Kontrapunkt: „Kein Aprilscherz, oder doch?“

Liebe Leser, eigentlich wollte ich einen Aprilscherz schreiben. Das ist nun rausgekommen. Was gestern noch (Auszüge aus einem15 Jahre alten Beitrag von mir) wie Fiktion und Alptraum klang, ist heute, 2026, übelste Realität geworden. Auch der Grund, warum ich immer weniger in die Oper gehe.

Das Mobiltelefon ist unersetzlich (fast hätte ich „unersättlich“ geschrieben!) geworden auf unserer wunderschönen Erde mit ihren, zumindest bei uns, noch vielfältigen und blühenden Landschaften. Es hat sich als sehr wichtiges Kommunikationsmittel erweisen und hat schon viele Leben gerettet. Punktum! Aber doch nicht in der Oper – oder doch?

„Hallo ist da die Feuerwehr? Ja, ich sitze in der ‚Götterdämmerung‘ im Düsseldorfer Opernhaus – auf der Bühne brennt es, jawohl! Was soll ich machen?“ – „Hallo, Herr Intendant, ich sitze in ihrem Opernhaus, 6. Reihe Mitte, und habe für ‚Rigoletto‘ Karten gekauft, die Geschichte hier ist aber sehr befremdlich, sie spielt auf dem Mond!“ – „Mutter, hol uns eine halbe Stunde später ab, der Dirigent ist ne Schlaftablette.“ – „Hallo, sind Sie der Regisseur dieses Spektakels? Warum sind Romeo und Julia schwul?“ Weitere Händioten:

„Ich geh jetzt rein, Tschüß!“ – „Oma, wir sind jetzt da!“ – „Ist gerade Pause!“ – „Ja, ich stehe vor der Tür. Es regnet.“ – „Hallo, seid Ihr noch alle zu Hause?“ – „Es klingelt, Tante Frieda, die Pause ist zu Ende!“  oder „Laugenbrezeln gibt es hier, lecker!“ kennen Sie bestimmt auch. Lebenswichtige Dinge, die sich Zeitgenossen auch anno 2026 noch mitzuteilen haben. Per Mobiltelefon! Oder heute gar mehr als vor 15 Jahren.

Im Opernhaus! In der Pause. Jeden Abend wieder. Und am Ende der Vorstellung wird fotografiert – mit dem Handy, versteht sich. Einst schrieb ich: „Gut, dass die meisten Dinger noch keinen Blitz haben. Zwei Mega-Pixel, Gruppenbild über 20 Meter Entfernung, dark side oft he moon … Noch Fragen?“ Heute hat nicht nur der Schreiberling ein Handy, besser Smartphone mit Leica- oder Hasselblad-Optik. Da werden solche Bilder tatsächlich gut. Das ist der Status quo.

Mehr? Voila!

„Jetzt geht hier im Zuschauerraum gerade das Licht aus, ich muss Schluß machen, Herta.“ –  Ich bin auf Randale getrimmt, und sage laut, dass es das Umfeld mithören kann: „Aber nicht doch Madame, das Rheingold-Vorspiel bleibt anfangs ganz leise, da können Sie ruhig mindestens fünf Minuten noch weitertelefonieren, mich stört es nicht!“ 😉 So stachelt man friedfertige Opernbesucher zur Lynchjustiz an; aber es hat sauber geklappt! Erst mal Ruhe.

Eine simple Backpfeife, oder deren Androhung (Androhung von Gewalt ist auch strafbar) hätte mich locker 1000 Euro und drei Monate auf Bewährung wegen Körperverletzung gekostet.

Ja, was nun?

„Weichet des Handys Fluch!“

Wehren wir uns gegen diese ignoranten Händioten, oder lassen wir uns weiterhin die Abende versauen? Das Schlimme an der Sache, so meine Erfahrung, ist, dass es noch nicht einmal unbedingt Jugendliche sind, denn die wären sicherlich durchaus lernfähig, auch sind sie meist einsichtiger als viele Rentner-Rüpel. Stopp! Bevor Sie jetzt den Knüppel aus der Tasche ziehen, mal Hand aufs Herz! Sind es nicht meist Ältere oder tatsächlich Jüngere, die ihnen beim verspäteten Durchquetschen durch ihre Reihe rüde ihren Allerwertesten zuwenden? Wie sollen die Jungen da von uns Alten lernen, bei diesen Vorbildern?

In vielen Theater läuft jetzt immer eine Ansage „Bla, bla, bla, bla … Fotografierverbot … und bitte schalten Sie ihr Handy aus, während der Vorstellung.“ Ansagen, die so sinnvoll wie überflüssig sind und nur von denen wahrgenommen werden, die ohnehin meist gar kein Handy dabeihaben. „Huch Gottfried! Jetzt habe ich doch glatt mein Handy im Auto liegen gelassen.“

Eine Ansage, so wirkungsvoll wie „Rauchen ist gesundheitsschädlich!“ Achten Sie bitte mal darauf, ob überhaupt irgendeiner reflektierend in seine Tasche greift und das Handy ausmacht. Solche homines sapientes sind immerhin noch lernfähig. Ich habe schon an unzählige Hersteller geschrieben, doch bitte im Menü „Profil“ auch die Option „Opernhaus/Konzert“ wählbar zu machen. Keiner hat mir geantwortet. Vielleicht sollte ich doch Drehbuchautor werden, denn spontan fällt mir folgendes Szenario ein – Loriot lässt grüßen:

Nach der eben angesprochenen Ansage wird es meist dunkel, und der Dirigent kommt. „Ach Hubert, schau doch noch mal schnell drauf, ist das jetzt an oder aus? – „Mensch Ethel, Du musst erst die Tastensperre mittels des Codes ‚0977X‘ lösen, und die rote Taste an der Seite drücken, dann kannst Du das Telefon abstellen! Habe ich Dir schon zehnmal gesagt und erklärt!“ – „Geht nicht! Dann mach Du es bitte, wenn Du alles besser kannst.“ – Klöng, polter, schepper … das Handy fällt runter – „Da hast Du´s!“

Wenn Sie schon einmal versucht haben, ihr hinuntergefallenes Schlüsselbund im vollbesetzten Opernhaus aufzuheben, wissen Sie, was jetzt kommt … Die Geschichte endet leider nur in meiner Fantasie immer mit einem Opferritual.

Was ist mit „Hausverbot“, wie mir letztens ein Megakluger vorschlug. Na, super! „Mild und leise …“ intoniert Isolde gerade, da leuchtet der Türsteher in der 16. Reihe mit seinem Handscheinwerfer die Leute ab. „Wer war das eben? Wer hat den Klingelton ‚Schni-schna-schnappi‘ auf seinem Handy und es widerrechtlich nicht abgeschaltet? Ich krieg Dich schon, Bursche! Ja, Sie da mit dem roten Jackett – bitte mal aufstehen.“ „Ich war´s nicht! Ehrlich …“ Wollen wir das? Und was, wenn der Klingler ein 2-Meter-Body-Builder mit Hakennase und Tätowierung ist, ausgebeulte Jackett-Schultern dazu. Zeigen Sie dann auf den? Ich nicht.

Was nun?

Ein anscheinend zukünftiger Nobelpreisträger, seines Zeichens selbsternannter Handy- und Computerfachmann, wollte mir letztens weismachen, dass es leicht machbar sei, den gesamten Handybetrieb durch Störsender (natürlich räumlich und regional begrenzt!) unmöglich zu machen. Was für eine geniale Lösung!  Technik mit Technik aushebeln. Doch oh, oh …

Mein Traum geht weiter …

Nach dem Einschalten des Störsenders kommt zuerst unerwartet der Vorhang runter, der sich darauf aber wieder öffnet – genau wie die Unterbühne, in die gerade der Pilgerchor unerwartet, aber mit lautem Geschrei hineinplumpst. Keiner wird verschont, denn es war eine moderne Inszenierung und alle hatten sich wie zum Karnevalsmarsch untergehakt. Von der Seitenbühne links kommt gerade das Bühnenbild von „Hänsel und Gretel“ (gestrige Vorstellung!), ein Hexenhaus, wie von Geisterhand dreingefahren, während von der rechten Seite der Panzer aus Nabucco (morgige Vorstellung!) sichtbar wird. Es geht die Diskobeleuchtung an, die eigentlich erst für den zweiten Akt (Einzug der Gäste) vorgesehen war. Warum die Nebelmaschinen zum Entsetzen aller nicht in den Graben gefallenen Künstler nun die Bühne verräuchern, erscheint angesichts des jetzt auftanzenden Venusberg-Balletts unlogisch. Eine riesige Windmaschine bläst nun alles ins Publikum. Die Musiker haben schon lange aufgehört zu spielen, denn ihr Licht fiel aus und der Dirigent vom Stehpult. Das halbe Publikum greift hilfesuchend zu seinen Handys.

„Stopp, halt , aus! Test! Es war nur ein Test unseres neuen Störsenders!“, versucht der Intendant, Leute und Lage zu beruhigen. Doch die Panik ist nicht mehr aufzuhalten. Vor der Tür des Opernhauses dann bürgerkriegsähnliche Zustände, denn Personal und Patienten des gegenüberliegenden Krankenhauses treffen und vermengen sich auf der Flucht vor der streikenden Technik zu einer Spontandemo. „Nazis raus!“

Wollt Ihr das?

Also, nun mal ehrlich, was stört Euch da ein gelegentliches kleines, ganz harmloses Handyklingeln, noch dazu mit dem Walkürenritt-Motiv.

Gott zum Gruße! Noch einen schönen 1. April*

Ihr Peter Bilsing (Hrg.)
Dank auch an Peter Klier ©

*Wie oben gesagt, das meiste ist gar kein Aprilscherz – und das ist auch nicht die Titanic 😉