Flensburg und Kiel: Tops und Flops – „Bilanz der Saison 2025/26“

Mit der Bilanz zum Teatro alla Scala Mailand und weiteren Theatern in Oberitalien haben wir die Reihe der Rückblicke mit regionalen Schwerpunkten eröffnet. Heute blicken wir im hohen Norden auf das Schleswig-Holsteinische Landestheater Flensburg und Rendsburg sowie das Theater Kiel (mit einem Blick darüber hinaus).


Beste Produktion (Gesamtleistung):
Götterdämmerung der Ny Opera in Esbjerg (Dänemark), denn die Inszenierung bildete den Abschluss eines außergewöhnlichen achtjährigen Ring-Projekts. Mit derselben künstlerischen Leitung über alle vier Teile hinweg entstand eine ungewöhnlich geschlossene Interpretation von Wagners Tetralogie. Besonders bemerkenswert ist, dass eine vergleichsweise kleine Opernkompagnie ohne eigenes Orchester, ohne eigene Spielstätte und ohne festes Ensemble einen vollständigen Ring des Nibelungen mit hohem musikalischem Anspruch realisierte.

Größte Enttäuschung:
Der schwache Filharmonisk Kor in Mozarts Requiem des Sønderjyllands Symfoniorkester im Deutschen Haus in Flensburg. Dass mein Sitznachbar große Teile des Requiems mitbrummte, trug ebenfalls nicht gerade zum Konzertgenuss bei.

Entdeckung des Jahres:
In Kiel habe ich in dieser Saison lediglich das Musical La Cage aux Folles gesehen, da leider Prokofjews Krieg und Frieden auf scheinbar unbestimmte Zeit und Tannhäuser auf die Spielzeit 2026/27 verschoben werden mussten. Zu meinen persönlichen Entdeckungen des Abends gehörte die Erkenntnis, dass die mir bereits als ausgezeichnete Opernsänger bekannten KS Jörg Sabrowski und Michael Müller-Kasztelan ebenso starke Schauspieler sind. Mit ihrem nuancierten Spiel verliehen sie Albin und Zaza eine berührende Mischung aus Komik und Tragik und machten die beiden Figuren zu den emotionalen Zentren des Abends.

Beste Gesangsleistung (Hauptpartie):
Ich habe im Laufe des Jahres mehrmals die durchweg überragenden Gesangsleistungen aller Flensburger Ensemblemitglieder gelobt. Insofern fällt es mir dieses Jahr äußerst schwer, einen einzelnen Sänger hervorzuheben. Ganz unkonventionell vergebe ich den Titel Beste Gesangsleistung (Hauptpartie) an das gesamte Opernensemble des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters.

Beste Gesangsleistung (Nebenrolle):
Anna Grycan als Mutter Jeanne in Dialogues des Carmélites am Schleswig-Holsteinischen Landestheater. Grycan gelang es, der Mutter Jeanne weit mehr als eine reine Nebenrollenfunktion zu verleihen. Mit ihrem warm timbrierten, charaktervollen Mezzosopran und einer präzisen darstellerischen Zeichnung machte sie deutlich, dass auch Mutter Jeanne ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Zweifel und ihre eigene Haltung zur drohenden Katastrophe besitzt. Gerade diese Verbindung aus vokaler Präsenz und glaubwürdiger Figurenzeichnung verlieh ihrer Interpretation eine besondere Qualität.

Nachwuchssänger des Jahres:
Die dänische Mezzosopranistin Sidsel Aja Eriksen hat mich in dieser Spielzeit nachhaltig beeindruckt. Nach ihrer Ausbildung in Aarhus und Amsterdam hat sie sich zunächst an den großen Opernhäusern Dänemarks und Schwedens etabliert. Inzwischen macht sie auch international auf sich aufmerksam; etwa beim Immling Festival in Deutschland und als Solistin in Mozarts Requiem im Deutschen Haus Flensburg. Ihr beweglicher Mezzosopran, ihre musikalische Reife und ihre natürliche Bühnenpräsenz lassen erkennen, dass hier eine Sängerin heranwächst, von der man in den kommenden Jahren noch viel hören dürfte.

Bestes Dirigat:
Harish Shankar bewies beim Liverpool Oratorio in Neumünster seine Fähigkeit, selbst gewaltige musikalische Apparate zu kontrollieren und künstlerisch zu formen. Mit mehr als 600 Mitwirkenden schuf er keine bloße Klangdemonstration, sondern eine geschlossene, emotional berührende Erzählung. Die Balance zwischen orchestraler Präzision, chorischer Wucht und den intimen Momenten des Werkes machte diesen Abend zu einem außergewöhnlichen musikalischen Erlebnis.

Beste Regie:
Hendrik Müller gelang es, Poulencs Dialogues des Carmélites am Schleswig-Holsteinischen Landestheater als beklemmend aktuelles Psychogramm einer von Angst geprägten Gesellschaft zu erzählen. Statt die Oper lediglich als historisches Revolutionsstück zu präsentieren, rückte er die Individuen und ihre existenziellen Entscheidungen in den Mittelpunkt. Seine Inszenierung vertraute auf die Kraft der Figuren und deren Beziehungen untereinander.

Größtes Ärgernis:
Die Stadt Flensburg diskutiert aufgrund ihrer angespannten Haushaltslage über die künftige Finanzierung des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters. Als größter kommunaler Geldgeber trägt Flensburg rund 2,6 Millionen Euro jährlich zum Etat des Hauses bei. Eine deutliche Kürzung hätte weitreichende Folgen für den Betrieb, insbesondere für Musiktheater, Orchester und Ballett am Standort Flensburg, und könnte die Stabilität des gesamten Theaterverbundes gefährden.

Beste Tanzveranstaltung:
Die Berlin Ballet Company mit ihrer A Techno Ballet Odyssey, die zunächst im Hangar 5 des ehemaligen Flughafens Tempelhof und anschließend in jeweils leicht modifizierter Form im Zoogesellschaftshaus Frankfurt, im Festspielhaus Baden-Baden und im Bootshaus Köln gezeigt wurde. A Techno Ballet Odyssey verband klassisches Ballett mit der Energie der Berliner Technoszene und schuf daraus ein ungewöhnliches, immersives Erlebnis. Die Tänzer bewegten sich auf mehreren im Saal verteilten Bühnen, sowie mitten im Publikum, sodass die Grenzen zwischen Aufführung und Zuschauern zunehmend verschwammen. Begleitet von einem eigens komponierten Techno-Score entstand ein Abend, der Ballett, Tanztheater und Clubkultur miteinander verknüpfte und neue Wege für die Begegnung zwischen Hochkultur und urbaner Nachtkultur aufzeigte.


Die Bilanz zog Marc Rohde.