) keine instrumentalisierte Organisation zu sein scheint. Magdalena führt dazu im Brautkleid einen völlig abstrusen Freudentanz auf, was die lautstarken Buh-Rufe zum Ende des zweiten Aktes durchaus erklärt.

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Generell scheint die Personenzeichnung das Hauptproblem dieser Inszenierung zu sein. Immer wieder kommt es zu Brüchen, bei denen nicht deutlich wird, warum eine Figur so reagiert, wie dargestellt. Auch die Rolle des Walther von Stolzing wirkt eher wie eine Karikatur und alles andere als „ritterlich“. Dabei gelingt es Kramer durchaus, immer wieder gute Bilder auf die Bühne zu bringen. Insbesondere die letzte Stunde überzeugt, indem sie die schleichende Machtverschiebung in einem Land auf die Spitze treibt. Die Meistersinger haben durch Rang und Namen nun allesamt Posten als hochrangige Militärfunktionäre eingenommen und das Volk wurde zunehmend militarisiert. Dies lässt in der heutigen Zeit zu Recht erschauern. Selbst der leblose Zusammenbruch Hans Sachs‘ am Ende kann in diesem Kontext so gedeutet werden, dass auch die Kunst vergänglich ist wie das Leben. Auch die optische Umsetzung weiß hier zu gefallen: Chantal Bergemann bringt als Live-Video-Operatorin immer wieder Großaufnahmen von der Bühne auf die Videoleinwand im Hintergrund. Insgesamt bekommt das Publikum mit diesen Meistersingern eine Mischung aus sehr guten und eher schlechteren Regieeinfällen geboten, sodass sich diesbezüglich ein durchaus zwiespältiges Gesamtbild ergibt. Und damit wären wir wieder bei den Publikumsreaktionen am Ende des Abends. Was man an dieser Stelle aber auch festhalten muss: Auch wenn man über diese Inszenierung heftig diskutieren kann, ideenreich ist sie allemal.

© Sandra Then

Einig waren sich die Zuschauer dann auch alle, dass die musikalische Umsetzung ein wahrer Grund zur Freude ist. Es gab großen Jubel für den Dirigenten, die Düsseldorfer Symphoniker, den Chor und die Solisten. Aus dem Orchestergraben erklang beste Wagner-Musik – dafür muss man nicht nach Bayreuth reisen. Obwohl er gesundheitlich angeschlagen war, zeigte Martin Gantner als Hans Sachs sowohl musikalische als auch szenische eine starke Präsenz. Auch Hans-Peter König als Veit Pogner und Daniel Frank als Walther von Stolzing sangen brillant. David Fischer darf passenderweise als David mal wieder in einer großen Produktion an der Rheinoper glänzen und sein ganzes Können unter Beweis stellen, das er in kleineren Familienproduktionen bereits oft genug gezeigt hat. Christoph Pohl ist ebenfalls gesanglich hervorragend als Sixtus Beckmesser und zeigt darüber hinaus ein außergewöhnlich gutes Gespür für Situationskomik. In den beiden Frauenrollen des Stücks agieren Anke Krabbe als Eva und Anna Harvey als Magdalena gewohnt souverän auf der Bühne. Eine weitere Hauptrolle übernimmt bei Wagner der Opernchor, der hier (verstärkt durch den Extrachor) von Albert Horne bestens einstudiert wurde.

Markus Lamers, 18. Oktober 2026


Die Meistersinger von Nürnberg
Oper in drei Aufzügen von Richard Wagner

Deutsche Oper am Rhein – Opernhaus Düsseldorf

Premiere: 17. Oktober 2026

Inszenierung: Daniel Kramer
Musikalische Leitung: Christoph Gedschold
Düsseldorfer Symphoniker

Musikalische Probeneindrücke

Weitere Aufführungen: 1. November, 15. November, 28. November 2026 und 6. Dezember 2026