Wien: „Neujahrskonzert“, Wiener Philharmoniker unter Yannick Nézet-Séguin

Wien hat am Vormittag des 1. Jänner 2026 (Lokalzeit) für die ganze Welt Harmonia Mundi ausgerufen, mit Hilfe von Johann Strauss und den Wiener Philharmonikern. Und Yannick Nézet-Séguin hatte keinen geringen Anteil daran.

Das Kopfschütteln war meinerseits, als ich bei der Ankündigung des Dirigenten des heurigen Neujahrskonzerts doch tatsächlich die Frage las, wer denn das eigentlich sei. Nézet-Séguin? Nie gehört. Ich und Tausende und Abertausende Besucher der Met im Kino kannten ihn jedoch längst. Als #metoo James Levine in den Tod trieb und der ach so korrekte Met-Direktor den Mann, der den Betrieb jahrzehntelang auf hohem Niveau aufrecht gehalten hatte, fallen ließ wie eine heiße Kartoffel, war Not am Mann. Wer konnte, wie „Jimmy“ einst, einfach alles? Wer war bereit, die Met-Last zu schultern?

Nun, Yannick Nézet-Séguin hat die Funktion eines Musikdirektors der Met übernommen und sogar bis 2030 verlängert, was bedeutet, dass er fast rund um die Uhr für die Produktionen des Hauses zuständig ist, von denen er zahlreiche selbst dirigiert, Premieren und Repertoire, und dabei eine ähnliche Repertoire-Breite beweist wie einst Levine. Ohne diesen als Person „ersetzen“ zu wollen, das ginge gar nicht. Aber wenn man sich den Betrieb von außen ansieht (man kann das durch Kinoübertragungen und Presseberichte), ist die Met bei Nézet-Séguin in guten Händen.

Kann er Johann Strauss? Die Frage stellt sich a priori ja nicht nur für ihn, sondern für viele Weltklasse-Dirigenten, die jeweils die Ehre hatten (und es ist eine Ehre), für die Leitung des Neujahrs-Konzerts eingeladen zu werden, daß immerhin per Bild und Ton in rund 150 Länder der Welt gesendet wird. Ich weiß noch, mit welcher Rührung ich einst in Singapur im Hotelzimmer saß und mir mit meinem Mann auf unserer Ostasien-Reise Neujahrsgrüße aus Wien holte.

Zahllose, meist ältere Herren von Weltruf, stellten sich hin und gaben zumindest vor, mit Johann Strauss zu swingen, manche taten es sicher auch ehrlich. Yannick Nézet-Séguin habe ich es auch geglaubt. Wobei ich ehrlich sage, dass mich das Programm dieses Vormittags nicht eben vom Sessel gerissen hat.

Und mir ist es als in der Wolle gefärbten Feministin auch gänzlich egal, ob man Stücke von Frauen ins Programm gezwungen hat. Unsere eifrigen Feministinnen diverser Couleurs sollten lieber ihre energische Stimme gegen die Zwangsehen von jungen Mädchen, halben Kindern erheben, die hierzulande in Moscheen an ältere Männer verheiratet werden, statt Protestgeschrei zu erheben, dass „keine Stücke von Frauen gespielt“ werden.

Nein, um das Programm ging es nicht. Es ging um die ehrliche Freude an Musik, die Yannick Nézet-Séguin ausstrahlte, und das schon, bevor er beim Radetzky-Marsch klatschend durch den Zuschauerraum tanzte und das Publikum mit seinem Zusatz-Applaus zu den Vater-Strauss-Klängen „dirigierte“. Der Mann meint es ernst. Für ihn ist Musik eine heilige Kunst, und in diesem Fall auch eine beglückende und fröhliche.

Und ihm glaube ich die Friedensbotschaft, die er – der gebürtige Franko-Kanadier – erst auf Französisch, dann kurz auf Englisch verkündete. Dass Musik die Menschen verbindet. Sie könnte, Daniel Barenboim hat es mit seinen Versuchen bewiesen, vielleicht tatsächlich Frieden stiften. Wie auch die andere nonverbale „Kunst“, der Sport.

Setze einen Palästinenser und einen Juden, einen Ukrainer und einen Russen nebeneinander in ein Orchester, und wenn sie gute Musiker sind, werden sie sich als solche erkennen und gemeinsam optimal musizieren. Stelle einen Palästinenser und einen Juden, einen Ukrainer und einen Russen nebeneinander auf einen Fußballplatz, und wenn sie in dem anderen die Qualität erkennen, werden sie gemeinsam um den Sieg ihrer Mannschaft laufen.

Darf ich zum Abschluß noch einer meiner Lieblings-Jüdischen-Witze erzählen?
Ein russisches Orchester. Der russische Dirigent stellt sich vor die riesengroße Mannschaft. Er fixiert zwei Musiker und spricht sie an. „Also, Juri, Andrej – spielen wir mit den Juden.“

Machen wir miteinander Musik. Mag der Frieden auf diese Art auch Utopie sein – man wird sich doch etwas wünschen dürfen? Soll es nicht Zeiten gegeben haben, als das Wünschen noch geholfen hat? Oder ist das nur der Titel eines Buches von Peter Handke?

In diesem Sinn: Friede, Freude – und Musik für 2026. Wir werden weiterhin darüber berichten.

Renate Wagner, 3. Januar 2026


Neujahrskonzert
Wiener Staatsoper

1. Januar 2025

Dirigat: Yannick Nézet-Séguin
Wiener Philharmoniker