Wien: „Roméo et Juliette“, Charles Gounod (zweite Besprechung)

Die Capulets haben diesmal offenbar keine Familiengruft (obwohl man in Hollywood doch genau so reich ist wie einst in Verona?). Sie legen die Leiche ihrer (scheintoten) Tochter auf ein Sofa neben der Garage. Da kann sich die erwachte Juliette angesichts eines sterbenden Roméo dann zu ihrem silbernen Superfllitzer schleppen, sich attraktiv darauf drapieren und mit einer Handycam ihren eigenen Tod filmen. So sieht Gounods „Roméo et Juliette“ heutzutage aus? Zumindest im MusikTheater an der Wien in der gegenwärtigen Inszenierung der Französin Marie-Eve Signeyrole.

© Monika Rittershaus

Nun hat sie im Vorjahr eben hier Händels „Belshazzar“ auf die Bühne gebracht, und man erinnert sich nicht, besonders begeistert gewesen zu sein. Anders offenbar Direktor Stefan Herheim, der ihr nun den Klassiker einer tragisch-romantischen französischen Liebesoper anvertraute. Und es geschah, was zu erwarten war – die Geschichte mit Gewalt in die Gegenwart katapultiert, und szenisch das schon bei Händel ziemlich nervtötende Element der Handlungsverdoppelung auf den Videowänden mitgebracht. Immerhin – muss man nicht dankbar sein? Jedenfalls sind die Menschen nicht, wie in dem schrecklichen Video-„Freischütz“, ganz verschwunden, und ununterbrochen laufen die Kameraleute auch nicht hinter den Protagonisten her. Aber immer noch oft genug…

Wenn man sich eine „Übersetzung“ von Zeit und Raum ausdenkt, muss diese Hand und Fuß haben, und unsinniger als die hier gebotene „Roméo et Juliette“-Version erschien einem lange nichts. Wir sind offenbar in Hollywood, Capulet Bros. ist eine Filmgesellschaft, der Juliettes Vater als Firmenchef vorsteht, Töchterchen ist offenbar der Star des Unternehmens. Guter Geschmack ist hier allerdings nicht zuhause, wie der schauerliche Ball (es ist natürlich eine „Party“) zu Beginn zeigt. Die Kostüme von Yashi Tabassomi sind vielleicht absichtsvoll hässlich und stillos, aber was das bringen soll, ist nicht ganz klar. Die Bühnenbildkonstruktion von Fabien Teigné dreht sich andauernd, ohne mehr zu bieten als Videowände, die sich immer wieder senken. (und wieder heben und wieder senken…)  Und da passiert dann das, was unvermeidlich ist – man starrt auf die Riesenbilder, anstatt die Echtmenschen anzusehen, die in einem permanenten schauerlichen Gewimmel untergehen. Und bei all dem vergißt man ganz auf die Oper. Abgesehen davon, dass man „Roméo et Juliette“, auch wenn man das Werk oft gesehen hat, hier ohnedies nicht erkennt – man kann die gebotenen Einfälle mit der originalen Geschichte kaum auf einen Nenner bringen.

Juliette, der Star (oder das Starlet, wie immer) ist ein greller, durchtriebener Typ von heute, über die große Liebe kann die vermutlich nur lachen. Roméo ist hier als Figur so gut wie gar nicht vorhanden. Frère Laurent kommt ins Wohnzimmer zur Trauung, die Juliette offenbar sehr lustig findet, dann braust das Paar im Auto in die Wüste. Na ja, Kalifornien… Dafür braucht es die vorgefilmten Videos, von denen es auch genug gibt. Vor allem, wenn die tödliche Auseinandersetzung (Tybalt tötet Mercutio, Roméo tötet Tybalt) dann während eines Autorennens in der Wüste stattfindet…

So geht es weiter bis zum bitteren Ende, und nichts tröstet über diese irre, wirre, in keiner Weise schlüssige Inszenierung hinweg. Mélissa Petit und Julien Behr verkörpern das Liebespaar ohne besondere Eigenschaften, der große Reiz von Stimmen und Persönlichkeiten stellt sich nicht ein. Unter den wenigen Figuren, die wenigstens kenntlich werden, ragt ein Frère Laurent heraus, den man wegen sexueller Nötigung Juliettes zur Verantwortung ziehen müsste. Im Übrigen wirkt Daniel Mirosław (mit kratziger Stimme gesegnet) mit langem Blondhaar und schlaksiger Jugend wie einer der vielen jungen Leute, die man hier absolut nicht auseinander kennt (weil die Inszenierung weder Ruhe noch Platz für Figuren hat). Da haben es Papa Capulet (Brett Polegato), die Amme (Carole Wilson) und Stephano (Svetlina Stoyanova) ein wenig leichter, wenigstens nicht verwechselt zu werden.

Der Arnold Schoenberg Chor stellt sich bekanntlich jeder Herausforderung (und diese war hart), das ORF Radio-Symphonieorchester Wien fand in Kirill Karabits keinen sonderlich temperamentvollen Leiter. Tatsächlich schleppte sich der Abend auch musikalisch enorm dahin. Noch länger wurde das im Endeffekt fast dreieinhalbstündige Spektakel dadurch, dass zweimal ganz einfach Pop-Songs (bitte nicht fragen, was, davon habe ich keine Ahnung) eingefügt wurden. So nötig wie ein Loch im Knie.

Was der Abend hinterließ? Vermutlich bei vielen schlechtweg Kopfweh. Sicherlich nicht die Idee von Gounods Oper. Für die Regisseurin gab es ein paar grimmige Buh-Rufe. Man kann wirklich nicht alles unwidersprochen hinnehmen.

Renate Wagner, 27. Februar 2024


Roméo et Juliette
Charles Gounod

MusikTheater an der Wien im MuseumsQuartier

Premiere: 23. Februar 2024

Regie: Marie-Eve Signeyrole.
Dirigat: Kirill Karabits
ORF Radio-Symphonieorchester Wien

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