Zürich: „Die Zauberflöte“, Wolfgang Amadeus Mozart

Die Zauberflöte, unter deren Schutz das Paar durch alle Wasser- und Feuergefahren „wandelnd“ ins Eingeweihten-Leben schreitet, stammt aus dem „Reich der Nacht“; sie wird – einst vom Partner der Königin der Nacht geschnitzt – dem Tamino gleich am Beginn der Oper von deren drei Damen überreicht. Dies ist mir – neben etwas Beziehungswissen – einer der wenigen Hinweise auf „Weisheit“, von der im ansonsten recht einfältigen Libretto von Emanuel Schikaneder immerfort die Rede ist. In dessen Text werden jedoch weisheitsfern gegensätzliche Welten nicht integriert, sondern die eine von der anderen schlussendlich kurzerhand vernichtend „zur Hölle“ geschickt. Eine manichäische Weltsicht, vermischt mit ein wenig Freimaurer-Logik, „heiligen Hallen“, in denen man die Rache angeblich nicht kennt, jedoch recht brutale Initiationsriten durchzieht, welche die zunächst entführte, dann patriarchal misshandelte Pamina fast in den Selbstmord treibt – wenngleich sie dann gönnerhaft „doch eingeweiht“ werden wird – ja, wie inszeniert man diesen antiquierten, von oben herab belehrenden Text, der nun einmal dieser nicht alternden, ja unsterblichen, berührenden, tief menschlichen weil mozartischen Musik zugrunde liegt und deshalb einfach inszeniert werden muss?

© Herwig Prammer

Matthias Schulz hatte erneut – wie bereits im ersten Jahr seiner Intendanz der Zürcher Oper 2025 mit der bildstarken, prachtvollen Inszenierung des Rosenkavalier voll sängerischer Brillanz – bei der Wahl des Produktionsteams eine glückliche Hand. Die Eröffnung der Opernsaison vor einem Jahr mit einem der nun wirklich weisesten Texte der Opernliteratur und deren kongenialer Komposition gelang in jeder Hinsicht und war irgendwie „kinderleicht“. Was also tun mit dieser traumschönen Zauberflöten-Musik, komponiert auf all diese Pseudo-Weisheiten? Denn dass Sonne und Mond, der Sonnentempel und die „Königin der Nacht“ nicht ohne einander auskommen, weiß eigentlich „jedes Kind“ – und genau von diesem freien, kindlichen, die Welt bestaunend entdeckenden Geist sollte die Inszenierung bestimmt sein.

Das hat funktioniert: Sie wurde dem Regisseur, Clown und Choreograph Daniel Finzi Pasca anvertraut, der mit all seinen hier aufgeführten Kompetenzen die Mozartsche Musik in spielerischer Leichtigkeit mit einem farbenfrohen Bogen voll hochamüsanter Einfälle überwölbt. Dominierend sind in seiner Inszenierung die vielfältigsten Vögel, beispielsweise als Gefolge des Papageno gekonnt von sechs Akrobaten pantomimisch in Szene gesetzt; Papageno selbst (Yannick Debus, eine sängerisch und in seiner spielerischen Natürlichkeit überragende Besetzung) reitet auf einem grünen Vogel, dem er statt seiner – ein Feigling bis zum Suizid – die Schlinge umlegen wird. Wie wiederum ihm diese Schlinge von den akrobatisch agierenden Vögeln zurechtgereicht wird, gehört mit zum Amüsantesten der Vorstellung. Die glockenrein singenden drei (Tölzer) Knaben reiten ebenfalls auf Vögeln. Die als Krähe daherkommende Papagena (überzeugend gesungen und köstlich gespielt von Mariam Suleiman) wird zum Schwan – so einfach kann die Welt sein. Die vielen fantasierten und noch zu zeugenden Pa-pa-pa-pa-pa-pa-Kinder schnurren schon einmal als Eier an Propellern durch die Luft. Und auch Sarastro hat seine kindliche Freude, wenn er seinen mit einer Fernsteuerung ausgestatteten Thronsessel über den Marmor rollen lässt. Insofern dieser ruckelt oder sich falsch im Kreis dreht und er dieses Ungeschick im Dienste seiner Würde zu vertuschen versucht, wird es scheinbar ungewollt komisch – natürlich ist das alles genau so gewollt.

Was mit diesen beschriebenen Details wie Klamauk anmuten kann, ist es nicht, sondern all dies sind eingebettete Details einer federleichten Inszenierung, der damit ganz bewusst die unstimmige Bedeutungsschwere des Librettos genommen wird. Denn was soll eine Welt der hochgehaltenen Humanitätsideale, in der man dem „Anderen“, auf den man das eigene Begehren projiziert und weil man die Macht dazu hat, kurzerhand einmal „siebenundsiebzig Sohlenstreich“ verpasst. Sie kann nur dekonstruiert werden.

© Herwig Prammer

Die Inszenierung beginnt mit einem intelligenten Einstieg: Die Ouvertüre ist noch in Gang – der das gut vorbereitete Orchester dynamisch dirigierende 26-jährige Tarmo Peltokoski (der Jungstar wird im nächsten Sommer sein Bayreuth-Debüt geben) lässt an einer Stelle die Bläser aufstehen, wohl um zu zeigen, dass man auf „historisch informierten“ Instrumenten bläst – da tritt schüchtern ein verspätet eintreffender Geiger vor den Vorhang. Als dieser aufgeht und die Bühne freigibt, muss der dort oben zwischen all den anderen seine Rolle finden; Tamino hat sich hineinverirrt ins Leben – wie wir alle! Plötzlich sind „wir“ „im Spiel“ unseres Lebens und müssen etwas daraus machen, müssen uns verhalten zu bösen Schlangen und hilfreichen Geistern und manipulativen Damen und was uns sonst noch „am Anfang“ umgeben haben mag. Und wir mussten und müssen wie diese Tamino (Magnus Dietrich, ein heller Tenor mit Kern) unsere Lebensrolle finden, Handelnde werden, statt (nur) Reagierende zu bleiben – ein passendes Identifikationsangebot an die Zuschauenden und eine gelungene Rahmenhandlung.

Sängerisch war ich immer wieder berührt und insgesamt hoch zufrieden mit diesem durchweg jungen und bis auf Regula Mühlemann als Pamina noch nicht sehr bekannten Ensemble hochragender Sängerinnen und Sänger. Deren Stimme war wiederholt voll berührender Eleganz; mit ihrer großen Sext „Tamino mein“ – mit der Mozart sie gegen Ende der Oper auf die wunderschöne große Sext „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ des Tamino vom Anfang antworten lässt – schenkte sie mir Beglückungstränen, schon allein deshalb werde ich eine weitere Vorstellung besuchen! Bereits einen Namen gemacht hat sich auch der den Sarastro singende Tobias Kehrer mit einem profunden Bass, den er gut mit seiner feinen Kopfstimme zu mischen versteht. Ihn kenne ich aus Bayreuth, dort oft in Rollen von Finsterlingen, weshalb ich zunächst dachte: Für meinen Lieblings-Sarastro hätte ich gern eine kleine Spur mehr Wärme, mich aber dann korrigierte: Nein, dieser Sarastro ist ja in Wirklichkeit ein „falscher Hund“, und da ist diese zeitweise schneidend-klare Stimme doch ganz passend! Natan Haller als Monostatos trug einen Rock voller Glühbirnen – auch darauf muss man erst einmal kommen! Sehr gut gesungen und gespielt! Herausragend – wie gesagt – erlebte ich Yannick Debus als Papageno, aber auch Jasmin Delfts als Königin der Nacht. Ihre Stimme ist (noch) nicht so voll, war aber zauberhaft hell und intonationssicher bis hinauf zum dreigestrichenen F. Ihren letzten Ton sang sie nicht nach unten, sondern nach oben, das war klug – ihre perfekten Koloraturen allerdings waren eine großartige Leistung!

© Herwig Prammer

Der Bogen der Inszenierung ging auf, es gab keine Durchhänger, die eine Zauberflöte mit ihren Sprecheinlagen leicht bekommen kann. Köstlich die durchgängige Ironie. Wie beispielsweise die Sarastro-Priester mit ihren albernen Bienenkorbmützen herumstolzieren, das hatte etwas von einer erheiternden Brechung.

Zum Schluss kommen all diese Figuren als Menschen, von ihren Hüten und Masken befreit, zum großen Abgesang – wie wohltuend, weil so empathisch und mozartisch! Wir durften mit unserem freisten Kindheits-Ich eine Vorstellung lang in einer märchenhaften Welt zaubergleich mitschwingen, anknüpfend an wertvollen Ressourcen unserer inneren Welt, was uns hat verändert auf den Zürcher Sechseläuteplatze hinaustreten lassen in unsere je eigenen ganz realen und konfliktreichen Welten.

Ulrich Bahrke, 27. September 2026 (Gastbeitrag)


Die Zauberflöte
Große Oper in zwei Aufzügen von Wolfgang Amadeus Mozart

Opernhaus Zürich

Besuchte Generalprobe am 17. September 2026
Premiere am 20. September 2026

Inszenierung: Daniel Finzi Pasca
Musikalische Leitung: Tarmo Peltokoski
Orchester der Oper Zürich