Duisburg, Ballett: „Grey Area“, Bridget Breiner, David Dawson, Lesley Telford

Für das Dutch National Ballet in Amsterdam schuf David Dawson im Jahr 2002 eine Choreographie, die im Folgejahr mit dem renommierten Prix Benois de la Danse ausgezeichnet wurde. Zu einer fast schon hypnotischen Musik von Niels Lanz bewegen sich drei Tänzerinnen und zwei Tänzer in einer Art Zwischenstadium, zwischen Ende und Neubeginn. Der Titel The Grey Area ist dabei nicht unbedingt farblich zu sehen, vielmehr ist die „Grauzone“ ein Zustand der Unschärfe, in dem Grenzen verschwimmen, ein Bereich, der sich nicht eindeutig zuordnen lässt und daher weder schwarz noch weiß ist. In diesem Raum verzichtet Dawson bewusst auf jegliche Bühnenelemente, nur ganz zu Beginn stehen die Tänzerinnen und Tänzer vor einer hohen grauen Wand auf der rechten Bühnenseite, die die Bühne in diese Richtung abschließt. Zur sphärischen Musik tanzen Phoebe Kilminster, Sophie Martin, Chiara Scarrone, Rin Isomura und Márcio Mota mit höchster technischer Brillanz. Drehungen, Würfe, Tanz auf Spitze und Pas de deux gehen fließend ineinander über. Der Zuschauer merkt schnell, hier steht eindeutig die Ästhetik des Tanzes im Mittelpunkt der Choreographie, umgesetzt in ihrer ganzen Schönheit.

The Grey Area / © Yan Revazov

Dies gilt dann übertragen auch für den gesamten Ballettabend, der diesen Klassiker mit zwei Uraufführungen, choreographiert für das Ballett am Rhein, einrahmt. Auch hierzu liefert das Programmheft oder die besuchenswerte Einführung vor Beginn interessante Interpretationsansätze. Allerdings macht es auch Freude, einfach nur die wunderbaren Tanzdarbietungen auf sich wirken zu lassen, ohne dahinter nun einen besonderen Sinn zu suchen, denn auch hier wird auf höchstem technischen Niveau getanzt. Den Abend eröffnet die Chefchoreographin Bridget Breiner mit Shards, einem Werk mit vier Musikstücken von Jeff Buckley. Der bekannteste Song hierbei ist sicherlich das berühmte Hallelujah, ursprünglich von Leonard Cohen veröffentlicht, wobei die Buckley-Version aus heutiger Sicht wohl die bekannteste und erfolgreichste Veröffentlichung darstellt. Man könnte sagen, Breiner teilt die knapp halbstündige Choreographie passend zu den namensgebenden Scherben bzw. Splitter in einzelne Teile auf, auffallend hierbei auch der recht lange Tanz zur kompletten Stille zwischen dem dritten und vierten Song. Angelehnt sind sowohl Tanz wie auch die Kostüme (Stefanie C. Salm) an Dawsons The Grey Area, einzelne Elemente scheinen entnommen, neu fokussiert und weitergedacht worden zu sein, ähnlich von Stil und doch wieder ganz eigen. Auch bei Bridget Breiner bleibt der Tanz abstrakt, zwar mit klaren Linien, aber ohne erkennbare Handlungselemente, auch wenn hin und wieder ein Luftballon als Zeichen der Verflüchtigung geschickt eingebaut wird. In diesem ersten Teil des Abends ist, im Gegensatz zu den beiden anderen Choreographien, auch der Orchesterabend komplett hochgefahren, so dass der Zuschauer noch näher am Geschehen ist und die große Bühne des Duisburger Theaters in ihrem ganzen Ausmaß genutzt werden kann.

Shards / © Yan Revazov

Den Abschluss des Abends bildet mit Threshold of a Fall der kanadischen Choreographin Lesley Telford ein Werk, das die fragile Beziehung der Menschen zu den von ihnen geschaffenen Systemen betrachtet. Was passiert mit einer Gesellschaft, die immer weiter nach mehr strebt, und wie trügerisch ist die scheinbare Sicherheit in einer Welt, in der vielleicht gar nicht alles so sicher ist, wie es scheint. Telford interessiert sich hierbei besonders für den Moment, wo der mögliche Zusammenbruch unmittelbar bevorsteht, es aber noch nicht endgültig klar ist, in welche Richtung die Waage letztendlich kippen wird. Ein durchaus aktuelles Thema, wobei man auch hier als Zuschauer nicht unbedingt zu viel Energie in die Interpretation stecken muss und sich stattdessen auch an der Energie des Ballettensembles erfreuen kann, das in dieser Choreographie als große Gruppe von dreizehn Tänzerinnen und Tänzern antritt. Im Gegensatz zu den beiden eher minimalistischen ersten Stücken des Abends, kommt hier nun etwas mehr Bühnenbild (Yoko Seyama) zum Einsatz. Wie ein Damoklesschwert hängen Stäbe von oben herab, die eine Art Waldlandschaft darstellen sollen, und die immer wieder unterschiedlich eingesetzt werden. Besonders schön, wie aus dem Holz eine Schutz gebende Hütte gebildet wird. Dennoch bleibt auch hier vieles abstrakt, so dass dieser kleine Blick in die Zukunft den Abend thematisch passend abrundet.

Threshold of a Fall / © Yan Revazov

Die Premiere dieses dreiteiligen Ballettabends fand bereits im Januar diesen Jahres in Duisburg statt und wurde nun zu Beginn der neuen Spielzeit noch mal für wenige Termine in den Spielplan genommen, bevor die Produktion ab März 2027 im Düsseldorfer Opernhaus zu sehen sein wird. Durch die drei stilistisch sehr ähnlichen Werke, bei denen vor allem der Tanz im Mittelpunkt steht, ergibt sich ein sehr interessanter Ballettabend, der leider in der letzten Duisburger Aufführung erschreckend schwach besucht war. Verdient hätte die Leistung der Tänzerinnen und Tänzer hier deutlich mehr Zuschauer, aber vielleicht hatte das interessierte Publikum den Abend ja bereits in der vergangenen Spielzeit besucht. Ein Besuch in Düsseldorf im kommenden Jahr kann an dieser Stelle allen interessierten Lesern eindeutig empfohlen werden, falls man Grey Area in Duisburg nun verpasst haben sollte.

Markus Lamers, 17. Oktober 2026


Grey Area
„Tanz im Zwischenraum“ mit Choreographien von Bridget Breiner, David Dawson und Lesley Telford

Ballett am Rhein – Theater Duisburg

Premiere: 16. Januar 2026
besuchte Vorstellung: 15. Oktober 2026

Choreographie: Bridget Breiner / David Dawson / Lesley Telford

Trailer

Weitere Aufführungen in Düsseldorf: 5. März (Premiere), 10. März, 12. März, 14. März, 19. März, 21. März, 7. April, 15. April und 17. April 2027