Kiel: „Tannhäuser“, Richard Wagner

Daniel Karasek stellt eine eher traditionell anmutende, leicht modernisierte Inszenierung auf die Bühne des Kieler Opernhauses. Provozierten seine Regieentscheidungen bei der Premiere noch einige Buhs, scheint die Arbeit im Repertoirebetrieb – hier in der mittlerweile vierten Aufführung – keinen Besucher mehr ernsthaft aufzuregen. Dem Regisseur und Intendanten ist eine schlüssige Interpretation gelungen, die den Sängern vor allem das Singen erlaubt und durchaus zum Nachdenken anregt, ohne dabei rein provokativ zu erscheinen.

„Ich will alles“ prangte schon vor dem Beginn der Ouvertüre in Neonschreibschrift auf der Bühne. Damit hatte es mich schon erwischt: Meine Gedanken kreisten weniger um Wagners Werk als vielmehr um meine eigenen Begierden, Wünsche und Ziele. Somit war die direkte Verbindung zwischen dem Bühnengeschehen und mir bereits geschaffen. Diese Neonschrift bringt Tannhäusers Begehren dabei auf eine ebenso plakative wie vieldeutige Formel. Sie steht für sexuelle Entgrenzung, aber auch für die Sehnsucht nach einer umfassenden Erfüllung, die sich selbst im Überangebot nicht einstellen will. Zugleich erinnert sie an das Heilsversprechen einer Konsumgesellschaft, in der alles verfügbar scheint und doch ein Mangel zurückbleibt.

© Olaf Struck

Der Venusberg entpuppt sich konsequent als ein zeitgenössisches Bordell, das als Bühnenbild von Raimund Bauer imposant aus der Unterbühne auftaucht. Allerdings wirken das Bett und die Dimensionen des Zimmers eher wie ein hochpreisiges Etablissement; die nur wenige hundert Meter entfernten Häuser am Kieler Hafen stelle ich mir jedenfalls deutlich spartanischer vor. Statt einer mythischen Götterwelt sehen wir hier einen konkreten Raum heutiger Lebensformen mit unterschiedlichen sexuellen Begegnungen. Tannhäuser genießt dabei nicht nur die Nähe der Venus, sondern wird als bisexuell und sexuell neugierig gezeigt, indem er sich auch anderen Männern annähert. Neben Venus und Tannhäuser gesellen sich zahlreiche Geschöpfe des Nachtlebens, die den Titelhelden becircen. Alexander Abdukarimovs Choreographie setzt dabei auf eine dem Regiekonzept angepasste, völlig entromantisierende Bewegungssprache. Sie präsentiert jene ästhetisch professionell distanzierte Tanzkunst, wie sie in Striplokalen und Table-Dance-Bars wohl nicht selten dargeboten wird. Zum Ende der Venusbergszene versinkt das Etablissement im Bühnenboden, und man darf sich fragen, ob es metaphorisch in der Hölle versinkt. Nachdem Tannhäuser den Bann der Venus gebrochen hat, verweilt er auf der nahezu asketisch leeren Bühne, die nun das freie Tal bei der Wartburg darstellt.

Nach dem rauschhaften Exzess des ersten Aktes bricht das Bühnenbild im zweiten Aufzug radikal mit der bisherigen Ästhetik. Die berühmte Sängerhalle auf der Wartburg präsentiert sich als riesiger, streng holzvertäfelter Raum, dessen Architektur unweigerlich an einen monumentalen Kino- oder Theatersaal erinnert. Doch diese Kulisse atmet eine bedrohliche, fast faschistoide Sterilität. Die strenge Geometrie und die kalte Symmetrie des Saals zeichnen das Bild einer absolut uniformierten, reaktionären Gesellschaft. In diesem visuell geschlossenen Block wird die Bühne zum Sinnbild für die Unterdrückung von Individualität und Freiheit. Wenn Tannhäuser hier später ausbricht und seine Hymne an die Venus anstimmt, prallt sein Plädoyer für die freie Liebe nicht nur moralisch, sondern auch visuell mit voller Wucht gegen die unerbittlichen, hölzernen Wände dieses totalitären Saals.

Im dritten Akt finden wir uns schließlich im mittlerweile fast verfallenen Raum dieses zweiten Aktes wieder. Die Rückwand weicht hierbei einem Blick auf ein Alpenpanorama. Statt jedoch Geborgenheit und Erlösung auszustrahlen, erscheint die alpine Kulisse beinahe bedrohlich. So lässt sich das Bild als ironische Brechung jener romantischen Ideale lesen, die in Wagners Werk eine zentrale Rolle spielen.

Das musikalische Fundament: Dirigat, Orchester und Chor

Das Philharmonische Orchester Kiel unter der umsichtigen Leitung von Hendrik Vestmann klingt zu Beginn der Ouvertüre sehr geerdet. Im Mittelteil gerät das Spiel wunderbar tänzelnd und entwickelt sich organisch zum sinnlich-dramatischen Bacchanale weiter. Im Verlaufe des Abends gibt es an den Leistungen im Graben absolut nichts zu bemängeln; das Orchester trägt die Gesangsstimmen vorbildlich, und ich habe stets den Eindruck, dass niemals die Gefahr bestand, diese zu überdecken.

Der Opernchor des Theaters Kiel unter der Leitung von Gerold Krammer liefert insgesamt eine gute Gesamtleistung ab, zeigt im Verlauf des Abends jedoch eine spürbare Steigerung. Während der Herrenchor in den ersten beiden Aufzügen noch etwas blass und vokal wenig substanzreich wirkt, gewinnt er im dritten Akt deutlich an Präsenz und klanglicher Geschlossenheit. Im harmonischen Zusammenspiel mit dem Damenchor ergibt sich ein rundes, überzeugendes Klangbild.

© Olaf Struck

Die gesanglichen Leistungen

In der mörderischen Titelpartie erweist sich Michael Müller-Kasztelan als Fels in der Brandung. Bereits im Venusberg ist sein feines musikalisches Gespür erkennbar sowie seine Fähigkeit, diese dramatische Rolle wirklich zu singen und ihr auch leise Töne zu verleihen. Müller-Kasztelan scheint die Partie des Tannhäusers bis zur letzten Note mühelos gestalten zu können. Auch für eine zutiefst berührende Romerzählung im dritten Akt reicht seine Kraft am Ende vollkommen aus, ohne dass er die Stimme jemals ungesund forcieren muss. Dabei versteht man bei ihm fast jedes Wort und auch darstellerisch macht er die innere Zerrissenheit des Titelhelden glaubhaft. Tatia Jibladze liefert eine enorm präsente Venus ab. Ihr Gesang besticht durch ein dunkel gefärbtes, hochvoluminöses Fundament, das den extremen Ausbrüchen der Figur die nötige dramatische Wucht verleiht. Besonders in den lyrischen Passagen entfaltet ihr Organ eine faszinierende, zutiefst erotisierende und betörende Wirkung, allerdings geht diese sinnliche Klangpracht spürbar zu Lasten der Textverständlichkeit. Einen erfrischenden Kontrast setzte Xenia Cumento als junger Hirt: In einem ungewöhnlichen Schulmädchenlook holt sie die traditionelle Naturidylle charmant in die Gegenwart. Ihr glockenklarer Sopran und ihre hervorragende Diktion verliehen ihrem Auftritt eine wunderbare Unmittelbarkeit. In der sterilen Welt der Wartburg fügt sich die Elisabeth von Agnieszka Hauzer optisch nahtlos ein: Sie wirkt in ihrer Inszenierung beinahe bieder und angepasst, vermag akustisch dabei jedoch vollends zu verzücken. Sobald sie zu ihrer Hallenarie ansetzt, bricht eine überwältigende, jugendlich-dramatische Leuchtkraft durch den kalten Raum. Ks. Jörg Sabrowski gab dem Landgrafen ein klares Profil, wenngleich ich mir in den großen Bögen bisweilen etwas mehr vokale Fülle und dramatische Durchschlagskraft gewünscht hätte. Samuel Chan gestaltet die Partie des Wolfram mit einer spürbaren Wärme und einer bemerkenswert unangestrengten, edlen Linienführung. Sein Lied an den Abendstern atmet eine so berührende, leise Intensität, dass der große Opernraum plötzlich die Intimität eines feinsinnigen Liederabends annimmt.

Beim Sängerkrieg ergänzen Matteo Maria Ferretti als Biterolf, David Heimbucher als Walther von der Vogelweide, Konrad Furian als Heinrich der Schreiber und Oleksandr Kharlamov als Reinmar von Zweter das höfische Ensemble verlässlich.

Marc Rohde, 19. Oktober 2026


Tannhäuser
Romantische Oper in drei Akten von Richard Wagner
Theater Kiel

Premiere am 19. September 2026
Besuchte Vorstellung: 18. Oktober 2026

Regie: Daniel Karasek
Musikalische Leitung: Hendrik Vestmann
Philharmonisches Orchester Kiel