Zürich, Ballett: „Ein Sommernachtstraum“, Choreografie: Cathy Marston

„Karussell der Liebe, Karussell der Träume, hör nicht auf, dich zu drehen. Was so schön begann, darf nie vergehen“, sang Vicky Leandros 1968; mit „Das Karussell der Liebe hat schon so viel geseh’n: Tränen und auch Freude, es muss sich weiter dreh’n“, folgte Susan Jane 1972. Doch die beiden Schlagersängerinnen haben die Metapher des Karussells für Liebesrausch und Schwindel, für das Auf und Ab in Beziehungen, für die Monotonie und den Neubeginn des Kreislaufs nicht erfunden. Denn diese Metapher wurde in der Literatur (zum Beispiel von Rainer Maria Rilke Rilke in seinem Gedicht „Das Karussell“ von 1906 oder von Arthur Schnitzler in seinem Skandalstück „Reigen“, geschrieben 1897) und in der Malerei des Expressionismus (z.B. von Ernst Ludwig Kirchner oder Max Beckmann) verwendet. Und genau die Metapher des Karussells verwenden auch die Zürcher Ballettdirektorin Cathy Marston, ihr langjähriger Mitarbeiter für das Szenarium Edward Kemp, der Bühnen- und Kostümbildner Richard Hudson und der Dramaturg Michael Küster (sehr lesenswerte Essays Küsters im Programmheft) für dieses nun in Zürich uraufgeführte Ballett nach Shakespeares EIN SOMMERNACHTSTRAUM von Cathy Marston. Dabei geht dieses Inszenierungsteam noch einen Schritt weiter, vom drehenden Karussell zum stillgelegten, vor sich hin rottenden Pferdekarussell in einem verlassenen Rummelplatz, einer Geisterstadt, einem sogenannten Lost Place. So einen sich selbst und der Natur überlassener Rummelplatz gibt es tatsächlich im Plänterwald im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick).

© Carlos Quezada

Die Wahl dieses Lost Place für den SOMMERNACHTSTRAUM ist schlicht genial. Die Metaphern der Vorlage Shakespeares können kongenial platziert werden, das Szenarium ist klug disponiert, die shakespeareschen Grundgedanken mit Einfallsreichtum und zeitgemäßen Ausrichtungen umgesetzt. Es macht Spaß, ist überaus spannend, auch lustig aber nie derb und vor allem wahnsinnig poetisch. Eines der schönsten Ballette der Zürcher Ballettdirektorin Cathy Marston ist zu bewundern. Herausragend gelungen ist z.B. die Einführung des Personals: Man weiß sofort, wer Hermia, Lysander, Demetrius und Helena sind. Bei Oberon und Titania (hier Rummelplatzbesitzer, die sich nicht um einen Lustknaben streiten, sondern darum, ob sie bleiben oder weggehen) und dem Geist des Platzes, Puck, der sein Gelände beherrscht und nicht vertrieben werden will, ist es von vorneherein noch offensichtlicher wer wen darstellt. Bei Shakespeare sind es Handwerker, welche die gehobene Gesellschaft konterkarieren, hier ist es eine Abrissmannschaft, welche in das Gelände unter der Leitung der Sicherheitsinspektorin Zettel eindringen und es niederreißen will. Auch das ein kluger Schachzug des szenischen Teams Marston/Kemp: Denn wie sollte man auch die Texte und die Theateraufführung der Handwerker bei Shakespeare tanzen lassen? Die hier gefundene Lösung ist schlicht brillant! Ebenso klug war es, die Rahmenhandlung Shakespeares am Hof von Athen wegzulassen (also kein Theseus, keine Hippolyta, kein Egeus); nur Verzauberung durch diese von Puck und Oberon inszenierten Irrungen und Wirrungen der Liebe in einer Sommernacht.

Und brillant ist auch der Tanz: Cathy Marston greift auf ein weites Bewegungsrepertoire für ihre Tänzerinnen und Tänzer zu, findet individuelle Tanzstile und Schrittfolgen für alle Protagonisten und begeistert mit fulminanten Choreografien für die Gruppentänze der Abrissmannschaft und der Rummelplatz-Geister, die sich immer mehr miteinander verbinden. Schrottreife Autoscooter werden eingesetzt (als Gefährt für die Liebespaare und als kindlicher Spaß für die zu allerhand Schabernack aufgelegte Abrissmannschaft. Im zweiten Teil sehen wir einen semitransparenten Wohnwagen, dem das Pferdekarussell weichen musste. Auch das windschiefe Riesenrad und die Rutsche waren im zweiten Teil wohl bereits abgerissen – dafür erleuchteten Glühbirnen (nachdem am Sicherungskasten und Stromverteiler herumgebastelt worden war) einen TUNNEL OF LOVE!

Cathy Marston besetzte die Rollen der Hauptpersonen mit auch körperlich wunderbar passenden Tänzerinnen und Tänzern. Von raumgreifender Autorität der Oberon von Brandon Lawrence, kraftvoll über seine Geister herrschend. Grazil und elegant und im großartigen Pas de deux mit Zettel auch lustvoll verspielt) war die Titania von Nancy Osbaldeston, welche ganz kurzfristig für Ayaha Tsunaki einspringen musste. Titania wollte mit ihrem Rollkoffer abreisen, und es kam zu einem höchst amüsanten Pas de trois (Oberon-Titania-Rollkoffer). Doch im zweiten Teil folgte ein großer Versöhnungs- und Verzeihungs-Pas-de- deux, inklusive einer an den Paarlauf im Eiskunstlauf erinnernden Todesspirale! Das wurde atemberaubend getanzt von Brandon Lawrence und Nancy Osbaldeston. Ein besonders amüsantes, aber auch ergreifendes Erlebnis war es, dem Puck zuzusehen: Lucas van Rensburg strotzte in Jeans und tätowiertem Oberkörper (fleischfarbenes, transparentes Shirt mit aufgedruckten Tattoos) nur so vor akrobatisch-athletischer Dynamik – aber er machte daneben auch die Tragik der Gestalt sichtbar, die ihren Lebensraum gefährdet sieht.

© Carlos Quezada

Damit eröffnete Cathy Marston ein weites Feld an Assoziationen – fantastisch. Lucas van Rensburg vermochte es ausgezeichnet, auch dieser Melancholie mit der poetischen Kraft seiner Körpersprache bewegenden Ausdruck zu verleihen. Interessant auch der Pas de deux Pucks mit Oberon; da wurde eine sehr intime, sogar richtig zärtliche Männerfreundschaft offengelegt. Trotz aller Melancholie der Figur gönnten Marston/Kemp dem Puck ein glückliches Ende: Ausgerechnet Zettel, die Verantwortliche für den Abriss, blieb am Ende bei ihm. Er legte ihr Oberons Geistermantel um und in wirbelnden Pirouetten entschwanden die beiden. Zettel wurde bei Marston/Kemp eine ganz spannende Figur: Von ihren Arbeitern wurde sie immer wieder auf eine fast schon misogyne Art geneckt, mit dem Pferdekopf eines Karussellpferdes bewirkte der Nachtzauber Oberons und Pucks, dass sich diese Frau in Titania verliebte. In einem wunderbaren Pas de deux verliehen die beiden Frauen ihrer gegenseitigen Zuneigung Ausdruck. Yun-Su-Park tanzte diese gutmütige, gewissenhafte Abrissmannschaft-Chefin (die in dieser Nacht wohl ihre Bisexualität entdeckte) mit wunderbar herber Agilität.

Last but not least sind da natürlich noch die beiden Paare der vornehmen Gesellschaft: Lysander und Hermia, Demetrius und Helena. Auch mit der Farbgestaltung ihrer Kostüme heben sie sich von der Geisterwelt ab und zeigen ihre innere Verbundenheit: Senfgelbe und erdfarbene Töne waren bei beiden Paaren dominierend. Bei diesem Quartett junger Menschen ist es ja von Beginn weg kompliziert. Demetrius und Lysander lieben beide Hermia, Helena jedoch liebt Demetrius. Die beiden Frauen sind vortrefflich besetzt, denn bei Shakespeare wird im großen Streit der beiden Frauen im dritten Akt Helena ja von Hermia eine „bunte, lange Bohnenstange“ genannt, während Hermia eher als klein gewachsen beschrieben wird. Mit Max Richter als Helena und Mia Heathcote als Hermia wurden diese Zuschreibungen bestens visualisiert. Und beide tanzten sie auf ihre Art ganz hervorragend: Helena eher etwas gröber und eckiger, z.B. mit angewinkelten Füssen, Hermia katzenhaft verspielter, weich fließender. Charles-Louis Yoshiyama als wunderbar keck tanzender Lysander konnte natürlich in dieser Nacht mit beiden: Erst die Flucht zusammen mit Hermia ins vom Gitterzaun versperrte Gelände des Rummelplatzes und dem anschließenden, zärtlichen Liebestanz. Doch exakt dieselben Liebkosungen wiederholte er dann auch mit Helena (begonnen bei den Füssen, dem Bein entlang bis hinauf zu Armen und Händen). Einen ganz anderen Charaktertyp verkörperte Chandler Dalton als Demetrius: Dandyhaft, vornehm, ein eitler Geck, aber ein mit geschmeidiger Eleganz tanzender und liebender Mann. Immer mal wieder ließ Cathy Marston die Formation dieses turbulenten Quartetts auch einfrieren, wenn eine Nebenhandlung stattfand. Das ergab starke Bilder. Die fantastische Riege der Solisten wurde ergänzt durch das mit packender Vitalität tanzende Corps des Balletts Zürich und des Junior Balletts, deren Tänzer als Geister (mit Springerstiefeln, Tattoos und abgeschnittenen Jeans und die Damen in schwarzen Tutus) und während der Ouvertüre als Passanten großen Eindruck machten.

© Carlos Quezada

Der überaus gelungene Gesamteindruck dieser Ballettschöpfung wurde auf ein noch höheres Niveau gehoben durch die perfekt ineinandergreifende Kraft der Kompositionen von Mendelssohn und von Gabriel Prokofiev (der Enkel Sergej Prokofievs war persönlich anwesend). Man hätte denken können, die beiden Komponisten hätten zusammengearbeitet. Die Kompositionen von Gabriel Prokofiev umfassten sein überhaupt nicht als Programmmusik komponiertes Concerto for turntables and orchestra und Neukompositionen (die vier „spells“ von Puck, Titania’s Exuberance und Pas de deux mit Zettel und Love Renewed). Am DJ-Pult unterhalb der Proszeniumsloge saß kein geringerer als der viermalige DMC-Weltmeister, der DJ Mr. Switch. Wie es ihm da durch das kreative Scratchen, den Back Spin und alle weiteren Künste eines DJs und mithilfe der ausgeklügelten Technik gelang, emotionale Nähe zu den Tänzern und zum Publikum zu schaffen, war umwerfend. Dirigent Robert Houssart und das Orchester der Oper Zürich entwickelten einen packenden Gesamtklang, der die Mischung aus zeitgenössischer Musik, die Aktivitäten des DJs und die bekannten Klänge aus Mendelssohns Schauspielmusik zu einer perfekt abgemischten, faszinierenden Sogwirkung führte!

Die Akteure in dieser jeden und jede verzaubernden Mitsommernacht haben die Liebe in vielen Facetten erleben dürfen – selbst ein schwules Paar innerhalb der Abrissmannschaft hatte sein Coming-out auf einem ausgemusterten Karussellpferd reitend. Am Ende hegte man gar den Wunsch, dass dieser SOMMERNACHTSTRAUM doch nie enden würde!  Hingehen!!!
Kaspar Sannemann 16. Oktober 2026


A Midsummer Nights Dream
Ballett von Cathy Marston
Musik von Mendelssohn /
Gabriel Prokofiev
Frei nach Shakespeares A MIDSUMMER NIGHT’S DREAM


Opernhaus Zürich
Uraufführung 11. Oktober 2026

Dirigat: Robert Houssart 
Orchester der Oper Zürich

Weitere Aufführungen: 16.10. | 18.10. | 25.10. | 28.10. | 29.10. | 31.10. | 12.11. | 13.11. | 14.11.2026 | 19.6. | 22.6. | 29.6. | 3.7.2027