Gelsenkirchen: „Francesca da Rimini / Gianni Schicchi“, Sergej Rachmaninow / Giacomo Puccini (zweite Besprechung)

Von der Premiere dieses Doppelpacks hat bereits Jochen Rüth recht begeistert berichtet (Link zur Rezension). Aufgrund seiner im Großen und Ganzen zutreffend Kritik habe ich die Vorstellung besucht und möchte mich nun bestätigend und ergänzend dazu äußern.  Man muss erst einmal auf die geniale Idee kommen, zwei kürzere Opern, die beide von Dantes „Divina Commedia“ inspiriert wurden, aus ähnlicher Zeit stammen und doch unterschiedlicher nicht sein können, an einem Abend auf die Bühne zu bringen. Dies gelingen dem Regisseur Manuel Schmitt und seiner Dramaturgin Larissa Wieczorek in einer fulminanten Neuproduktion am Musiktheater im Revier. Sie stellen zudem beide Stücke, Francesca da Rimini von Sergej Rachmaninow und Gianni Schicchi von Giacomo Puccini, unter das von Francesca ohnehin vorgegebene Setting „Hölle“. Dort ist es das Liebespaar Francesca und Paolo, das ins Inferno verbannt wird, weil Francesca eigentlich mit Lanciotto Malatesta verheiratet ist, dieser aber bei der Hochzeit verhindert war und seinen jüngeren Bruder Paolo als Stellvertreter schickte. Francesca und Paolo verlieben sich, weshalb Lanciotto seine Frau aus Eifersucht umbringt. Warum auch Paolo in der Hölle landet, bleibt unklar. Die Inszenierung verbindet das Drama mit dem aktuellen Thema Femizid. Was sich hinter diesem abstrakten Fremdwort verbirgt, verdeutlicht dieser Lagebericht des Bundeskriminalamtes für 2023: „Fast jeden Tag sehen wir einen Femizid in Deutschland. Alle drei Minuten erlebt eine Frau oder ein Mädchen in Deutschland häusliche Gewalt. Jeden Tag werden mehr als 140 Frauen und Mädchen in Deutschland Opfer einer Sexualstraftat. Sie werden Opfer, weil sie Frauen sind… 360 Mädchen und Frauen wurden getötet.“ Diese Straftaten werden in abstrahierten, aber dennoch eindrücklichen Bildern während des in der Hölle spielenden Vorspiels gezeigt – die Hölle ist für die betroffenen Frauen der Alltag. Rachmaninow komponierte hierzu eine höllische Musik, bestehend aus fahlen Klängen der Bläser und hohen Streicher, ohne Kontrabässe – es ist ein bodenloser Abgrund, durch den der akustische Sturmwind tobt. Dramatisch ist die Musik im ersten Akt, in dem Lanciotto zunächst seinen Machtverlust beklagt und dann von Francesca Treue einfordert, die sie ihm halbherzig gelobt. Noch bevor sich der Vorhang zum zweiten Akt hebt, erkennt man aufgrund des Orchesterspiels, dass nun eine verhängnisvolle Liebesszene folgt. Wie der erhöhte, breite, aber nicht tiefe Bühnenraum sich am Ende weit nach rechts in die Seitenbühne verschiebt und links der Boden abbricht und keine Möglichkeit bietet, die Tür mit dem EXIT-Schild zu erreichen, hat ganz große Klasse (Bühnenbild: Julia Katharina Berndt). Für viele Frauen ist der häusliche Alltag die Hölle, aus der sie – das wird hier verdeutlicht – nicht entfliehen können. Dass Männer oft die unbestraften Täter sind, beweisen aktuell die Epstein-Files und nicht nur das offene Schicksal von Lanciotto Malatesta. Zwischen den Akten werden auf den schwarzen Vorhang typische Zitate projiziert, die die toxische Paarbeziehungen repräsentieren, etwa „Ich habe mehr Angst davor zu gehen als zu bleiben“. Männer entgegnen „Meine Frau gehört mir und sonst niemandem“ oder „Ohne mich bist du nichts“. Deutlich hörbar ist insgesamt Rachmaninows Bekanntschaft mit der gleichnamigen Sinfonischen Dichtung von Tschaikovsky, aber auch mit Wagners Tristan und Isolde. Die Neue Philharmonie Westfalen spielt mit viel Nachdruck und Temperament unter der anfeuernden Leitung von Giuliano Betta. Susanne Serfling (die hier zuletzt als Salome und Senta brillierte und jetzt wieder mit höhensicherem Sopran punktet), Nenad Čiča aus Bielefeld und dort ein beeindruckender Peter Grimes und Simon Stricker sind die rundum überzeugenden Hauptakteure.  

© Pedro Malinowski

Rachmaninows Oper wurde 1906 uraufgeführt, Puccinis Einakter 1918. Das verbindende Element ist außer der Dante-Quelle die im spätmittelalterlichen Florenz übliche Strafe bei Testamentsfälschung, nämlich Handabhacken und Verbannung, was der Hölle gleichkommt. Und schon der Streit ums Erbe kann für eine missgünstige Familie zur Hölle werden. Für Puccini und seinen Librettisten Giovacchino Forzano ein Anlass für ihre ironische Komödie. Manuel Schmitt inszeniert sie im selben Bühnenbild wie die Francesca, wobei die kleinkarierten (Achtung: Bedeutung!) Kostüme der Familie des Verstorbenen herrlich mit der Kachelwand harmonieren. Die gezielte und manchmal drastische Komik in Puccinis Partitur übersetzt er in munteres, teils überdrehtes Spiel der Akteure. Die Kritik des Kollegen hieran lässt sich nicht unbedingt nachvollziehen, ist halt Geschmackssache. Den Rinuccio sang an diesem Abend Adam Temple-Smith mit frischem, klarem und lyrischem Tenor. Neben Benedict Nelson in der Titelrolle glänzt insbesondere die Lauretta von Heejim Kim mit ihrem strahlenden wie gefühlvollem Sopran. Insgesamt jedoch ist es die Ensembleleistung zusammen mit dem virtuos und pointiert aufspielendem Orchester wiederum unter der Gesamtleitung von Giuliano Betta, die zu einer gelungenen und überzeugenden Aufführung beiträgt. Ein faszinierender, aufrüttelnder und schließlich unterhaltsamer Abend am Musiktheater im Revier, das hiermit seine Erstligatauglichkeit unter Beweis stellt, was die bekannteste Fußballmannschaft der Stadt trotz gutem Tabellenplatz noch schuldig ist.

Bernhard Stoelzel, 9. Februar 2026


Gianni Schicchi
Oper von Giacomo Puccini

Francesca da Rimini
Oper von Sergej Rachmaninow

Musiktheater im Revier
Besuchte Vorstellung: 8. Februar 2026
Premiere: 31. Januar 2026

Regie: Manuel Schmitt
Musikalische Leitung: Giuliano Betta
Neue Philharmonie Westfalen

weitere Vorstellungen: 27. Februar, 8., 14. und 27. März sowie 2., 12. und 25. April 2026