Mit Astor Piazzollas Tango-Operita Maria de Buenos Aires ist es so eine Sache. Vermeintlich seichte Musik trifft auf hochkomplexe und beinahe schon surreale Textwelten, die das Werk deutlich vielschichtiger machen, als man es vielleicht denken mag, denn die eine, klare Handlung, die sucht man vergebens. Und so stehen Regisseure immer wieder vor der Herausforderung, was man denn nun mit dem Stück machen soll: Drückt man eine Handlung auf? Bleibt die Lesart offen und verschreckt ein Publikum, dass sich in der Erwartung einer folkloristischen Tango-Operette unterhalten lassen möchte? Es ist nicht einfach, und an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf macht es Regisseur Johannes Erath nicht einfacher. Erath bleibt im Assoziativen, und damit nicht genug, er entfacht einen Bilderreigen, den er aber so weit auf die Spitze treibt, dass man nicht jeder Idee folgen kann. Er lässt seine Maria immer wieder durch Themenfelder wandern, lässt religiöse Verehrung mit Bar-Zweilicht konterkarieren, lässt Varieté und Kino aufleben, zeigt aber auch intime Momente. Dazu hat ihm Bühnenbildnerin Katrin Gonnan einen ziemlich raffinierten, aus vielen Versatzstücken bestehenden Raum gebaut, dessen beherrschendes Element ein scheinbar schmiedeeisernes, kunstvolles großes M ist, das im Zwielicht immer wieder neue Räume definiert. Überhaupt ist das Zwielicht, die Düsternis das beherrschende Element. Einzig der grelle, pinke Anzug des Duende und Marias rote Haare setzen dem Dunkel der Szenerie etwas entgegen. Überhaupt trägt das raffinierte Kostümbild von Jorge Jara zu einer starken Optik bei. Erst im zweiten Teil brechen aus dem Schnürboden schwebende Retro-Leuchtobjekte die Dunkelheit auf. Ja, dieser Abend ist in seiner Düsternis atmosphärisch, und das ist sicher eine seiner ganz großen Stärken.

Die Regie gibt der soghaften Musik Piazzollas viel Raum. Natürlich wird auch Tango getanzt. Dass man sich hier aber noch viel mehr gedacht hat, ja teils wenig verständliche Extra-Umdrehungen einbaut, die den Handlungsdschungel noch undurchdringbarer machen, das zieht den Abend unnötig in die Länge. Insgesamt vier Mal wird Musik von Johann Sebastian Bach eingeschoben, die „irgendwie nett“ gedacht ist, aber neben einer reichlich grobschlächtigen Gesangsdarbietung (weder Chor noch Solistin muszieren dabei besonders fein) den Abend kein Stück weiterbringt. Die Regie verstrickt sich hier immer wieder in wenig plausible Ideen, die aber ob der offenen Gesamtanlage auch nicht wirklich stören. Letztlich ist es ein Abend, der dem Zuschauer abverlangt, sich auf das Ungefähre einzulassen, sich an den Bildern und der Musik zu berauschen und nicht nach einer Handlung zu suchen. Wer sich darauf einlässt, der wird daran sicherlich seine Freude haben, für wen eine Oper zwingend eine lineare Handlung haben muss, der wird wenig glücklich sein. Trotzdem hat der Abend seinen Charme, und gerade die musikalische Seite und die Darsteller lassen das Publikum am Ende jubeln.

Star des Abends ist, wie könnte es anders sein, Maria Kataeva in der Titelpartie. Mit enormer Präsenz legt sie die Figur mal kultiviert und dann wieder mit einer ordentlichen Portion Gosse an, sie singt, sie tanzt, sie spielt wunderbar – eine wirklich beachtliche Leistung. Als Duende bietet Alejandro Guyot ein Rollenporträt, das ganz verschiedene Facetten der Figur zeigt und ihn zwischen Liebhaber und Zuhälter, zwischen Erzähler und Mitspieler changieren lässt. Jorge Espino singt mit klangschönem Bariton die zahlreichen kleinen Partien, Morenike Fadayomi bekommt die Figur von Marias Schatten zugewiesen, einer jener Regieeinfälle, die diese Produktion nicht unbedingt verständlicher machen. Mit der eingeschobenen Arie aus der Matthäus-Passion tut man der sonst so versierten Sängerin darüber hinaus keinen Gefallen. Fast schon in akrobatischer Perfektion zeigt das Tango Argentino Trio (bestehend aus Mariano Agustín Messad, Andrés Sautel, Agostina Tarchini) in Perfektion, wie mitreißend und leidenschaftlich Tango sein kann – überhaupt sind die Choreografien vonAgostina Tarchini eine echte Bereicherung. Der Chor agiert mit Spielfreude, hat gleichwohl wenig zu singen, aber verleiht dem Treiben auf der Bühne doch immer wieder große Lebendigkeit. Aus dem Graben tönt es feurig, wild, leidenschaftlich – Mariano Chiacchiarini entlockt den wunderbar aufspielenden Düsseldorfer Symphonikern feinen Piazzolla-Klang. Manchmal dürfte es ein wenig „dreckiger“ klingen, aber insgesamt wird mitreißend musiziert.

Am Ende des Abends jubelt das Publikum im ausverkauften Düsseldorfer Opernhaus. Gerade Sänger und Tänzer werden mit Beifall überschüttet. Für die Regie bleibt der Applaus freundlich, vielleicht ein bisschen zurückhaltend, plustert sie eben den Abend zeitweise einfach ein bisschen zu sehr auf, verwirrt hier und da und zerdehnt ihn allerdings in Teilen mit vollkommen überflüssigen Bach-Einlagen. Der Abend beweist eindrücklich, dass Maria de Buenos Aires kein einfaches Stück ist. Die Düsseldorfer Inszenierung lebt von starken, atmosphärischen Bildern, von einer beeindruckenden Hauptdarstellerin, von Tanz und Leidenschaft. Die Produktion hinterlässt am Ende ein merkwürdiges Gefühl, denn auf der einen Seite hat man wahrlich nicht alles verstanden, was man da auf der Bühne erzählt bekommt, auf der anderen Seite fühlt man sich doch gut unterhalten. Aber vielleicht ist das ja die Hauptsache.
Sebastian Jacobs, 10. Februar 2026
Maria de Buenos Aires
Astor Piazzolla
Deutsche Oper am Rhein, Düsseldorf
Premiere: 7. Februar 2026
Inszenierung: Johannes Erath
Musikalische Leitung: Mariano Chiacchiarini
Düsseldorfer Symphoniker