Im fernen April 1990 wurde diese Produktion zum ersten Mal gezeigt und hat es mit der diesjährigen Wiederaufnahme am 19.9. zur 100. Vorstellung gebracht. Die den Zeitpunkt der Handlung respektierende Regie von Liliana Cavani in den so richtig die Atmosphäre der Belle Époque wiedergebenden Bühnenbildern von Dante Ferretti und den prachtvollen Kostümen von Gabriella Pescucci hat alle Voraussetzungen, zu einem Klassiker wie Zeffirellis „Bohème“ zu werden. Der Versuch einer Neuinszenierung 2013 mit Diana Damrau und Piotr Beczala unter der Leitung von Daniele Gatti war durch die Regie von Dmitri Tscherniakow zum Scheitern verurteilt und verschwand nach neun Vorstellungen für immer vom Spielplan der Scala.

Zu Ehren der 100. Vorstellung betreute die inzwischen 93-jährige Cavani, mit Unterstützung von Marina Bianchi, die diesmalige Wiederaufnahme und frischte viele kleine Gesten auf, die im Laufe der Jahre etwas an Präzision verloren hatten. Vom Visuellen her also ein wahres Fest (mit Ausnahme des schon seinerzeit in der Choreographie von Micha van Hoecke, diesmal von Lara Montanaro betreut, nicht unbedingt mitreißenden Balletts, das wie ein Störfaktor auf Floras Fest wirkte).
Hochinteressant war es, die beiden Besetzungen der Hauptrollen zu vergleichen. Nadine Sierra in der Titelrolle war stimmlich ein Traum. Ihr Sopran hat mehr Fülle als der Durchschnitt der Koloratursopranistinnen, setzt sich auch bei großen musikalischen Bögen mühelos durch, und ihr „Sempre libera“ wirkt wie eine passeggiata (ein Spaziergang, wie man in Italien sagt, wenn eine Aufgabe ohne sichtliche Anstrengung brillant bewältigt wird). Dennoch gibt es ein Aber, und das findet sich darin, dass Sierra nie ganz die Person Violetta war – immer schien ein wenig der Star durch, ein winziges „seht hier, wie toll ich bin“. Das ist natürlich Jammern auf höchstem Niveau, nicht alle im Publikum mögen das so empfunden haben, und die Sängerin wurde zurecht bejubelt.
Ihr Alfredo war Piero Pretti, stimmlich und im Aussehen etwas reif für den ungestümen jungen Mann, doch ist dieser Sänger immer für seine vokal untadelige Leistung, seine Stilsicherheit und gute Diktion zu bewundern. Giorgio Germont war Boris Pinkhasovich anvertraut, der mit seinem recht neutral klingenden Bariton wunderbar auf Linie sang. Allerdings war seine Interpretation insofern ein wenig seltsam, als er mit Violetta stimmlich und mimisch derart mitzuleiden schien, dass man sich hätte erwarten müssen, er werde sein Verlangen, Alfredo zu verlassen, als Zumutung begreifen und daher zurückziehen. In den Nebenrollen fielen Gianluca Failla (Marchese), Xhieldo Hyseni (Grenville) und Fabrizio Beggi (Douphol) mit positiven Leistungen auf, was von Carlotta Vichi (Flora) und Francesco Pittari (Gastone) leider nicht gesagt werden kann. Annina und die Minirollen waren mit Studierenden der Accademia della Scala bzw. einem Chorsolisten gut besetzt.

Am Pult des Orchestra del Teatro alla Scala entwickelte Michele Gamba einen Blick auf Verdis Partitur, der sich am Kammerspiel orientierte und wunderbar weichen Tönen der Streicher den Vorzug gab, was einen starken Kontrast zu den entfesselt klingenden Noten der Feste ergab. Seine Auffassung entsprach damit nicht immer der von Sierra. Am Schluss Jubel für alle. Wobei der Beifall in erster Linie von den Galerien kommt, sitzen doch im Parkett überwiegend Touristen.
Alternativ wurde die Titelrolle von Francesca Pia Vitale interpretiert, die vor einigen Jahren aus der Accademia della Scala hervorgegangen ist und inzwischen eine schöne Karriere begonnen hat. Bei ihr war die Verinnerlichung von Violettas Tragödie jederzeit präsent, und auch die schwierigen Koloraturen von „E‘ strano“ und „Sempre libera“ besaßen die nötige Intensität. Allerdings ist ihr schön timbrierter, sauber geführter Sopran mit dieser Rolle an seine Grenzen gestoßen, was sich nicht so sehr im gut gesungenen „Amami Alfredo“ zeigte, als in den kurzen, relativ tief liegenden Phrasen des 2. Bilds des 2. Akts („Un periglio vi sovrasta“ usw.). Im Ganzen aber eine ausgezeichnete Leistung. Ein hundertprozentig überzeugender Alfredo war Iván Ayón Rivas, der mit seinem glanzvollen Tenor stimmlich und darstellerisch genau die Figur des aufbrausenden Jünglings nachzeichnete, dem im Augenblick des vermeintlichen Verrats sämtliche Sicherungen durchbrennen. Germont Vater war diesmal Amartuvshin Enkhbat anvertraut, der wieder einmal zeigte, wie perfekte Technik und Diktion, vereint mit einem baritonalen Timbre von seltener Schönheit (nicht umsonst erhielt der Mongole 2024 den „Premio Ettore Bastianini“ verliehen) zu einem überragenden Ergebnis führen. Dem gegenüber kann die relativ schwache Darstellung gern vergeben werden. Die weiteren Mitwirkenden wiederholten ihre bereits beschriebenen Leistungen.

Michele Gamba war mit seiner diesmaligen Titelrolleninterpretin hörbar in stärkerem Einklang, was die Leistung des Orchestra del Teatro alla Scala besser genießen ließ. Dass der von Alberto Malazzi einstudierte Chor des Hauses in beiden Vorstellungen nichts zu wünschen übrig ließ, versteht sich nachgerade von selbst. Großer Jubel, mit Spitzen für Enkhbat, auch hier.
Eva Pleus, 16. Oktober 2026
La Traviata
Giuseppe Verdi
Teatro alla Scala Milano
Besuchte Vorstellungen: 23.9. und 12.10.26
Inszenierung: Liliana Cavani
Musikalische Leitung: Michele Gamba
Orchestra del Teatro alla Scala
© Brescia&Amisano / Teatro alla Scala