



Am 2. August 2026 findet in Bayreuth im Rahmen der Jubiläumsfestspiele 150 Jahre Bayreuth die konzertante Premiere der Koproduktion Brünnhilde brennt von Bernhard Lang mit Catherine Foster im Bayreuther Friedrichsforum statt, die später in Dortmund auch szenisch realisiert werden soll. Bereits in der Spielzeit 2024/25 punktete Intendant Heribert Germershausen mit einem kompletten Ring des Nibelungen in der Regie des Altmeisters Peter Konwitschny, der episches Theater mit Wagners Musik zum Gesamtkunstwerk verschmolz. Daneben gab es den Ring in historischer Aufführungspraxis mit Kent Nagano konzertant in der Kölner Philharmonie, die Wiederaufnahme des Rings in der Inszenierung von Dietrich Hilsdorf in der Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg, Rheingold und Walküre in der Inszenierung von Paul Georg Dittrich in der Oper Köln und als Überraschungshit einen konzertanten Ring unter der Leitung von Patrick Hahn in der historischen Stadthalle Wuppertal.
Der Dortmunder Intendant Heribert Germershausen war bereits seit 2019/20 mit den Wagner-Lesarten, bei denen er ein Werk Richard Wagners mit einer zeitgenössischen Oper, zum Beispiel La Juive von Fromental Halévy (2022) oder mit Mazeppa von Clémence de Grandval (2026) kontrastierte und mit einem musikwissenschaftlichen Rahmenprogramm ergänzte, aufgefallen. Der von Peter Konwitschny inszenierte Ring des Nibelungen, bei dem dessen vielfach ausgezeichnete Götterdämmerung, die bereits 2000 in Stuttgart Premiere hatte, den Ausgangspunkt nahm, bildete damit die Art des epischen Theaters ab, mit Wagners Monumentalwerk umzugehen. Mit Tomasz Konieczny in der Rolle des Wotan und Stéphanie Müther als Brünnhilde waren exponierte Rollen hochkarätig besetzt. Mit dem Dirigenten Gabriel Feltz (1971-2025) entwickelte Germershausen das musikwissenschaftliche Konzept.
Mit Elementen des epischen Theaters, aber deutlich stärker auf die Psychologie der Charaktere eingehend, ist der Ring des Nibelungen in der Regie von Dietrich Hilsdorf an der Oper am Rhein, Düsseldorf, der von 2017 bis 2018 inszeniert und 2019 komplett aufgeführt worden. Mit Stars aus dem eigenen Ensemble zeigte die Oper am Rhein, dass sie in der ersten Liga spielt. Axel Kober, (*1970), der von 2009 bis 2024 Generalmusikdirektor der Deutschen Oper am Rhein war und ihr als Gastdirigent weiter verpflichtet bleibt, prägte das hohe musikalische Niveau dieses Rings. 2025 und 2026 spielte man Rheingold und Walküre, 2026 und 2027 werden Siegfried und Götterdämmerung wiederaufgeführt. Vom Bühnenbild her deutlich opulenter als in Dortmund, stilistisch weniger puristisch, konnte bzw. kann man hier eine nicht unumstrittene Version erleben.
Im Gegensatz dazu, vor allem zur schlichten Version Peter Konwitschnys, steht die Kölner Umsetzung des Rheingolds und der Walküre in der Ersatzspielstätte der Oper Köln, dem Staatenhaus, dirigiert von Marc Albrecht (*1964). Siegfried und Götterdämmerung werden 2026/27 bzw. 2027/28 im restaurierten Haus am Offenbachplatz folgen. Paul Georg Dittrich setzt auf starke Bilder durch Video-Effekte und vielfältige Mittel wie der Dopplung der Figuren durch szenisch agierende Kinder und deutet in Kostümen und Maske an, dass Wotan nach seinem Bild Menschen klont, um einen neuen Menschen zu schaffen, eine Deutung, die in der Diskussion über Leihmutterschaft eine ungeahnte Aktualität bekommen hat. Die schlechte Akustik im Staatenhaus beeinträchtigte den Genuss allerdings erheblich.
Einen wissenschaftlichen Anspruch realisierte Kent Nagano (*1951) mit seiner konzertanten Aufführung des Rings über vier Jahre in der Kölner Philharmonie. Er setzte mit dem zum Dresdner Festspielorchester erweiterten Concerto Köln eine Version mit Originalklanginstrumenten, wie Naturhörnern, Streichinstrumenten mit Darmsaiten und Wagner-Tuben mit der Stimmung auf 435 statt 440 Hertz um und ließ Sänger und Chor in der von Wagner postulierten Manier mit starker Betonung der Sprache aufführen. Mit Rheingold, Walküre, Siegfried und Götterdämmerung gastierte er in Konzerthallen in mehreren Städten, unter anderem Dresden, Ravello, Amsterdam, Luzern, Hamburg, München, Paris und im Friedrichsforum in Bayreuth. Das Projekt wurde aufgezeichnet und ist eher ein wissenschaftliches Dokument als zur Nachahmung empfohlen, denn die historischen Instrumente sind viel schwerer zu spielen als moderne, und der Effekt ist marginal. Die Artikulation, wie Wagner sie forderte, setzen nach meiner Beobachtung mittlerweile alle guten Wagner-Interpreten um.
Überraschungshit der Spielzeit 2025/26 war Patrick Hahns konzertante Aufführung des Rings des Nibelungen in der Historischen Stadthalle Wuppertal. In der Saison 2025/26 als Sinfoniekonzerte angekündigt, dirigierte der 1995 geborene Patrick Hahn, der bereits mit 26 Jahren GMD der Wuppertaler Bühnen und des Sinfonieorchesters geworden war, einen Ring, der das Publikum restlos überzeugte und euphorisierte. Mit intensiven Spannungsbögen, einem hochkarätigen Ensemble und dezenten Lichteffekten seines Dramaturgen Fabio Rickenman erfüllte er die kühnsten Erwartungen. Besucher kamen nicht nur aus Wuppertal, sondern aus ganz Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus. Sowohl Nagano als auch Hahn setzten als Waldvöglein einen Knabensolisten ein, um die Tatsache zu betonen, dass Siegfried, bevor er auf Brünnhilde trifft, noch nie eine Frau gesehen hat. Dagegen setzen Konwitschny und Hilsdorf, wie üblich, eine junge Koloratursopranistin ein.
Konzertante Aufführungen des Rings lenken die Aufmerksamkeit stärker auf die Sprache, den politischen Gehalt und auf den Dirigenten. Sie zeigen jedoch auch Wagners geniales Konzept seines Opus Magnum, das viele unterschiedliche Deutungen zulässt, wie die genannten szenischen Umsetzungen belegen. Wie aktuell ist doch Frickas Einspruch gegen die Rettung Siegmunds durch seinen Vater Wotan, die diesen als gebrochenen Mann zurücklässt: Der Herrscher muss sich selbst an die Regeln halten, die für seine Untertanen gelten!
Fazit ist, dass es bei Wagner nicht unbedingt auf das Orchester ankommt, sondern auf die Akustik und in erster Linie auf die Gestaltungskraft des Dirigenten. Hier erwies sich der junge Patrick Hahn als souveräner Künstler, der mit einem normalen TVK-A-Orchester mit 88 Planstellen und nur vier statt sechs Harfen eine kraftvolle spannende und mitreißende Interpretation lieferte. Das wurde allerdings auch beflügelt durch die kluge Auswahl der Protagonisten, die sich alle bereits in den Rollen profiliert hatten, ausgenommen das spektakuläre Rollendebut von Benjamin Bruns als Siegfried in der Götterdämmerung. Als normaler Besucher nimmt man eher besonders gute Rolleninterpretationen wahr. Hier sind zu nennen Patrick Zielke als Hagen und als Hunding, Simone Wegener als Sieglinde und Stephanie Müther und Åsa Jäger als Brünnhilde. Als Wotan hat mich Michael Kupfer-Radecki besonders beeindruckt. Für einen guten Ring des Nibelungen musste man von Nordrhein-Westfalen nicht nach Bayreuth fahren!
Die Bilanz zog Ursula Hartlapp-Lindemeyer.