Die Kleinstadt Gander auf Neufundland zählt mit ihrem engeren Umland gerade einmal 9.000 Einwohner. Dafür hat sie einen überdimensionalen Flughafen mit einer Landebahn, auf der auch große Flugzeuge landen können. Dieser stammt noch aus einer Zeit, als Interkontinentalflüge nicht ohne Tankstopp auskamen und an der kanadischen Küste aufgetankt werden mussten. Seit langem wird über den Abriss des Flughafens diskutiert, doch über das Stadium der Diskussion ist man nicht hinausgekommen. So beginnt der 11. September 2001 auch in Gander wie ein ganz normaler Tag, an dem der Streik der Busfahrer noch das größte Gesprächsthema der Stadt ist. Doch als an diesem Tag zum ersten Mal in der Geschichte der USA der nordamerikanische Luftraum gesperrt wird, sind fast 500 Flugzeuge auf dem Weg zu ihren Zielen in der gesperrten Region. Etwa die Hälfte der Flugzeuge muss umkehren, die anderen 255 Flugzeuge werden kurzfristig umgeleitet. 38 Flugzeuge mit rund 6.600 Menschen an Bord strandeten auf dem Flughafen Gander, so dass die Region plötzlich mit fast doppelt so vielen Menschen konfrontiert war wie üblich.

In beispielloser Solidarität packten fast alle mit an, um die zahlreichen Gäste aus aller Welt zu bewirten und mit dem Notwendigsten zu versorgen. Viele der gestrandeten Passagiere waren schon stundenlang unterwegs und verbrachten fast den ganzen 11. September im geschlossenen Flugzeug, bis die Behörden den Ausstieg erlaubten. Und das alles, ohne genau zu wissen, was überhaupt passiert war. In Gander wurden in kürzester Zeit Kleider, Lebensmittel und Drogerieartikel organisiert. Kirchen, Turnhallen und Schulen wurden zu großen Massenunterkünften umfunktioniert und die Busfahrer unterbrachen ihren Streik, um die Passagiere vom Flughafen zu den Unterkünften zu bringen. Über diesen Ausnahmezustand, der fremde Menschen zusammenbrachte, schufen Irene Sankoff und David Hein zwischen 2011 und 2015 das Musical Come From Away mit einem einzigartigen dokumentarischen Erzählstil. Zwischen „den von woanders“, wie die Gestrandeten von den Neufundländern liebevoll genannt wurden, und der einheimischen Bevölkerung entwickelten sich innerhalb von fünf Tagen im September 2001 zum Teil Freundschaften, die bis heute andauern. So basiert dieses Musical ausschließlich auf wahren Begebenheiten, die Sankoff und Hein in Interviews mit Zeitzeugen zum 10. Jahrestag 2011 festgehalten haben, als viele der damals Gestrandeten – diesmal ganz bewusst – erneut nach Gander kamen.

Im Juni 2015 uraufgeführt, wurde Come From Away zu einem internationalen Publikumserfolg, was neben der zutiefst menschlichen und berührenden Geschichte auch an der von Celtic-Folk-Rock durchzogenen Partitur liegen mag, die die unterschiedlichsten Geschichten immer wieder treffend musikalisch untermalt. Mal mit großen Balladen, dann wieder zutiefst ruhig und traurig. Dennoch wird die Handlung vor allem durch die gesprochenen Dialoge vorangetrieben, die Musik dient als passende Ergänzung. Aber auch der Humor kommt nicht zu kurz in diesem Stück, das bewusst kein 9/11-Musical ist, sondern ein Musical über verschiedene Menschen und ihre Schicksale. So gibt es zum Beispiel die Geschichte des Engländers und der Texanerin, die sich in Gander im Flugzeug kennengelernt und später geheiratet haben. Aber auch die Mutter, die sich um Ihren Sohn sorgt, der als Feuerwehrmann in New York tätig ist, findet Gehör.
Für die 12 Schauspieler des Abends ist es eine große Herausforderung, in die rund 40 Rollen des Stücks zu schlüpfen. Immer wieder wechseln sie zwischen Flugpassagieren und Einheimischen. Dass der Zuschauer dabei nicht erschlagen wird, ist der gelungenen Regie von Intendant Sebastian Ritschel zu verdanken, der es schafft, mit wenigen Requisiten – im Prinzip sind es 14 Stühle und 6 Tische – mal die Flugzeugreihen und kurz darauf die Dorfkneipe in Gander darzustellen. Wie er im Programmheft schreibt, wurde nach den ersten musikalischen Proben fast eine Woche an der Strukturierung des Stückes gearbeitet. „Wann sind wir in Gander, in welchem der unterschiedlichen Flugzeuge sitzen wir gerade, welche Rolle spiele ich in dieser Situation und wie lang (oder kurz) ist die Musik, über die ich meinen Text sprechen muss.“, waren die zentralen Punkte, über die sich alle Darsteller im Klaren werden mussten. Und in der Tat hat das Stück ein unglaublich hohes Tempo, das den Zuschauer über die knapp zwei Stunden Spieldauer (gespielt wird ohne Pause) völlig in seinen Bann zieht. Besonders gelungen ist in Regensburg das Zusammenspiel von Regie und Choreographie (Gabriel Pitoni), die hier Hand in Hand arbeiten. Für das Bühnenbild hat Kristopher Kempf einen schlichten Einheitsraum geschaffen, der auf der Empore das achtköpfige Orchester unter der Leitung von Andreas Kowalewitz beherbergt. Neben klassischem Keyboard, Gitarre, Bass und Schlagzeug kommen Folkinstrumente wie eine Bodhrán, mehrere irische Flöten, eine Fiddle und eine Mandoline zum Einsatz. Gleichzeitig stellt das Bühnenbild mit seinen massiven Stahlträgern eine Verbindung zwischen dem Flughafen Gander und dem World Trade Center her, in dessen hinterem Teil ein Loch der Zerstörung diese symmetrische Konstruktion effektvoll durchbricht. Das starke Lichtdesign von Maximilian Rudolph rundet die gelungene Umsetzung ab.

Ein weiterer großer Pluspunkt der Inszenierung ist die Besetzung, in der sich das hauseigene Ensemble gekonnt mit namhaften Musicaldarstellern mischt. Da es sich bei Come From Away um die deutschsprachige Erstaufführung eines internationalen Musical-Hits handelt, war der Andrang beim Casting entsprechend groß, so dass der Intendant des Hauses nicht ohne Stolz berichtet, hier seine Wunschbesetzung engagieren zu können. Im Einzelnen sind dies Andreas Bieber, Wietske van Tongeren, Carin Filipčić, Bededikt Eder, Fabiana Locke, Patricia Hodell, Scarlett Pulwey, Masengu Kanyinda, Jogi Kaiser, Alejandro Nicolás Firlei Fernández, Lionel von Lawrence sowie Patrick Imhof, der in der besuchten Vorstellung den leider erkrankten Felix Rabas erstklassig vertrat. Maria Mucha komplettiert als weiblicher Swing das Ensemble. Da alle Darsteller wie erwähnt in die verschiedensten Rollen schlüpfen und diese mit voller Energie absolut großartig auf die Bühne bringen, muss an dieser Stelle ausdrücklich das Ensemble als homogene Einheit erwähnt werden, von dem jeder auf ganzer Linie überzeugen konnte. Besondere Erwähnung verdient auch Sabine Ruflair, die für die deutschsprachige Erstaufführung am Theater Regensburg eine wunderbar passende und authentische Übersetzung geschaffen hat, die den Zuschauer in jeder Minute mit den Geschichten mitfühlen lässt und die man gerne auf einer CD verewigt sehen würde.

Dass diese Inszenierung auch beim Regensburger Publikum sehr gut ankommt, zeigt die Tatsache, dass alle Vorstellungen in Regensburg bis Ende Juni nahezu ausverkauft sind. Mit etwas Glück kann man noch einen der wenigen verbliebenen Steh-/Hörplätze ergattern. Außerdem steht vom 9. bis 13. Juli ein Gastspiel im Deutschen Theater in München an, zu dem die Regensburger Theaterfreunde sogar eine Busfahrt organisieren, um der großen Kartennachfrage gerecht zu werden. Verständlich, denn mit Come From Away ist dem Theater eine absolute Topproduktion gelungen, die auch überregional Beachtung findet und zeigt, was ein Stadttheater im Musicalbereich zu leisten vermag, wenn die Theaterleitung dieser Sparte offen gegenübersteht. Freuen dürfen sich alle Besucher hier auf eine 5-Sterne-Musicalproduktion voller Menschlichkeit, die keine Wünsche offen lässt.
Markus Lamers, 26. März 2025
Come From Away
Musical von Irene Sankoff und David Hein
Theater am Bismarckplatz, Regensburg
Premiere: 22. Februar 2025
besuchte Vorstellung: 23. März 2025
Inszenierung: Sebastian Ritschel
Musikalische Leitung: Andreas Kowalewitz
Weitere Aufführungen: 28. März, 13. April, 14. April, 26. April, 30. April, 3. Mai, 11. Mai, 18. Mai, 30. Mai, 2. Juni, 6. Juni, 9. Juni, 20. Juni und 22. Juni sowie vom 9. bis 13. Juli als Gastspiel im Deutschen Theater, München