Osnabrück: „Macbeth“, Giuseppe Verdi

Lieber Opernfreund-Freund,

die erste der drei Verdiopern nach Shakespeare-Stoffen, der düstere Macbeth, ist derzeit in Osnabrück zu erleben. Und das ist wörtlich zu verstehen: das mörderische Paar wird mit Susann-Vent Wunderlich und Theo Magongoma zum Erlebnis und auch die Regie macht vieles richtig, um den Zuschauer in den Bann der Geschichte zu ziehen.

© Stephan Glagla

So düster ist kaum ein Verdi-Werk schon vom ersten Takt an und auf der dunklen Osnabrücker Bühne wabern schon zur bespielten Ouvertüre die Kalteisnebenschwaden. Man ist direkt mittendrin im schottischen Hochmoor und in der Geschichte von Macbeth und seiner machtgeilen Gattin, die in Mode irgendwo zwischen Schottenrock, Heinrich VIII. und Daunendecke stecken. Die Drehbühne – jüngst bei einer Osnabrücker Holländer-Vorstellung noch ausgefallen – ist permanent in Bewegung und so permanent feuert die Lady ihren Ehemann immer wieder zu weiteren Morden an, um die eigene Regentschaft zu sichern. Die raffinierten Lichteffekte werfen bedrohliche Schatten bis in den Zuschauerraum hinein, von wo aus man den fatalen Sog beobachten kann, in den sich die beiden Hauptakteure begeben. Bühnenbildner Marc Weeger hat auf der Bühne mehrere Räume angelegt: vom Schilf bestandenen Moor, über den rot beleuchteten Thronsaal, in dem die Krone, das Objekt der Begierde also, regelmäßig inszeniert, in dem aber ebenso regelmäßig gemordet und gemeuchelt wird, bis hin zu zwei engen Räumen, in denen fast kammerspielartig die verschwörerischen Dialoge zwischen Macbeth und seiner Lady stattfinden. So schafft Hendrik Müller, eigentlich Operndirektor am schleswig-holsteinischen Landestheater in Flensburg, szenische Abwechslung, paart die mit gelungener Personenführung und kreiert so spannende zweieinhalb Stunden Musiktheater um die Geschichte des Paares, das alles um sich herum und damit auch sich selbst vernichtet. Da hätte es den Griff in die Regietheater-Mottenkiste der späten 1990er Jahre mit vom Band eingespielten Sprechpassagen des Shakespearetextes gar nicht bedurft. Vielmehr unterbrechen diese Regiemätzchen in Form sinnlos erscheinender Schnipsel (wird doch oft Sekunden später Identisches gesungen) den Musikfluss und die von Verdi so genial kreierten Stimmungen. Aber das ist nur ein kleiner Wermutstropfen, der auch eingefleischte Verdipuristen nicht von einem Vorstellungsbesuch abhalten sollte. Der lohnt sich nämlich vor allem aus musikalischer Sicht.

© Stephan Glagla

Dass einem ein Sänger schon bei seinem Rollendebüt wie eine Traumbesetzung vorkommt, ist äußerst selten, aber es scheint fast, als hätte Verdis Macbeth fast 180 Jahre nur auf den südafrikanischen Bariton Theo Magongoma gewartet. Voller Inbrunst und mit nicht enden wollender Kraft gelingt Magongoma ein intensives Rollenportrait, das alle Facetten dieser vielschichtigen Figur vortrefflich auslotet – von kraftgeladenen Kampfesrufen bis zum Pietà, rispetto, amore, das ein desillusionierter Karrierist singt, der alles verloren hat, wird er zur Verkörperung seines Bühnencharakters. Noch eine Schippe drauf legt er zusammen mit seiner Bühnengattin, die mit Susann Vent-Wunderlich aus dem Osnabrücker Ensemble besetzt ist. Kommt mir ihr hohes Register in der Auftrittsarie noch ein wenig scharf vor, packt sie mich emotionsgeladen spätestens ab La luce langue, verführt mich wie die Bankettgesellschaft mit dem Brindisi und beschert mir in der Wahnsinnsszene Gänsehaut. Theo Magongoma und Susann Vent-Wunderlich scheinen sich in den Duetten noch gegenseitig anzuspornen, wirken wie die perfekte Symbiose zweier Individuen und man erkennt, dass einer ohne den anderen nicht so sein könnte, wie er ist.

© Stephan Glagla

Bei solcher Stimmpower gerät fast alles andere zur Nebenfigur, auch wenn Dominic Barberi mit wohlklingendem, kraftvoll-kämpferischem Bassbariton ein veritabler Banquo ist. Vom Macduff des Koreaners Jihoon Park hingegen hätte ich mir in seiner Arie Ah, la paterna mano ein wenig mehr Gefühl statt purer tenoraler Wucht gewünscht. Heimlicher Star neben dem monströsen Paar ist im Macbeth ohnehin der Chor – und das ist auch in Osnabrück nicht anders. Mit immenser Bühnenpräsenz und spürbarer Spielfreude überzeugen die Damen und Herren, von Sierd Quarré betreut, in der umfangreichen Partie zudem mit präzisem Gesang.

© Stephan Glagla

Ebenso präzise lässt Christopher Lichtenstein, seit Beginn dieser Spielzeit GMD am Haus, das Osnabrücker Symphonieorchester aufspielen, würzt mit italienischem Schwung und versteht auch, die martialisch daherkommenden Passagen auszukosten. Alles in allem also, lieber Opernfreund-Freund, ist diese Produktion eine eindeutige Besuchsempfehlung wert.

Ihr
Jochen Rüth

8. Februar 2026


Macbeth
Oper von Giuseppe Verdi

Theater Osnabrück

Premiere: 24. Januar 2026
besuchte Vorstellung: 8. Februar 2026

Regie: Hendrik Müller
Musikalische Leitung: Christopher Lichtenstein
Osnabrücker Symphonieorchester

weitere Vorstellungen: 11. und 21. Februar, 20. März, 3. und 19. April sowie 12. und 21. Mai  2026

Trailer