DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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17. Juli 2022     Max-Littmann-Saal im Regent-Bau Bad Kissingen

 

Abschlusskonzert des Kissinger Sommers 2022

Krzystof Urbański und Jan Lisiecki mit den Bamberger Symphonikern

Kaum vier Minuten waren gespielt, da war der erste Höhepunkt des Konzertes der Bamberger Symphoniker im wunderbaren Max-Littmann-Saal des Bad Kissinger Regent Baus bereits verklungen.

Der polnische Dirigent Krzystof Urbański hatte eine Klavier-Komposition seiner Lands-Frau Grażyna Bacewicz (1909-1969) „Scherzo“ für einen effektvollen Auftakt des Konzertes für sein Orchester bearbeitet.

 

 

Die Mehrfach-Begabung, wegen ihrer schriftstellerischen und philosophischen Arbeiten als die „Polnische Sappho“ bezeichnete Komponistin, schrieb das Klavierstück 1934. Über die Grenzen Polens ist Grażyna Bacewicz nur wenig bekannt. Sie hatte eine unwahrscheinlich schnelle Auffassungsgabe, war eine harte Arbeiterin und behauptete, sie könne in einer halben Stunde fünfzehn Briefe schreiben. Ihr Komponier Stil unterlag einer beständigen Evolution, war rastlos und vielschichtig, wie ihr Leben. Dabei ließ sie sich ungern in die Karten schauen und bezeichnete die Entstehung einer Komposition als diskrete, rein persönliche Angelegenheit.

Grażyna Bacewicz wurde nur 69 Jahre alt, gehört aber unbedingt zur „goldenen Riege „ der polnischen Komponisten“ Lutoslawski, Gorecki, Penderecki und Szymanowski.

Für das 2. Klavierkonzert e-Moll op. 11eines weiteren polnischen Musiker-Titanen Fryderyk Chopin (1810-1849) war aus Kanada der Pianist Jan Lisieki, der gleichfalls polnische Wurzeln hat, angereist.

Chopin, der selbst ein ausgezeichneter Pianist gewesen war, hat fast ausschließlich Klaviermusik komponiert. Seine beiden Konzerte für Klavier und Orchester sind innerhalb einer Jahresfrist 1829 zu 1830 entstanden, so dass dem e-Moll-Konzert die niedrigere Opus-Zahl 11 zugeordnet worden war. Das geringfügig früher fertig gestellte f-Moll-Konzert trägt die Opus-Zahl 21.

Beide Klavierkonzerte gelten als Bewährungsprobe für die Technik und das Ausdrucksvermögen eines Pianisten. Dem ausgewogenem Anfangssatz folgte ein impulsives Larghetto und ein betörend sprühendes Finale. Mit seiner enormen Anschlagstechnik, seiner Phrasierungskunst, seinem exzessiven Spiel schuf Jan Lisiecki eine begeisternde Intensität und eine gewaltige Spannung.

 

 

Für das Orchester unter dem Dirigat Krzysztof Urbańskis gab es die undankbare Aufgabe, sich mit dem doch kompositorisch unausgewogenen Orchesterpart gegen das „Virtuosen-Konzert“ zu behaupten. Es klang aber bei allen Bemühungen nur matt und stumpf.

Für das Kissinger Abschlusskonzert hätte ich mir deshalb die von Mikhail Pletnev und Daniil Trifonov mit dem „Mahler Chamber Orchestra“ entwickelte Fassung des 2. Chopin-Klavierkonzertes gewünscht: Pletnev, der als Pianist und Dirigent tätig ist, hat selbst unter der Diskrepanz zwischen der pianistischen Raffinesse des Werkes und dessen orchestrale Simplizität regelrecht gelitten. Er überarbeitete deshalb behutsam die Orchester-Partitur Chopins, indem er charakteristische melodische Phrasen anders als Chopin den Orchesterinstrumenten zuordnete. Als ausgewiesener Kenner der Möglichkeiten seiner Instrumente erzielte er mit diesem Arrangement reichere Farben und eine stabilere Klangfülle.

Seine Bearbeitung verursachte zwar einigen Wirbel in der Musikwelt, hat aber bereits Nachnutzer gefunden.

 

 

Zur Abrundung der Festspiele 2022 kam Peter Tschaikowskis (1840-1893) „Symphonie Nr.4 f-Moll op. 36“ zur Aufführung.

Krzysztof Urbański machte auf dem Podium eine schneidige Figur und hatte etwas von einem Show-Man. Seine Zeichensetzungen waren aufgeräumt und effizient, er bot einen ordentlichen Körpereinsatz und nutzte den zur Verfügung stehenden Platz, indem er auf dem Podium sprang, tanzte, mal auf einem Bein stand und weit ausholende Armbewegungen zeigte. Das Orchester machte diesen Spaß mit, so dass fast zu freudig musiziert wurde und die Piano-Stellen etwas zu hell kamen. Dazu baute Urbański den Höhepunkt des ersten Satzes zurückhaltend auf und auch das Scherzo mit den Pizzicato-Streichern kennen wir leichtfüßiger.

Dafür ließ er die „Bamberger“ mit dem Finalsatz ordentlich auftrumpfen und sicherte sich und dem Orchester einen jubelnden, für Bad Kissingen höchst seltenen von etwa einem Drittel des Auditoriums stehenden Applaus.

 

 

Das Abschlusskonzert war nicht nur ausverkauft. Es mussten Zuhörer sogar einen der akustisch benachteiligten Seitenräume nutzen.

 

Thomas Thielemann, 24.7.22

 

Autoren der Bilder:                         Bamberger Symphoniker ©Andreas Herzau

                                                               Krystof Urbanski ©Lena Knutli

                                                               Jan Lisiecki ©Oliver Killig

                                                               Max-Littmann-Saal © Hannah Becke

 

 

Deutsche Kammerphilharmonie beim Kissinger Sommer 2022

Konzert am 16. Juli 2022


Die „Bremer“ überzeugen mit Strawinsky, Brahms und Schumann

Die „Deutsche Kammerphilharmonie Bremen“, war im Zeitraum von 2017 bis 2021, meistens mit den Dirigaten von Paavo Järvi, das Residenzorchester des Festivals „Kissinger Sommer“.

Inzwischen hat sich einiges geändert: das Festival hat mit Alexander Steinbeis einen neuen Intendanten, es gibt einen Besuchershuttle mit Würzburg bzw. Fulda und man trifft sich wieder nach den Konzerten zur Lounge im Schmuckhof. Vor Allem, die wichtigsten Veranstaltungen werden seit diesem Jahr gestreamt und stehen für neunzig Tage im Internet abrufbar zur Verfügung.

Fast erwartungsgemäß waren die Konzertveranstaltungen nicht vollständig ausgebucht. Man ist aber mit den Konzertbuchungen nicht unzufrieden.

Da die Gastronomie im Umfeld des Regent Baus komplett versagte, hatten die Veranstalter in den Räumen eine hervorragende Vor-Konzert- und Pausenversorgung organisiert.

Ansonsten macht der Kissinger Badebetrieb im Jahre 2022 einen etwas „zurückgebauten“ Eindruck.

In der Saison 2022 waren die „Bremer“ nur mit einem Konzert im Festivalprogramm mit der Gastdirigentin Ruth Reinhardt und dem Pianisten Daniil Trifonov vertreten. Auf dem Programm standen Kompositionen der Kernkompetenz des hochinteressanten Klangkörpers, nämlich von Igor Strawinsky (1882-1971), Johannes Brahms (1833-1897) und Robert Schumann (1810-1856).

Kaum funktionierten nach dem Ende des zweiten Weltkrieges die Postverbindungen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten wieder, erreichte Igor Strawinsky ein Brief des Schweizer Dirigenten Paul Sacher (1906-1999) mit der Bitte, zur Feier des 20-jährigen Bestehens seines „Basler Kammerorchesters“ ein Streicherstück von der Dauer von 10 bis 12 Minuten „wie etwa bei Bachs Brandenburgischen Konzerten“ zu komponieren.

Ende August 1946 lieferte Strawinsky sein dreisätziges nach der Art des barocken Concerto geschriebenes „Concerto in D für Streichorchester“ ohne jede Erläuterung. In einem Begleitbrief bedauerte Strawinsky seine Zeitnot und meinte lakonisch: dass das Werk für Streichorchester geschrieben, wird man sehen, dass es dreisätzig ist, wird im Programm zu lesen sein und, dass es nicht im geringsten atonal ist, werden die Hörer zu ihrem Vergnügen selbst herausfinden.

Das brillant-witzig dargebotene, auch als „Basler“ bezeichnete Stück, erwies sich als raffiniert-unterhaltsamer Auftakt des Konzertes. Ruth Reinhardt versprühte vom Beginn an viel Energie, um das Orchester anzutreiben. Die Streicher der Kammerphilharmonie hatten sichtlich Spaß, mit ihr die Tiefen dieses etwas sperrigen Kondensats aus Rhythmus, Raffinesse und Farbe darzubieten. Besonders die Bratschistin Friederike Latzko half, die Wirkung des delikat leichtgewichtigen Gebildes von Strawinskys Schwelle zum Expressiven zu sichern, was von den Besuchern stürmisch quittiert worden war.

Interessant bleibt die Person des Auftraggebers der Komposition: Paul Sacher, aus bescheidenen Verhältnissen stammend, war er durch Heirat mit der Witwe des Gründer-Sohnes der Firma „Hoffmann-La RocheMaja Sacher-Stehlin (1896-1989) zum Nutzer eines gewaltigen Aktienpaketes geworden. Mit seinem auf 25 Milliarden geschätztem Vermögen hatte sich das Paar mit einer breiten unkonventionellen mäzenischen Tätigkeit mit Kompositionsaufträgen, Bilderankäufen sowie Museumsgründungen betätigt und einen breiten internationalen Musiker-Freundeskreis erschlossen.

So gilt heute, im Zeitalter des zunehmend aggressiven privatwirtschaftlichen Sponsorings, der zu seinen Lebzeiten diskret agierende Konzernmanager, Dirigent und Mäzen Paul Sacher als der letzte Patriarch.

Das 1. Klavierkonzert von Johannes Brahms gilt weniger der technischen Schwierigkeiten der Komposition wegen für Pianisten problematisch. Bedingt, ob der komplexen interpretatorischen Entscheidungsmöglichkeiten einer Gestaltung des Soloparts wegen, sei das Konzert der Prüfstein für die künstlerische Reife eines Solisten.

Brahms komponierte sein 1. Konzert für Klavier und Orchester d-Moll op. 15 im Alter von gerade 23 Jahren. Den etwas schwierigen Weg der Entstehung, Brahms wollte ursprünglich eine Symphonie schreiben, kann man deshalb insbesondere in dem Kopfsatz nachempfinden. Ruth Reinhardt musste zunächst mit dem Orchester Schwerarbeit leisten, um dem Solisten eine ordentliche Vorgabe anzubieten zu können.

Daniil Trifonov, den wir als Capell-Virtuos der Sächsischen Staatskapelle Dresden in der Saison 2016/2017 noch ungestüm in Mozart-Klavierkonzerten und introvertiert mit einem Klavierrezital erleben konnten, zeigte sich inzwischen gereifter und bewegte sich unaufgeregt durch die wechselnden Stimmungen des Kopfsatzes. Mit emotionaler Direktheit stellte er lyrische Passagen den flexiblen Ausbrüchen gegenüber. Nur gelegentlich betonte er die Dramatik der Komposition und spielte insgesamt etwas langsamer als gewohnt.

Das Adagio bot Trifonov in einer üppigen Stimmung und vermittelte reichhaltige, gefühlvolle Sensibilität. Das Finale interpretierte er turbulent, fast respektlos und mit perfektem Ansturm bis zum Schluss.

Mit ihrem Dirigat sicherte die gebürtigen Saarländerin Ruth Reinhardt, dass die Deutschen Kammerphilharmoniker dem Solisten immer einen anspruchsvollen Gegenpart liefern konnten.

Frenetische Ovationen veranlassten Trifonov zur Zugabe: Johann Sebastian Bachs BWV 147 „Jesus bleibe meine Freude“.

Mit einer klaren und präzisen Interpretation der 3. Symphonie, der „Rheinischen“, betonte Ruth Reinhardt im zweiten Konzert-Teil den Detailreichtum des Schumann´schen Werkes. Gezügelte Lautstärke begrenzte den überschwänglichen Charakter des Eingangs-Themas und setzte mit verstärktem Bläsereinsatz die interessanten Akzente im ersten Satz.

Mit dem Scherzo betonte die Dirigentin effektvoll die Vielstimmigkeit der Bremer Streicher-Stimmen und ließ mit den Celli das Thema schön ausarbeiten.

Empfindsam, von vorsichtigen Streichern gespielt und einem gekonnten Klarinetten-Solo getragen, gestaltete Ruth Reinhardt den dritten Satz zum gefühlvollen Mittelteil der Symphonie.

Die Interpretation des mit „Feierlich“ überschriebenen vierten Satz betonte, in erster Linie von den Hörnern und Posaunen der „Bremer“ bestimmt, seinen sakralen Ansatz. Dennoch gelang es einen effektvollen Spannungsbogen zu einem heiteren, fast ausgelassenem Finale zu schlagen.

Die Konzertbesucher waren begeistert und dankten mit stürmischen Ovationen und erhielten die eingeforderte Zugabe.

Thomas Thielemann

 

Bilder:

Deutsche Kammerphilharmonie ©Julia Baier

Daniil Trifonov ©Dario Acosta

Ruth Reinhardt ©Meyerson-ricostudios

Max-Littmann-Saal © Hannah Becker

Regentbau © Daniel Karmann

 

 

KISSINGER SOMMER 2021

25. Juni 2021

Max-Littmann-Saal Bad Kissingen

 

 

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen mit Paavo Järvi beim Kissinger Sommer

Das Residenz-Ensemble des „Kissinger Sommers“, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, ist in jeder Hinsicht ein außergewöhnliches Orchester.

Nachdem Musikstudenten 1980 auf der Nordseeinsel Föhr das „Kammerorchester der Jungen Deutschen Philharmonie“ gegründeten, lief zunächst alles streng basisdemokratisch: jeder Geiger musste auch mal Stimmführer sein und für Dirigate galt ein Rotationsprinzip.

1987 erfolgte eine Institutionalisierung des losen Zusammenschlusses zur Gesellschaft bürgerlichen Rechts als professionelles Kammerorchester. Seit 1992 hat das Orchester seinen Sitz in Bremen.

Nur für die Musik wollten die Orchestermitglieder leben. Da sie aber den Umgang mit Finanzen kaum beherrschten, stand 1998 jeder Musiker für einen Schuldenberg von 1,5 Millionen DM in der Haftung.

Der Klangkörper stand vor der Auflösung, als der Musiker Albert Schmitt entschied, seinen Kontrabass zur Seite zu stellen, um sich als Manager zu erproben. Mit breiter Unterstützung, auch von außen, baute er das Orchester zum Unternehmen mit professionellem Marketing und einer systematischen Marktstrategie, einer GmbH mit etwa vierzig Gesellschaftern um.

Mit dem Wirtschaftswissenschaftler Christian Scholz (1952-2019) entwickelte das Orchester aus dem simplen Umstand, dass man mit zwei Klangfolgen, je nachdem ob man diese nacheinander oder gleichzeitig abspielt, Wohlklang oder Dissonanzen erzeugt, eine Trainingsmethode, die es sichert, unabhängig von jeweils aktuellen Bedingungen Hochleistungen zu erbringen.

Diese als 5-Sekunden-Modell bezeichnete Erfolgsformel weist nach, dass nichtpermanente Harmonie, sondern der bewusste Umgang mit Dissonanzen und Konfliktspannungen der Schlüssel zum Erfolg von Hochleistungs-Teams ist: Hierarchie und Demokratie, Notwendigkeit und Sinn, Perfektion und Abenteuer, Energie und Konzentration, Erfolg und Spaß.

Damit ist auch zu erklären, dass die Orchester-GbR mit ihrer Gesellschafterstruktur, der Selbstorganisation und des Konsenszwangs, der Mitverantwortlichkeit des Einzelnen für den Erfolg des Ganzen, den letztlich hierarchischen Orchesterbetrieb in hoher Qualität bewältigt.

Während in der reichen deutschen Orchesterlandschaft die öffentlich rechtlichen Klangkörper vorherrschend mit 80 bis 90 Prozent aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, erwirtschaftet die Bremer Kammerphilharmonie mit Konzerteinnahmen, Vermarktung von Bild bzw. Tonrechten, Honoraren und Sponsoring über Zweidrittel des gesamten Budgets.

Im Jahre 2004 hat der weltweit agierende Paavo Järvi (geboren 1962 in Estland) die Künstlerische Leitung der Musikerformation übernommen und zu einem weltweit führenden Orchester geformt. Järvi hat, wie er mir versicherte, trotz vielfältiger Verpflichtungen absolut nicht die Absicht diese Aufgabe aufzugeben. Für ihn sind die „Bremer“ das absolute Dream-Team. Er kenne kein anderes Orchester, in dem die Musiker derart begeistert an Interpretationen arbeiten, proben und im Konzert musizieren. Hinter dem Erfolg, jenseits konventioneller Interpretationen, stehen umfassende Auseinandersetzungen mit den Komponisten und deren Werke.

Das seit 1986 von der Gründungs-Intendantin Kari Kahl-Wolfsjäger in einer dreißig Jahren währenden Tätigkeit zu schönem Erfolg geführte Festival „Kissinger Sommer“ musste im Jahre 2020 erstmalig ausfallen und war auch 2021 von einem kammermusikalisch geprägten Programm gekennzeichnet.

Selbst das Residenzorchester aus Bremen konnte nur einen Konzert-Tag bestreiten.

Im 1913 erbauten Max-Littmann-Saal hatten die Festspielorganisatoren die ersten Sitzreihen demontieren und das Podium um vier Meter verlängern lassen. Die größeren Abstände der Musiker schienen aber kaum Einfluss auf die hervorragende Klangentfaltung in der mit Kirsch- und Ebenholzwänden ausgestatteten „Schuhschachtel“ zu haben.

Igor Levit, der seine großartige Karriere als Empfänger des Luitpold-Preises des Fördervereins Kissinger Sommer 2009 begann, war nach Bad Kissingen gekommen, um mit der Bremer Kammerphilharmonie und Paavo Järvi Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nr.4 G-Dur op.58 zu interpretieren.

Wie improvisierend zart begann Levit das Allegro moderato, ging aber dann direkt in medias res und bringt seine eigene Handschrift zur Geltung. Paavo Järvi ließ das Orchester den Solopart zunächst in einen luftig-transparenten Klangteppich einhüllen, bevor sich das dialogisierende Zusammenspiel von Klavier und Ensemble entwickelte.

Auch im langsamen Satz ließ der Dirigent dem Solisten ausreichend Raum, seine Virtuosität mit einem farbigen Spiel zu entfalten, während im Rondo nach der Kadenz vom Orchester dem Klavier ordentlich Gegenwind geboten worden war.

Die Interpretation des formal vielleicht aufregendsten Klavierkonzert Beethovens war spannungsreich ausformuliert und ließen eigene Handschriften vom Solisten und des Orchesters erkennen.

Mit Pulcinella hatte Igor Strawinsky (1882-1971) mit lockerer Hand aufgefundene Handschriften von Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736) zu einer Ballettmusik verarbeitet und daraus eine neunsätzige Suite zusammengestellt. Strawinsky nahm die barocken Melodien nicht unbedingt ernst und verarbeitete sie spielerisch, fast übermütig. Es war eine Freude, wie ungewöhnlich modern der mitunter beschauliche Neobarock ohne die oft zuhörenden wuchtigen großen Besetzungen mit den 41 Bremern klang. Unter der sorgfältigen Zeichengebung Järvis entwickelten sich die polyrhythmischen Wendungen, mit denen Strawinsky die Musik Pergolesis übermalt hatte, mit Biss, Frechheit und Radikalität. Mit Freude erlebten wir eine elegante, makellos e Orchestervirtuosität, anmutig wo es sein sollte und augenzwinkernd pfiffig wo es angebracht war. Besonders großartig erwiesen sich die Tarantella und das Finale.

Mit einer feurig gespielten Beethoven-Zugabe verabschiedeten sich Paavo Järvi und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen für 2021 von Bad Kissingen.

Für den amtierenden Intendanten Tilman Schlömp waren die Festspiele 2021 seine letzten. Ab dem Veranstaltungsjahr 2022 übernimmt der bisherige Orchesterdirektor des Deutschen Symphonieorchesters Berlin, Alexander Steinbeis (geboren 1974) die Leitung des Festivals.

 

Thomas Thielemann

 

Autoren der Bilder:

Daniel Karmann Konzertgebäude

Julia Baier Orchester im Jahre 2018

Robbie Lawrence  Igor Levit

KISSINGER SOMMER 2016

Der l986 aus der Taufe gehobene „Kissinger Sommer“ mutiert längst zu einem beliebten Fest programmatischer Vielfalt. Locker reihen sich die Veranstaltungen aneinander: Musik aus unterschiedlichen Leiträumen, vorwiegend zentraleuropäische Klassik und Romantik geben den Ton an. Mehr oder weniger reden die um Ewigkeitswerke rotierenden Programmkonzeptionen dem Publikum ganz schön nach dem Mund. „Best of classic“ Hits sind die dynamischen Kräfte, die das beliebte Kissinger Festival seit dreißig Jahren zum Publikumsrenner machen. Recht buntscheckig nimmer sich aus, was die unermüdlich koordinierende Intendantin Kari Kahl Wolfsjäger zu griffigen Paketen schnürt. Von Klassik-Galas im historischen Regentenbau über Virtuosen-Auftritte, Liednachmittage, kammermusikalische Recitals bis hin zu Opernrecitals – ein buntscheckiger Reigen prägt ein Festival, das den Glamour nicht verachtet. Jetzt hängt die künstlerische Leiterin, die aus Norwegen stammende Kulturmanagerin Kari Kahl-Wolfsjäger, ihren Job an den Nagel. Sie drückte dem Festival von allem Anfang an ihren speziellen  dramaturgischen Stempel auf. Ein wenig amtsmüde ist sie geworden, obwohl sie kein Hehl aus ihren Plänen macht, in München mit Freunden was ganz spezifisch auf junge Künstler zugeschnittenes Konzept aufzuziehen. „Es ist schon ein Balance-Akt, dieses Programme-Schmieden. Allzu experimentierfreudig darf man nicht herumhantieren. Das könnte leicht unliebsamen Überraschungen führen. Selbst über das Prachtstück, Jean Sibelius Violinkonzert (gespielt von Viktoria Mulova) rümpfte man die Nase, ganz zu schweigen von Dmitri Schostakowitsch’s fünfter Sinfonie, die so mancher durch Johannes Brahms oder Beethoven ersetzt wünschte“. Wie auch immer: einen Riecher, auch die Moderne auf den Programmzettel zu schmuggeln, dafür riskierte die mit allen dramaturgischen Wässern gewaschene Norwegerin auch aufregende Konzert-Formate wie viel gelobte, immer wieder diskutierte Spezialität, die „Liederwerkstatt“, für die in der Regel eine eingefleischte Komponisten-Garde für innovative Taten Spalier steht. Namen wie Aribert Reimann, Wolfgang Rihm, Manfred Trojahn, Steffen Schleiermacher hoben mit entdeckungsfreudigen Vokalisten und Begleitern eigens für die „Liederwerkstatt“ geschriebene Piècen aus der Taufe.

In der Finalrunde, der letzten Veranstaltungswoche, präsentiert der neue Shooting Star der internationalen Pianistengarde, Daniil Trifonov, seine Visitenkarte. Dreifaches Hornsignal, wuchtige Akkordschläge der Bamberger Symphoniker, und der Hochgelobte meiselt gewaltige Akkordschichtungen in den Saal.  Den rasanten Beginn verfolgt man mit bannender Aufmerksamkeit. Mit diabolischen Zauberformeln wartet der Russe wohl nicht auf. Es regiert weder Aufdringliches noch frappieren rattenfängerische Extratouren. Umso mehr faszinieren die nach innen gewandten Züge, die fein abgestuften Piani und die subtile Anschlagsnuancen. Und würde ihm die kleinen keinesfalls uncharmanten agogischen Freizügigkeiten nicht zugestehen? Wie rasant geht es durch die Oktavläufe der Einleitung zur Kadenz. Leichtgewichtig geling ihm die schemenhafte Abtönung der Prestissimo-Episoden im Mittelteil des langsamen Satzes, der gar nicht sentimental gesüßt klingt. Die turbulenten Ausbrüche wie das con fuoco des schnell voran getriebenen Finales stehen unter dem Diktat eines straffen Rhythmus. Was Trifonov hier an Energie und Technik vorführt, kann wahrlich hören lassen. Dem Reiz des Virtuosen applaudierten die Zuhörer begeistert.

In der zweiten Sinfonie von Johannes Brahms sorgt David Afkham mit den Bamberger Symphonikern für spannungsvolle Reibungen. Da weht zweitweise ein recht raues Lüftchen. Wie es der Cellogruppe gelingt, mit breitem Bogenstrich zu artikulieren, ohne dass sich übertriebenes Vibrato aufdrängt, verdient Respekt. Dem lastenden Ernst des Adagios antwortet kammermusikalisch ausgefeilt eine freundliche Naivität des Allegretto-Intermezzos. Als jubelndes Finale mit schmetternden Effekten behandelt Afkham den Finalsatz, mehr „con fuoco“ als con spirituo.

Die Jungen, die „Next Generation“, geben beim Kissinger Sommer schon immer den Ton an. Es sind nicht nur stupend aufspielende Solisten auf kammermusikalischen Podien. Auch jung besetzte Orchester ziehen in den Bann wie das Australian Youth Orchestra, das der Routinier Manfred Honeck als eine rhythmisch lebendig und detailfreudig auftretende Gruppe vorführt. Aufhorchen lassen in Antonín Dvoráks e-Moll Sinfonie „Aus der neuen Welt“ sensible Register der Nuancierung in den Holzbläsern. Man staunt wie stimmig das Werk in den Proportionen gerät – ein sympathisches sinfonisch-landschaftliches Seelengemälde.

Hélène Grimaud erweist sich als freizügig-bravouröse Interpretin, der daran gelegen ist, das düster und unwirsch hereinbrechende d-Moll Klavierkonzert op. von Johannes Brahms wenigstens im zweiten und dritten Satz aufzulichten und ein wenig in die Nähe der frühen Klaviersonaten zu rücken. Grimauds Brahms bleibt lyrisch timbriert in den Kantilenen, drängend explosiv in den Ausbrüchen. Nach dem d-Moll Einstieg sympathisierte sie (im Einklang mit dirigentischen Vorstellungen) mit einer im Stil schwerblütigen Rede und paukenuntermalter Dunkelheit. Virtuosität dominiert in den geballten Akkordschichten und Doppeloktaven. Verinnerlichte Emphase trägt das Adagio. Das schwere Klangparfum, das sich meist über die choralartige Gesangsszene legt, löst sich weitgehend in lichte, fein abschattierte Kantilenen auf. Für die Ansprüche des Finale bringt Grimaud den knurrig-grimmigen Humor ein ebenso die konzertante Bravour, um die heiklen Parallelläufe nicht im Pedal ertränken zu lassen.

Lawrence Foster gehört zweifelsohne zu den immer gern gesehenen Maestri des inneren Kreises der in Kissingen aktiven Pultlenker, während der Bekanntheitsgrad des „L’Orchestre Philharmonic de Marseille in Deutschland nicht gerade als hoch zu veranschlagen ist. Doch lässt sich über die Spielkultur des stark verjüngten Orchesters wohl staunen, vor allem darüber, mit welchem instrumentalen Feinschliff und stilistischen Geschmack das südfranzösische Team die Geigerin Sara Domjanic begleitet. Nun technisch ist die Geigenlady aus Vaduz allen Anfechtungen gewachsen. Erwärmend im Ton, ohne brutale Gefühlsdrücker, tönt das oft genug sentimental zerdehnte Adagio. Dieser Jungstar weiß worauf es ankommt, und es fehlt ihm weder an Nachdruck noch an rhetorischem Glanz. Eine fein- und vielgestufte Ausdrucksskala bewahrt die Interpretin vor hemmungsloser Schwelgerei im Wohllaut.

Mit Arien von Giuseppe Verdi und Giacchino Rossini legt Simone Kermes, die ja gemeinhin „Alte-Musik-Trouvaillen“ fulminant zu interpretieren versteht, große Ehre ein. Flott musiziert, im Rhythmus vibrierend betont, im Lauf der Koloraturen lupenrein dargeboten, geraten die Piècen zum vokalen Glücksfall. Als reaktionsbehende Weggenossen begleitet die Marseiller Gruppe den Gewinner der Klavierolympiade 2015Jorge González. Er spannt in Mozarts Klavierkonzert KV 414 klangschöne melodische Bögen und macht Eindruck mit pianistischer Kunstfertigkeit. Sein Spiel verrät Charme und Witz. Ein Viertelstündchen ausdrucksvolles Spiel der Flöte aus den kompositorischen Händen von Leonard Berstein unter dem Titel „Halil“ weckt Erinnerungen an den im Kampf gefallenen israelischen Flötisten Yadin Tanenbaum. Berührende Innerlichkeit und eine übermächtige Kampfsituation des Krieges reflektiert die Altflöte im Solo feingliedrig sensibel, stellenweise auch dramatisch aufflammend als ein Weiterleben der Seele.

Wie gelenkig die Tuba musikalische Impressionen zu vermitteln vermag, davon kündet „Fables für Tuba und Streichorchester. Schlussendlich setzt eine rhythmisch gepfefferte Ragtime Bearbeitung für Bläser und Percussion saftige Akzente zum Finale.

Das von heiterer Daseinsfreude und von Licht durchfluteter Stimmung erfüllte Violinkonzert von Johannes Brahms befindet sich in der Petersburger Abschlussgala bei dem first-class Geiger Leonidas Kavakos in besten Händen. Begleitet wird der mit seelenvollem Ton und makelloser Phrasierung alle vertrackten konzertanten Konflikte meisternde Geiger vom Orchester des Mariinsky-Theaters St. Petersburg unter Valery Gergiev. Bei allen Doppelgriffen, Oktavgängen, den schroff angerissenen Akkordbrechungen und figurativen Durchläufen wirkt das Spiel von Kavakos souverän. Oft gerät das Adagio zu einer Szene des großen Schluchzens, wird aufdringlich mit Klangfett bestrichen und in allzu schön gestrickten Kantilenen getaucht. Schmalzig-sentimentale Beigaben verabreicht Kavakos nicht. Umso mehr offenbart sich der musikalische Geschmack in fein ausschwingenden melodischen Bögen. Schließlich gelingt das brillant-zigeunerhafte Allegro giocoso pointiert, rhythmisch gestrafft. Vorzüglich klappt auch die Koordination mit dem Petersburger Orchester. Gergiev sorgt für akkurate Interaktion.

Das allerbekannteste aus der Feder von Peter Tschaikowsky lockt zum Abschluss – die Erstfassung von Tschaikowskys „Nussknacker“. Dazu gesellen sich noch in einer nachträglichen Bearbeitung durch Tschaikowsky die Hits der Suite – die muntermachende Miniatur-Ouvertüre und der wunderschöne Walzer für die Blumen. Die Petersburger Symphoniker adeln Tschaikowskys instrumentierte Partitur mit muskulösem Spiel.

Mittlerweile hat der neue Intendant Tilman Schlömp (er kommt vom Beethoven-Fest Bonn) sein Amt angetreten. Er wurde bei seinem Amtsantritt gleich mit einer Kürzung des Festival-Etas von € 200.000 konfrontiert. Das zwingt den neuen Intendanten zu einem gezielten Fundraising. Im Übrigen musste Bad Kissingen – so das Bekenntnis der bisherigen Intendantin – einen Rückgang der Besucherzahlen hinnehmen. Der aktuelle Auslastungsgrad wird mit rund 87% beziffert. Da seien aber nach Meinung Kahl-Wolfsjäger nicht künstlerische Aspekte verantwortlich, sondern in erster Linie der Rückzug des Fünf-Sterne-Hotels (Steigenberger). Davon sind vom Luxus verwöhnte Naturen, die „Convenience“ besonders hochhalten, wohl weniger begeistert. Ein neues Hotel-Projekt soll bis dato noch nicht in Planung sein. Für die Zeit von 2017 – 2021 wird die Bremer Kammerphilarmonie unter Paavo Järvio in die Rolle eines Orchesters in Residence schlüpfen.

Egon Bezold 29.7.16

 

  

 

Kissinger Sommer 2015

Ein Fest der Vielfalt

19.7.15

Festival schießen bekanntlich wie die Pilze aus dem Boden. Manche leben ungeniert vom allsommerlichen Rundlauf etablierter Ensembles, die sich quer durch die Lande die Türklinken reichen. Der l985 aus der Taufe gehobene Kissinger Sommer mutierte längst zu einem Fest der Vielfalt. Locker reihen sich die Veranstaltungen aneinander. Musik aus bestimmten Zeiträumen, vorwiegend zentraleuropäische Klassik und Romantik, geben den Ton an. Mehr oder weniger reden die um die gleichen Ewigkeitswerke kreisenden Programmkonzeptionen dem Publikum ganz schön nach dem Mund. Erlesene, qualitativ hochrangig interpretierte „Best of classic“ Hits sind die dynamischen Kräfte, die das beliebte Kissinger Festival seit 30 Jahren so beliebt machen.

Recht buntscheckig nimmt sich aus, was die unermüdlich koordinierende Intendantin Kari Kahl-Wolfsjäger zu publikumsgefälligen Paketen schnürt. Von Klassik-Galas im historischen Regentenbau über Virtuosen-Auftritte, Liednachmittage, kammermusikalische Recitals bis hin zu Opernkonzerten – eine schillernde Vielfalt prägt ein Festival, das den Glamour nicht verachtet. Jetzt hängt die künstlerische Leiterin, die Kulturmanagerin Kari Kahl-Wolfsjäger, die dem Festival von allem Anfang ihren dramaturgischen Stempel aufdrückte, ihren Job an den Nagel. Ein wenig amtsmüde ist sie geworden. „Es schon ein Balance-Akt, dieses Programme-Schmieden. Die meisten Konzertbesucher wollen halt ihre angestammten Klassik-Hits genießen, und da könnte ein allzu experimentierfreudiges Programm zu unliebsamen Überraschungen führen. Selbst über das violonistische Prachtstück, Jean Sibelius‘ Violinkonzert (gespielt von Viktoria Mulova), rümpfte man die Nase, ganz zu schweigen von Dmitri Schostakovich‘ Fünfter, die so mancher lieber durch Brahms oder Beethoven oder Tschaikowsky ersetzt wünschte“.

Trotzdem: einen Riecher, auch die Moderne in die Programme zu schmuggeln, dafür kreierte die Norwegerin schon immer aufregende Konzert-Formate, z.B. die zu später Abendstunde eingeschobenen Sessions, wo etwa der ingeniöse Markus Hinterhäuser (Salzburgs designierter Intendant) das Kunststück fertig brachte, in den Sonaten der Russin Galina Ustvolskaya den Grenzen der Ausdrucksmöglichkeiten auszuloten. In guter Erinnerung aus früheren Konzerterlebnissen bleiben kammermusikalische Trouvaillen. Und es scheint, dass in den kammermusikalischen Reihen die Moderne gut aufgehoben ist. So wurden nach Hörabenteuern lechzende Nachtschwärmer in einem Hörmarathon mit Werken von Peter Ruzicka, Krzyzstof Pendereck und Wolfgang Rihm beehrt. Wer genug Sitzfleisch mitbrachte und die Augen offen halten konnte, wurde erst zu spätmitternächtlicher Stunde ins Bett beordert.

Besondere Aufmerksamkeit - eine wohl bekannte, viel gelobte und immer wieder diskutierte Spezialität, der Intendantin teuerste Kreation – gilt der „Liederwerkstatt“, für die in der Regel eine eingefleischte Komponisten-Garde Spalier steht. In diesem Jahr hoben Nikolaus Brass, Sarah Mentsov, Bernd Redmann, Aribert Reimann, Wolfgang Rihm, Steffen Schleiermacher und Manfred Trojahn eigens für die „Liederwerkstatt“ geschriebene Lieder aus der Taufe.

Kammermusikalische Darbietungen schöpften in Bad Kissingen schon immer Goldminen. Was für ein Solitär, der Chamber Music Society of Lincoln Center New York zu begegnen. In zwei Konzerten gab es Berühmtes, aber auch Rares zu bestaunen: Das Klavierquartett Es-Dur op. 87 von Antonín Dvorák. Auch Robert Schumanns Klavierquintett Es-Dur op. 44 imponiert durch Farben, stimmungsvolle Abschnitte und schroffe Gegensätze. Über stilistische Querverbindungen bis hin zu US Repräsentanten – unter anderem einem jüdisch-jazzigen,  Klezmer-Spuren folgendem Trio von Paul Schoenfield - formt das Programm der Lincoln Kammervirtuosen einen spannungsgeladenen Brückenschlag über Zeiten und Kontinente.

 Hoffnungslos ausverkauft war der Aufritt von Cecilia Bartoli, die unter dem Motto „Von Venedig bis St. Petersburg“ Barock-Arien  ausdrucksreich mit nahezu bruchlos laufendem Registerwechsel, perfekt in den Fiorituren, eine große emotionale Spannweite durchmaß. Am Pult von I Barocchisti stand Diego Fasolis. Schließlich ließ „Note italiana“ des Münchner Sonntagskonzerts (Am Pult Jacek Kaspszyk) die Kehlen ausgezeichneter Sänger in einem dramaturgisch zusammenhanglos aufgezogenen Arienverschnitt schwelgen. Mit strahlendem Belcanto hinterließ der Mexikaner Arturo Chacón-Cruz einen fabelhaften Eindruck.

Heiß begehrt war das Recital von Gregorij Sokolov im Regentenbau. Dieser Charismatiker am Klavier führt supreme Erzählkunst vor. Alles wird komplex durchdacht, hinsichtlich der Stimmungslage fein ausbalanciert und mit subtilen Anschlagsvaleurs bedient. Tief hört Sokolov in die Tiefen der Seelengründe von Franz Schuberts Sonate a-Moll D 784 hinein. Wie es Beethoven gelingt, in der Sonate op. 10/3 das motivische Material zu vereinheitlichen, gewinnt in der hochkonzentrierten Wiedergabe durch Sokolov unverwechselbare Gestalt. Ein abwechslungsreiches Spiel, das im launigen, flüchtig dahin surrenden Rondo durch Sokolovs schlüssige Auslegungskunst die Offenheit der kompositorischen Sprache prägnant heraushebt.

Eines hat der Kissinger Sommer den Mitbewerbern voraus: hier geben auch die Jungen, die „Next Generation“ den Ton an. So setzt das Meisterduo Nikolai Tokarev (Sieger der ersten Kissinger KlavierOlympiade 2003) und der Geiger Sergey Dogadin im Recital im Rossini-Saal auf virtuose Kost wie Strawinskys Divertimento, Campanella von Paganini/Liszt, Milsteins Paganiniana und anderes. Auf dieser Welle wird Kari-Wolfsjäger nach Beendigung ihrer Tätigkeit in Bad Kissingen in ihrer neuen Heimat in München ein Festival ins Leben rufen, das hochklassigen jungen Solisten Auftrittschancen bieten soll. Der neue Shooting Star der internationalen Pianistengarde, Daniil Trifonov, setzte im e-Moll Klavierkonzert von Frédéric Chopin auf den Kult des Leisen – eine manierierte Spielweise, die der Pianist in der poesievoll-innigen Romanze (Larghetto) zwar mit subtilen Anschlagsnuancen und technischer Bravour bedient. Doch zu einem pianistischen Glücksfall reicht es nicht. Dazu gehört halt auch der alles überwölbende Spannungsbogen und die Ausgewogenheit im Spiel. Am Pult des Mariinsky Orchesers aus St. Petersburg stand der Chefdirigent der Münchner Philharmoniker Valery Gergiev, der Peter Tschaikowskys sechster Sinfonie h-Moll mondäne Schmerzenswollust und Leidenssehnsucht entband.

Der neue Intendant Tilman Schlömp (er kommt vom Beethoven-Fest Bonn) wird in Bad Kissingen bei seinem Amtsantritt 2016 gleich mit einer Kürzung des Festival-Etats von € 200.000 konfrontiert. Kahl-Wolfsjäger: „Man darf halt nicht zu freundlich sein“. Jetzt heißt für den neuen Intendanten „Fund raising“ die Devise. Im Übrigen musste Bad Kissingen in der letzten Zeit einen Rückgang der Besucherzahlen hinnehmen. Der aktuelle Auslastungsgrad wird mit rund 87 % angegeben. Nicht künstlerische Aspekte seien nach Kahl-Wolfsjäger hierfür verantwortlich, sondern in erster Linie der Rückzug eines Fünf-Sterne-Hotels (Steigenberger). Davon sind vom Luxus verwöhnten Naturen, die „Convenience“ besonders hoch halten, wohl weniger begeistert. Doch ein Trostpflaster mag es sein, dass dem Vernehmen nach sich ein neues Hotel-Projekt bereits in der Planung befinden soll.  

Egon Bezold 19.7.15

Bilder Kissinger Sommer

 

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