Oldenburg: „Lady Macbeth von Mzensk“, Dmitri Schostakowitsch

Wenn Katerina am Ende allein auf der kalt ausgeleuchteten Bühne steht und ins Publikum schaut, sehen wir in das Gesicht einer Mörderin. Sie ist am Ende ihres Weges, der Wunsch nach Freiheit, die Suche nach Glück, nach erfüllter Liebe sind kläglich gescheitert. Kann der erste von ihr verübte Mord noch als Notwehr angesehen werden, um den Geliebten Sergej zu retten, ist der von beiden an ihrem Ehemann begangene Mord, von ihr schon gedanklich geplant. Hier tritt die Wandlung ein, aus dem Opfer der brutalen, frauenverachtenden Lebensumstände auf dem Gut in der russischen Provinz wird eine selbstbewusste, sich, genau wie die Männer, rücksichtslos alles nehmende Frau. Sie hat eine Richtung eingeschlagen, die kurzes, vermeintliches Glück verheißt und sie in die Katastrophe führt. Ein Irrtum? Oder der einzige Ausweg?

Ein Finale, das schockierender nicht sein könnte und den Zuschauer zwischen Mitleid und Ablehnung der Figur zurücklässt. Ein Bild, das sich einprägt.

Shelley Jackson (Katerina Lwowna Ismailowa) mit Opernchor
© Stephan Walzl

Es sind die kleinen Kunstgriffe, mit denen der Regisseur Joan Anton Rechi, die Figuren beleuchtet und   mit immer wieder anderen Facetten deren Charaktere analysiert und auffächert. So bekommt der Sergej hier ein menschlicheres Gesicht als in anderen Inszenierungen, wenn er nach dem Mord an Katerinas Mann, während sie in höhnische Lachen ausbricht, zu weinen beginnt, wenn auch vielleicht nur aus Selbstmitleid.

Dies soll nur als ein Beispiel für die faszinierende Personenführung durch den Regisseur dienen. Es ist die Vielfallt der Charaktere und deren Auslotung, die auch beim Chor jeder Figur eigene Züge verleiht.

Sehr genau hört der Regisseur auf die Musik, diese leisen Momente, etwa wenn Katerina im letzten Bild über den See singt, in dem sie ihre Konkurrentin ertränken will. Da bleibt auf einmal alles, im wahrsten Sinne des Worts stehen. Die Personen auf der Bühne und die Zeit. Ein magischer Moment. Danach erstickt Katerina ihre Nebenbuhlerin mit äußerster Brutalität in einem Eimer Suppe. Wir sind wieder in der Wirklichkeit.

Und, wie von Schostakowitsch gewünscht, gibt der Regisseur auch der Ironie und dem beißenden Spott auf die Polizei und die Kirche passende Bilder.

Im Vordergrund: Seungweon Lee (Pope) mit Opernchor
© Stephan Walzl

Markus Erik Meyer, verantwortlich für Bühnenbild und Kostüme, hat dem Regisseur dafür ein adäquates, die Düsternis unterstreichendes Bühnenbild geschaffen. Hohe, verschmutzte Wände sperren den Bühnenraum ab. Es gibt keinen Blick ins Freie. In der Mitte ist ein alter Mercedes, Statussymbol für Reichtum und Macht. In ihm findet die von Schostakowitsch so frech und schonungslos auskomponierte Beischlafszene zwischen Katarina und Sergej statt, die nicht pornographisch direkt dargestellt wird, den Zuschauer aber zum beobachtenden Voyeur macht. Eine kluge Lösung, die genug, aber nicht zu viel zeigt, und die Darsteller nicht als Person bloßstellt. Erst im letzten Bild ist der Mercedes nicht mehr auf der Bühne, die nach hinten weit in kaltes Licht getaucht ist, eisiges Licht über der russischen Steppe. Kälte umgibt die Gefangenen. Ein so einfaches wie sprechendes, atmosphärisches Bild. Die zeitlosen Kostüme zeichnen klar die hierarchische Stellung der Personen nach. Kittel und Overall für die Arbeiter und Arbeiterinnen, Anzug für den Gutsbesitzer.

Im Vordergrund: Ralf Lukas (Boris Timofejewitsch Ismailow), Shelley Jackson (Katerina Lwowna Ismailowa), Marija Jokovic (Axinja), auf dem Auto: Jonathan Abernethy (Sinowi Borissowitsch Ismailow) / © Stephan Walzl

Wenn auch unüblich sei hier zuerst allen Sängerinnen und Sängern der diversen kleineren Partien ein großes Lob ausgesprochen. Sie alle haben mit ihrem Können und ihrer Darstellung den Abend eindrucksvoll geprägt.

Die Partie der Katerina ist für jede Sängerin eine Herausforderung. Die Entwicklung der Figur, die darstellerischen und vor allem die hohen musikalischen Anforderungen, machen diese Rolle zu einem Parforceritt und einer kräftezehrenden Aufgabe.

Shelley Jackson (Katerina Lwowna Ismailowa) / © Stephan Walzl

Shelley Jackson ist geradezu prädestiniert für diese Rolle. Ihre darstellerischen Fähigkeiten ermöglichen ihr ein aufwühlendes, glaubhaftes Spiel, das sie zum Zentrum der Aufmerksamkeit macht. Man erlebt mit ihr die Geschichte der Katerina, ist gefesselt und erschreckt gleichermaßen.

Ihr aufblühender, exquisit timbrierter Sopran besitz Strahlraft und Wärme. Die klangvolle Mittellage ermöglicht ihr, alles auszusingen und an keiner Stelle dieser schwierigen Rolle kaschieren zu müssen. Da ist eine Vollblutkünstlerin auf der Bühne, die diese Rolle auslebt, sich verausgabt ohne je die Kontrolle über ihre Stimme zu verlieren. Dazu besitzt sie bis zum Schluss die Fähigkeit, beseelte, geradezu überirdisch schöne Piani zu singen. Eine unvergessliche Leistung.

Ihr ebenbürtig der Sergej von Sergei Radchenko. Am Tag der Generalprobe für den erkrankten Jason Kim aus Italien eingeflogen und mit Unterstützung vieler für die Premiere vorbereitet, sang und gestaltete er einen ganz aus der Figur heraus entwickelten, zuerst arroganten und später zweifelnden Sergej, mit idiomatischer Stimmführung und höhensicherer Attacke. Hervorragend, wie er sich in die Produktion in dieser unglaublich kurzen Zeit eingefunden hat.

Ein Kuriosum in dieser Aufführung: Sergei Radchenko hat die Rolle schon gesungen, auf Russisch. Die Oldenburger Produktion wird auf Deutsch gesungen, was dem Verständnis der Dialoge und den vielen Bösartigkeiten des Textes sehr zu gut kommt. Alles ging wunderbar zusammen.

Es gibt nicht so viele durch und durch unsympathische Opernfiguren wie den Boris, Katerinas Schwiegervater. Ralf Lukas spielt die Machtgier, den Sadismus und die Lüsternheit voll aus. Ihm stehen dafür alle stimmliche Mittel, vom Flüstern bis zum großen Ausbruch zur Verfügung. Ein geradezu beängstigendes Rollenportrait.

Aufhorchen ließ Jonathan Abernethy als Katerinas Ehemann Sinowi mit strahlendem Tenor. Dorothee Bienert liefert ein sowohl stimmlich wie darstellerische überzeugendes Portrait der Sonjetka.

Der Opernchor und Extrachor des Oldenburgischen Staatstheater überwältigte mit seiner Klangschönheit und Homogenität. Die Gesänge der Gefangenen im letzten Bild beeindruckten besonders durch ihre Intensität und die Glaubhaftigkeit des Ausdrucks. Ein Großes Lob geht an den Chorleiter Thomas Bönisch und die Einstudierung des Extrachors durch Felix Schauren.

Was hat diese Oper für Klangfarben, tiefe Verzweiflung, Spott, Ironie, Bösartigkeit, zackige Rhythmen und Walzerseligkeit, allerdings nicht immer ernst gemeint. Schostakowitsch reißt den Zuhörer mit in eine Geschichte, in die man nicht gehören will, aber in die man hineingezogen wird, der Sog ist zu stark. Rasmus Baumann, der GMD des Musiktheaters im Revier Gelsenkirchen nimmt genau diese Gelegenheit beim Schopf und reißt die Zuhörer mit in den Untergang der Katerina. Er zaubert mit dem in Höchstform aufspielenden Oldenburgischen Staatsorchester einen fulminanten, präzise akzentuierten Klangrausch, ohne die vielen innerlichen und geradezu fast unhörbar leisen Momente zu vernachlässigen. Man spürt die Tiefe Verbundenheit mit der Musik, die diese Interpretation so mitreißend macht.

Jubelstürme für alle Beteiligten am Ende eines besonderen, unvergesslichen Opernabends.

Axel Wuttke, 9. Februar 2026


Lady Macbeth von Mzensk
Oper in vier Akten von Dmitri Schostakowitsch

Oldenburgisches Staatstheater

Premiere: 7. Februar 2026

Regie: Joan Anton Rechi
Musikalische Leitung: Rasmus Baumann
Sinfonieorchester Oldenburg

Weitere Vorstellungen: 25. Februar, 1,. 15., 21. März, 11., 28. April, 3. Mai und 24. Juni 2026.