Aachen: „Don Carlo“, Giuseppe Verdi

Lieber Opernfreund-Freund,

pünktlich zu Giuseppe Verdis 213. Geburtstag am 10. Oktober hat das Theater Aachen die erste großen Musiktheaterproduktion der neuen Spielzeit präsentiert: Giuseppe Verdis Don Carlo. Dabei gab es nicht nur Rollendebüts en masse beim Sängerpersonal, auch hatte der erst 33jährige Ungar Levente Török die Möglichkeit, sich dem Aachener Publikum als neuer Generalmusikdirektor vorzustellen. Ich habe mir gestern die zweite Vorstellung gerne für Sie angeschaut und darf schon jetzt verraten: musikalisch bleiben kaum Wünsche offen; die Regie von Hauschefin Elena Tzavara überzeugt hingegen nicht in allen Belangen.

© Matthias Baus

Noch immer fast drei Stunden Musik umfasst die kürzere, italienische Version von Verdis Vertonung des Schillerdramas um den unglücklichen Don Carlo, die 1884 und damit 17 Jahre nach der französischen Fassung uraufgeführt wurde. In vier Akten erzählt er darin die Geschichte des in seine Stiefmutter verliebten und gleichzeitig um die Anerkennung seines Vaters kämpfenden Carlo. Dass es eigentlich um Erbe und Macht geht, macht Elena Tzavara schon zu Beginn deutlich: in einem mit verhängten Gemälden bestückten Museumsraum liegt ein hermelinbesetzter Königsmantel und, dass Carlo den sich am Ende des Schlussaktes zumindest kurz über die Schultern legen darf, ist da schon irgendwie gesetzt. Susanne Hiller vermischt in ihren Kostümen Vergangenheit und Gegenwart, präsentiert Brokatroben und Reifröcke neben Hosen mit C&A-Charme und versucht so, die Allgemeingültigkeit der Konflikte im Stück zu verdeutlichen. Szenisch grenzt Tzavara den klerikalen Strang der Geschichte deutlich ab: die betreffenden Handlungsteile werden im größten Bilderrahmen der Galerie gezeigt – hier herrscht der Großinquisitor, der dann und wann aus dem bespielten Rahmen tritt, um sich mit dem weltlichen Herrscher Filippo auseinanderzusetzen. Doch was Personenführung anbelangt, ist Tzavara selten so klar wie in diesem Beispiel. Tatsächliche Interaktionen finden nur zwischen Carlo und Posa und zwischen Carlo und Elisabetta statt. Ansonsten stehen die Protagonisten fast grundsätzlich meterweiter voneinander entfernt, interagieren kaum, berühren sich nie – so gerät dieser Don Carlo zu einer aktionsarmen Aneinanderreihung von scheinbaren Monologen – und da können dann auch „nur“ drei Stunden schon mal lang werden.

© Matthias Baus

Gesanglich hingegen gibt es kaum etwas zu beanstanden. Die Rolle der Eboli ist meiner Ansicht nach die anspruchsvollste Mezzopartie, die Verdi geschrieben hat: im Auftrittsakt hat sie noch perlende Koloraturen zu singen, um am Ende hochdramatische Emotionen zu präsentieren. Hausdiva Irina Popova muss sich mangels stimmlicher Beweglichkeit zu Beginn noch in übertriebenes Portamento retten. Dafür gelingt ihr mit einem atemberaubenden, tiefgründig vorgetragenen O don fatale der größte Gänsehautmoment des Abends. Der berührt mich sogar noch mehr als die große Szene Filippos nach der Pause, in der Dominic Barberi als Gast seinem Bass, den er ansonsten Ehrfurcht einflößend und klanggewaltig allen Umherstehenden entgegenschleudert, eine unglaubliche Dolcezza beimischt und das Publikum zu ersten Bravorufen animiert. Das stimmliche Duell zwischen König und klerikaler Macht gewinnt am gestrigen Abend also eindeutig der weltliche Herrscher, auch wenn Neuensemblemitglied Max Bell als Großinquisitor einen profunden Bass mitbringt, dem es für diese Rolle nach meinem Dafürhalten allerdings noch ein wenig an Schwärze fehlt. Auch die Wahl des zweiten Gastsängers der Produktion erweist sich als wahrer Glücksgriff: der Mexikaner Mario Rojas meistert die anspruchsvolle Partie der Titelrolle perfekt, präsentiert Höhen voller Glanz, Gesangslinien voller Farbenreichtum und enormes darstellerisches Talent. Das wird nur noch von Jorge Ruvalcaba getoppt, der eine facettenreiche, vielschichtige Version des Posa präsentiert und dabei seinem samtig klingenden Bariton unglaubliche emotionale Tiefe verleiht. Auch die Elisabetta von Larisa Akbari lässt kaum Wünsche offen, überzeugt mich vor allem nach der Pause mit intensiver Darstellung und einem packenden Wechselspiel zwischen höchster Dramatik und klanglich süßen Kantilenen.

© Matthias Baus

Die Damen und Herren des von Alexander Einarsson betreuten Chores leisten gestern Großartiges, singen präsent und bei aller Klanggewalt doch nuanciert und fein aufeinander abgestimmt, auch wenn die Regie sie im Wesentlichen nur herumstehen lässt. Vor allem vor der Pause sind noch einige Abstimmungsschwierigkeiten zwischen Bühne und Graben zu bemerken. Dort präsentiert der neue GMD Levente Török einen superben Verdi. Der Ungar hat ein Händchen für feinste Nuancen, paart italienische Feuer mit Liebe zum Detail und reißt, wie das komplette Ensemble, das Aachener Publikum am Ende der Vorstellung zu wahren Begeisterungsstürmen hin.

Ihr
Jochen Rüth

16. Oktober 2026


Don Carlo
Oper von Giuseppe Verdi

Theater Aachen

Premiere: 10. Oktober 2026
besuchte Vorstellung: 15. Oktober 2026

Regie: Elena Tzavara
Musikalische Leitung: Levente Törek

Sinfonieorchester Aachen

weitere Vorstellungen am 30. Oktober, 7. und 22. November, 11. und 27. Dezember 2026 sowie am 2. und 17. Januar 2027