Blue-ray-Disc: „La Juive“, Fromental Halévy

Live von der Oper Frankfurt am Main kommt ein Mitschnitt von Fromental Halévys (1799 – 1862), des Schwiegervaters von Georges Bizet, Oper La Juive. Aufgenommen wurden Aufführungen vom 11. und 14. Juli 2024. Es ist dem Label Naxos hoch anzurechnen, dass es diese in jeder Beziehung hochkarätige Aufführung auf Blue-ray-Disc gebannt hat. Das Ganze hinterlässt einen ungemein starken Eindruck. Offensichtlich wird, warum diese Oper, die auch Richard Wagner sehr schätzte, nach ihrer Pariser Uraufführung im Jahre 1835 an zahlr´kl 543>chen Bühnen einen so gewaltigen Erfolg für sich verbuchen konnte. Die   musikalischen Qualitäten dieser bemerkenswerten Grande Opéra sind enorm und auch die Handlung ist ausgesprochen dramatisch. Der rasante Erfolgskurs des Werkes wurde leider in Deutschland aufgrund des jüdischen Glaubens Halévys im Jahre 1933 von den Nationalsozialisten brutal abgebrochen. Erst in den vergangenen Jahrzehenten hat diese absolute Rarität dank der Initiative des Regisseurs und Intendanten John Dew wieder den Weg zurück auf die deutschsprachigen Bühnen gefunden.

Dem Internet lässt sich folgende kleine Inhaltsangabe entnehmen: Die Handlung der Oper spielt in Konstanz zur Zeit des Konzils von 1414. Die politischen Ereignisse dieser bewegten Zeit bestimmen die Geschicke der handelnden Personen. Im Mittelpunkt stehen der jüdische Goldschmied Eléazar und seine Tochter Rachel. Vorausgegangen ist folgende Geschichte: Der in Rom lebende Eléazar hat bei einem Überfall neapolitanischer Truppen die Tochter des Magistrats Brogni aus den Flammen gerettet, obwohl der seine beiden Söhne hat hinrichten lassen. Eléazar zieht das Mädchen ohne dessen Wissen als seine eigene Tochter Rachel in jüdischem Glauben auf und nimmt es als Verbannter mit nach Konstanz. Der Goldschmied ist wegen dieser Geschichte hart, dogmatisch und unbeugsam geworden und sinnt auf Rache. Inzwischen ist Brogni, nach dem vermeintlichen Verlust seiner Familie durch die Feuersbrunst in den geistlichen Stand getreten und zum Kardinal aufgestiegen, nach Konstanz gekommen, wo er das bevorstehende Konzil eröffnen soll. Weil er durch seine hörbare Hämmerarbeit die Ruhe des wegen der Konzilseröffnung verordneten christlichen Feiertages stört, soll Eléazar als Ketzer bestraft werden. Der Großvogt fordert in einem Schnellurteil den Tod für ihn und seine Tochter. Rachel hat sich in einen Mann verliebt, der nur vorgibt, Jude zu sein, in Wirklichkeit aber der christliche Reichsfürst  Léopold ist. Hinzu kommt, dass Léopold mit Eudoxie, der Nichte des Kaisers, verheiratet ist. Aus Eifersucht denunziert Rachel ihren Geliebten als Verführer, und ein von Kardinal Brogni angeführtes Tribunal verurteilt das Liebespaar und Eléazar zum Tode. Rachel lässt sich durch die flehentliche Bitte der Prinzessin Eudoxie zur Zurücknahme ihrer Anschuldigung gegen Léopold überreden und erwirkt damit seine Begnadigung. Sie selbst könnte durch  Konversion zum christlichen Glauben am Leben bleiben, entscheidet sich aber für den gemeinsamen Tod  mit ihrem vermeintlichen Vater. Im Augenblick ihres Todes im siedenden Wasserkessel enthüllt Eléazar dem früheren Magistrat und jetzigen Kardinal Brogni Rachels wahre Identität. Sie ist dessen verloren geglaubte Tochter, die Eléazar seinerzeit unbemerkt aus der Feuersbrunst gerettet hatte. Während Eléazar triumphierend in den Tod geht, bricht Brogni zusammen.

Es ist eine ungemein dramatische Geschichte, die sich vor den Augen des Zuschauers abspielt, und die von Regisseurin Tatjana Gürbaca sehr intensiv und spannungsgeladen in Szene gesetzt wird. Ihr stehen Bühnenbildner Klaus Grünberg, der auch für die Videos verantwortlich zeichnet, und die für die Kostüme zuständige Silke Willrett zur Seite. Die Handlung spielt sich in einem konkaven, sich nach oben verjüngenden skelettartigen Gebäude ab, dessen Funktion nicht eindeutig bestimmbar ist. Kalt ausgeleuchtet ist dieser Raum alles andere als angenehm. Eine Privatsphäre gibt es hier nicht. Rechts erblickt man die heruntergebrannten Reste eines Scheiterhaufens. Hier sind wohl schon viele Ketzer verbrannt worden. Die Asche eines von ihnen wird zu Beginn gerade entsorgt. Judenhass und Antisemitismus beherrschen das Denken der modern gekleideten Einwohner von Konstanz, die hier einen brutalen Mob bilden, der den Tod von Eléazar und seiner Tochter fordert, weil er nicht hinnehmen will, dass der Goldschmied an einem christlichen Feiertag lautstark seiner Arbeit nachgeht. In großer Empörung malt die gereizte Masse ihm einen Davidstern auf den Rücken. Wenn Kardinal Brogni Eléazar dieses Judenzeichen wieder abwischt und die Menschen zur Milde aufruft, malen sich diese protestierend ein Kreuz auf die Brust. Im Folgenden werden zwei Eléazar und Rachel symbolisierende Puppen aufgehängt und durch Schüsse demoliert. Diese Bilder ausgeprägten Hasses sind von Frau Gürbaca sehr eindringlich geschildert. Dass sie immer noch große Aktualität aufweisen, ist angesichts der judenfeindlichen Auswüchse der vergangenen Jahre in Deutschland unbestreitbar. Die Judenfeindschaft war aber schon immer ein Problem. Sie durchlief die unterschiedlichsten Zeitalter. Zur Aufzeigung dieser Tatsache entstammen die gelungenen Kostüme den verschiedensten Ären und erscheinen sowohl zeitgenössisch als auch konventionell. Hier haben wir es mit einem zeitlosen Problem zu tun. Das hat die Regisseurin richtig erkannt. Sie setzt noch einen drauf, wenn sie das Geschehen als einen ausgemachten surrealen Alptraum deutet, der sich durch das ganze Stück zieht.

Daneben wartet sie zudem mit einer eindringlichen Charakterisierung der beteiligten Personen auf. Das gelingt ihr insbesondere bei dem von Hass- und Rachegelüsten getriebenen Eléazar ganz vortrefflich. Wenn dieser einmal in seinem Wahn kurz innehält und sich bewusst wird, dass er Rachel seiner Vergeltung zu opfern beabsichtigt, wirkt dies wie eine gedankliche Insel in einem Meer der Rache. Ein starker Moment – ebenso wie das Bild, in dem Eléazar aus Teilen seiner Kleidung das Baby Rachel formt und liebevoll in seinen Armen wiegt. Für derartige emotionale Momente hat Tatjana Gürbaca ein gutes Händchen. Bezeichnend ist auch, dass in ihrer Deutung Kardinal Brogni viel sympathischer ist als Eléazar. Der Ehebrecher Léopold kommt bei ihr ebenfalls nicht gut weg. Seine Frau Eudoxie ist eine Shopping-Lady, die genau weiß, was ihr Mann so treibt und mit ihm gnadenlos ihre Spielchen treibt. Sie will ihn um jeden Preis zurückgewinnen. Zur Erreichung dieses Zweckes setzt sie sogar ihre von der Regisseurin dazu erfundenen Kinder ein. Ein weiterer in Erinnerung bleibender Augenblick ist es, wenn Eudoxie mit Sohn und Tochter vor Rachel auf die Knie geht und um das Leben Léopolds bittet. Bereits vorher hat die Kaisernichte Rachel zum Kleidertausch aufgefordert, um in ihren Kleidern Léopold zurückgewinnen zu können. Im Folgenden wird aber nur allzu deutlich, was sie von ihrer Rivalin in Wirklichkeit hält. Rachel ist für Eudoxie eine Hure. Konsequenterweise verpasst Léopolds Gattin der Nebenbuhlerin auch das Outfit eines leichten Mädchens, das diese bis zum Schluss nicht mehr ablegt. Ihrem Mann zeigt sie bei aller Liebe sehr deutlich, was sie von ihm hält. Zur Ballettmusik lässt sie einen Film nach Art der Deutschen Wochenschau in der NS-Zeit ablaufen, in der comicartig die Heldentaten Léopolds geschildert werden. Hier haben wir es mit einer gänzlich übertrieben wirkenden Farce zu tun, die Léopold sicher nicht zu Ehren gereicht. In diesem Film landet Jan Hus auf dem Scheiterhaufen und Léopold ersticht eine Frau mit Teufelshörnern. Das groteske Element erfährt zum Ende hin noch einmal eine zusätzliche Steigerung. Geschickt deutet Frau Gürbaca die Hinrichtung Rachels um. Bei ihr wird letztere nicht in einen kochenden Wasserkessel geworfen, sondern fällt wie ein Komet vom Schnürboden herab. Insgesamt handelt es sich hier um eine Inszenierung, die stark unter die Haut geht und sich tief in das Gedächtnis einprägt.

Eine ausgezeichnete Leistung erbringt Henrik Nánási am Pult. Zusammen mit dem bestens disponierten Frankfurter Opern- und Museumsorchester erzeugt er einen kraftvoll leuchtenden, spannungsgeladenen und farbenreichen Klangteppich, der sich zudem durch enorme Flexibilität und große Transparenz auszeichnet.

Ebenfalls auf hohem Niveau bewegen sich die gesanglichen Leistungen. In der Rolle der Rachel zieht Ambur Braid mit bestens fokussiertem, strahlendem und nuancenreichem jugendlich-dramatischem Sopran sämtliche Register ihres enormen Könnens, was ein sehr differenziertes Rollenportrait ergibt. Mit kraftvollem, hellem und wandelbarem Tenor singt John Osborn einen ausgezeichneten Eléazar. Gérard Schneider kann als Léopold da über weite Strecken mithalten. Nur bei den extremen Spitzentönen der Partie klingt sein insgesamt angenehmer Tenor etwas angestrengt. Ein wahres Koloraturfeuerwerk entfacht mit tadellos sitzendem Sopran Monika Buczkowska als Eudoxie. Volles und rundes, dabei sehr sonores und tiefgründiges Bass-Material bringt Simon Lim für den Kardinal Brogni mit. Als Ruggiero und Albert empfehlen sich Sebastian Geyer und Danylo Matvienko nachhaltig für größere Aufgaben. Gut gefallen die von Tilman Michael einstudierten Chor der Oper Frankfurt und Extrachor der Oper Frankfurt.

Fazit: Eine vortreffliche Blue-ray-Disc, deren Anschaffung sehr zu empfehlen ist!

Ludwig Steinbach, 11. April 2026


Blue-ray-Disc: La Juive
Fromental Halévy
Oper Frankfurt am Main

Inszenierung: Tatjana Gürbaca
Musikalische Leitung: Henrik Nánási

Naxos
Best.Nr.: NBD0190V