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TONHALLE DÜSSELDORF

www.tonhalle.de

 

DIE PLANETEN

Konzert am 5.10.2018

Düsseldorfer Symphoniker & Mario Venzago

Ralf BuchkremerViola

Nicole SchrumpfKlarinette

Damen des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf

Marieddy Rossetto Einstudierung

 

Bernd Alois Zimmermann Prélude für großes Orchester

Max Bruch Konzert für Klarinette, Viola und Orchester e-moll op. 88

Gustav Holst Die Planeten. Suite für großes Orchester op. 32

 

 

Warum heißt die Konzertreihe Sternzeichen in der Tonhalle Düsseldorf eigentlich so, fragte neulich jemand, der das Haus nicht kennt. Für den Düsseldorfer Ehrenhof entwarf der Architekt Wilhelm Kreis 1925 Veranstaltungs- und Ausstellungsgebäude, zu denen auch ein Planetarium gehörte. Während das Gebäude im 2. Weltkrieg, zwar stark beschädigt wurde, doch erhalten blieb, wurde die alte Tonhalle völlig zerstört. Die Düsseldorfer Symphoniker hatten keinen Konzertsaal mehr, doch ein Versprechen der Stadt, das ehemalige Planetarium zum Konzertsaal auf- und umzubauen. 1978 wurde die neue Tonhalle mit einer an das Planetarium erinnernden Kuppel eröffnet.

Das Sternzeichenkonzert im Oktober 2018 könnte musikalisch und architektonisch nicht passender den programmatischen Namen der Konzertreihe deutlich machen. Mit Die Planeten ziehen die Düsseldorfer Symphoniker auf ihrer orchestralen Umlaufbahn buchstäblich immer größere Aufmerksamkeitskreise.

Am Pult steht mit Mario Venzago ein in Düsseldorf gern gesehener Gastdirigent. Schon wenn er mit tänzerischer Leichtigkeit die Bühne betritt, strahlt er in Vorfreude auf das Planetenabenteuer. Mit einem Lächeln im Gesicht, über dem ein ihm eigener Schalk in den Augen blitzt, nimmt er das Publikum von vorn herein ein. Es ist, als streue er ein Füllhorn von Glückshormonen aus.

Neben der titelgebenden Suite für großes Orchester op. 32, Die Planeten von Gustav Holst, mit Photoptosis. Prélude für großes Orchester von Bernd Alois Zimmermann und dem Konzert für Klarinette, Viola und Orchester e-moll op. 88 von Max Bruch stehen auf den ersten Blick Konzerte auf dem Programm, die kaum unterschiedlicher sein könnten.

Holsts populäre, filmmusikalisch vielfach geplünderte Suite, ist, wie Venzago launig im Startalk vor Konzertbeginn formuliert, dargestellte Musik, die erste große Filmmusik ohne Film. Entgegen dieser narrativen Planeten-Oberfläche, wo das Orchester zeigen kann, was es kann, ist Photoptosis musikalisches Zimmermann-Material, das selbstreferentiell einen erklärenden Zugriff zu einem apokalyptisch anmutenden Inferno verweigert. Bruchs selten gespieltes Konzert für Klarinette, Viola und Orchester mutet mit seinem romantisch  biedermeierlichen Wohlklang, metaphorisch gesprochen, wie ein Bruch in der Konzertfolge an. Und doch gibt es zwei Momente, die die Werke verbinden.

Zum einen der Krieg als Zäsur mit radikal verschiedenen, gelebten Konsequenzen. Bei Zimmermann als selbstquälerisches Trauma, das ihn letztlich in den Selbstmord trieb. Das fast tragisch zu nennende Missverständnis und die damit verbundene Demütigung Bruchs bei der Uraufführung in Wilhelmshaven vor der Admiralität der deutschen Kriegsflotte. Dass Holst mit dem ersten Planeten Mars eine martialische Musik sondergleichen komponiert hat und diese als Vorlage für so manche symphonischen Schlacht-Filmmusiken bis zu John Williams Star-Wars-Soundtracks instrumentalisiert wurde, verbindet sie auf groteske, gleichwohl unfreiwillige Weise mit Zimmermann und Bruch.

Zum anderen stehen alle drei Kompositionen für ein gewisses Scheitern. Zimmermann hadert unentwegt mit seinen Kompositionen. Sie scheinen ihm nie wirklich zu genügen. Ständig auf der Suche nach Antworten auf die Frage, wo die Klänge herkommen, wo Leben und Tod zusammenfinden, steht Photoptosis prototypisch.

Wie aus dem Nichts leitet das Prélude vom sogenannten Lebenston D schon nach wenigen Takten in den Todeston es über. Venzago navigiert die Düsseldorfer Symphoniker mit einem designierten Zähl-Gestus – die Harfenistin zählt konsequent mit wippendem Fuß mit – durch eine ambitionierte, Zimmermannsche Zitatengarten-Collage, die selbst dem vertrauten Konzerthörer bis zum Tutti-Crescendo rätselhaft bleibt. Ein Zusammenbruch ohne jede Hoffnung, so als würde die Welt im Chaos wie in einem Vulkan versinken.

Vor 50 Jahren uraufgeführt, bildet Photoptosis einen Mosaikstein des in diesem Jahr viel zitierten gesellschaftlichen Aufbruchs von 1968. Venzagos Überzeugung, es lohne sich, bei Photoptosis konzentriert zuzuhören und die Ohren zu spitzen, erfährt durch ihn eine ganz unprätentiöse, aber wirkungsmächtige Perspektive, sich zu erinnern.

Nach Zimmermanns Hör-Anstrengung gibt Max Bruchs Konzert für Klarinette, Viola und Orchester Raum zum Durchatmen – und Gelegenheit, mit Nicole Schrumpf, Klarinette und Ralf Buchkremer, Viola Düsseldorfer Orchestermusiker als Solisten kennenzulernen. Gleichzeitig zeugt es Jahrzehnte nach seinem erfolgreichen und viel gespielten Violinkonzert g-Moll, op. 26, wenige Jahre vor seinem Tod  von den vergeblichen Versuchen, als Komponist daran anschließen zu können.

Dass Bruch lebenslang musikalisch ein Konservativer bleibt und gleichzeitig für eine großartige Kunst des Komponierens steht, davon gibt Venzago eine überzeugende Interpretation für dessen kleine Wunschwelt harmonischen Wohlklangs. Die Bratsche Buchkremers gibt der Klarinette von Schrumpf  eine Mitte, die sie solistisch ausdrucksstark besetzt.

Wer sich allein der Musik in dieser Bruch-Komposition hingibt und nicht die avantgardistischen Höheflüge seines Zeitgenossen Arnold Schönberg zum Maßstab nimmt, findet mit Venzago  – wir verlieren heute so viel an guter Musik, wenn wir beispielsweise Franz Liszt oder die Salonmusik vergessen –  auch in diesem Bruch-Konzert ein großes Vergnügen.

Holsts Suite zeugt von Glück und Tragik zugleich dafür, dass ein früher Erfolg die Messlatte so hoch setzt, dass sie danach eine nie mehr erreichte Höhe markiert. Bemerkenswert bleibt, dass Holst das Stück mit Celesta, Bassklarinette und Kontrabass-Fagott instrumentalisiert, die von der Avantgarde der neuen Musik erst später entdeckt wurden.

Venzago folgt Holsts Planetenbahn mit den Düsseldorfer Symphoniker mit großer Lust des Fabulierens. Den martialischen Mars kontrastiert er mit sanft verklärt schwebendem Adagio die Friedensbringerin Venus sowie mit dem Vivace des dahinflatternden Götterboten Merkur. Wo Jupiter – vielfach als Musikvorlage für Hollywood-Filme in Dienst genommen – mit fröhlicher Festlaune alle Sorgen beiseiteschiebt, scheinen Karl Mays Helden Winnetou und Old Shatterhand mit Saturn durch die Wüste reitend das Alter vergessen zu machen.

Uranus tritt mit einer Fanfare auf, die den Magier am Pult Venzago wie ein Selbstportrait gelingt. Geheimnisvoll unbestimmt irrlichtert abschließend Neptun, unterstützt von den Damen des Chors des Städtischen Musikvereins Düsseldorf, mit sphärischem Raunen in einem mystischen Andante.

Ultimativer Beifall des Publikums, herzliche Umarmungen auf der Bühne: Die Planeten – ein gemeinsames Geschenk en familie für alle.

 

Peter E. Rytz  9-10.2018

Bilder (c) Susanne Diesner


Weitere Kritiken aus der Lokalpresse:

Venzago verkürzt Holsts Planeten WZ

 

 

 

Die Kunst der Schöpfung

Konzert am 9.9.2018

HAYDN Die Schöpfung / Oratorium für Soli, Chor und Orchester Hob. XXI/2

DÜSSELDORFER SYMPHONIKER

FATMA SAID Sopran

UWE STICKERT Tenor

MIKLÓS SEBESTYÉN Bass-Bariton

CHOR DES STÄDTISCHEN MUSIKVEREINS ZU DÜSSELDORF

MARIEDDY ROSSETTO Einstudierung

ADAM FISCHER Dirigent

 

Joseph Haydn gilt vielen als der Erfinder der Sinfonie. Vielleicht etwas vollmundig formuliert, überschreitet er mit seinen Kompositionen visionär bis dahin tradierte Stilgrenzen. Das gilt ganz besonders für sein Oratorium Die Schöpfung, sein drittes von vier Oratorien, entstanden am Ausgang des 18. Jahrhundert. Er setzt mit ihm eine deutliche, sinfonisch inspirierte Zäsur. Es sollte maßstabgebend für alle folgenden Generationen von Komponisten werden.

Eine Spielzeit mit Die Schöpfung, wie jetzt in der Tonhalle Düsseldorf zu eröffnen, appelliert mit einem Hauptwerk der Wiener Klassik allein schon damit vehement an das kulturelle Gedächtnis. Selbst, wenn man das Oratorium vorher noch nie bewusst gehört hat, weckt es so etwas wie musikalisches Ur-Vertrauen. Mit dem Principal Conductor Adam Fischer, einem der mit dem Oratorium am besten vertrauten Dirigenten am Pult der Düsseldorfer Symphoniker, ist eine opulent schillernde Aufführung per se garantiert.

Dass Fischer mit dem flexibel intonierenden Chor des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf (Einstudierung: Marieddy Rossetto) und mit intensiv lebendig atmenden Solisten – in sympathischer Selbstverständlichkeit singend, gleichzeitig mit gestisch körperlicher Überzeugung spielend - außergewöhnlich engagierte Sänger zur Seite stehen, macht diese Aufführung zu einem beglückenden Erlebnis. Fischer dirigiert mit doppelter Aufmerksamkeit. Wechselnd zwischen orchestraler Konzentration zwischen Tutta la forza und feinem Pianissimo, wendet er sich halbseitig bei den Rezitativen und Arien den Solisten zu. Die linke Hand schlägt den Orchestertakt, während die rechte die Tempi der Soli betont.

Fischers Dirigierkunst, leicht wie selbstverständlich schwebend in der Diktion, leichtfüßig in den Wechseln von Tempi und Lautstärke, entwickelt einen ungemein schöpferischen Hör-Rausch. Ihm als Zuhörer nicht zu folgen, ist fast unmöglich. Fischer hat Die Schöpfung vollkommen verinnerlicht. Er dirigiert nicht nur ohne Partitur, er singt ebenso auswendig fast immer mit.

Haydn hat in Fischer einen kongenialen Die-Schöpfung-Interpreten. Wenn häufig gesagt wird, jede Aufführung sei durch die Interpretation selbst immer auch eine Schöpfung, ist es oft nicht mehr als leere Rhetorik. Mit dieser Aufführung schöpft Fischer in einer unglaublich leicht anmutenden Art und Weise Haydns Klangbrunnen umfassend aus. Er findet, verpackt im filigran lyrischen Text von Gottfried van Swieten, tonmalerisch funkelnde Haydn-Preziosen, öffnet sie mit sicherem Gespür für den einen Ton jetzt und lässt sie funkeln. Kräuter duften, die Flur beut das frische Grün, der Hain wölbt sich, leise rauschend gleitet fort im stillen Tal der helle Bach: Fischer öffnet einen Klangfarbkasten, lässt es tönen und alle folgen - Stimmt an die Saiten, ergreift die Leier

Das Instrument der menschlichen Stimme, die sich aus dem Chaos, als es noch keine Menschen gab, durch göttliche Schöpfung entwickelt, spannt mit den Instrumenten des Orchesters eine Klangraum, der die Unendlichkeit des Universums zivilisiert. Die Schöpfung wird in diesem Konzert mit Fischer zu einem Freudenschrei aller lebendigen Kreatur.

Dass sich das nicht unbedingt mit ebenso heftiger Anteilnahme auf jedem Gesicht widerspiegeln muss, sondern sich wohlig zufrieden auch nach Innen verlagern kann, offenbart sich wie eine assoziative Randnotiz durch eine Beobachtung. Während der Chor allegro con brio signalisiert Und es ward Licht!, schläft ein etwa 8jähriges Mädchen friedlich an der Seiter ihrer Mutter. Als wäre sie eine stille Mitspielerin, wacht sie bei Uriels Erzählung Und Gott schuf den Menschen auf. Haydns nicht komponierten, siebten Schöpfungstag, den Tag der Ruhe, ersetzt durch einen romantisch kapriziösen Blick ins Paradies, erlebt das Kind - schlaftrunken - nicht mehr.

An diesem dritten Tag lässt Fischer keinen Raum, schläfrig dem Ende entgegen zu dämmern. Mit den Düsseldorfer Symphonikern reiht er Höhepunkte mit musikantischem Furor und poetischer Eindringlichkeit aneinander. Sie setzen den Solisten nach dem bis dahin ohnehin schon formidabel begeisternden Zusammenspiel eine glanzvolle Krone auf. Das Solistentrio kann man wie eine Chiffre für Haydns Oratorium lesen.

Mit dem Engel Uriel - hebräisch mein Licht ist Gott – leuchtet Uwe Stickert den Menschen als Ebenbild Gottes mit silbrig feinem Tenor aus. Über diesen, als höchste Schöpfung prototypisch für die geschaffene Welt, singt er mit der Souveränität, die von dem Schöpfungssonderfall Mensch zu wissen scheint.

Uriels Mittelpunktstellung flankieren der Verkündigungsengel Gabriel und der Erzengel Raphael – der, den Gott geheilt hat. Von der Sopranistin Fatma Said und dem Bassbariton Miklós Sebestyén mit seltener Bühnenpräsenz überzeugend dargestellt, wirken ausgewählte, von ihnen gesungene Texte wie Selbstbeschreibungen. Gabriel/Said: Ihr reizender Gesang; Raphael/Sebestyén: Vor Freude brüllend steht der Löwe da. 

Ihr Eva-Adam-Paradies-Duett im dritten Teil steigert sich mit erotisierendem Charme – Doch ohne Dich, was wäre mir - zu einem sinnlich überquellenden Gesang. Die Schönheit der Musik korrespondiert mit ihrem wunderbar anzusehenden und anzuhörenden Zusammenspiel von Singen und Spielen. In jedem Wort, jedem Fragment, jedem Satz schwingt Anmut und Leichtigkeit mit. Von Fischer mit verschränkten Armen wohlwollend goutiert, mutet es an, als hätte er seine Kinder glücklich verheiratet.

Fatma Said als Eva – eine orientalische Schönheit, raunt ein Besucher begeistert in der Pause - und Miklós Sebestyén als Adam – mit glühenden Augen lässt er mit genussvoller Betonung das Gewürm am Boden kriechen – sind eine Ohr- und Augenweide. Ihr Gesang von der Seligkeit des Lebens angefüllt, lässt ihn den Morgen tauen, die Kühle des Abends zu einem Strauß der Blumen süßen Duft binden, wo jeder Augenblick Wonne ist.

Im enthusiastisch aufbrausenden Jubel bittet Adam Fischer Fatma Said, Miklós Sebestyén und Uwe Stickert einzeln auf sein Dirigentenpodium. Einer Siegerehrung gleich, wie man sie aus Sportwettkämpfen kennt. Hier allerdings nicht als Ergebnis eines Wettkampfs gegeneinander, sondern als Würdigung eines gemeinsamen Ringens um die Die Schöpfung. Sieger sind sie am Ende gemeinsam mit den Zuhörern dieses denkwürdigen Sternzeichenkonzerts zum Auftakt der Saison 2018/19.

Foto (c) Tonhalle

Peter E. Rytz 12.9.2018

 

 

 

MAHLER 8.

3. Aufführung am Montag 9.7.2018 in der Düsseldorfer Tonhalle

Molto furioso et gigantissimo

Haydn: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Mahler: Symphonie Nr. 8

Dank an Susanne Diesner (c) für das wunderbare Foto und die Perspektive, denn genau dort saß auch der Rezensent.

 

436 Aktive (Musiker, Sänger, Choristen), die im fortissimo musizieren - das sprengt schon beinah die Grenzen der knapp 2000 Zuhörer fassenden Tonhalle. Da ist nicht nur die Chorloge hinter dem Orchester randvoll, auch sitzen weitere Chöre oben auf den kompletten Außenbalkonen rechts und links, die natürlich von den genau unter den Balkonen im Parkett Sitzenden weder zu sehen, noch direkt zu hören sind. Diese bekommen vom grandiosen 360 Grad Sound - einem Kernpunkt der Aufführung - wenig mit. Die Sänger stehen wg. der gleichzeitig statt findenden Plattenaufnahme * eigentlich akustisch ungünstig etwas erhöht hinter dem Orchester; oben auf dem Balkon hört man sie makel- und tadellos.

So ist der geradezu göttlichste Platz (auf dem auch der Rezensent dankenswerter Weise saß ;-) oben Balkon Mitte (Bild). Und wenn die Wucht der Chöre "veni, creator, spiritus" uns aus dem Tiefschlaf des völlig überflüssigen und unpassenden Haydn Vorspiels  erweckt, dann wird auch der abgebrühteste Kritiker und Mahler-Liebhaber förmlich fast vom Blitz getroffen und entrückt von den sieben Chören der Engel umgeben in einer so nie gehörten Klangwolke. Beeindruckenderes habe ich selten gehört. Wenn dann zusätzlich die Trompeten von Jericho (14 Extrabläsern vom rechten Balkon) in den Finali des ersten und letzten Satzes noch einen drauf setzen, ist der Mahler Himmel erreicht.

Das alles hätte bei empfindlichen unvorbereiteten Menschen durchaus zum Herzkasperl führen können. Sensiblen Ohren hätte ich in meiner Fürsorgepflicht - wäre es nicht die letzte Vorstellung gewesen - Ohropax empfohlen. Aber, aber meine lieben hochverehrten Musikfreunde: Mahler ist nun einmal gelegentlich, wie Richard Wagner, sehr laut. Und erstaunlicherweise können die "Düsis" (Düsseldorfer Symphoniker) auch "laut" und "schön" ohne, daß es wie in der Oper öfter gehört - einfach schrecklich klingt und lärmt. Oder liegt es am Dirigenten?

An dieser Stelle muß man den "Principal Conductor" Adam Fischer ganz besonders hervorheben, der für mich in einer Reihe mit den ganz großen Orchesterleitern der Tonhalle, wie Jean Martinon, Rafael Frühbeck de Burgos, Henryk Czyz und dem wunderbaren Mahler-Magier Bernhard Klee, unbedingt zu nennen ist.

Wie Fischer das immerhin über 150-köpfige Orchester beherrscht, die Chöre koordiniert und auch an den sensibleren Klangstellen, die ja durchaus filmmusikalische Emotionen wecken, die Streicher im tutti rubatohaft schwelgen lässt oder Solisten im Piano musikalische Träumchen evozieren, daß ist schlicht und einfach grandios. Das ist schon Weltklasse!

Fischer übertrifft in Feuer, Temperament, Empathie und routinierter perfekter strategischer Kontrolle sogar den altvorderen Lorin Maazel - einen der letzten der Giganten - den mqn zuletzt im Jahr 2010 in der Kraftzentrale des Landschaftparks Duisburg (da waren es über 1000 Mitwirkende und 4000 Zuhörer) erleben durfte.

Fazit: Bravissimo, oh Maestro Adamo !

Diesem Lob anschließen muß man sich auch bei den toll und überzeugend vorbereiteten Chören anschließen, und so geht das Lob weiter an Justine Wanat (Clara Schumann Jugendchor), Marieddy Rossetto (Musikverein Düsseldorf) und Paul Krämer (Kölner Chöre).

Des Kritikers Pauschallob geht an alle dieser herzhaft kämpfenden und schön singenden Solisten, denn die haben es schwer bei solch einem Monsterwerk. Ich möchte allerdings den Tenor Neal Cooper noch besonders würdigen. Mit der Strahlkraft eines wagnerschen Helden übertönte er leicht die Urgewalten des Riesenorchesters und dringt bis in die letzten Planken der Tonhalle vor. Bravo!

Was soll man nun zu so einem Riesen-Spektakel sagen, was kritisieren? Wer Perfektion will, sollte CDs hören. Wackler, Unstimmigkeiten, Einsatzdivergenzen... zu bemängeln wäre Kritikasterei! Die grandiose Wirkung und der Erfolg dieses Meilensteins im Konzertleben der Tonhalle liegt und lag durchaus in der Unperfektion jeder künstlerischen Livedarbietung, welche gerade bei so vielen Mitwirkenden niemals auszuschließen ist. Alle Künstler geben/gaben ihr Bestes. Ich denke sogar mehr als ihr Bestes.

Livemusik ist nie perfekt, aber spannend und ergreifend - beinhaltet sie doch jenes Konzerterlebnis, welches wir so lieben, suchend durchleben, ergreifend durchleiden und für ewig dann im Herzen speichern.

Fazit: Ein Abend den wohl kaum jemand, der dabei war, ob Mitwirkender oder Zuschauer, je vergessen wird. So gehen wir in die Ferien mit unserem Herzen voller Mahler - Dank an alle ! Besser kann man eine Konzertsaison kaum beschließen.

 

Fotos (c) Susanne Diesner / Tonhalle.de

Peter Bilsing 10.7.2018

 

 

 

Credits

Adam Fischer  & Die Düsseldorfer Symphoniker

Solisten: Manuela Uhl, Sopran / Polina Pasztircsák, Sopran / Fatma Said, Sopran / Katrin Wundsam, Mezzosopran / Katharina Magiera, Alt / Neal Cooper, Tenor / Hanno Müller-Brachmann, Bariton / Peter Rose, Bass

Chöre: Clara-Schumann Jugendchor / Justine Wanat

Chor des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf / Marieddy Rossetto

Philharmonischer Chor Bonn / Kartäuserkantorei Köln / Paul Krämer

 

* Nota bene !

Der gesamte Mahler-Zyklus erscheint in Kooperation mit dem Deutschlandfunk auf dem Label CAVI-Music auf CD. Gerade ist Mahler 3 erschienen, die Konzerte waren Mitte November 2017, also können wir mit der Einspielung von Mahler 8 wohl in der Weihnachtszeit rechnen.

 

 

 

 

E LUCEVAN LE STELLE

Lahav Shani & Die Düsseldorfer Symphoniker - featuring: Danae Dörken

 

Konzert am 6.2.2018 (Dritter Abend des Städtischen Sinfoniekonzerts)

Sterneabend im ehemaligen Planetarium, heute: Tonhalle

Prokofiev: Symphonie Nr. 1 D-Dur op. 25 "Symphonie classique"

Mozart: Konzert für Klavier und Orchester C-Dur KV 503

Skrjabin: Le poème de l´Extase op. 54

 

Das Schönste im Leben eines Kritikers und begeisterten Konzertgängers ist es, wenn man jungen Ausnahmetalenten noch in ihrer frühen Phase begegnet. Später, wenn sie in der Albert Hall, der Carnegie Hall oder in Boston, Wien, Salzburg bzw. Sidney (pars pro toto!) auftreten, werden sie nicht nur unbezahlbar sein, sondern eventuell auch schon im Superstarkult allzu sehr vermarktet und genormt sein. Heuer sind sie noch natürlich, kreativ, fröhlich, sympathisch und sprühen geradezu vor Einsatzfreude und bedingungsloser Liebe zur Musik. In der Düsseldorfer Tonhalle waren gleich zwei blutjunge Talente zu genießen, deren Zukunft gesichert sein dürfte.

Daß solcher Einsatz gepaart mit Spielfreude auch die (zumindest früher in meiner langen Erinnerung ;-) meist recht brav und friedfertigen Musici des Städtischen Symphonie Orchesters der Düsseldorfer Symphoniker, die sich heute liebevoll "Düsis" nennen, förmlich aus den Sitzpulten reißt, begeistert den Rezensenten - der das Orchester jetzt bald ein halbes Jahrhundert kennt - besonders nachhaltig.

Danae Dörken ist mit ihren gerade 26 Jahren der erste Traum dieses Abends; das wunderbare golden glitzernde Rausche-Engel Kleid beim Auftritt ist ein optisches Versprechen, was ihr pianistische Genie später mehr als erfüllen wird. Wenn Optik und feinste Pianokultur derartig verschmelzen, ist es ein in jeder Form ästhetisches Erlebnis.

Daß die sympathische junge Künstlerin viel mitzuteilen hat, bewies sie im so titulierten "Startalk" mit Dr. Uwe Sommer-Sorgente (Vorbildlich publikumsfreundliche Veranstaltung immer eine Stunde vor Konzertbeginn!) in dem sie ausgiebig auch über ihr großes Lebensmotto "Brücken bauen mit Musik" sprach. Besonders am Herzen liegt es der jungen Deutsch-Griechin Menschen, Kulturen, Musikrichtungen zu verbinden. 2015 gründete sie gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester, der Pianistin Kiveli Dörken, auf Lesbos das "Molyvos International Music Festival". Es findet in diesem Sommer zum dritten Mal statt und wurde gerade mit dem "Classical:NEXT 2017 Innovation Award" ausgezeichnet.

Gerade am zweiten großen Klavierkonzert Mozarts (KV 503) bewies die Pianistin nicht nur empathisches Poesie-Gespür für jede einzelne Mozart-Note, die dem Piano Forte mit geradezu überschäumender Eloquenz - Noten mit Engelsflügeln - entschweben, sondern sie überzeugte auch durch ihre stupend großartiger Technik. Bei aller Perfektion spürt man subkutan, wie hier jemand mit Herz und Seele spielt. Mozart macht Spaß...

Der 28-jährige israelische Dirigent Lahav Shani begann seine Karriere 2013 als Erster Preisträger des Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerbs in Bamberg. Sein Aufstieg ist phänomenal und gebührt der Beachtung, denn er wurde nicht nur vom großen internationalen "Rotterdam Philharmonic Orchestra" einstimmig zum neuen Chefdirigenten (als Nachfolger von Yannick Nézet-Séguin ab 2018) gewählt, sondern er wird auch ab 2020 die Nachfolge der des dienstältesten Dirigenten weltweit, nämlich Zubin Mehta, als Chef des "Israel Philharmonic Orchestra" antreten - bemerkenswert: hier überspringt er gleich zwei Generationen. Als Gast beim "Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks" werden ihn noch in diesem Jahr die glücklichen Münchner erleben dürfen. Summa summarum ein geradezu märchenhafter Aufstieg! Glücklich, wer ihn gestern in der Düsseldorfer Tonhalle erleben durfte.

Das Glück begann bei der kurzen, selten so spritzig und lebendig gehörten, "Symphony classique" von Prokofjew, die er in Bernstein-Zeit sogar unter 14 Minuten schaffte. Diese erste Sinfonie ist noch eine harmonische ohrengenehme friedfertige, durchaus humorvolle Hommage an den klassischen Stil eines Haydn bzw. Mozart - im Jahre 1917 eine Art Blick zurück in die Vergangenheit - und hat mit seinen späteren Sinfonien so gut wie nichts gemein. Die "Düsis" wirbeln diesen "Staub der Vergangenheit" gehörig und spielfreudig auf. Eine besonders in Dynamik und Rhythmik vorbildliche Umsetzung. Die Freude über die brillierende Umsetzung sieht man den Musikern am Ende an.

Im Gegensatz dazu steht ein nur 22 minütiges Monsterwerk im zweiten Teil des Abends an: Skrjabins "Le poème de l´Extase". 17-faches Blech (8 Hörner, 5 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba) dazu Große Trommel, Becken, Tamtam, Triangel, Glocke, Glockenspiel, Celesta, zwei Harfen und Orgel. Nicht weniger als 4 Flöten, 3 Oboen, Englischhorn, 3 Klarinetten, Bassklarinette, 3 Fagotte und ein Kontrafagott - plus großes mahlersches Streichermeer. Da geht die sprichwörtliche Post ab und im strahlenden C-Dur-Finale (welches übrigens nur live und niemals auf Platte so unerhört erlebbar wird!) übertrumpft Skrjabin sogar noch Mahlers Finale der Zweiten. Das ist unerhörte Musik! Der orchestrale Gigantismus dieser Sinfonie, zu deren besserem Verständnis der Komponist selber noch ein 370 zeiliges Gedicht schrieb, ist ein geradezu orgiastischer Klangrausch. Man müsste es eigentlich am Ende mit Lightshow und Feuerwerk präsentieren - nebenbei Gedanken, die Skrjabin für sein Monsterwerk immerhin schon damals andachte. Die Düsseldorfer Symphoniker bewältigen diese hochschwierige Riesenschlacht bravourös.

So endet ein toller Konzertabend mit einem so abwechslungsreichen, wie vorbildlichen Programm in verdient tosendem Jubel und Bravi des enthusiasmierten Publikums. Der Rezensent schloss sich hier lauthals und von ganzem Herzen an.

Peter Bilsing 6.2.2018

Dank für die schönen Bilder an (c) Susanne Diesner / Tonhalle

 

* das Konzert wurde vom WDR gestern live übertragen. Und ist die nächsten 31 Tage noch abrufbar.

 

 

 Die Tonhalle vom Parkplatz (Rheinufer) aus betrachtet (c) Der Opernfreund

 

 

Blauer Sternzeichen-Montag

30.9.15

Lahav Shani & Benjamin Grosvenor

Die Automobilindustrie ist abgastechnisch zur Zeit in aller Munde. Es ist weit mehr als ein übliches Gerede, mit dem der blaue Montag für nicht qualitätsgerecht hergestellte Fahrzeuge an diesem Wochentag kommentiert wird. Von klassischen Konzerten ist nicht bekannt, dass sie sich darauf berufen, wenn es nicht so gut läuft.

Beim Sternzeichenkonzert am Montag in der Tonhalle Düsseldorf konnte man allerdings den Eindruck haben, als wären die Musiker der Düsseldorfer Symphoniker, der Dirigent Lahav Shani und der Pianist Benjamin Grosvenor mit dem falschen Fuß aus dem Bett aufgestanden. Geboren 1989 bzw. 1992, verkörpern Shani und Grosvenor die Enkelgeneration, die mit jugendlicher Frische im Vergleich zum Publikum punkten sollte. Taten sie aber viel zu wenig.

Matt, ohne Esprit, klingt schon zu Konzertbeginn Samuel Barbers Adagio für Streicher op.11/2. Gefühlsmomente von Trauer, denen man sich durch die wellenförmige Crescendi, die die Komposition durchziehen, eigentlich emotional kaum entziehen kann, kommen kaum auf. Shani dirigiert mit großen Bögen, die ihren Ausdruck aber nur in wenig differenzierter Klangfarbigkeit des Orchesterspiels finden. Das Barber-Adagio ist nach einer Umfrage der BBC Radio-Hörer das populärste Musikstück in der Kategorie Traurigkeit. Von dieser elegischen Stimmung ist in der Tonhalle kaum etwas zu verspüren.

Das Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op.16 ist ein Solitär im kompositorischen Schaffen von Edvard Grieg. Es ist sein einziges Klavierkonzert. Solistisch als auch orchestral herausfordernd, besticht es mit einer ambitionierten Architektur der Komposition. Orientiert am Lisztschen Klaviersatz, dreisätzig, nahe bei Schumanns Klavierkonzert, springt das Klavier sofort in medias res. Das Konzert schlägt in der weiterführenden Introduktion einen ganz eigenständigen, skandinavischen Ton an. Subtil in der Durchführung gibt es dem Solisten viel Gestaltungsspielraum.

Der erst 23jährige Benjamin Grosvenor, der seit dem Gewinn des BBC Young Musician Competition 2004 schon mit vielen renommierten Orchestern konzertiert hat, spielt technisch souverän zupackend. Es gelingt ihm allerdings nicht durchgängig, sich von einer eher technizistisch bestimmten Haltung zu lösen. Griegs melodischen Duktus, der sich, folkloristisch getönt, ins Romantische Schumannscher Prägung steigert, folgt Grosvenor notengerecht, jedoch wenig differenzierend im Ausdruck.

Es fällt auf, dass Lahav Shani und Benjamin Grosvenor Grieg ihren Part ohne sichtbare Interaktion spielen. Es gibt nur wenige Momente, in denen Shani den Pianisten mit-führt, ihn mit-dirigiert. Grosvenor beobachtet aufmerksam den Dirigenten und schwingt in die orchestralen wie auch solistischen Spielanteile geschmeidig ein. Was dabei häufig fehlt, ist ein gemeinsamer Fluss.

Das Grieg-Konzert mit Khatia Buniatishvili und dem Orchestre de Paris unter seinem Musikdirektor Paavo Järvi, das im Frühjahr dieses Jahres in der Philharmonie Essen zu hören war (vgl. Ein Hauch von reiner Musik – Paavo Järvi mit dem Orchestre de Paris in der Philharmonie Essen, v. 22.03.2015) gab eine Ahnung davon, wie technische Perfektion mit romantischem Verve zu einem beglückenden Konzerterlebnis werden kann.

Die 4.Sinfonie e-Moll op.98 ist Johannes Brahms‘ sinfonisches Fazit. Permanente Variationen sind kompositorische Formmodelle, die in die Zukunft weisen. Die konstruktive Durchdringung des Variationsprinzips zieht sich als Grundkonstante durch die Sinfonie. Farbig schattiert mit effektvollen Pizzicato-Passagen Allegro non troppo, hat Brahms im 1.Satz markant rhythmische Motive für das Cello gesetzt, die sich bis ins Finale Piu allegro energisch aufbauen.

Lahav Shani dirigiert die Düsseldorfer Symphoniker mit engagierter Überzeugung. Er setzt präzis Zäsuren und Pausen, lauscht in die Sinfonie hinein, sucht den Brahms-Ton und reicht ihn mit viel Körpereinsatz an das Orchester weiter. Mitunter ist die Resonanz nicht eindeutig. Es gibt Momente, wo sich Shani‘s Ambitionen im Orchester zu verlieren scheinen.

Im Andante des 2.Satzes sind die Holzbläser präsent, finden klanglicher Eleganz, wie man es sich durchgängig gewünscht hätte. Auch das Blech ist ähnlich überzeugend mit dem sich romantisch ausbreitenden Horn-Solo im 1.Satz. Der 1.Hornsolist ließ schon bei Grieg aufhören.

Am Ende freundlicher Beifall für ein Konzert, das den Kritiker etwas ratlos zurück lässt.

Peter E. Rytz 1.10.15

Bilder Tonhalle / Marco Borggreve

 

 

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